So funktioniert Zertifizierung

Ich hatte hier versprochen, gelegentlich zu erläutern, wie Zertifizierung und Prüfsiegel funktionieren. Jetzt bietet sich eine Gelegenheit. Frau Neudecker von der Zeit hat diesen unscheinbaren Gegenstand ausgegraben, der auf den schönen Namen Peloop hört. Die Leistungsbeschreibung liefert sie gleich mit:

»Im Peloop ist nämlich ein Magnet, der “ein magnetisches Feld rund um die Peniswurzel bildet, dort wo das Blut in den Penis fließt.”

Dann ist darin noch “Turmalin und Germanium” enthalten (öh, sagt der Hersteller), die “negative Ionen absondern”, und “ferne Infrarotstrahlen” gibt das Ding auch noch ab. Ja, klar.

Was all das bewirken soll? Es verbessert “das Blut im Inneren des Penis”.«

Das ist – im Zusammenhang – offensichtlicher Nonsens. Falls das Ding eine nennenswerte Wirkung hat, dann dürfte diese Wirkung allein auf mechanische Einflüsse  zurückzuführen sein und nicht auf die oben genannten Eigenschaften oder die leuchtend gelbe Farbe. Das versteht jedes Kind, so es denn mit solchen Sachen spielen darf. Dennoch bietet sich hier ein weites Feld für sorgfältige Prüfungen, die allesamt handfeste, unzweifelhafte Ergebnisse liefern, ohne je die entscheidenden Fragen zu stellen. Und das geht so.

Jede Produktzertifizierung ist ein durch und durch rationales Geschäft. Beteiligt daran sind drei Parteien, der Hersteller, der Zertifizierer und der Abnehmer. Ausgelöst und bezahlt wird die Zertifizierung vom Hersteller, der sich davon einen verbesserten Absatz verspricht. Für den Hersteller lohnt sich das Geschäft, wenn die Zertifizierung weniger kostet als die verbesserten Marktchancen einbringen. Der Zertifizierer bekommt folglich nur einen Auftrag, wenn er zu einem hinreichend niedrigen Preis ein möglichst wertvolles Prüfsiegel anbietet. Er kann andererseits nicht beliebig billig sein, denn er muss sein Risiko begrenzen. Zertifizieren wird er nur das, was er mit dem bezahlten Aufwand prüfen und guten Gewissens bestätigen kann. Dabei wird es sich vorzugsweise um objektive, messbare Eigenschaften handeln und nicht um abstrakte Werte wie Lustgewinn oder Sicherheit. Der Abnehmer schließlich ist in der Regel frei in seiner Kaufentscheidung, lässt sich erfahrungsgemäß aber leicht beeindrucken.

Wie die Marktkräfte hier genau wirken, welche Preisspanne sie unter welchen Randbedingungen für Zertifizierungen hervorbringen, kann ich nicht genau sagen, denn ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler. Sagen kann ich aber, dass sich die Zertifizierung nahezu immer der Preisspanne anpassen lässt, ohne formale Regeln zu verletzen.
Die entscheidende Variable ist die Zertifikatsaussage, gekennzeichnet durch Prüfumfang und Prüftiefe.

Der Prüfumfang gibt an, was überhaupt betrachtet wird. Die leuchtend gelbe Farbe zum Beispiel würde man typischerweise unberücksichtigt lassen, obwohl sie sich gut prüfen ließe, wie überhaupt alle Eigenschaften, die so offensichtlich sind, dass es keiner unabhängigen Prüfung bedarf.  Nirgends ist übrigens gefordert, dass die Prüfumfang einen Sinn ergeben muss. Es kann sich um eine beliebige Zusammenstellung nicht offensichtlicher Eigenschaften handeln. In der Praxis wird man, sofern es keine festen Vorgaben gibt, die Auswahl am jeweiligen Prüfaufwand ausrichten.

Dieser Aufwand ist allerdings nicht fest, sondern richtet sich nach der zweiten Variablen, der Prüftiefe. Das Wort ist selbsterklärend, die Prüftiefe gibt an, wie gründlich man prüft. Hier bietet sich oft ein noch größerer Spielraum. Von der flüchtigen Betrachtung über eine standardisierte Testsuite bis hin zu individuell angepassten Untersuchungen ist alles drin.

Am Ende muss sich die Zertifikatsaussage in das Marketing des Herstellers einpassen – aber dessen Behauptungen und Zusicherungen nicht im strengen Sinne bestätigen. Manchmal genügt schon die Aussage, dass eine Prüfung stattgefunden habe, unabhängig von deren Ergebnis; man denke etwa an das beliebte »dermatologisch getestet« bei Kosmetika.

Was heißt das nun für den Peloop? Ganz klar, man kann das Ding zertifizieren, Nonsens hin oder her. Dass der Sex damit mehr Spaß mache, darauf wird einem niemand Brief und Siegel geben, und wohl auch nicht auf den behaupteten Wirkzusammenhang und die Blutverbesserung. Ohne weiteres zertifizieren ließe sich aber das magnetische Feld, sofern tatsächlich ein Magnet verbaut ist. Das kann man sehr genau und wissenschaftlich tun. Wenig Schwierigkeiten sollten auch die Inhaltsstoffe Turmalin und Germanium bereiten, auch sie selbstverständlich sehr wissenschaftlich und exakt. Was es mit den Infrarotstrahlen auf sich hat, erklärt bereits ein Kommentator des zitierten Blogeintrags, und die negativen Ionen wird man wohl auch finden, wenn man nur danach sucht. Ebenfalls gründlich prüfen kann man die Form und Maßhaltigkeit, die Festigkeit des Peloops gegenüber bestimmten Belastungen unter festgelegten Bedingungen oder das Fehlen bestimmter Schadstoffe und Schadwirkungen.

Fasst man das alles zusammen, kommt eine beeindruckende Spezifikation als Prüfgrundlage zustande, die sich nur um einen kleinen, nebensächlichen Punkt herumdrückt: die geprüften Eigenschaften haben alle überhaupt nichts damit zu tun, ob und wie das Ding wirkt. Es gab ja von Anfang an keine sinnvolle Schlusskette von den behaupteten – und hier nun geprüften – Eigenschaften zur behaupteten Wirkung. Wer die Prüftiefe anfangs niedrig ansetzt, bekommt sogar noch argumentativen Spielraum für den Fall, dass das Produkt in die Kritik gerät. Dann kann man nämlich die Prüfung verschärfen und noch rigoroser Irrelevantes messen und prüfen.

Wem das nicht genügt, der kann sich auch auf die Metaebene begeben und statt des Produkts den Herstellungsprozess prüfen lassen. Aber das ist für Fortgeschrittene und kommt ein andermal dran.