Textverarbeitungen: benutzergerecht und effizient

Es gibt zwei Arten, anders zu sein als die anderen. Die eine besteht einfach darin, sich ein alternatives Leitprinzip, eine nicht mehrheitsfähige Führerfigur oder ungewöhnliche Prioritäten zu suchen, im Rahmen dieses selbstgewählten Alternativsystems jedoch genauso engstirnig zu handeln wie es der Mainstream in seiner grandiosen Durchschnittlichkeit tut. Die andere, beschwerlichere, aber viel interessantere ist, selbst zu denke, immer und immer wieder. Beschwerlich deshalb, weil es auf diesem Weg kaum Rast und selten Gewissheit gibt.

Der Unterschied ist nicht immer leicht zu erkennen, aber ein zuverlässiges Zeichen gibt es doch: den Versuch des Beweises durch Autorität, das Nachplappern, das Umsichwerfen mit Verweisen, kurz, die Hinwendung zur Religion, zur Heiligen Schrift als Schrift des Heils. Wo der eine Zuflucht sucht, damit das Anderssein nicht zu anstrengend wird, wendet sich der andere angewidert ab – oder zerlegt als Fingerübung die Schrift in ihre unsinnigen Einzelteile, dass dem Mainstream-Alternativen das Zitieren vergeht. Dies also will ich hier versuchen.

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LaTeX steht als Sammelbegriff für eine Sammlung von Softwarewerkzeugen, deren Geschichte fast so weit zurückreicht wie jene der Systemfamilie Unix, nämlich inzwischen dreißig Jahre. Ein Kind der Siebziger also, fast so alt wie ich und geboren in einer Zeit, in der man vornehmlich Fernschreiber benutzte, um mit Computern zu interagieren. Das elektronische Terminal mit Bildschirm war gerade erst erfunden, der Computer eine kleinere Industrieanlage. Die Deutsche Bundesbahn schaffte gerade ihre letzten Dampflokomotiven aufs Abstellgleis, während die Reichsbahn im Osten ihre auf Braunkohlenfeuerung zurückbaute, weil der DDR das Öl zu teuer geworden war.

Genau wie Unix (und dessen Unterstützung für Fernschreiber als Benutzerschnittstelle) hat LaTeX bis heute überlebt. Geändert jedoch hat sich die Welt drumherum. Niemand hält mehr den Bildschirm für eine großartige Erfindung; wir können uns Computer ohne leistungsfähige Grafikhausgabe gar nicht mehr vorstellen. Verändert haben sich auch die Eingabegeräte. Neben der Tastatur gehört heute die Maus zum Standard, etwas jünger und noch fortschrittlicher sind der Touchscreen des iPhone oder der/die/das Wiimote. Folgerichtig stecken die Überreste von Unix heutzutage im Mac, kaum noch sichtbar hinter einer brauchbaren Benutzerschnittstelle.

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Ein LaTeX-Dokument sieht ungefähr so aus:

\documentclass{grmblwrz}
\usepackage[latin1]{inputenc}
\usepackage[T1]{fontenc}
\usepackage[ngerman]{babel}

\title{Foo}
\author{Ein Blogger}
\date{37. Dezember 1985}
\begin{document}

\maketitle
\tableofcontents

\section{Foo}
\subsection{Bar}
\subsubsection{Baz}

Wenn ich diesen Sermon fehlerfrei heruntergebetet
habe\footnote{Wenn nicht, darf ich auch, bekomme
aber später eine Ohrfeige vom Compiler.}darf ich
anfangen zu schreiben.
\end{document}

Compiler? Richtig gelesen. Wenn ich LaTeX benutze, schreibe ich keinen Text und schon gar kein Dokument aus Text, Bildern und anderen Dokumenten. Ich schreibe maschinenlesbaren Code für einen Cmpiler, der mir diesen Code in ein Dokument übersetzt. LaTeX ist nicht die einzige Möglichkeit dazu. Ich könnte dasselbe auch in PostScript tun oder in PHP oder in irgendeiner anderen Sprache. In jedem Fall wäre ich einen Schritt von meinem Arbeitsgegenstand entfernt, müsste erst ein Programm laufen lassen, um den Quelltext in ein sichtbares Ergebnis umzusetzen. Fände ich darin einen Fehler, müsste ich die Ursache im Quelltext finden und beheben.

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Die Verfechter dieser Art zu arbeiten wedeln gern mit einem nun auch schon in die Jahre gekommenen Text, der die »Vorteile« herausstreichen soll. Word Processors: Stupid and Inefficient ist sein Titel und er versucht die Behauptung zu belegen, Teextverarbeitungsprogramme seien ein ineffizientes Mittel zur, nun ja, Verarbeitung von Texten und LaTeX die bessere Lösung. Um diese Behauptung als Bullshit zu entlarven genügt eigentlich bereits die Beobachtung, dass LaTeX den aktuellen Benutzerschnittstellen um mindestens 20 Jahre hinterherhinkt. Aber der Reihe nach.

Besagter Text argumentiert ungefähr so:

  1. Es gebe zwei grundverschiedene Aufgaben, Schreiben und Schriftsatz.
  2. Das Prinzip What you see is what you get (WYSIWYG) moderner Benutzerschnittstellen lenke vom Schreiben ab und verführe zum Formatieren.
  3. Benutzer einer Textverarbeitung formatierten nur, statt die Dokumentstruktur zu kennzeichnen.
  4. Texteditoren und ASCII (die unmittelbaren Nachfolger der Fernschreibtechnik) seien die Mittel der Wahl.
  5. Wer diese Techniken aus den 80ern verwende, sei also besser dran als der Benutzer einer aktuellen Textverarbeitung mit aktueller Benutzerschnittstellee.

Zur Ehrenrettung des Autoren sei darauf hingewiesen, dass sein Text nun auch schon ein Jahrzehnt auf dem Buckel hat. Vor zehn Jahren habe ich so etwas auch noch geglaubt, ja vielleicht war es damals sogar objektiv noch richtig.

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Tatsächlich kann eine Textverarbeitung heute aber dasselbe wie LaTeX. Sie sieht dabei nur besser aus und erspart ihrem Benutzer allerlei Unannehmlichkeiten. Das Nachschlagen seltsamer Kommandofolgen zum Beispiel, ohne das man bei LaTeX bereits an einfachsten Aufgaben scheitert.

Screenshot Word

Textverarbeitungen folgen den Grundprinzipien des Usability Engineering. Sie gehen davon aus, das der Benutzer seine Aufgabe versteht und beherrscht und versuchen ihn bei der Bewältigung so gut wie möglich zu unterstützen. Dazu gehört WYSIWIG – das ist heute einfach Stand der Technik – und vor allem die Sichtbarkeit aller Handlungsmöglichkeiten. Die Fähigkeiten von Textverarbeitungen einerseits und LaTeX andererseits unterscheiden sich praktisch nicht, Word funktioniert exakt nach denselben Prinzipien wie LaTeX. Im Unterschied zu LaTeX machen Anwendungen mit Benutzerschnittstelle ihre Fähigkeiten jedoch auch zugänglich. Eine Textverarbeitung kann ich erkunden, LaTeX nur anbeten.

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Darin liegt wohl auch das Ziel der LaTeX-Apologeten: Elitismus. LaTeX-User können Typographie, alle anderen nur Textverarbeitung, lautet die gar nicht so unterschwellige Botschaft. Dabei lassen sie sich die Typographie genauso von anderen erledigen wie der Benutzer einer Textverarbeitung, der sich Vorlagen besorgt und sie benutzt. Nur dass sie sich viel stärker unhinterfragt an Dinge klammern, deren Hintergrund sie nicht verstehen. Anders können sie ja gar nicht, nicht mit diesem Werkzeug, bei dem man die Ergebnisse seines Tuns immer erst später sieht. Heraus kommt nicht nur Langeweile im Layout, heraus kommen vor allem schlechte Texte. LaTeX verführt dazu, Bleiwüsten zu produzieren, es lädt ein zu endlosem Geschwurbel ohne Struktur und ohne tiefern Sinn. Perfekte Typographie kann da auch nichts mehr retten. Arbeitete man – WYSIWYG! – am Produkt, es fiele einem auf. Statt dessen aber versperrt man gleich auch noch den Kollegen die Möglichkeit, auf Missstände hinzuweisen, denn eine Kommentarfunktion wie jede brauchbare Textverarbeitung, die hat LaTeX nicht. Kurz und schlecht, wer LaTeX benutzt, der sieht nicht, was hinten rauskommt, und er kann auch nicht mit seinen Mitautoren darüber reden. Statt dessen macht LaTeX einfachste Bearbeitungsschritte zum Staatsakt, denn einfach mal ein Dokument öffnen und etwas ändern, das geht nicht. Man muss erst die richtige Quellcodedatei und dort die richtige Stelle finden und hernach den Compiler rituell bis zu dreimal laufen lassen, bevor man sich das Ergebnis anschauen darf. Auch wenn man nur ein Komma einfügt. Und komfortable Hilfen wie eine Rechtschreibprüfung gleich bei der Eingabe gibt es natürlich auch nicht, denn LaTeX unterstützt die Eingabe überhaupt nicht.

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Die Standardantwort der LaTeX-Liebhaber auf jegliche Kritik besteht übrigens im Verweis auf irgendein Tool, das man nur runterladen und installieren müsse. Für jeden Scheiß ein neues Tool, deutlicher kann man Defizite nicht eingestehen. Schluss mit dem Gefrickel!

PS: Passend zu diesem Text liefert Slashdot heute einen Hinweis darauf, wie die Zukunft aussehen kann, wenn man sich nicht an die Vergangenheit klammert: Goodbye Cruel Word. Darin geht es um Programme wie Avenir, WriteRoom und Scrivener, die das Schreiben noch besser unterstützen sollen als das gute alte MS Word. Wenn sich so etwas durchsetzt, dann wird LaTeX nicht mehr von gestern, sondern von vorgestern sein. Oder hinter einem User Interface verschwinden.