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Der Klimastrohmann

Egal ob Slashdot oder Anti-Ökologismus-Blog Telepolis oder ScienceBlogs, wo das Netz übers Klima palavert, geht die Debatte unweigerlich den Weg jeder Helmdiskussion. Zwei Lager stehen einander unversöhnlich gegenüber und jede Seite hält die andere für die rechte Hand des Teufels. Auf einer Seite der Front kämpft man gegen Leugner, auf der anderen gegen Alarmisten.

Das Ergebnis ist eine tausendfach wiederholte Strohmanndebatte, die zu nichts führt, weil sie um die falschen Fragen kreist. Tatsächlich geht es gar nicht zuerst um Wissenschaft, sondern um Politik. Der Versuch, die politische Debatte allein wissenschaftlich zu klären, ist ebenso unseriös wie umgekehrt eine Politk, die die Erkenntnisse der Wissenschaft ohne Begründung ignoriert.

Die Wissenschaft liefert uns eine physikalische Theorie über die Wirkung von CO2 in der Atmosphäre. Diese Theorie ist erstens mit anderen, selten angezweifelten Erkenntnissen der Naturwissenschaften kompatibel bzw. folgt sie daraus. Die Wissenschaft liefert uns zweitens direkte Messdaten aus den letzten ca. 200 Jahren, die zur Theorie passen. Bis hierhin sind Zweifel blöd, so blöd, dass man sie getrost ignorieren kann. Die direkte Wirkung von CO2 tritt sehr schnell ein, so dass man sie bereits über kurze Zeiträume gut beobachten kann; gleichzeitig erfolgt die Änderung des CO2-Gehalts auch schnell genug. Der Klimastrohmann weiterlesen

Medienkompetenz lernen: Wie man Diskussionsforen moderiert

Burdas ScienceBlogger haben gerade gemerkt, dass sie mit Nerd-Attitüde, Flames und der Löschtaste für Kommentare keine Diskussion übers Klima überleben. Jetzt sitzen sie im Stuhlkreis und analysieren sich selbst, ohne recht zu wissen, was dabei herauskommen soll. Wir geben mit ein paar Links Nachhilfe in Medienkompetenz:

  • Michael Tobis bezieht sich in seinem Blogeintrag Why truth is losing ground direkt auf Klimadebatten im Netz und gibt eine Kurzanleitung zum Umgang mit Skeptikern. Sein wichtigster Tipp: wenn man nicht in der Lage ist, effektiv zu kommunizieren, hält man am besten die Klappe. Er führt es auch gerne vor, wenn in seinen Kommentaren Trolle auftauchen, und erklärt auf Nachfrage, was er tut.
  • Wie effektive Kommunikation aussehen kann, hat Kristian Köhntopp untersucht, ganz wissenschaftlich mit Experiment. Er hat sich mit der inhaltlichen und kulturellen Steuerung von Foren beschäftigt und seine Ansätze in Usenet-Newsgroups und anderswo ausprobiert. Erkenntnis: es geht (wenn man es schafft, im Netz kontrolliert Statussignale zu übermitteln und außerdem ein wenig nachdenkt und organisiert.)
  • In den Kommentaren bei Isotopp  findet sich noch ein Link auf das Vortragsmanuskript A Group Is Its Own Worst Enemy von Clay Shirky. Das habe ich selbst bis jetzt nur überflogen und empfehle es deshalb hier halbblind.
  • Für Fortgeschrittene und Freelancer schließlich gibt es Arthur Schopenhauers Eristische Dialektik oder die Kunst, Recht zu behalten. Das war selbst Schopenhauer zu heikel und wurde erst nach seinem Tode veröffentlicht. Er beschäftigt sich darin mit dem sportlichen Teil des Debattierens, mit der Frage, wie man eine Diskussion gewinnt, ganz gleich, wer wirklich Recht hat. Diskussionen werden nicht unbedingt sachlicher und angenehmer, wenn sich Teilnehmer der Schopenhauerschen Kunstgriffe bedienen, aber es schadet nicht, sie zu kennen und notfalls auch zu beherrschen.
  • Update 2009-02-10: Eben bin ich noch über einen Text von Paul Graham gestolpert, How to Disagree. Den Abstract gibt’s hier. Im Vorbeigehen lernen wir noch Postman’s Third Law: »At any given time, the chief source of bullshit with which you have to contend is yourself,« und ergänzen unsere Blogroll um die Fundstelle.

Lehrreich ist auch, sich Diskussionsverläufe als Unbeteiligter anzuschauen und zu überlegen, wie die einzelnen Teilnehmer wirken und was die jeweilige Entsprechung im Real Life wäre. Das funktioniert aber wahrscheinlich nur, wenn man tatsächlich unbeteiligt ist und nicht heimlich Sympathien für die eine oder andere Ansicht oder Person hegt. Wer nicht gerade Computernerd ist, googelt sich am besten einen Editor War.

Klimaglaube und Medienwirkung

69 Prozent der Deutschen erwarten eine Klimakatastrophe, meldete Spiegel Online im Sommer 2006. Inzwischen dürften es noch einige mehr sein, denn 2007 war das Klima ein Dauerbrenner in den Medien. Ein Musterbeispiel gelungener Risikokommunikation auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse?

Keineswegs. Wie wir aus einer anderen Umfrage wissen, sind 70% der Deutschen religiös. Siebzig Prozent unserer Mitbürger glauben also alles, wenn es nur gut genug verpackt ist. Die Kunst des Verpackens aber haben die Medien so weit perfektioniert, dass es sogar Wissenschaftlern unheimlich wird, die eigentlich keine Angst vor den Medien haben und sich auch schon mal mit der Achse des Guten anlegen.

Was auch immer die Wissenschaft herausfindet oder diskutiert, für die Medien ist es bestenfalls ein Anlass zu eigenen Geschichten. Ganz gleich ob man Katastrophiker, Skeptiker, gleichgültig oder etwas anderes ist, die Mainstream-Medien sind eine ganz schlechte Quelle zur Meinungsbildung. Ob wir tatsächlich ein Problem haben oder nicht und wie sicher oder unsicher die Prognose ist, wird man dort nicht erfahren. Wer eine seriöse Risikoschätzung braucht, muss sich selbst mit den Klimaforschern und ihren Kritikern auseinandersetzen. So viel Zeit muss sein.