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Digitalfeindliche Hetze

Gegen alles Digitale kann man in Deutschland ungestört hetzen, zumal unter dem Deckmantel der Sicherheit. Eines der beliebtesten Opfer neben dem Internet: die Kartenzahlung, die sich nun langsam doch auch in Deutschland durchsetzt. In welchem Maße dies auf die Deckelung der Transaktionsgebühren durch die EU zurückgeht, auf die zunehmende Verbreitung NFC-fähiger Karten zum bequemen kontaktlosen Bezahlen auch kleinster Beträge oder schlicht darauf, dass zu guter Letzt auch die Deutschen langsam in der Moderne ankommen, sei dahingestellt. Doch einige meinen immer noch, man hätte nie von den Bäumen herunterkommen oder noch besser, nie die Ozeane verlassen sollen. Ihre Geheimwaffe: Sicherheitsbedenken, denn die lassen sich zumindest in den Augen von Laien kurzfristig schwer ausräumen.

Der SWR demonstriert diese Masche am Beispiel der NFC-fähigen Kredit- und Debitkarten, die heute fast jeder besitzt:

Im Wesentlichen demonstriert dieser Beitrag, dass kontaktloses Bezahlen kontaktlos funktioniert, sowie dass die Infrastruktur dafür günstig zu haben und überall einsetzbar ist. Um sich vor Fernsehteams auf der Jagd nach Sensationen zu schützen, so empfiehlt der Beitrag am Ende, sollen wir unsere praktischen Karten kastrieren, indem wir sie umständlich in Schutzhüllen packen oder die NFC-Funktion gleich komplett deaktivieren lassen.

Wie bei solchen Skandalisierungsversuchen üblich, drückt sich der Beitrag um jede Risikobetrachtung. Das hatte so ähnlich ein gutes Jahr zuvor schon das Fachmagazin c’t versucht, musste jedoch bald zurückrudern. Wie der Anbieter des dort verwendeten mobilen Bezahlterminals zu recht betonte, wurde dort wie auch nun im Fernsehbeitrag des SWR lediglich ein technischer Transaktionsvorgang nachgewiesen, nicht jedoch ein erfolgreicher Geldtransfer zum Täter, der ohne Identifizierung desselben sowie ohne Eingriffsmöglichkeiten in dessen Handeln kaum zu bewerkstelligen wäre.

In der Gesamtschau begrenzen mehrere Mechanismen und Entwurfsmerkmale das Risiko kontaktloser Zahlungskarten:

  1. Zahlungen erfordern physische Nähe zwischen Terminal und Karte. Dies begrenzt die Zahl der effektiven Versuche, die ein Täter pro Zeiteinheit machen kann, sowie die Zahl der Angriffe, denen ein Karteninhaber ausgesetzt ist.
  2. Für Transaktionen ohne PIN-EIngabe sind der Betrag pro Transaktion wie auch die Zahl der aufeinanderfolgenden Transaktionen und deren Gesamtbetrag beschränkt. Selbst wer sich dauerhaft in der Nähe seines Opfers aufhielte, könnte nicht beliebig viele, beliebig hohe Transaktionen auslösen.
  3. Es handelt sich um Buchgeldtransaktionen, die nachvollzogen und nötigenfalls auch rückgängig gemacht werden können. Um an Bargeld zu kommen, müsste der Täter nicht nur Transaktionen auslösen, sondern auch über das resultierende Guthaben auf einem Konto frei und ohne Risiko verfügen können.

Unabhängig davon muss man sich auch noch die Geschäftsbedingungen der Bank anschauen und die darin festgelegten Haftungsregeln berücksichtigen. Selbst ein technisch erfolgreicher Angriff bliebe für Karteninhaber folgenlos, wenn sie Schadenersatzansprüche gegen ihre Bank geltend machen könnten.

All diese verschweigt der SWR-Beitrag. Er demonstriert lediglich einen technischen Vorgang, der Journalisten auf den ersten Blick überraschen mag. Hätten sie gründlich recherchiert, statt nur einen Wichtigtuer für eine telegene Vorführung zu suchen, hätte ihnen das sicher jemand erläutert. Weil sie das anscheinend nicht getan haben, handelt es sich um digitalfeindliche Hetze – oder doch nur um schlechten Journalismus?