Grippe so gefährlich wie Atom, Lampenöl auch

Was das Ergebnis der KiKK-Studie bedeutet beziehungsweise eben nicht bedeutet, wissen wir schon. Zur Erinnerung: wir reden nüchtern betrachtet über 0,2 bis 0,3 Prozent der Krankheitsfälle oder mit einer sehr gewagten Interpretation von höchstens 275 Neuerkrankungen.

Zum Vergleich erinnert uns Spiegel Online daran, dass »im gleichen Zeitraum und in der gleichen Altersgruppe … 214 Kinder an Grippe und 3320 Kinder aufgrund von Verkehrsunfällen« starben. Die gewöhnliche Virusgrippe ist also in etwa so riskant wie ein Kernkraftwerk hinterm Haus. Vielleicht sogar riskanter, denn hier reden wir über Tote, während es in der Krebsstudie um Erkrankungen ging, die durchaus heilbar sind. Und wenn wir schon bei Verkehrsunfällen und toten Kindern sind, die Hälfte der im Straßenverkehr getöteten Kinder stirbt nicht als Radfahrer oder Fußgänger, sondern im Auto. Wer Angst um seine Kinder hat, fährt sie also besser nicht zur Schule.

Eine weitere Vergleichszahl liefert die taz, die der Propaganda für die Kernkraft gewiss unverdächtig ist. Seit dem Jahr 2000 haben sich bundesweit mehr als 700 Kinder mit Lampenöl vergiftet. Fünf davon sind gestorben, weitere trugen bleibende Schäden davon. Die Meldung der taz beruht auf einer Warnung des Gesundheitsministeriums von Nordrhein-Westfalen. Das kann jetzt jeder selbst auf die 24 Jahre der KiKK-Studie hochrechnen.

Update: Die Sueddeutsche hat zwar unnötig Angst vorm Netz, aber auch einen schönen Artikel übers Aufbauschen und Abwiegeln im nämlichen. Und der Tagesspiegel lässt endlich mal die Wissenschaft selbst zu Wort kommen.

Machen Atomkraftwerke Krebs?

Ein Physiker erklärt uns, was interessierte Kreise lieber verschweigen: die KiKK-Studie sagt weniger aus, als Kernkraftgegener gern hätten.

Mein Kommentar: Faszinierend, welches Geschrei eine Studie auslöst, deren Ergebnis bereits an einem einfachen Bullshit-Detektor scheitert: 0,8 Leukämiefälle pro Jahr schreibt die Studie der Nähe des Wohnortes zu Kernkraftwerken zu – bundesweit, insgesamt. Da braucht man keine Signifikanztests mehr, so ein Ergebnis sagt einfach nichts über Risiken aus, wie uns das Ärzteblatt vorrechnet. Falls Kernkraftwerke die betrachteten Krankheiten verursachen – die Studie macht keine Angaben darüber und kann es auch nicht –, reden wir über 2 bis 3 Promille der insgesamt auftretenden Fälle. Attributables Risiko nennen sie das, ein schöner Begriff.

Wer sich auf so etwas beruft, wenn er gegen die Kernkraft wettert, den muss man dringender abschalten als alle Kraftwerke zusammen. Mit einer rationalen Debatte über unsere Energieversorgung hat das reflexhafte Gebell in den Medien jedenfalls nichts zu tun. Liebe Politker, wenn Ihr mich für so dumm verkaufen wollt und Euch dabei auch noch erwischen lasst, macht Ihr Euch auf der Stelle und für alle Zeit unwählbar.

Ausführliche Flames zur Sache habe ich bereits im Forum zur Telepolis-Meldung geschrieben. Auch dort geht in einige Köpfe nicht hinein, dass eine wissenschaftliche Studie vielleicht trotzdem nichts bedeuten könnte. Merke: auch die Wissenschaft kann man zum Anker eines Glaubenssystems machen. Wissenschaftlich ist das aber nicht.

Important Lessons on Bicycle Safety

Cycling per se isn’t any more dangerous than other kinds of road use. However, the specific risks encountered sometimes differ from those of other users. More importantly, real risks and appropriate countermeasures are not always in line with perceived risk and measurs taken by cyclists out of fear. A cyclist may feel threatened in situations that are rather harmless and fail to see risks in situations that are not. That’s all too human, but in order to be safe one needs to reduce real, not perceived risk.

Under the heading »How to Not Get Hit by Cars« BicycleSafe.com explains ten types of collisions that cyclists are commonly involved in, and explains how to avoid them. As far as I can tell (I’m a cyclist and a scientist but not a cycling scientist) all the scenarios and tips make sense and follow the general concept of vehicular cycling. Read these lessons, and teach them to your children.

Die Legende vom Datenschutz

Viele die sich über die neuen Gefahren beschweren, die elektronische Gesundheitskarte und Co. mit sich bringen, vergessen, dass es auch in der analogen Welt mit dem Datenschutz oft nicht besonders weit her ist. Kleines Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit. Im Rahmen eines Arztbesuchs fiel mir ein alter Befund wieder ein, der bei meiner Musterung festgestellt worden war. Um die Unterlagen von damals zu erhalten, rief ich zunächst beim Kreiswehrersatzamt an, das mich dann zum Bundesamt für Zivildienst weitervermittelte, wo ich gebeten wurde, meine Bitte nochmal schriftlich zu äußern. Eine Email und drei Tage später hatte ich meine kompletten Gesundheitsakten im Briefkasten. Ich hatte keine Ausweisnummer oder sonstige Kennung angeben, mich verstellen oder geschickt interagieren müssen – die einfache Anfrage reichte vollkommen aus.

Was es mit dem Bundestrojaner wirklich auf sich hat

Burkhard Schröder verdient sich in Telepolis einen Riesenapplaus. Er erzählt uns noch einmal die Geschichte von Online-Durchsuchung und Bundestrojaner – mit etwas Distanz und in der richtigen Reihenfolge. Unvermeidlich danach die verdiente Ohrfeige, die er uns allen verpasst:

»Gegner und Befürworter der „Online-Durchsuchung“ in den Medien haben eines gemeinsam: Sie glauben, wenn etwas nur oft genug behauptet worden sei, müsse schon ein Körnchen Wahrheit vorhanden sein. Ihnen fehlt der Mut zu rufen: Der Kaiser ist nackt. Es hat noch nie eine erfolgreiche Online-Durchsuchung gegeben, und bis jetzt hat auch niemand eine Methode vorgestellt, wie das auch nur annähernd realistisch vonstatten gehen könnte. Es bleibt beim Gemurmel im Konjunktiv rund um Trojaner, Social Engineering, Exploits und Keylogger. Nichts Genaues weiß man nicht. Aber es könnte vielleicht doch möglich sein.

(…)

Aber zahllose selbst ernannte Computerspezialisten und geheimnisvoll raunende Experten werden sich bemühen, doch einen Weg zu finden, dem staatlichen trojanischen Pferd Leben einzuhauchen: Wem es gelingt, der ist Teil einer kleinen erleuchteten Gemeinde mit einem Geheinwissen, das soziales Prestige verschafft und das garantiert vom gewöhnlichen dümmsten anzunehmenden User nicht auf Fakten überprüft werden kann.«

(TP: Von Magische Laternen und Bundestrojanern)

Beim nächsten Mal: http://en.wikipedia.org/wiki/Critical_thinking

Helft Schäuble!

»Vom 12. – 14. Oktober ist es soweit. Auch Sie können dann aktiv an der Seite unseres Bundesinnenministers Dr. Wolfgang Schäuble die Bemühungen für die Innere Sicherheit unterstützen. Nehmen Sie mit aller Entschlossenheit den Kampf gegen den internationalen Terrorismus auf.

Vorbei mit Duckmäusertum und halbherzigem Rumgezeter!

In ganz Deutschland werden die drei Tage von Freitag bis Sonntag zu einer Demonstration des Schulterschlusses mit dem Anti-Terror-Kampf! Unterstützen Sie selbst die Sicherheitskräfte dabei, sämtliche terrorverdächtigen Gegenstände und Utensilien für immer in den Asservatenkammern zu verschließen.«

(Politblog.net » Antiterroristisches Wochenende 12.-14. Oktober 2007)

Inkonsistenzen

Erinnert sich noch jemand an die Räuberpistole von den Terroristen mit dem Wasserstoffperoxid? SpOn macht noch ein wenig weiter:

»Wie aus abgehörten Gesprächen hervorgeht, visierten die Islamisten als mögliche Ziele unter anderem die US-Basis Ramstein an.

(…)

Nach Erkenntnissen der Ermittler drängte die Führung der mysteriösen „Islamischen Dschihad Union“ (IJU) aus Pakistan und Iran im Laufe des August darauf, die Deutschen sollten sich beeilen.«

(Spiegel Online am 6. Oktober 2007)

Keine Neuigkeit, sondern nur eine Wiederholung dessen, was wir schon „wissen”. Um eine Neuigkeit zu berichten, hätten die Redakteure jedoch nur Zeitung oder Internet lesen und abschreiben müssen:

»Ich bezweifle aber, dass die drei im Auftrag einer festen Organisation namens Islamische Jihad-Union tätig waren.

(…)

Es gibt viele Indizien, dass es sich bei dieser Erklärung, die auf einer Internet-Homepage veröffentlicht wurde, um das Werk von Trittbrettfahrern handelt. Die Erklärung enthält nur Informationen, die vorher schon allgemein zugänglich waren.

(…)

Ich kann natürlich nicht beweisen, dass es die IJU nicht gibt, aber ich habe erhebliche Zweifel. Es gibt bisher nur einige wenige Lebenszeichen der IJU im Internet.«

(Benno Köpfer, Verfassungsschutz Baden-Württemberg, am 5. Oktober im taz-Interview)

Noch deutlicher der ARD-Bericht vom 4. Oktober:

»“Es werden in diesem Bekennerschreiben konkrete Anschlagsziele genannt: Ramstein“, sagte Köpfer. Seines Wissens seien aber die Verhafteten bis zuletzt unsicher gewesen, welches Ziel sie überhaupt angreifen sollten, auf welches Objekt sie diesen Anschlag ausüben würden. Nach seiner Einschätzung werde in dem Bekennerschreiben nur Medienberichterstattung aufgenommen. „Das lässt mich an der Authentizität zweifeln.“ Das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg gilt als das Kompetenzzentrum für Islamismus in Deutschland.

(…)

Die Verfassungsschützer macht jedoch stutzig, dass das Schreiben in türkischer Sprache verfasst ist und nicht wie bisher bei der IJU in englischer oder usbekischer Sprache. Zweifel haben Köpfer und seine Kollegen auch, ob es die IJU als professionelle Terrororganisation überhaupt real gibt. „Die ‚Islamische Dchihad Union‘, so wie sie sich uns darstellt, ist erst einmal eine Erfindung im Internet und hat nur eine Präsenz im Internet“, hieß es.«

(Verfassungsschutz zweifelt an Bekennerschreiben, tagesschau.de,
4. Oktober 2007)

Wir warten auf weitere Enthüllungen. Beim Celler Loch hat es acht Jahre gedauert, bis die Wahrheit ans Licht kam, beim Plutoniumschmuggel des BND nur ein halbes. Offen bleibt vorerst, warum die Marke Spiegel inzwischen die Seiten gewechselt hat und ver- statt enthüllt.

Freudscher Versprecher?

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt:

»“Die Sicherheit hat sich um Quanten erhöht“, meint Matthias Merx von der Bundesdruckerei in Berlin, wo die deutschen Pässe und Personalausweise hergestellt werden.«

(Spiegel Online über Fingerabdrücke im Reisepass)

»In physics, a quantum (plural: quanta) is an indivisible entity of energy.«

(Wikipedia über Quanten)

»Ein Quant (Wirtschaft) ist die Beschreibung für die kleinste, innerhalb eines Lagers adressierbare, Einheit.«

(Wikipedia über Quanten)

Quanten sind also das Kleinste, was man sich vorstellen kann, und um diese subatomare Größenordnung hat sich unsere Sicherheit durch die erkennungsdienstliche Behandlung auf dem Meldeamt erhöht. Sagt Herr Merx von der Bundesdruckerei, und der muss es wissen, denn in der Bundesdruckerei werden die Fingerabdrücke auf den Chip gebrannt.

Hacker ist man lebenslänglich

Wenn ich mich umbringen will, aber nur eine Schreckschusspistole zur Hand habe, was mache ich da? Genau, ich schaue in die Gelben Seiten und suche mir jemanden, der sich damit auskennt. So zum Beispiel:

»Bei einem Schusswechsel mit der Polizei ist am Sonntagabend in Plauen ein junger Mann ums Leben gekommen. Wie die Polizei mitteilte, hatte er zuvor telefonisch seinen Selbstmord angekündigt. Als die beiden alarmierten Beamten ihn in der Nähe seiner Wohnung antrafen, zog er ohne Vorwarnung eine Waffe und schoss auf die Einsatzkräfte. Ein Polizist (40) erwiderte das Feuer und verletzte den 25-Jährigen so schwer, dass er wenige Stunden später im Krankenhaus starb.

(…)

„Nach erster Einschätzung hat der Beamte in Notwehr gehandelt.“ Bei der Waffe des Opfers handele es sich um eine Schreckschusspistole. „Dies war aber für den Beamten im Einsatz nicht zu erkennen, er hat in den Lauf einer Pistole geschaut und dann sofort reagiert“, sagte eine Polizeisprecherin.«

(LVZ-Online: Mann bei Schusswechsel mit Polizei getötet)

Offen bleibt, warum jemand mit so viel Talent seinem Leben ein Ende setztsetzen lässt, statt Hacker zu werden. Wir zum Beispiel suchen ständig Hiwis.

Alte Männer mit Kugelschreibern

„Machen wir uns nichts vor: In den vergangenen Jahren ist, nicht nur in Deutschland, eine gefährliche Parallelgesellschaft entstanden. Eine Gegen­gesellschaft von alten Männern, die sich kurz nach Erfindung des Kugelschreibers vom technischen Fortschritt abgekoppelt haben. Reaktionär, dogmatisch, unbelehrbar – und auch noch mächtig stolz darauf.

Unsere grundlegenden Werte sind ihnen fremd. Soweit sie davon auch nur Kenntnis erlangen, wollen sie diese Werte zerstören. Die freie Information behindern und die freie Rede bestrafen. Sie wollen über unsere Rechner bestimmen, obwohl sie kaum imstande sind, ihren eigenen auch nur einzuschalten. Sie sind längst dabei, uns zu kolonialisieren. Ihre Missionare heißen Polizist und Staatsanwalt. Ihr liebster Psalm und Schlacht­ruf zugleich lautet: »Das Internet ist kein rechtsfreier Raum!«”

(Jungle World 36/2007: Alte Männer mit Kugelschreibern,
gefunden bei Isotopp)

MovieOS?

»Es war gegen 17 Uhr im gemeinsamen Internetzentrum der deutschen Sicherheitsbehörden in Berlin, als ein Experte fündig wurde. Über eine Internetseite, die schon vorher von Sympathisanten der Islamischen Dschihad Union aus Usbekistan(Islamic Jihad Union, IJU) benutzt wurde, flimmerte plötzlich ein langes Kommuniqué der noch weitgehend mysteriösen Gruppe.«

(SPIEGEL ONLINE)

So ein Drehbuch muss man einfach verfilmen, nicht wahr?

Nazis gucken macht Spaß

Oliver in seiner Eigenschaft als PR-Mann des Fraunhofer SIT meint, das Institut müsste eine Linking Policy haben für den Fall, dass mal Nazis auf die Fraunhofer-Seiten linken. Ich halte das für Quatsch, unter anderem deshalb, weil es viel größeren Ärger gibt, wenn wir auf Nazis linken. Ein Link ist nämlich gerichtet und sagt mehr über seine Quelle als über das Ziel aus: an der Quelle wird er bewusst gesetzt, während das Ziel meist gar nichts weiß von seinem Glück. Das haben sogar die Juristen verstanden und manchmal überinterpretiert, indem sie dazu neigen, aus jedem Link gleich eine Unterstützung und Verbreitung der Inhalte seines Ziels zu konstruieren. Aber ich wollte nicht labern, sondern Nazis verlinken. Also:

Kürzlich gab es mal wieder Geschrei um Nazis im Netz, genauer um Nazi-Videos auf YouTube. Google gelobte Besserung, das heißt schnellere Beseitigung, und erneut war eine Chance auf mehr politische Bildung dank Internet unbedacht vertan. Auch wenn es eklig ist, sollte man sich so etwas nämlich durchaus mal reinziehen. Dann weiß man, wie die Leute ticken und kann ihnen intelligent eins auswischen, falls sie sich vor der Keilerei noch auf eine Diskussion einlassen. Die Wahrscheinlichkeit dafür steigt mit der Zahl der Parlamanete, in die Nazis gewählt wurden; im Parlament prügelt man sich auch als Nazi normalerweise nicht.

Sehr aufschlussreich ist zum Beispiel dieses Video (NSFWNot Safe For Work, lieber dort gucken, wo es keiner in den falschen Hals kriegen kann). Frank Rennicke, Nazi-Sänger und verurteilter Volksverhetzer, lässt sich darin eine gute Viertelstunde lang darüber aus, wie scheiße Nazis doch in Wirklichkeit sind, wie wenig sie taugen, als Menschen im Allgemeinen wie als Nazis im Besonderen, und dass sie sich gefälligst Organisation und Kameradschaft von den Ausländern abgucken sollen. Richtig gelesen, von den Ausländern. ROTFL! Das ist uneingeschränkt sehenswert. Ganz großes Kino. Zitat: »Die wollen Deutschland retten?!?« Da muss man selbst gar nichts mehr sagen, wenn sich Nazis darüber aufregen, wie Nazis Nazis zerfleischen.

So, und jetzt bin ich gespannt, wie lange dieser Versuch hier stehenbleibt.