Archiv für den Monat September 2007

Alte Männer mit Kugelschreibern

„Machen wir uns nichts vor: In den vergangenen Jahren ist, nicht nur in Deutschland, eine gefährliche Parallelgesellschaft entstanden. Eine Gegen­gesellschaft von alten Männern, die sich kurz nach Erfindung des Kugelschreibers vom technischen Fortschritt abgekoppelt haben. Reaktionär, dogmatisch, unbelehrbar – und auch noch mächtig stolz darauf.

Unsere grundlegenden Werte sind ihnen fremd. Soweit sie davon auch nur Kenntnis erlangen, wollen sie diese Werte zerstören. Die freie Information behindern und die freie Rede bestrafen. Sie wollen über unsere Rechner bestimmen, obwohl sie kaum imstande sind, ihren eigenen auch nur einzuschalten. Sie sind längst dabei, uns zu kolonialisieren. Ihre Missionare heißen Polizist und Staatsanwalt. Ihr liebster Psalm und Schlacht­ruf zugleich lautet: »Das Internet ist kein rechtsfreier Raum!«”

(Jungle World 36/2007: Alte Männer mit Kugelschreibern,
gefunden bei Isotopp)

MovieOS?

»Es war gegen 17 Uhr im gemeinsamen Internetzentrum der deutschen Sicherheitsbehörden in Berlin, als ein Experte fündig wurde. Über eine Internetseite, die schon vorher von Sympathisanten der Islamischen Dschihad Union aus Usbekistan(Islamic Jihad Union, IJU) benutzt wurde, flimmerte plötzlich ein langes Kommuniqué der noch weitgehend mysteriösen Gruppe.«

(SPIEGEL ONLINE)

So ein Drehbuch muss man einfach verfilmen, nicht wahr?

Nazis gucken macht Spaß

Oliver in seiner Eigenschaft als PR-Mann des Fraunhofer SIT meint, das Institut müsste eine Linking Policy haben für den Fall, dass mal Nazis auf die Fraunhofer-Seiten linken. Ich halte das für Quatsch, unter anderem deshalb, weil es viel größeren Ärger gibt, wenn wir auf Nazis linken. Ein Link ist nämlich gerichtet und sagt mehr über seine Quelle als über das Ziel aus: an der Quelle wird er bewusst gesetzt, während das Ziel meist gar nichts weiß von seinem Glück. Das haben sogar die Juristen verstanden und manchmal überinterpretiert, indem sie dazu neigen, aus jedem Link gleich eine Unterstützung und Verbreitung der Inhalte seines Ziels zu konstruieren. Aber ich wollte nicht labern, sondern Nazis verlinken. Also:

Kürzlich gab es mal wieder Geschrei um Nazis im Netz, genauer um Nazi-Videos auf YouTube. Google gelobte Besserung, das heißt schnellere Beseitigung, und erneut war eine Chance auf mehr politische Bildung dank Internet unbedacht vertan. Auch wenn es eklig ist, sollte man sich so etwas nämlich durchaus mal reinziehen. Dann weiß man, wie die Leute ticken und kann ihnen intelligent eins auswischen, falls sie sich vor der Keilerei noch auf eine Diskussion einlassen. Die Wahrscheinlichkeit dafür steigt mit der Zahl der Parlamanete, in die Nazis gewählt wurden; im Parlament prügelt man sich auch als Nazi normalerweise nicht.

Sehr aufschlussreich ist zum Beispiel dieses Video (NSFWNot Safe For Work, lieber dort gucken, wo es keiner in den falschen Hals kriegen kann). Frank Rennicke, Nazi-Sänger und verurteilter Volksverhetzer, lässt sich darin eine gute Viertelstunde lang darüber aus, wie scheiße Nazis doch in Wirklichkeit sind, wie wenig sie taugen, als Menschen im Allgemeinen wie als Nazis im Besonderen, und dass sie sich gefälligst Organisation und Kameradschaft von den Ausländern abgucken sollen. Richtig gelesen, von den Ausländern. ROTFL! Das ist uneingeschränkt sehenswert. Ganz großes Kino. Zitat: »Die wollen Deutschland retten?!?« Da muss man selbst gar nichts mehr sagen, wenn sich Nazis darüber aufregen, wie Nazis Nazis zerfleischen.

So, und jetzt bin ich gespannt, wie lange dieser Versuch hier stehenbleibt.

Verschwörungstheorie und -praxis

Eigentlich wollte ich nur mal schnell nachschauen, wie man in unseren Nachbarländern berichtet. Grund genug gibt es ja: eine seit Mai öffentlich bekannte Terrorzelle, von der der BKA-Chef im FAZ-Interview am Tage nach ihrer Verhaftung noch nichts weiß, ein filmreifes Szenario der heimlichen Verdünnung von Sprengstoffzutaten und eine zweifelhafte Usbekistan-Connection. Mal davon abgesehen, dass es allerlei Sprengstoffe gibt, die sich genauso leicht herstellen und viel einfacher handhaben lassen als alles, was man aus Wasserstoffperoxid machen könnte.

Gefunden habe ich das. In der Schweiz ist ein erfolgreiches Komplott gegen den dortigen Bundesanwalt hinterher doch noch aufgeflogen. Die Planung war professionell, als Waffe dienten die Medien. Man hat ihn weichgeklopft, er ist zurückgetreten.

Wundert sich noch jemand darüber, dass inzwischen ein nennenswerte Teil der Bevölkerung unsere Sicherheitsbehörden für eine größere Bedrohung hält als den Terrorismus?