Der Konvertit des Jahres 2007

Frickeln: ein Problem oder eine Aufgabe mühsam oder kleinteilig zu lösen versuchen, oft in technischer Hinsicht. (Wiktionary)

In den Foren auf heise.de gibt es seit jeher eine Fraktion, die zu jeder Linux-Meldung das Wort Gefrickel auf den Tisch legt. Die Jungs sind Trolle – aber sie haben leider Recht. Inzwischen fallen sogar iX-Redakteure vom Glauben ab, und das will etwas heißen: unter der Überschrift Xid antwortet nicht erklärt Christian Kirsch, was ihm an Linux auf den Keks geht. Es ist, man ahnt es, das unablässige Gefrickel. Wer Linux-Distributionen als Werkzeugkasten einsetzt, der muss sich unablässig mit den Werkzeugen beschäftigen, bevor er an seinen Problemen arbeiten darf, deren Lösung ihm der Computer doch eigentlich erleichtern soll.


Als Linux auf der Bildfläche erschien, war das noch akzeptabel. Die kommerziellen Anbieter produzierten ein Menge Mist, der noch viel mehr an den Bedürfnissen der Benutzer vorbeiging. Wir erinnern uns: bis Mitte der Neunziger konnte Windows nicht mal TCP/IP, danach versuchte Microsoft, den Internet-Nutzern MSN anzudrehen. Da griff man gern zu Alternativen, auch wenn der Weg steinig war.

Seitdem ist mehr als ein Jahrzehnt vergangen und vieles hat sich grundlegend verändert. Ob MacOS oder Windows, die kommerziellen Anbieter liefern heute Systeme, die Alltagsaufgaben durchschnittlicher Benutzer gut bewältigen. Mit ihnen versucht ein Linux zu konkurrieren, das auf ein ganz anderes Publikum ausgerichtet ist: auf Entwickler und Administratoren nämlich. Die wissen das Gefrickel zu schätzen, zumal wenn sie dafür bezahlt werden. Dafür halten sie schon mal langatmige Vorträge über die vorgeblichen Vorteile der Kommandozeile gegenüber der graphischen Benutzeroberfläche, geflissentlich unterschlagend, dass sie gar keine Prinzipien vergleichen, sondern nur die Funktionen verschiedener Softwareprodukte. Sie müssen so denken. Jede Vereinfachung, jedes aus der Welt geschaffte Problem gefährdet ihre Jobs, ihre Rolle als Schamanen der Neuzeit.

Auf solche Abnehmer zielen viele Erfindungen und Produkte der Open-Source-Welt. Paketverwaltungen zum Beispiel, das sind ausgefeilte Systeme, die das Installieren und Deinstallieren von Software zum Problem machen.

Eine Softwareinstallation funktioniert heute so: man lädt sich ein Paket runter, öffnet es und schiebt das Icon, das die Anwendung repräsentiert, in den Ordner für Anwendungen. Dann macht man das Paket wieder zu und wirft es in den Papierkorb. Fertig.

Nicht so in der Open-Source-Welt. Dort hat man Paketmanager. Ein Paketmanager versucht abstrakte Kriterien zu optimieren, die dem Benutzer eines Computers regelmäßig vollkommen egal sind. Dazu modelliert er Abhängigkeiten zwischen Paketen, die dem Benutzer ebenfalls völlig egal sind. Wobei Pakete keineswegs der landläufigen Vorstellung von einem Softwarepaket entsprechen. Ein Paket kann eine beliebig kleine Teilmenge eines Programms enthalten. Ein Programm wie Firefox besteht also aus ganz vielen Paketen, und zwischen den Paketen – auch denen verschiedener Programme – gibt es ganz viele wechselseitige Abhängigkeiten.

Zum Beispiel kann ein Paket ein anderes benötigen, in einer ganz bestimmten Version. Oder zwei Pakete können ähnliche Funktionen bieten und ein Paketsammlungsverwalter hat selbstherrlich festgelegt, dass man sich dann für eines von beiden zu entscheiden habe. Für den Benutzer eines Systems sind sie alle egal. Beschäftigen muss sich mit solchen Abhängigkeiten nur der, der Software aus Quelltexten übersetzt und daraus Pakete zum – siehe oben – Herunterladen baut. Dem hilft die Paketverwaltung dabei, nichts zu vergessen, und der kann auch mit den Auswirkungen leben. Jede Änderung an irgendeiner Software führt nämlich in der Praxis dazu, dass man das ganze Geraffel auf einem frischen System von vorne installiert, weil sonst nichts mehr geht.

Wenn man aber versucht, dieses Konzept bis zum Benutzer mitzuschleppen, geht eine Menge schief. Nicht nur erzeugt man vermeidbaren Arbeitsaufwand, wo doch die Softwareinstallation einfach aus dem Verschieben eines Icons bestehen könnte. Man macht auch schon mal die Update-Funktionen von Anwendungen kaputt: Firefox unter Ubuntu zum Beispiel kann sich nicht selbst aktualisieren, das verhindert der totalitäre Anspruch des Paketmanagements.

Administratoren und Programmierer mögen dem gute Seiten abgewinnen können. Für die meisten Benutzer jedoch sind solche Systeme nur eins: Dreck. Man muss die Konvertiten unterstützen. Linux hat es nicht geschafft, alltagstaugliche Systeme hervorzubringen, die sich schmerzfrei verwenden ließen, und Linux wird das mit diesem Entwicklungsmodell auch in Zukunft nicht schaffen. Linux bleibt Spielkram für Leute, die sich mit ihren Computern beschäftigen möchten und Zeit dafür haben.