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Häufig

Diese Schlagzeile war wohl zu gut, um sie sich von Tatsachen kaputt machen zu lassen: »Straßenbahn-Unfälle mit Verletzten in Leipzig nehmen zu – Statistik: LVB-Fahrer häufig Schuld,« titelt die Leipziger Volkszeitung. Das kommt gewiss gut an bei der Zielgruppe, unterstellt der Leipziger seiner »Bimmel« doch traditionell, sie fahre nach dem UKB-Prinzip– Umfahren, Klingeln, Bremsen.

Im Text wird aus dem häufig erst einmal ein nichtssagendes regelmäßig. Mehr als dies geben die Daten einige Absätze weiter unten auch nicht her. Von 366 Unfällen mit Straßenbahnen verursachten deren Fahrer und Technik im vergangenen Jahr 44, das sind gerade mal 12% oder ungefär jeder achte Unfall. Die Statistik sagt das genaue Gegenteil der Schlagzeile: Die Straßenbahnfahrer sind selten schuld.

Kosten und Nutzen

„Jede Sicherheitsmaßnahme lässt sich umgehen.“ – Jochim Selzer argumentiert auf G+, dies sei keine gute Begründung für den  Verzicht auf Sicherheitsmaßnahmen. Damit hat er Recht, aber dies ist umgekehrt keine ausreichende Begründung für beliebige Sicherheitsmaßnahmen. Seiner Betrachtung fehlt ein Faktor: das Kosten-Nutzen-Verhältnis. Mehr Sicherheit oder auch überhaupt Sicherheit wird zum Verlustgeschäft, wenn dem Aufwand keine adäquate Risikoreduktion gegenübersteht. Das klingt trivial, macht die Sache in Wirklichkeit jedoch ziemlich kompliziert.

Die Kosten einer Sicherheitsmaßnahme sind nicht nur die Anschaffungs-, sondern auch die Betriebskosten. Nicht alle Kosten manifestieren sich in finanziellen Transaktionen, sondern zum Beispiel in Zeit- und Arbeitsaufwand. Auch sehr kleine Aufwände können zu erheblichen Kosten führen, wenn sie in Alltagssituationen immer wieder anfallen. Auch das Ändern von Gewohnheiten ist teuer. Ein häufig verwendetes Passwort zu ändern, kostet mich zum Beispiel jedesmal einige Tage voller Fehlversuche mit dem alten Passwort, bis ich mich an die Änderung gewöhnt habe — und eine andere Empfehlung legt mir nahe, meinen Rechner beim Verlassen immer zu sperren.

Der Nutzen einer Sicherheitsmaßnahme ergibt sich nicht aus ihrer lokal messbaren Wirkung, sondern aus ihrem Einfluss auf das gesamte Risikoprofil. Sicherheitsmaßnahmen können irrelevant sein, wenn das Risiko – bezogen auf die Konsequenzen – insgesamt sehr klein ist und von anderen Risiken dominiert wird. Wenn ich zum Beispiel ein Smartphone oder einen Laptop mit mir herumtrage und darauf keine ungewöhnlich wertvollen Daten gespeichert sind, dann liegt das dominante Risiko im Verlust der Hardware. Ob ich meine Daten verschlüsselt habe oder nicht, ist dann relativ belanglos. Ebenso brauche ich mich als Individuum, zumal im Mitteleuropa der Gegenwart, nicht vor der NSA zu fürchten, wenn ich bedenkenlos auf Haushaltsleitern steige und am Straßenverkehr teilnehme. Ich werde höchstwahrscheinlich an einem Unfall, an einer Krankheit oder an Altersschwäche sterben und nicht an einem Drohnenangriff wegen eines algorithmisch hergeleiteten Terrorverdachts.

Hinzu kommt, dass Sicherheitsmaßnahmen nicht notwendig Risiken verringern, sondern sie oft nur verlagern oder transformieren. Einbrecher durchwühlen die unverschlossene Gartenlaube und nehmen tragbare Wertsachen sowie Alkoholvorräte mit. Einbrecher durchwühlen die verschlossene Gartenlaube und nehmen tragbare Wertachen und Alkoholvorräte mit, nachdem sie die Tür oder das Fenster demoliert haben. Was habe ich nun vom guten Schloss? Die Einbrecher müssen ein Brecheisen mitbringen und werden vielleicht (aber unwahrscheinlich) gehört – und ich habe höhere Kosten pro Vorfall, selbst wenn nichts gestohlen wird. Ich fahre besser, wenn ich die Tür offen lasse und kein potenzielles Diebesgut lagere.  Das Problem der Risikoverlagerung und -transformation ist typisch für Security, wo wir es mit adaptiven Angreiferkollektiven zu tun haben. In geringerem Maße kann es aber auch bei Safety-Maßnahmen auftreten, wenn diese Maßnahmen unerwünschte Nebenwirkungen haben und man also eine Risikoausprägung gegen eine andere eintauscht. Im Klettergerüst getragen kann ein Fahrradhelm Kinder strangulieren.

Ökonomisch betrachtet sind deswegen viele Sicherheitsratschläge für die Katz. Kosten und Nutzen haben außerdem eine subjektive Komponente. Ökonomische Rationalität beschreibt ein (angenommenes) Optimierungsverhalten unter Berücksichtigung persönlicher Präferenzen. Jeder ist frei darin festzulegen, wie viel ihm ein bestimmter, quantifizierter Nutzen im Vergleich zu anderen Angeboten mit denselben Kosten wert ist oder wie sehr ihn eine bestimmte Unannehmlichkeit im Vergleich zu einer anderen belastet. Auch ein Selbstmörder, der sich vor seiner Rettung schützt, kann ökonomisch rational handeln, wenn ihm sein eigener Tod nur wichtiger ist als alles andere. In diesem Sinne ist nichts daran auszusetzen, dass sich jemand etwa gegen den Sicherheitsgurt, gegen den Fahrradhelm, gegen ein kompliziertes Password oder gegen die E-Mail-Verschlüsselung entscheidet. Präskriptive Overrides sind nur dort angebracht, wo aus solchen Präferenzen erhebliche gesellschaftliche Probleme resultieren.

Erfolgsgeschichte Sicherheitsgurt?

In Diskussionen über den Sinn und Unsinn von Styroporhauben für Radfahrer taucht regelmäßig der Hinweis auf, so ähnliche Debatten haben man damals zur Gurtpflicht im Auto auch geführt. Der Hinweis kommt von Befürwortern der Styroporhaube; aus ihm spricht neben der Hoffnung auf den Debattenendsieg die Annahme, SIcherheitsgurte seien eine Erfolgsgeschichte und hätten unzählige Leben gerettet. Diese Annahme ist vielleicht gar nicht so selbstverständlich, wie sie wirkt. In The Failure of Seat Belt Legislation (via) argumentiert John Adams, dass eine signifikante Wirkung der Gurtpflicht gar nicht auf der Hand liege. Wie haltbar seine Argumentation ist, kann ich noch nicht sagen; ich habe den Text nur überflogen

7 Tätigkeiten, die 2012 gefährlicher waren als das Radfahren

Jetzt probieren wir mal die Reblog-Funktion von wordpress.com aus. PresseRad erinnert uns daran, dass die meisten Menschen bei etwas anderem als beim Radfahren sterben. Nahezu alle, um genau zu sein: Wenn jemand gestorben ist, kann man daraus mit hoher Sicherheit schließen, dass er auf dem Weg ins Jenseits keinen Fahrradunfall hatte. (Note to self: Gelegentlich mal nachrechnen.)

Zeckenalarm außer der Reihe

Abweichend vom gewohnten Zeckenalarmzyklus warnt das Robert-Koch-Institut mitten im Winter vor einer Krankheit, die jedes Jahr ungefähr 0.0005% der Bevölkerung – 400 von 80.000.000 – befällt:

»Mit Blick auf die überdurchschnittliche hohe Zahl von Hirn- und Hirnhaut-Entzündungen nach Zeckenbissen im Jahr 2013 rät das Robert Koch-Institut (RKI) Menschen, die in Risikogebieten wohnen und sich aufhalten, sich impfen zu lassen.
(…)
Für das Jahr 2013 liegen bundesweit bisher rund 400 Meldungen für die von Zecken übertragene Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) vor. Rund die Hälfte der vom RKI erfassten Patienten erkrankte schwer an einer Entzündung der Hirnhaut oder des Gehirns.«

(stern.de: Robert-Koch-Institut rät zur Impfung: Zecken übertrugen 2013 oft gefährliche Viren)

Das Robert-Koch-Institut empfiehlt eine Immunisierung durch drei aufeinanderfolgende Impfungen, die danach alle fünf Jahre aufzufrischen sei.

Experten bei der Arbeit. Das Missverhältnis zwischen Aufwand und Nutzen dürfte offensichtlich sein. Wer sich gegen FSME impfen lässt, läuft auch im kugelsicheren Anzug herum. Alle anderen behandeln besser näherliegende Risiken.

Verständige Menschen

Vielleicht ist die Helmdiskussion bei den Juristen ganz gut aufgehoben, denn gute Juristen sind der natürliche Feind schlechter Argumente:

»Die Helmquote läge bei Erwachsenen wohl kaum bei unter 10%, wenn tatsächlich alle „verständigen Menschen“ den Helm trügen.«

– Rechtsanwalt Professor Dr. Winfried Born, Editorial NJW 31/2013

Helmquoten veröffentlicht die Bundesanstalt für Straßenwesen regelmäßig. Trotz jahrelanger Propaganda konnte sich dieses Utensil bei Radfahrern nicht durchsetzen. Ausnahme: unmündige Kinder. Die PR der Styroporbranche versucht sich in den Spin zu retten, Kindern seien vernünftiger als Erwachsene.

Verrechnet

Sehr schön, die Fahrradhelmpropaganda beginnt sich selbst zu zerlegen. Die Helm-PR hat den Punkt erreicht, an dem sich das gepflanzte Mem verselbständigt. Dabei gerät es außer Kontrolle, viele Köche verderben den Brei. Das ist in diesem Fall gut.

Eine Versicherung behauptet dreist:

»Besonders dramatisch ist dabei, dass im Schnitt fast 9 von 10 Fahrradunfällen (85%) Kopfverletzungen nach sich ziehen. Ein Helm kann hier Schlimmstes verhindern.«

(Zurich unterstützt „Fahrradhelm macht Schule“)

Wie wir seit einem OLG-Urteil vor ein paar Tagen wissen, gehören Versicherungen zu den Profiteuren des Helmglaubens. Das Volk lehnt Fahrradhelme mehrheitlich ab, die Tragequote lag 2009 im Mittel über alle Altersgruppen bei gerade mal 11% – wie auch zwei Jahre darauf noch. Einer Versicherung kann also nichts besseres passieren als ein Gericht, welches das übliche und normale Verhalten für leichtsinnig erklärt.

Für den Tagesspiegel versucht sich Markus Mechnich darin, die Schutzwirkung von Fahrradhelmen für unbestreitbar zu erklären. Er verwendet übliche Taktiken: Verzicht auf absolute Zahlen und damit die Risikobewertung, stattdessen Prozentangaben, eine zahlenunabhängige Argumentation und die subtile Einordnung von Kopfverletzungen zwischen Speiseröhrenkrebs und akuter Strahlenkrankheit auf der Schreckensskala. Die Quintessenz: Unfälle, bei denen der Helm helfen könnte, seien nicht auszuschließen, und deshalb solle man unbedingt einen tragen.

Dabei unterläuft ihm ein Lapsus:

»Nach Zahlen des Gesamtverbands der deutschen Versicherer erleiden Radfahrer bei 25,7 Prozent aller schweren Unfälle Verletzungen am Kopf.«

(Ohne Kopfschutz wird es oft tödlich)

Was steht da? Da steht, dass 74,3% der schweren Fahrradunfälle ohne Kopfverletzung abgehen. Selbst wenn wir die ganzen harmlosen Stürze ausklammern, finden wir nur einen bescheidenen Anteil von Kopfverletzungen. Mechnich merkt das auch und versucht sich eilig in die Behauptung zu retten, das Gehirn sei doch wichtiger als Arme und Beine. Dabei unterschlägt er allerdings, dass von Kopf- und nicht von Gehirnverletzungen die Rede ist. Wie eine Kopfverletzung (nebst Beanspruchung der Halswirbelsäule) mit Helm aussieht, kann man sich in einem Helm-PR-Video anschauen, welches wiederum aus der Versicherungsbranche stammt. Zahlen, Analysen und Risikobetrachtungen sucht man dort vergebens, und so muss jeder die gezeigten Bilder selbst interpretieren. Ich sehe im Video ab 6:00 einen Faceplant, der ohne Helm bestenfalls genauso, schlimmstenfalls glimpflicher abgelaufen wäre.

Mechnich – oder sein Kronzeuge Prof. Pohlemann von der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, so richtig klar wird das nicht – argumentiert weiter:

»Normalerweise verhindert der Schädelknochen solche Schäden. Radler erreichten allerdings so hohe Geschwindigkeiten, dass der Knochen bei manchen Stürzen nicht mehr ausreiche.«

(Ohne Kopfschutz wird es oft tödlich)

Das klingt plausibel, bis man sich anschaut, was bei hohen Geschwindigkeiten tatsächlich passiert. Beim Crashtest Pedelec mit 45 km/h in eine Autotür macht der Fahrradhelm keinen Unterschied. Die schwersten Verletzungen sind im Brustbereich zu erwarten und der Kopf schlägt wieder mit dem unbehelmten Gesicht auf.

Ich werde weiter ohne Sturzkappe fahren, wie die meisten Erwachsenen. Fahrradhelme finden eine nennenswerte Verbreitung nur unter unmündigen Kindern. Zu Recht.

Unterschätzte Risiken: Turmspringen gen Osten

Im Dieburger Freibad bleibt die obere Hälfte des Sprungturms künftig gesperrt. Der Grund:

»Nach den neuen Vorgaben europaweit geltender Richtlinien muss gewährleistet sein, dass sportliche Badegäste „nicht gegen die Sonne springen“, und dabei Schwimmer im Becken etwa wegen Blendung übersehen, so Thomas. Es dürfe nur noch „nach Norden“ gesprungen werden. Der Sprungturm in Dieburg zeigt nach Osten.«

(Echo Online:
Plötzlich steht der Sprungturm im Dieburger Freibad falsch)

Den Turm erst mittags zu öffnen, wenn die Sonne nicht mehr aus dem Osten scheint, wäre wohl zu einfach gewesen. Das Vorsorgeprinzip hat uns dank der EU fest im Griff – sicher ist sicher, da gibt es keine Diskussion. Oder steckt vielleicht die Freibadsanierungslobby dahinter?

Update: Erst mittags öffnen geht doch.

Leichte Kopfverletzungen

Am besten schützt ein Helm vor Kopfverletzungen, wenn wir Kopfverletzungen als das definieren, wovor ein Helm schützt. Mehrere verlorene Zähne sind nach Ansicht der Helmpropagandisten von Amts wegen keine Kopfverletzung:

»Der Rennradfahrer erlitt bei dem Zusammenstoß laut Polizei Prellungen, leichte Kopfverletzungen und verlor mehrere Zähne. Zum Glück trug er einen Fahrradhelm …«

(Echo Online: Rennradfahrer bei Unfall schwer verletzt)

 

Mandatory Life Jacket Advertisement

From an Australian campaign against mandatory bicycle helmet laws:

(YouTube, via)

They picked a perfect analogy. Here in Germany, the number of people drowning and the number of people dying in bicycle accidents, repsectively, has the same order of magnitude: a few hundred a year. Both cycling and being around water are everyday activities for most of us, and the overall risk remains pretty low. Yet in one case we frequently discuss the need for protective gear as if it were particularly dangerous, while in the other, we just shrug it off—if the matter comes to our attention at all.

Unterschätzte Risiken: Brandmeldeanlagen

Brandmeldeanlagen mit Alarmleitung zur Feuerwehr schützen die Nutzer belebter Gebäude davor, einen eventuellen Brand selbst bemerken und die Feuerwehr rufen zu müssen. Wie jede auf dem Markt erfolgreiche Sichereitstechnik erinnern sie hin und wieder anlasslos an ihre Existenz und Nützlichkeit, indem sie einen Fehlalarm auslösen. Besonders gerne tun sie das anscheinend bei Gewitter – und halten so die ohnehin bereits gut beschäftigte Feuerwehr davon ab, echte Brände nach echten Blitzschlägen zu löschen.