Schlagwort-Archive: Risikobewertung

Bedrohungkonjunktive

Risiko ist ein quantifizierter Konjunktiv: Etwas kann passieren, man kann nicht genau vorhersagen, wann und wem es passiert, aber die Wahrscheinlichkeit und die Folgen lassen sich abschätzen. Seriöse Risikoanalysen betrachten deshalb das Zusammenspiel zwischen Wahrscheinlichkeiten und Auswirkungen oder irgendeinen Surrogat dafür.

Unseriöse Diskussionen lassen die Wahrscheinlichkeiten unter den Tisch fallen und konzentrieren sich auf die bloße Möglichkeit. Das Ergebnis sind Bedrohungskonjunktive, mit denen man Propaganda treiben, aber sonst wenig anfangen kann.

Wie das funktioniert, führt H.-J. Tenhagen in seiner Kolumne zum Händibezahlen bei Spiegel Online vor: Die erste Hälfte seines Textes besteht aus blumigen Erklärungen, was Finanzunternehmen und Cloudkonzerne mit den Transaktionsdaten eines Verbrauchers alles anstellen könnten.

Dabei drückt er sich um den springenden Punkt, denn es gibt unzählige Dinge, die man tun könnte, aber üblicherweise nicht tut. Die Bundeswehr könnte die Regierung absetzen, RWE das ganze von Düsseldorf bis Köln wegbaggern und nebenbei die Bevölkerung verstromen, die BASF alle deutschen Städte in die Luft sprengen und gleichzeitig das gesamte Trinkwasser vergiften und die Lufthansa Flugzeuge in Kernkraftwerke lenken.

All dies ist möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich, weshalb uns solche Schauergeschichten keine Angst machen. Genauso sollten wir es handhaben, wenn uns jemand ins Ohr raunt, was die bösen Datenkraken alles tun könnten. Was sie könnten, ist egal; es kommt darauf an, was sie tatsächlich tun.

Helmgegner gibt es gar nicht. Wie sich Risikodebatten selbst verzerren

Es gibt Debatten, die auch unter ansonsten vernünftigen Menschen leicht in Glaubenskriege ausarten. Ich rede nicht von Editorkriegen Emacs vs. Vi, sondern von Risikodebatten über Helme und Helmpflichten, über Klimawandel und Klimaschutz, über Nichtraucherschutz und Passivrauchen. Diese Diskussionen haben gemein, dass es zu Teilfragen wissenschaftliche Untersuchungen gibt, die Grundfrage aber eine politische oder praktische ist: was ist zu tun? Soll ich einen Helm tragen oder gar jeder einen tragen müssen? Sollen wir Kohlekraftwerke abschalten und Autos abschaffen? Rechtfertigen Gefahren des Passivrauchens Rauchverbote und wenn ja, in welchem Umfang?

Einige Elemente tauchen in solchen Diskussionen immer wieder auf, und es braucht einige Runden, bis man sie verstanden hat.

Da ist zuerst der unklare Frontverlauf. Helmdiskussionen etwa scheiden ihre Teilnehmer schnell in Befürworter und Gegner. Oder so scheint es wenigstens. In Wirklichkeit verläuft der Konflikt aber woanders, nämlich zwischen Aktivisten [oder Advokaten] auf der einen und Skeptikern auf der anderen Seite. Die Aktivisten sind davon überzeugt, dass etwas zu tun sei, nämlich ein Helm zu tragen, und sie sind außerdem davon überzeugt, dafür überzeugende Argumente zu haben.Die Skeptiker zeigen sich uneinsichtig. Daraufhin stampfen die Aktivisten mit dem Fuß auf, was die Skeptiker noch viel weniger überzeugt. Spätestens dann kann man die Diskussion vergessen, wenn sich nicht ausnahmsweise jemand findet, der sie effektiv moderieren kann.

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Zahlen bitte!

Der Mann hat es verstanden, aber das ist ja nichts Neues:

»Im Ernst: Ich bin einfach für Zahlen. Also: Es sterben nicht genug Deutsche, das schreibt ja auch die Frankfurter Rundschau, unser Rentensystem ist in Gefahr. Also frag ich mich: Wenn schon sterben, woran bitte? Und jetzt mal Zahlen auf den Tisch: Krebs, Herz-Kreislauf und so weiter. Aids ist zum Beispiel eine quantité négligeable in diesem Zahlenpott, hat aber unglaubliche mediale Aufmerksamkeit, weil so viele Akkordeonspieler daran erkranken.»

(Harald Schmidt: „Wenn schon sterben – woran bitte?“, Frankfurter Rundschau)

Dieses Blog unterstützt seit langem die Forderung nach nüchternen Risikoanalysen anhand sauberer Statistiken und anderen Zahlenmaterials. Solchen rationalen Betrachtungen stellen wir eine Sammlung von – oft skurrilen – Einzelfällen gegenüber, aus denen man voreilige Schlüsse ziehen könnte, aber eben nicht ziehen soll.

Risikokompass

Wovor lohnt es sich, Angst zu haben? Wo lohnt es sich, etwas zu tun und welche Nebenwirkungen möchten wir dafür in Kauf nehmen? Um ein Risiko schnell und grob zu bewerten, kann man es in eine Skala einordnen und uns dann überlegen, ob der Umgang damit ungefähr seiner Position angemessen ist. So eine Skala finden wir im Blog mobifoto.de. Sie deckt für DE den gesamten relevanten Bereich ab, von den fast 400.000 Toten durch Herz- und Kreislauferkrankungen bis zu den 0 (null) Terrorismusopfern im Jahr. Ich habe die Zahlen nicht überprüft, sie sind jedoch hinreichend galubhaft, um zumindest eine grobe Orientierung zu geben.