Wieviele Opfer fordern eigentlich durchgeknallte Strafverfolger?

Pünktlich zum Weihnachtsfest, wenn wirklich gar kein Journalist Lust zum recherchieren hat und alle potenziellen Ansprechpartner mit Ahnung keine Lust auf Interviews, genau zur rechten Zeit also wird wieder einmal die Kinderpornosau durchs globale Dorf getrieben. Heise berichtet, Spiegel Online skandalisiert und die Blogosphäre kommentiert. Die Rede ist von 12.000 Verdächtigen. Gut, dass die Polizei nicht schläft? Daran sind Zweifel erlaubt. Udo Vetter kennt als Strafverteidiger die Ermittlungsakten und berichtet darüber im law blog. Kurzfassung: strafbar gemacht hatte sich sein Mandant nicht, Job und Gattin war er trotzdem los.

Das ist kein Einzelfall, sondern Symptom eines generellen Problems. Im Geiste des traditionellen Datenschutzes machen wir uns viele Gedanken darüber, wer was über wen speichert. Wir protestieren gegen Payback, die Vorratsdatenspeicherung und übertriebene Gentests und vergessen darüber, dass ein gewichtigeres Problem woanders lauert: kaum jemand hat gelernt, Daten kritisch zu interpretieren. Das gilt für die Computerforensiker – für die wir erst noch einen Ausbildungsgang schaffen müssen – ebenso wie für alle anderen Beteiligten. Wir haben in den vergangenen Jahren unzählige Datenquellen geschaffen, aus denen sich natürlich auch die Strafverfolger bedienen, aber wir haben kaum darüber nachgedacht, wie diese Daten zu interpretieren sind. Das Ergebnis ist ein leichtfertiger Umgang mit vagen Vermutungen, der zu großen Schäden führt.

Wie schwer scheinbar eeindeutige Daten zu interpretieren sind, zeigte sich etwa in der Folge des AOL-Suchdatenskandals. 2006 hatte AOL leichtfertig Suchprotokolle seiner Nutzer veröffentlicht. Einer davon, Nr. 17556639, hatte nach diesen Begriffen gesucht: »how to kill your wife«, »pictures of dead people«, »photo of dead people« und »car crash photo«. Da drängen sich Interpretationen auf. Und zwar so viele, dass man nach kurzem Nachdenken konstatieren muss: gültige Schlüsse lassen sich daraus nicht ziehen. Will AOL-User Nr. 17556639 seine Frau umbringen? Ist er ein perverser Lustmörder oder nur pervers oder nur ein (potenzieller) Mörder? Oder könnte es vielleicht auch eine harmlose Erklärung geben: dass er einen Krimi schreibt und Anregungen sucht, einen Vortrag vorbereitet und Bildmaterial braucht oder, ganz selbstbezüglich, dass er Suchmaschinenprotokolle und Artikel darüber sucht, in denen diese Phrasen vorkommen? Wir können aus den vorhandenen Daten nur schließen, dass wir aus den vorhandenen Daten nichts schließen können.

Das ist ein allgemeines Problem. Beispiel Gentest: nicht nur ist das Verfahren als solches unter Umständen weit weniger zuverlässig als man gemeinhin glaubt, auch die staatlich gepflegten Gendatenbanken können massenhaft Fehler enthalten. Wenn mehr als 500.000 von 4.000.000 Einträgen falsch sind, ist das ein ganz schön großer Anteil. Und damit will man Eingriffe in Grundrechte rechtfertigen?

Das Problem wird noch größer, wo allein Daten vorliegen. Operation Ore in Großbritannien zum Beispiel stützte sich, ähnlich wie die Operation »Mikado« in Deutschland, auf Kreditkartendaten. Nicht bedacht hatten die Ermittler, dass gerade Kreditkarten nicht nur von ihren rechtmäßigen Inhabern benutzt werden. So wurden unbescholtene Bürger das Opfer von Hausdurchsuchungen und Ermittlungen, deren einziges Vergehen darin bestand, einee Kreditkarte zu besitzen, die von Kriminellen missbraucht worden war. Wer das für einen akzeptablen Kollateralschaden im Interesse der Kinder hält, dem sei noch gesagt, dass sich infolge der Operation Ore 39 Menschen das Leben genommen haben.

Die aktuelle Aktion ist noch eine Nummer gewagter. Wie Udo Vetter berichtet, gehören zu den nach Polizeiangaben Tausenden von Beschuldigten solche, die sich lediglich in der Nähe von Kinderpornographie herumgetrieben haben. Menschen, die sich im Netz legale Pornographie angeschaut haben und das Pech hatten, dazu ein Portal zu benutzen, aus dem andere auch Kinderpornographie bezogen. Dazu passen denn auch die von Spiegel Online kolportierten Äußerungen von Oberstaatsanwalt Vogt, denen zufolge man bereits mit einschlägigen Suchbegriffen ins Visier der Ermittler geraten könne – oder gar durch den Empfang einer E-Mail. Oder um genau zu sein, durch den Logfile-Eintrag einer E-Mail, denn im Zeitalter der Spamfilter kann es durchaus sein, dass man von so einer Nachricht nie erfährt. Bis zu jenem Tage, da die Polizei im Morgengrauen an der Tür klingelt

Unsere Gesellschaft muss sich sehr dringend überlegen, wie sie mit den allerorten angehäuften Daten von zweifelhaftem Beweiswert umgehen möchte. Sie nicht so unkritisch zu verwenden wie bisher, das ist Datenschutz 2.0. Digitale Daten lassen nur sehr schwache Schlüsse zu. Wie wir gesehen haben, können Kreditkarten von Unbefugten benutzt werden und Suchanfragen alles Mögliche bedeuten. Das gilt noch viel mehr für die Logfiles von Pornosites. Die Site selber kann kompromittiert sein und erst recht der PC dessen, der vermeintlich darauf zugreift. Webbrowser sind ohnehin inhärent unsicher, was die Identität des Handelnden betrifft; selbst mit SSL-Clientzertifikat und dem ganzen Sicherheitsgedöns kann man kaum je wirklich sicher sein, dass tatsächlich die vermutete Person für eine Aktion verantwortlich ist. Und so entstandeneer Datenmüll soll als Begründung für Hausdurchsuchungen und Schlimmeres reichen?

Spätes Update: Hanno Zulla schreibt aus gegebenem Anlass über Paranoia am persönlichen Beispiel, Burkhard Schröder in Telepolis über die Operation Heiße Luft und allerorten macht gerade dieser Erfahrungsbericht eines zuverlässig leidgeprüften Hobbypiloten die Runde. Und dann gab es noch einen Fall fehlgeleiteter Spureninterpretation: Durchsuchung beim ahnungslosen Inhaber einer missbrauchten E-Mail-Adresse.

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