Archiv der Kategorie: Safety
Unterschätzte Risiken: gute Ideen
Auf den ersten Blick eine gute Idee: Am Bahnsteig hängt alle paar Meter eine Trittstufe. Wer, aus welchem Grund auch immer, ins Gleisbett geraten ist, kann sich so leichter auf den Bahnsteig retten.

Just an dieser Stelle kam mir allerdings ein junger Mann entgegen, der ungeniert die Gleise überquerte, weil ihm der Weg über die Fußgängerbrücke wohl zu anstrengend war. Die gute Idee macht es einfacher, direkt über die Gleise zu laufen und vergrößert damit das Bequemlichkeitsgefälle zwischen der sicheren Brücke und der gefährlichen Abkürzung.
Safeguard
In einem Wort
(gefunden in einem Kommentar in einer Diskussion zur diesjährigen Helmkampagne)
Petition: Tempolimit 130 km/h
Kurze Durchsage:
Bis zum 3. April 2019 könnt Ihr eine aktuelle Petition für ein allgemeines Tempolimit von 130 km/h auf den deutschen Autobahnen unterzeichnen. Mehr als 13.000 36.000 40.000 44.000 52.000 59.000 Menschen haben das bis jetzt bereits getan. Die Bundesregierung lehnt ein solches Tempolimit ab, aber vielleicht wollt Ihr Euch ja nicht völlig widerstandslos regieren lassen. Initiiert und eingereicht wurde diese Petition von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.
P.S.: Falls Ihr Werbung machen möchtet, Handzettel und Aushänge zum Ausdrucken und Verteilen gibt es hier.
Exitus 16:30
Ihr meckert, aber für Eisenbahner ist der Winter ein Kampf ums nackte Leben:
Diamonds are for danger
Nur eine Frage der Zeit?
„Es ist nur eine Frage der Zeit, bis etwas passiert“ – diese Vorhersage liegt immer richtig. Irgendwann wird irgend etwas passieren, worin der der jeweilige Gegenstand verwickelt ist, ganz gleich ob es sich um Atombomben oder um Trinkwasser handelt. Kein Wunder also, dass der Plakettenkonzern TÜV mit einer Variante dieses Spruchs versucht, sich das neue Geschäftsfeld der Sicherheit von Windkraftanlagen zu erschließen. Gewiss wird es irgendwann einmal zu einem Ereignis kommen, bei dem Menschen durch ein unglückliches Zusammentreffen mit einer Windkraftanlage zu Schaden kommen.
Aus der bloßen Möglichkeit folgt jedoch noch lange nicht die Notwendigkeit, etwas dagegen zu tun. Für sinnvollen Schutz muss man Risiken betrachten und nicht nur bloße Möglichkeiten. Der Unterschied: Risikobetrachtungen berücksichtigen die Häufigkeit bzw. Wahrscheinlichkeit von Ereignissen und deren Schadenshöhe. Auf dieser Grundlage lässt sich diskutieren, wie schwer eine Gefahr wiegt und welcher Aufwand für welche Risikoreduktion angemessen erscheint. Die prinzipielle Möglichkeit hingegen bleibt stets erhalten, so dass mit Ausnahme des Totalausstiegs keine Maßnahme je genug ist.
Fielen beispielsweise Jahr für Jahr im Mittel fünf Windräder um und eins davon erschlüge Menschen, so ließe sich diskutieren, ob wir als Gesellschaft dieses Risiko tragen oder ob wir etwas tun, um es zu reduzieren. Könnte man mit einer Plakettenpflicht erreichen, dass nur noch halb so viele Windräder umfielen und entsprechend seltener Menschen zu Schaden kämen, so handelte es sich vielleicht um einen guten Deal. Jedoch erreichen die tatsächlichen Risiken bei weitem nicht jene, die dieses hypothetische Szenario unterstellt. Die Produkte des Plakettenkonzerns bleiben daher an diese Stelle voraussichtlich nutzlos, denn es gibt kaum ein Potenzial zur Risikoreduktion.
Geht es um Windräder, so liegt alles klar auf der Hand. Alltagserfahrung und gesunder Menschenverstand genügen für eine fundierte Einschätzung.
In der Cybersicherheit zeigt sich eine ähnliche Situation: Mahner drängen die Gesellschaft, mehr für die Cybersicherheit zu tun, um zunehmenden Bedrohungen nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Die Einschätzung solcher Forderungen fällt jedoch viel schwerer. Auf der einen Seite hat ein wohlgenährter sicherheitsindustrieller Komplex das Interesse, Gefahren möglichst groß erscheinen zu lassen. Auf der anderen Seite kommt es tatsächlich zu spektakulären Angriffen mit beträchtlichen Schäden. Stehen wir vor der Cyberapokalypse oder werden wir wie im vergangenen Vierteljahrhundert auch in Zukunft vor allem die Segnungen des Internets genießen, ohne große Schäden zu erleiden?
In beide Richtungen lässt sich argumentieren, ohne dass man mit Alltagswissen entscheiden könnte, wer Recht hat. Das Internet ist weit komplexer als ein Windrad oder auch ein ganzes Stromnetz.Zu welchen Angriffen es kommt, hängt nicht nur von Sicherheitslücken ab, sondern auch von den Zielen und Interessen der Angreifer, die solche Lücken ausnutzen – oder eben auch nicht. Informationen über Angriffe bleiben häufig im Verborgenen, so dass niemand weiß, was wirklich passiert. Stattdessen nimmt man gerne die argumentative Abkürzung von bekannten oder vermuteten Verwundbarkeiten zu einem Worst-Case-Szenario eines Angriffs, dessen Eintreten „nur eine Frage der Zeit“ sei.
Tatsächliche Ereignisse wie der der NotPetya-Befall beim Konzern Maersk mit geschätzten 300 Millionen Dollar Schaden liefern scheinbar den Beleg: Man tue zu wenig für die Cybersicherheit und wenn der Markt dies nicht von sich aus ändere, müsse man regulierend eingreifen. Unterschlagen wird dabei freilich, dass gerade Konzerne durchaus ernsthaft in Sicherheit investieren – „Big Tech“ sowieso, aber auch zum Beispiel Siemens, wo man die Wirkung des Stuxnet-Schocks an der Zahl der gemeldeten Verwundbarkeiten pro Jahr ablesen kann.
Dass der Markt beim Thema Sicherheit gänzlich versage, kann man angesichts dessen kaum behaupten. Unternehmen können es sich nicht leisten, ihre Sicherheit zu vernachlässigen. Mit wenigen Ausnahmen können sie es sich jedoch auch nicht leisten, mehr als nötig und wirtschaftlich vertretbar in Sicherheit zu investieren. Allen Eventualitäten vorzubeugen ist nicht realistisch, deshalb werden stets Risiken bleiben und es wird zu Vorfällen kommen. Selbst bei großen Schäden wie im Fall von Maersk kann es am Ende die günstigste Lösung sein, das Risiko zu tragen statt es vorbeugend abzuwehren. Jedenfalls ist es nicht per se falsch, so zu entscheiden, oder zumindest nicht falscher als im Fall des psychisch kranken Germanwings-Piloten, der mit dem von ihm herbeigeführten Absturz einen ähnlich hohen Schaden verursachte und der aufgrund von Sicherheitsmaßnahmen zur Terrorabwehr von seinen Opfern nicht daran gehindert werden konnte.
Mag sein, dass in bestimmten Konstellationen regulierende Eingriffe nötig sind. Für Sicherheit schlechthin gilt dies jedoch nicht, denn wo reale Schäden entstehen, gehen sie mit Anreizen zur Risikoreduktion einher.
Was Drohnen wirklich tun
Pessimisten denken angesichts des technischen Fortschritts zuerst an Schwärme autonomer Killerdrohnen, Optimisten lieber an Retterdrohnen, die in Notsituationen zum Beispiel Schwimmhilfen abwerfen:
Unabhängig davon wette ich gegen jeden vorausgesagten Weltuntergang, schon aus statistischen und spieltheoretischen Gründen. Weltuntergänge kommen statistisch sehr selten vor und falls doch mal einer eintritt, bleibt trotz korrekter Vorhersage der Wettgewinn aus.
So ungefährlich ist Radfahren
Zur Helmdiskussion hatte ich hier lange nichts. Eigentlich lohnt das auch nicht, denn wer an den Nutzen eines Fahrradhelms glauben möchte, lässt sich erfahrungsgemäß von Argumenten nicht umstimmen. Doch heute bin ich über eine Zahl gestolpert, die sogar mich überrascht hat, obwohl sie mit meiner Alltagserfahrung kompatibel ist. Der großbritische nationale Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) macht wie so ziemlich jede Krankenkasse Werbung fürs Radfahren und hat in diesem Zusammenhang eine FAQ zur Gefährlichkeit dieser Betätigung zusammengestellt. Darin heißt es unter anderem:
“Official figures taken from the NTS suggest that the general risk of injury from cycling in the UK is just 1 injury per 19,230 hours of cycling.”
Eine Verletzung auf 19 230 Stunden Radfahren, das heißt selbst ein Fahrradkurier muss gute zehn Jahre jeden Arbeitstag acht Stunden unterwegs sein, um sich einmal zu verletzen*. Wer lediglich jeden Tag eine halbe Stunde zu seinem Büro radelt und abends zurück, der braucht sogar Jahrzehnte, um sich einmal zu verletzen. Dass Radfahren so sicher ist, hätte ich trotz vieler unfallfreier Jahre im Sattel nicht erwartet.
*) Ein Arbeitsjahr in einem Vollzeitjob hat ca. 2000 Stunden einschließlich der Urlaubstage.
Mr. Yuk
Werbefilm
In einem Wort
(via: FAZ.Net, Bröckelnde Altlasten)
In einem Wort
Verborgene Gefahr
Carcinogenic agents classified by evidence
Carcinogenic is a scary word, but what exactly does it mean? The International Agency for Research on Cancer (IARC), a part of the World Health Organization (WHO), has established a framework. The IACR reviews scientific evidence for and against carcinogenicity claims and places agents in one of the following categories:
- Group 1 – carcinogenic: Sufficient evidence exists that an agent is carcinogenic in humans. In this group we find, as expected, agents like various forms of radiation (gamma, x-ray, utraviolet), tobacco smoke, alcohol, estrogen-progestogen oral contraceptives, and asbestos.
- Group 2A – probably carcinogenic: Strong evidence exists that an agent is carcinogenic, yet the evidence rmains insufficient to be sure. More precisely, there is sufficient evidence of carcinogenicity in animals but limited evidence in humans. This group contains, for example, acrylamide and occupational exposure to oxidized bitumens and their emissions during roofing.
- Group 2B – possibly carcinogenic: Some evidence exists for carcinogenicity of an agent, but it is neither sufficient nor strong. This class comprises agents like chloroform, coffee, DDT, marine diesel fuel, gasoline and gasoline engine exhaust, and certain surgical implants and other foreign bodies.
- Group 3 – unclassifiable: Evidence is inadequate; the agent may or may not be carcinogenic, we do not know enough to tell. This category contains agents like caffeine, carbon-nanotubes, static or extemely low-frequency electric fields, fluorescent lighting, phenol, polyvinyl chloride, and rock wool.
- Group 4 – probably not: We have evidence that an agent is not carcinogenic. Perhaps due to publication bias, this group contains only one element, caprolactam.
The IACR publishes classification criteria and lists (by category, alphabetical). Wikipedia also maintains lists by these categories with links to the respective pages.
Keep in mind that this classification represents only the state of evidence regarding cancerogenicity in humans, not your risk of becoming exposed to an agent, a dose-response assessment, or overall health risk from exposure. Hint: everything that kills you quickly and reliably is unlikely to cause you cancer.
SPAD* – Don’t Let It Happen to You!
Today’s safety video is brought to you by ScotRail. It examines in depth three cases of train drivers accidentally passing red signals.
*) SPAD = Signal Passed at Danger
A Perfect Misunderstanding
(youtube)
Driver and Cyclist Safety Tips
(youtube)
The Uncertainty Principle of New Technology
Security, privacy, and safety by design sounds like a good idea. Alas, it is not going to happen, at least not with innovative technology. Collingridge’s dilemma gets in the way: When a technology is new and therefore easy to shape, we do not understand its downsides – and the non-issues to be – well enough to make informed design decisions, and once we understand the problems, changing the now established and deployed technology fundamentally becomes hard. Expressed in terms of the Cognitive Dimensions framework, technology design combines premature commitment with high viscosity later on.
With digital technology evolving at high pace, we are continually facing Collingridge’s dilemma. Big data and Internet-scale machine learning, the Internet of everything, self-driving cars, and many inventions yet to come challenge us to keep things under control without knowing what to aim for. Any technology we never created before is subject to the dilemma.
A tempting but fallacious solution is the (strong) precautionary principle: to take all possible risks seriously and treat whatever we cannot rule out as a problem. This approach is fallacious because it ignores the cost of implementation. Every possible risk is not the same as every likely risk. Trying to prevent everything that might go wrong one will inevitably end up spending too much on some possible but unlikely problems. Besides, Collingridge’s dilemma may apply to the chosen treatments as well.
As an alternative we might try to design for corrigibility so that mistakes can be easily corrected once we learn about them. With respect to the information technology domain this idea seems to echo what David Parnas proposed in his seminal paper On the criteria to be used in decomposing systems into modules (DOI: 10.1145/361598.361623). Parnas argues in this paper that software modules should hide design decisions from their surroundings, so that the inner workings of a module can be modified without affecting dependent modules. Constructs supporting this found their way into modern-day programming paradigms and languages; object-oriented programming is the most abvious application of Parnas‘ idea.
But the dilemma is not that easily solved. First, software design is too narrow a scope. Technology is more than just software and can become quite viscous regardless of how easily the software is changed. Just think of the Internet and its core protocol, IP. Most operating systems come with support for IPv4 and IPv6 and there are many good reasons to move on to the new protocol version. Yet we are still waiting for the day when the Internet will abandon IPv4 in favor of IPv6. The Internet as a system is really hard to change. Nevertheless, modularity helps. When attacks against Internet banking users became widespread starting ca. 10 years ago, for example, banks in Germany managed to update their authorization mechanisms and increase security in relatively short time and with few troubles for their customers.
In their recent paper Cyber Security as Social Experiment (NSPW’14, DOI: 10.1145/2683467.2683469), Wolter Pieters, Dina Hadžiosmanović and Francien Dechesne argue that experimentation could help us to learn more about the side effects of new technology. Since people are part of any interesting system, this amounts to running social experiments. If we do not care and just deploy a technology, this is an experiment as well, just less controlled and systematic. Particular to cyber security is the challenge of involving adversaries as they are the root of all security threats. The general challenge is to run social experiments responsibly within ethical bounds.
Even with experiments, some negative consequences will likely escape our attention. Some effects take too long before they show or show only after a technology has been deployed at a global scale. Could James Watt have thought of climate change due to the burning of fossil fuel? Probably not. But at least we understand what the meta-problem is.
Why We Shouldn’t Bike with a Helmet
Häufig
Diese Schlagzeile war wohl zu gut, um sie sich von Tatsachen kaputt machen zu lassen: »Straßenbahn-Unfälle mit Verletzten in Leipzig nehmen zu – Statistik: LVB-Fahrer häufig Schuld,« titelt die Leipziger Volkszeitung. Das kommt gewiss gut an bei der Zielgruppe, unterstellt der Leipziger seiner »Bimmel« doch traditionell, sie fahre nach dem UKB-Prinzip– Umfahren, Klingeln, Bremsen.
Im Text wird aus dem häufig erst einmal ein nichtssagendes regelmäßig. Mehr als dies geben die Daten einige Absätze weiter unten auch nicht her. Von 366 Unfällen mit Straßenbahnen verursachten deren Fahrer und Technik im vergangenen Jahr 44, das sind gerade mal 12% oder ungefär jeder achte Unfall. Die Statistik sagt das genaue Gegenteil der Schlagzeile: Die Straßenbahnfahrer sind selten schuld.