Bagatellhelme aus Styropor

Ein wiederkehrendes Thema in (Fahrrad-)Helmdiskussionen ist dei Frage, wogegen genau die real existierenden Helme eigentlich schützen. Helmskeptiker behaupten, nach der Konstruktion und den Prüfstandards könne so ein Helm nur gegen Bagatellverletzungen helfen, also genau dann, wenn man eigentlich keinen Helm braucht, weil man auch ohne Hilfe überlebt.

Mit zunehmender Faszination beobachte ich nun, dass solche Argumente Eingang finden in die Berichterstattung der Mainstream-Medien, zumindest wenn es um Skihelme geht. So schreibt Focus Online:

»Wozu also überhaupt einen Skihelm? „Die Mehrzahl der Skiunfälle geht mit Bagatellverletzungen ab“, erklärt Dr. Ahlbäumer. „Und die lassen sich mit entsprechender Schutzausrüstung zu einem großen Teil vermeiden.“ Über einen Aufprall, der ohne Kopfschutz zu einer Gehirnerschütterung führen würde, können Helmträger meist noch lachen und unversehrt weiterfahren. Und auch vor Stoß-, Stich- und Schnittverletzungen durch Ski, Stöcke oder Äste bietet ein Helm durchaus wirksamen Schutz.«

Wir erfahren dort auch, dass in Kürze der erste richtige Skihelm auf den Markt k0mmen soll. Bislang verkauft man wohl auch als Skihelm vor allem Styropor, das vielleicht lokal den Kopf polstern, aber als Gesamtkonstruktion nicht nennenswert Kräfte aufnehmen kann. Das also soll sich für Skihelme demnächst ändern:

»Neue Maßstäbe in Sachen Sicherheit setzt Alpina ab der nächsten Skisaison. Das Modell Super Cybric ist der erste Skihelm mit integrierter Monocoque-Konstruktion, einer aus dem Automobilrennsport bekannten Verbundtechnik. Beim Aufprall einwirkende Kräfte werden durch das integrierte Innengerüst auf die gesamte Struktur des Helmes verteilt.«

Erstaunlich, wie so ein Ministerpräsidentenunfall in der nachrichtenarmen Neujahrszeit nicht nur zu übertriebener Aufmerksamkeit führt, sondern in der zweiten Welle auch zu einer Versachlichung der Berichte. Bleibt nur zu hoffen, dass die Journalisten auch den Transfer hinkriegen, wenn im Frühjahr die Zeit der Fahrradhelmwerbung beginnt.

Während sich Focus Online mit den Eigenschaften und Grenzen einer einzelnen Schutzmaßnahme beschäftigt, schaut die NZZ in zwei Artikeln erst mal aufs Risiko. Gerne wird ja kolportiert, die Gefahr auf den Pisten nehme zu, und bekloppte Raser seien immer die anderen. Beides weiß die NZZ besser. Wir erfahren, dass die meisten Skiunfälle (92%, das sind fast alle) selbstverschuldet sind; dass ein Unfall im Mittel 6600 Franken kostet und 18 Tage Arbeitsunfähigkeit mit sich bringt; dass Schwankungen in den Unfallzahlen vor allem auf die schwankende Länge der Skisaison, also aufs Wetter zurückzuführen sind; und dass es keine gute Idee ist, sich nach dem Après-Ski ins Auto zu setzen. Von Helmen schreibt die NZZ nichts.