Lieber mitlaufen als auffallen?

Die Süddeutsche, die zu mögen man sich auch aus anderen Gründen bereits abgewöhnen kann, übt sich in praktischer Lebenshilfe für Spießbürger, getarnt als Karrieretipp:

»Lieber mitlaufen als auffallen, damit ist man auf der sicheren Seite.«

Als ob man das in diesem Lande irgend jemandem erklären müsste. Nun gut, es geht um Karneval auf Arbeit, um eine Kinderei also, für die sich kein großes Riskio lohnt. Das steht da aber nicht, sondern da steht: »Lieber mitlaufen als auffallen, damit ist man auf der sicheren Seite.« Es steht dort, so darf man vermuten, weil es überall steht, wo Duckmäuser und Mitläufer anderen Duckmäusern und Mitläufern das geben, was beide mit Karrieretipps verwechseln, nämlich Anleitungen zum Duckmausen und Mitlaufen. Abgeschrieben, weitergetragen, nicht in Frage gestellt, lieber mitlaufen als auffallen, damit ist man auf der sicheren Seite.

Ist man das? Durchaus, denn so verläuft das Leben in geordneten Bahnen. Vorhersehbar bis auf die kleinen Katastrophen, ohne unnötige Risiken, immer nach Plan. Wenn die Frau wegläuft oder das Haus abbrennt, wird vielleicht ein Drama daraus, aber das ist dann höhere Gewalt, unvermeidliches Restrisiko. Wo man das Risiko beeinflussen kann, da tut man, was man kann: lieber mitlaufen als auffallen, damit ist man auf der sicheren Seite.

Doch, so kann man leben, glücklich werden, seine Gene weiterreichen an die nächste Generation von Duckmäusern und Mitläufern. Nur die Welt verändern, das kann man so nicht. Das tun immer jene, die lieber auffallen als mitzulaufen, denen die sichere Seite weniger bedeutet als irgendein Ziel. Auf die schimpft er dann, der Duckmäuser und Mitläufer, an seinem Stammtisch und vor seinem Fernsehschirm, denn er weiß natürlich besser, wie die Dinge aufs Vortrefflichste einzurichten seien, und er hält es für einen Skandal, dass man ihn nicht danach fragt, ihn, den Duckmäuser und Mitläufer. Auf die Idee aber, ein Risiko einzugehen, sich aus dem Fenster zu lehnen, ungefragt zu sagen und zu tun was er für richtig hält, auf die käme er nie. Denn er ist ein Duckmäuser und Mitläufer, läuft lieber mit als aufzufallen, ist damit auf der sicheren Seite und fühlt sich dort recht wohl.

Vielleicht ist das auch gut so.