Scheinalternative Manufaktur-EDV

„Es gibt sie noch, die guten Dinge“, wirbt ein Einzelhändler, der sich auf altmodische, handgefertigte Haushaltswaren spezialisiert hat. Wer es geil findet, einen Tischfernsprecher W 48 – außen Bakelit®, innen solide Nachkriegselektrik, Digitalkonverter separat erhältlich – in sein Wohnzimmer zu stellen oder den Rasen seines Anwesens mit einem handbetriebenen Spindelmäher kurz zu halten, wird dort zu gesalzenen Preisen fündig.

Nüchtern betrachtet ergibt solch ein Kauf wenig Sinn. In derselben Preisklasse bekommt man als Gegenwartstechnik ein Smartphone oder einen Mähroboter und damit viel mehr Leistung für sein Geld. Der bloße Kauf eines altmodischen Manufakturprodukts mag noch wie eine Geschmackssache wirken, in der man sich willkürlich so oder so entscheiden kann. Doch über die Nutzungsdauer betrachtet zahlt man beim Manufakturprodukt verglichen mit seinen zeitgemäßen Nachfolgern fortwährend drauf. Deswegen kaufen Menschen nur dann „die guten Dinge“, wenn ihnen diese Folgekosten egal sind, etwa weil es sich um ein Geschenk mit externalisierten Kosten handelt oder weil sie mit einem Statussymbol unaufdringlich Vermögen demonstrieren möchten.

„Es gibt sie noch, die guten Dinge“, behaupten auch Technik- und Kulturpessimisten, denen der Fortschritt zu schnell fortschreitet und ob das denn nötig sei und nicht am Ende unsere Jugend verdürbe. Die guten Dinge, das sind ihnen Telefonate statt Videokonferenzen, selbst betriebene Open-Source-Anwendungen, Endgeräte und Anwendungen ohne Telemetrie und dergleichen mehr. Der Rest der Welt hat sich derweil an Videokonferenzen gewöhnt, wartet sehnlichst darauf, dass öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Ämter endlich in der IT-Gegenwart ankommen, und nutzt selbstverständlich Anwendungen und Plattformen aus der Steckdose.

Die angeblich guten Dinge ähneln ihren Vorbildern aus dem Reich der Haushaltswaren. Wäre das Telefon eine ebenbürtige Alternative zur Videokonferenz, gäbe niemand Geld für Videokonferenzdienste aus. Dass es doch alle tun, liegt daran, dass es sich eben nicht nur um eine Art Bildtelefon handelt, sondern um Anwendungen für multimediale 1:n- und m:n-Kommunikation. Wo das Telefon genügt, greifen Menschen von alleine zu diesem, aber das Telefon kann im Vergleich zur Videokonferenz ungefähr so viel wie ein Tischfernsprecher W 48 im Vergleich zum Smartphone.

Auch Telemetrie und Cloud Computing entspringen nicht etwa einem gemeinen Weltherrschaftsplan amerikanischer Überwachungskapitalisten, sondern schlicht technisch-ökonomischem Fortschritt, der selbst und autark betriebene Anwendungen nach und nach zu einem Thema für die Geschichtsbücher macht. Dahinter steckt ein Prozess der Kommoditisierung, den jede Infrastrukturinnovation durchläuft. Anwendungen wandern im aus denselben Gründen von eigenen Servern in die Cloud, aus denen einst Dampfmaschinen in Kraftwerke und die Inhalte von Sparstrümpfen auf Bankkonten wanderten: Weil es möglich wurde und sich als effizienter erwies.

Die Vorteile sind offensichtlich. Dieses Blog hier zum Beispiel läuft komplett in der Cloud, bei wordpress.com. Ich muss mich um nichts anderes kümmern als die Inhalte: keine Server betreiben, keine Software installieren, keine Updates einspielen, kein Backup machen, nicht nach Einbrüchen aufräumen. Ich muss mir nur mein Passwort merken und, wenn ich es schön haben möchte, jedes Jahr ein paar Euro bezahlen. Alles selbst zu machen, wäre in der Summe teurer bei einem schlechteren Ergebnis, deshalb lasse ich das.

Dass dieses Geschäft funktioniert, liegt an Skaleneffekten: Durch Massenproduktion sinken die Kosten pro Stück. WordPress.com betreibt mein Blog nicht auf dieselbe Weise, wie ich es tun würde, also mit einem dedizierten und individuell administrierten Server, sondern auf einer eine Plattform mit Millionen von Blogs und Benutzern. Die Grenzkosten für ein einzelnes Blog verschwinden praktisch. Deshalb kann wordpress.com jeden Aufwand unterbieten, den ich für die Leistung „funktionierendes Blog“ in derselben Qualität betreiben müsste. Manufaktur ist teurer als Massenproduktion, in der Anschaffung wie im Betrieb.

Der Trend zum Software-Service betrifft nicht nur Anwendungen, sondern auch das, was wir früher Betriebssystem nannten und was heute den Charakter eine Managed Platform hat. Früher baute man seine Computersysteme selbst: schaffte Hardware an, installierte Betriebssysteme darauf und schließlich Anwendungsprogramme, organisierte den Betrieb des teuren Geräts zum Beispiel mit regelmäßigen Datensicherungen und Virenscans. Wer wollte, konnte den Computer später für einen anderen Zweck verwenden, indem er diesen Prozess mit demselben oder einem anderen Betriebssystem und neuen Anwendungen erneut begann.

Heute sind Geräte austauschbar und Betriebssysteme eine Dienstleistung. Wir haben Benutzerkonten bei Apple/Google/Microsoft, die wir mal mit diesem, mal mit jenem Gerät nutzen. Kommt mal ein Gerät weg, tritt man es online aus allen Diensten raus, stellt ein neues hin und macht dort weiter, wo man aufgehört hatte. An der Software der Endgeräte herumzubasteln, macht noch weniger Sinn als ein eigener Anwendungsbetrieb.

Themen wie Telemetrie in Windows und Office oder auch Apples automatischer Sicherheitscheck beim Programmstart, der neulich einen kurzen Aufruhr auslöste, muss man in diesem Kontext betrachten. Es hat keinen Sinn mehr, sich über „nach Hause telefonierende“ Software zu erregen. Der Normalfall ist, dass Software in der Cloud läuft und dort betreut und weiterentwickelt wird; teilautonome Endgeräte werden stattdessen als Näherungslösung so an die Cloud angeschlossen, dass man ihren Benutzern trotzdem Stress mit der Systemadministration ersparen kann. Und das ist gut, denn inzwischen kann man auch Laien einen Internetapparat anvertrauen, ohne ständig auf sie aufpassen zu müssen.

In der konsequentesten Umsetzung bekommt man am Ende einen Thin Client wie Googles Chromebook als Interface zur Cloud, bei dem lokale Anwendungen keine Rolle mehr spielen. Dann bereitet das einzelne Gerät praktisch keinen Administrationsaufwand mehr, weil es nur noch einen Browser booten muss, der durch ein Benutzerlogin an einem Cloudservice personalisiert wird. Damit lässt sich zum Beispiel ein Laptopverleih organisieren, wie ihn die ULB Darmstadt anbietet. Einige sind der Ansicht, dass dies auch für den Schulbetrieb genau der richtige Ansatz sei.

Wer unbedingt in einem Gefühl digitaler Souveränität schwelgen möchte, kann das alles auch nachbauen. Das wird jedoch voraussichtlich ein teures und zeitraubendes Projekt. Man bekommt eben nicht dasselbe, indem man mal schnell einen Linux-Server mit ein paar Open-Source-Paketen aufsetzt, sondern müsste schon das ganze System und dessen Betrieb replizieren und außerdem in die Weiterentwicklung investieren wie ein etablierter Cloudversorger. Das kann man tun, aber es ist nicht die beste Idee, wenn man gerade etliche Jahre verschlafen hat und einen nun auch noch eine Viruspandemie zu schnellem Handeln zwingt. Obendrein hält ein in der Hinterhofwerkstatt aus Subprime-Software zusammengefrickeltes System in Sachen SIcherheit und Datenschutz nicht unbedingt, was seine Verfechter versprechen. So fiel die häufig genannte Videokonferenzsoftware Big Blue Button kürzlich mit langen Reaktionszeiten auf gemeldete Sicherheitsmängel auf. Dort hätte man also nachzuarbeiten.

Es gibt sie noch, die guten Dinge, doch sie sind gar nicht gut, sondern alt, rückständig, umständlich produziert. Dennoch empfohlen werden sie als Scheinalternative von Akteuren, denen niemand die Kosten ihrer Ratschläge in Rechnung stellt, die sich jedoch eigene – nicht-monetäre – Gewinne erhoffen. Datenschutzbeauftragte sollen schnellen Fortschritt in der IT nicht fördern, sondern bremsen und ihre Arbeit beruht auf Gesetzen und Traditionen, welche die Datenverarbeitung unter den Generalverdacht der Grundrechtsgefährdung stellen. Vereinsinformatiker können sich umso wichtiger fühlen, je komplizierter Informationstechnik zu nutzen ist, je exklusiver also ihre Expertise bleibt. Verbraucherschützer benötigen einen Antagonisten, und sei es ein erfundener wie die „Prägung“ von Schülerinnen und Schülern auf Microsoft-Produkte und die angebliche Vermarktung ihrer Verhaltensdaten durch Microsoft. All jene, die tatsächliche Kosten gegen den tatsächlichen Nutzen abwägen müssen, sind mit zeitgemäßen Services besser bedient als mit Manufakturalternativen. Wer nicht möchte, dass deren Anbieter Microsoft oder Google heißen, muss konkurrenzfähige Alternativen als Dienstleistung anbieten und nicht Software zum Selbermachen empfehlen.

3 Kommentare zu „Scheinalternative Manufaktur-EDV

  1. Grundsätzliche Zustimmung, soweit es die Fragwürdigkeit von „Manufaktur-IT“ angeht, und ja, auch bei den analogen vermeintlich guten Dingen ist viel überteuerte, nutzwertarme Augenwischerei dabei. Allerdings sollte man beim Stichwort „Folgekosten“ auch diejenigen Kosten nicht aus dem Blick verlieren, die sich im Cloud-Computing daraus ergeben, dass man gezwungen wird, seine Hardware in viel kürzeren Intervallen zu ersetzen, als es rein hardwareseitig notwendig wäre: Diese Obsoleszenz durch Inkompatibilität und speziell auch ihre ökologischen Folgekosten finde ich ebenfalls ein enormes Ärgernis.

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