Archiv der Kategorie: Regierungsviertel

Politik

Unterschätzte Risiken: Ahnungsloses Parolenrecycling

»Wahltag ist Zahltag,« plakatierten Parteien am äußersten rechten Rand des legalen politischen Spektrums jahrelang, um sich Unzufriedenen als Wahlalternative anzudienen. Das dürfte eigentlich niemandem entgangen sein, der einmal mit offenen Augen durch die Welt gelaufen ist. Oder durchs Internet.

Nach aktuellen Medienberichten plappern die Stuttgarter Bahnhofsprotestler diese Parole nun nach. Damit machen sie ihren seit je seltsamen Widerstand zum nationalen Widerstand und verabschieden sich, ob gewollt oder nicht, endgültig aus der Arena des konstruktiven Diskurses. Wir können das Thema abhaken, es gibt keinen ernstzunehmenden Protest mehr gegen Stuttgart 21.

Unterschätzte Risiken: Gerüchte

Snopes.com kennt Ihr sicher, das Standardwerk der Gerüchteforschung mit einem umfassenden Verzeichnis von Urban Legends und Folklore samt Wahrheitsbewertung und ggf. Richtigstellung. Für die EU hat die Europäische Kommission mit dem Aufbau eines ähnlichen Lexikons begonnen, das sich exklusiv mit EU-Folklore befasst:

»Es gibt in den nationalen Medien zwar viele klare und informative Berichte über die EU – aber leider auch eine große Zahl von Geschichten, die entweder auf Halbwahrheiten basieren oder sogar frei erfunden sind. Zweifellos sind diese Geschichten manchmal recht amüsant. Aber viele Menschen glauben das, was darin behauptet wird, und das Bild, das sie von der EU haben, ist das eines Haufens verrückter „Eurokraten“. Auf diesen Seiten wollen wir einige dieser Geschichten wiedergeben und die Fakten gerade rücken – leider können wir das nicht mit allen Falschmeldungen tun.«

(Europäische Kommission: Dichtung und Wahrheit)

Bürgerbeteiligung ist erwünscht, jeder kann eigene Beispiele einsenden.

Meine teuerste Karte

X3 bringt auf den Punkt, was am neuen Personalausweis blöd ist:

(Direkt-nPA)

So etwas kommt heraus, wenn man Sicherheit als Funktion und Teilsystem missversteht und diese Funktion unabhängig vom Anwendungskontext realisiert. Wer’s besser machen möchte, muss von den Anwendungen und ihrem Sicherheitsbedarf ausgehen. Dabei können am Ende auch generische Mechanismen herauskommen. Dann aber solche, die ihr Geld wert sind und zu den jeweiligen Problemen passen. Bis das alle begriffen haben, wird meine wichtigste Karte weiterhin eine lange Nummer und das Logo einer Kreditkartenorganisation tragen. Damit kann ich online wie offline was anfangen, und Kosten wie Risiken bleiben bescheiden.

Mehr Sicherheitsgefühl durch Terrorwarnungen

Der Bundesinnenminister hat seinen Schopenhauer gelesen und verstanden:

»De Maizière betonte, nach seinem öffentlichen Gefahrenhinweis hätten Umfragen gezeigt, dass sich viele Bürger sicherer gefühlt haben als vorher.«

(Spiegel Online: Innenminister de Maizière: „Schöner Sieg über psychologische Kriegführung der Terroristen“)

Wenn uns jetzt noch Rösler vor einer Epidemie, Ramsauer vor Verkehrsunfällen und Aigner vor dem Internet warnt, gehen wir völlig unbesorgt aus dem Haus.

Bravo!

Mein innerer Rhetoriker zieht den Hut vor dieser Chuzpe. Ihre Ablehnung von Nummernschildern für Polizisten begründet die GdP mit – unzuverlässigen Polizisten, die Daten an Kriminelle und Hooligans leaken könnten:

„Wir haben in Berlin 20.000 Polizeibeschäftigte, die alle den Zugriff auf die Nummern haben“, sagt Eisenreich. „Das können Sie gar nicht kontrollieren.“

(sueddeutsche.de: Namensschilder für Berliner Polizei – Die Namen des Gesetzes)

Ich bin begeistert.

Rolltore gegen Terroristen

Das wird den fiesen Terrorplan bestimmt vereiteln:

»Um 15.18 Uhr gingen die stählernen Rolltore an den Seiteneingängen des Hauptbahnhofs hinunter. Und dort sollen sie bis auf weiteres auch bleiben. Denn die akute Terrorgefahr, die Bundesinnenminister Thomas de Maizière am Mittwochmittag für das gesamte Bundesgebiet öffentlich gemacht hatte, hat auch für den Großraum München sichtbare Folgen.«

(sueddeutsche.de: Wenn am Bahnhof die Gitter runtergehen)

Jedenfalls wenn der fiese Terrorplan ganz wesentlich darauf beruht, den Münchener Hauptbahnhof durch die Seiteneingänge zu betreten oder zu verlassen. Bestünde der Plan hingegen darin, sagen wir mal, einen Selbstmordanschlag auf einen katholischen Gottesdienst zu verüben, dann wären die Rolltore an den Seiteneingängen des Bahnhofes bedeutungslos. Aber dieses Szenario ist natürlich weit hergeholt, kein islamistischer Terrorist käme auf die Idee, einen katholischen Gottesdienst in Bayern anzugreifen.

Wie beruhigend, dass unser Terrorkommando erst am Montag eintreffen soll, da haben wir noch ein wenig Zeit zum Nachdenken. Zum Beispiel darüber, wie ernst wir „Geheim“dienstinformationen nehmen sollen, die derart breitgetreten werden, dass sie in jeder Zeitung zu lesen sind.

Fiktionsfalle

Fefe hat ein Whitepaper zum nPA gefunden. Darin heißt es unter anderem:

»Sofern der Ausweis missbräuchlich verwendet wurde, liegt eine Täuschung des Dienstanbieters in der Person des Kunden vor. Die vom Angreifer abgegebene Willenserklärung ist für den Inhaber des Ausweises nicht bindend.«

Das ist eine sinnvolle Regelung, und wenn ich mit meinem guten Namen zahle, dann wird sie seit jeher so angewandt. Allerdings fehlt den eID-Funktionen im neuen Personalausweis ein Element, das die Abstreitbarkeit erst ermöglicht. Zu meiner Kreditkarte bekomme ich jeden Monat eine Liste der mir zugeschriebenen Vorgänge. Dieser Service fehlt dem elektrischen Ausweis.

Überzeugendes Argument

Spanien hat ihn schon, seinen elektronischenneuen Personalausweis (nPA), und die Werbung dazu auch. DNI electrónico (DNI: Documento Nacional de Identidad) heißt das Stück dort und im Gegensatz zum nPA trägt er einen klassischen Chipkartenchip mit Kontakten. Aber selbst in Spanien, wo der Personalausweis im Alltag viel präsenter ist als bei uns und zum Beispiel beim Zahlen mit Kreditkarte gewohnheitsmäßig vorgezeigt wird, braucht die elektronische Version etwas Nachhilfe. Diese Nachhilfe fällt aber nur in den Augen eines Bürokraten überzeugend aus. »Deine Steuererklärung wo und wann du willst«, das ist nicht gerade die sexy Informationsgesellschaft, auf die sich alle stürzen. Web 2.0 ist hip, Youtube, Twitter, Facebook und so weiter, aber Steuererklärungen?

Werbung der Spanischen Regierung für den elektronischen Ausweis "DNI electrónico" aus der Zeitung "El País"

35 Meilen

Und so gehen pragmatische Amerikaner mit rauchenden Vulkanen um:

„In den USA zieht man bei einem Ausbruch einfach einen Sperrkreis von 35 Meilen um den Vulkan und geht ansonsten davon aus, dass auch in größerer Entfernung niemand durch die sichtbare Aschewolke fliegt“, sagte indessen ein ranghoher Branchenvertreter, der nicht genannt werden wollte, dem Tagesspiegel. „Die Amerikaner müssen sich über die Europäer totgelacht haben.“

(Tagesspiegel: Flugverbot – die Branche flucht)

Wie verkauft man geklaute Daten an einen Staat?

Während alle Welt über ethische und rechtliche Fragen des Ankaufs geklauter Daten durch den Staat debattiert, interessieren mich die praktischen Aspekte. Wie fädelt man als Besitzer kompromittierender Daten so ein Geschäft ein, damit die Wahrscheinlichkeit, das verlangte Geld später in Ruhe ausgeben zu können, möglichst hoch wird?

Wir haben auf der einen Seite einen Verkäufer, der im Prinzip irgendwo auf der Welt sitzen und die Daten übers Internet bereitstellen kann. Sein möglicher Abnehmer wird sich jedoch kaum auf eine Lieferung gegen Vorkasse einlassen, was einen beiderseits akzeptierten Prozess für den Austausch erfordert.

Auf der anderen Seite haben wir als Käufer einen Staat mit einer Polizei und Gesetzen, der seine Kosten reduzieren kann, wenn er den Lieferanten nicht bezahlt, sondern ihn auf frischer Tat mitsamt den Daten ertappt. Mit der verlangten Summe dürften sich eine Polizeiaktion, ein Prozess sowie einige Gefängnispersonenjahre ohne Schwierigkeiten finanzieren lassen. Der Käufer ist außerdem international vernetzt, hat also die Möglichkeit, Verhaftungen auch im Ausland zu erwirken.

Als dritter Mitspieler ist ein weiterer Staat im Spiel, der über dieselben Fähigkeiten verfügt und das Interesse verfolgt, das Geschäft zu vereiteln und den Verkäufer seinerseits hinter Schloss und Riegel zu bringen – oder ihn vielleicht auch zur Abschreckung öffentlich einer Geheimdienstaktion zum Opfer fallen zu lassen.

Wie würde man sich als Täter in dieser Situation absichern?

P.S.: Wie ist die ganze Aktion eigentlich Datenschutzrechtlich zu bewerten?

TR-Mail

E-Mail vom Staat, das löst hierzulande einiges Misstrauen aus. Woanders fragt man gar nicht erst:

»Ab nächstem Jahr bekommen alle türkischen Neugeborenen eine E-Mail-Adresse vom Staat. Diese Adresse wird von einer Behörde verwaltet und in den Pass gedruckt. Zugleich soll die Verwendung ausländischer Dienste wie Google und Yahoo verboten werden. Das Projekt dient der nationalen Sicherheit.«

(Welt Online: Nationale Sicherheit: Jeder Türke erhält eine E-Mail-Adresse vom Staat)