Nüchtern gerechnet

Wer rational über Risiken urteilen möchte, der muss auch in den sauren Apfel beißen und über seine Lebenserwartung nachdenken. Das fällt nicht leicht, kann aber Fehlinvestitionen vermeiden:

»Außerdem sei Riester für Menschen, die wegen gesundheitlicher Probleme von einer niedrigen Lebenserwartung ausgehen müssen, nicht unbedingt eine Empfehlung. Denn aufgrund der Kalkulation der Anbieter lohne sich ein Vertrag häufig erst, wenn monatliche Auszahlungen bis ins hohe Alter erfolgen, hat Nauhauser ausgerechnet.«

(Frankfurter Rundschau:
Kapitalanlage: Die sechs größten Finanzirrtümer)

Kompliziert wird die Sache, wenn man dabei nicht nur vorgegebene Faktoren – genetische Disposition, Verhalten in der Vergangenheit, etc. – berücksichtigt, sondern auch solche, die man selbst noch beeinflussen kann. Wo liegt, zunächst nur wirtschaftlich betrachtet, das Optimum, wenn man einen Geldbetrag auf die eine oder andere Weise investieren kann und man damit zum einen seine Lebenserwartung beeinflusst, zum anderen seine wirtschaftliche Lage bis zum Lebensende? Einfacher gefragt, steht man wirklich schlechter da, wenn man sein Vorsorge-Budget komplett in Zigaretten, Schnaps und Risikosport investiert? Was sagt die Wirtschaftswissenschaft dazu?

5 Kommentare zu „Nüchtern gerechnet

  1. Das Problem bei dieser Sichtweise: Wenn man auf die Lebenserwartung hin optimiert und dann „Pech“ hat und hinterher 20 Jahre länger als erwartet lebt. Bei der Optimierung kann es also nicht darum gehen, den Erwartungswert zu optimieren, sondern die sozialen Absicherung für ein vielleicht weniger wahrscheinliches längeres Leben gegen die aktuellen Kosten der Absicherung gegenzurechnen.

    Wenn dann das Ergebnis ist, dass man heute auch mit den Kosten ein gutes Leben hat, im Fall der Fälle ohne die Absicherung aber ein Scheißleben, dann kann es sehr sinnvoll sein, gerade nicht den Erwartungswert an im Gesamtleben ausgebbarem Geld zu optimieren.

    Im Endeffekt ist das das klassische Prinzip einer Versicherung: Selbst wenn es sich vom Erwartungswert nicht lohnt, eine Versicherung abzuschließen (und das wird im Regelfall so sein, da die Versicherungsgesellschaften, wenn sie nicht Pleite gehen wollen, weniger Geld ausschütten, als sie einnehmen), kann man damit unwahrscheinliche, im Falle eines Falles aber massive Risiken abfedern.

    1. Klar, wer Pech hat und länger lebt als geplant, der hat dann ein Problem. Andererseits wäre es aber auch nicht besonders intelligent, stets und unbedingt von Maximalwerten auszugehen, denn dann müssten wir alle für eine Lebensdauer von ungefähr 120 Jahren vorsorgen. Dafür haben wir ja Versicherungen, damit jeder nur für das mittlere Risiko vorsorgen muss und nicht für die maximalen Kosten. Wobei es für die Kosten eines auskömmlichen Lebens bis zum Ende eine obere Schranke gibt; Risiken wie Gesundheitskosten sind ja bereits durch andere Versicherungssysteme abgedeckt. Das Risiko eines langen Lebens kann man durchaus selbst tragen, wenn bis zum Ende der Erwerbstätigkeit man ein, zwei Millionen weglegt (so man das kann). Wenn wir nur über die Riester-Rente als Zusatzversicherung reden, fällt der Betrag deutlich geringer aus. Grundsätzlich absurd erscheint mir die Betrachtung deshalb nicht: wer das Risiko in jeder Ausprägung selbst tragen kann, braucht keine Versicherung. So gesehen ist der Erwartungswert wohl der falsche Maßstab. Er gibt nur einen Hinweis darauf, dass die persönliche Risikoverteilung anders ausfällt als die des Bevölkerungsdurchschnitts, aber dann muss man die gesamte Risikoverteilung anschauen.

      (Das war laut gedacht, Widerspruch ist erwünscht.)

  2. Nun, die ganze Idee einer privaten Rentenversicherung ist ja, dass das Risiko gestreut wird und Du, obwohl Du nur für „ich werde ca. 85“ eingezahlt hast trotzdem als seltener Ausnahmefall mit 120 immer noch Geld bekommst.

    Wobei es ja auch Varianten gibt (ich weiß nicht, ob auch verriestert), bei denen Du erst zum Ende des Berufslebens zwischen Einmalzahlung und Verrentung entscheiden mußt. Das ist sicher sinnvoll, wenn Du zu dem Zeitpunkt eine deutlich verringerte Lebenserwartung hast.

    Was mir nicht klar ist: Warum gibt es keine Kombinationen von z. B. Berufsunfähigkeits- und Rentenversicherung, bei denen sich ausgleichende Risiken nicht mehr abgefragt werden? Es müßte den Versicherungen doch möglich sein, sinnvolle Kombinationen zu finden, bei denen dann der Datenstriptease wegfallen kann …

    1. Vermutlich stört der Datenstriptease nicht beim Verkaufen, hilft aber bei der Risikobewertung. Ich glaube nicht, dass man bei der skizzierten Kombinationsversicherung darauf verzichten würde. Zumal das mit dem Ausgleich nicht so einfach sein dürfte, wie es auf den ersten Blick scheint. Aus Kundensicht erscheint mir die Kombination auch nicht besonders attraktiv. Ich will verstehen, was ich kaufe, und mit Nonsens-Kombinationen gehen mir unter anderem bereits eine Fernsehkabelklitsche („3play“), eine Kreditkartenfirma („Goldkarte“) sowie mehrere Fast-Food-Ketten („als Menü?“) auf den Keks. 😉 Möglich wäre es aber wohl, sofern man genügend Kunden dafür fände.

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