Archiv der Kategorie: Unterschätzte Risiken

Unterschätzte Risiken: Straßenmöblierung

Der HR berichtet:

»Zwei Autofahrer sind auf der A 66 mit einem Sofa kollidiert. Wie die Polizei am Montag mitteilte, streifte ein 38-jähriger Autofahrer das Möbelstück am Samstagabend und fuhr dann ein Ausweichmanöver. Der nachfolgende Fahrer konnte nicht mehr bremsen und krachte frontal gegen die Couch. Der Schaden liegt bei 8.000 Euro.«

Und ich dachte, die Möblierung des öffentlichen Verkehrsraums beschränke sich auf Geh- und Radwege.

Unterschätzte Risiken: Nachtleben

LVZ-Online berichtet aus Leipzig:

»In der Leipziger Innenstadt ist am frühen Samstagmorgen ein Mann erschossen und ein weiterer mit Messerstichen schwer verletzt worden. Vorausgegangen war ein heftiger Streit von mehreren Besuchern der Diskothek „Schauhaus“, wie die Polizei mitteilte. Die Randalierer seien des Platzes verwiesen worden und anschließend gewalttätig durch Leipzig gezogen. Es seien schließlich mehrere Gruppen von insgesamt 150 Personen gewesen, die sich eine Straßenschlacht lieferten. Dabei sei ein 29-Jähriger erschossen und ein 37-Jähriger niedergestochen worden. (…)«

Noch ein Risiko, dem man als Nerd leicht entgeht.

Unterschätzte Risiken: frustrierte Rentner

»Leipzig. Dass er wegen angeblich zu später Briefzustellung Schläge einstecken muss, hätte sich ein 36-jähriger Postmitarbeiter wohl nicht träumen lassen. Seine Tour führte ihn am Montag nach Wahren. In der Hirtenholzstraße wollte er einem älteren Herrn einen Brief aushändigen, für den noch Nachporto gezahlt werden musste. Für den Rentner, der sich schon öfter über die angeblich verspätete Postzustellung beschwert hatte, brachte die Zahlungsaufforderung das Fass offenbar zum Überlaufen.

Anstatt die 86 Cent Porto zu bezahlen, zettelte er nach Polizeiangaben ein Handgemenge an und schlug dem Postboten mehrfach mit der flachen Hand gegen den Oberkörper. (…)«

Unterschätzte Risiken: Multiversum

ZEIT: Könnte ein neues Universum direkt vor uns auf dem Tisch aufpoppen?

Vilenkin: Ja, so eine Blase würde uns ohne Vorwarnung treffen…

Linde: …und der Rekorder würde aufhören aufzunehmen, wir würden keine Fragen mehr beantworten – und auch aufhören zu existieren.

ZEIT: Man würde die Geburt eines neuen Universums also tatsächlich bemerken?

Linde: Bemerken vielleicht, aber niemals darüber berichten.

(Die Zeit: »Der Spielraum Gottes schrumpft«)

Unterschätzte Risiken: Halbwissen

Faustregeln, vornehm auch Heuristiken genannt, sind eine feine Sache. Sie reduzieren die scheinbare Komplexität unserer Welt und erleichtern damit den Alltag. Leider nicht immer:

»Wie ein Experiment nun erstmals gezeigt hat, lassen sich Nichtfachleute von neurowissenschaftlich verbrämten Argumenten derart blenden, dass sie logische Mängel derselben nicht mehr zu erkennen vermögen.
(…)
Die Pointe der Versuchsanordnung bestand darin, dass die neurowissenschaftliche Information logisch gesehen völlig wertlos war: Sie trug in keiner Weise zur Erklärung bei.
(…)
Wurden die Erklärungen ohne neurowissenschaftliche Zusätze präsentiert, so waren Laien (ohne Vorkenntnisse in der Hirnforschung) ebenso wie Experten (mit einschlägigem Vorwissen) recht gut in der Lage, die logischen Mängel der schlechten Erklärungen zu durchschauen: Sie veranschlagten die Qualität der guten Erklärungen als deutlich höher. Ganz anders das Bild, wenn den Teilnehmern neurowissenschaftlich verbrämte Erläuterungen vorgelegt wurden.«

Das berichtet die NZZ und bezieht sich damit auf den Artikel The Seductive Allure of Neuroscience Explanations von Deena Skolnick Weisberg, Frank C. Keil, Joshua Goodstein, Elizabeth Rawson und Jeremy R. Gray im Journal of Cognitive Neuroscience 20, 470–477 (2008).

Vielleicht sollte ich es doch mal mit Social Engineering versuchen, wenn Blendwerk so gut funktioniert. Oder lieber Bullshit Bingo, jetzt, wo es alle wissen und anwenden?

Unterschätzte Risiken: Psychopathen auf Arbeitssuche

»Ein 75-jähriger Radfahrer ist am Sonntag bei Beyersdorf (Landkreis Anhalt-Bitterfeld) von einer Autofahrerin auf einem Feldweg mit einem Beil erschlagen worden. Als Motiv für den Angriff auf den ihr unbekannten Mann gab die 52-Jährige aus Sachsen Wut über ihre erfolglose Arbeitsuche an. (…)«

(Magdeburger Volksstimme)

Alle naheliegenden Witze über Kopfverletzungen, Radelhelme und die Hannelore-Kohl-Stiftung hat de.rec.fahrrad bereits gemacht.

Unterschätzte Risiken: Bauarbeiten

Bei Frau Carone tobt gerade eine Helmdiskussion [Update: in der ich nicht mehr mitspielen darf, wohl weil ich zu gerne die Wikipedia zitiere und Echte Wissenschaftler™ das ihbäh finden]. Auf der Suche nach Vergleichszahlen bin ich über das gestolpert:

»25 % mehr tödliche Unfälle am Bau
2006: Jeder 5000. Bauarbeiter verliert sein Leben auf der Baustelle

Deutschlandweit starben 2006 in der Bauwirtschaft 141 Menschen und damit 28 mehr als ein Jahr zuvor.
(…)
Die Zahl der schweren Unfälle insgesamt stieg im selben Zeitraum um rund 5200 auf knapp 129 000 an. 3031 Bauleute wurden durch einen Unfall dauerhaft arbeitsunfähig, elf Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
(…)
Die Dunkelziffer bei den genannten Negativzahlen dürfte allerdings deutlich höher liegen, weil immer mehr Selbständige (auch Scheinselbständige und Ich-AGler) nicht erfasst werden. Die Beschäftigtenzahl im Baugewerbe ging 2006 indes leicht zurück. Waren es im Juni 2005 noch 733.757 Beschäftigte, reduzierte ich die Zahl bis Juni 2006 auf 729.062 Beschäftigte.«

Jeder 5000., das wären hochgerechnet auf 80 Millionen Bundeseinwohner ungefähr 16000 (sechzehntausend) Tote und noch eine Dunkelziffer obendrauf. Trotzdem schaut man mich komisch an, wenn ich behaupte, Radfahren sei nicht besonders gefährlich.

Unterschätzte Risiken: Italienisches Duschgel

Der Hessische Rundfunk berichtet auf seiner Website:

»Eifrig sammelten die Narren am vergangenen Dienstag die geworfenen Bonbons, Lutscher und Gummibärchen auf. Unter den verteilten Kleinigkeiten waren auch Duschgelproben. Allerdings waren die Päckchen in italienischer Sprache beschriftet und das sorgte offenbar für Irritation.

Die Aufschrift „yoghurt doccia crema“, die nichts anderes bedeutet als Joghurt-Duschgel, hatte zur Folge, dass einige Leute den Inhalt verspeisten.«

Ein interessanter, weil trotz seiner Absurdität typischer Fall. Hier wirken mehrere Faktoren zusammen und keiner hat vorher geahnt, wozu das führen würde:

  • Fehlende Sprachkenntnisse. Italienisch lernen hierzulande nur Pizzabäcker und Opernfans.
  • Die Idiotie der Kosmetikfirmen, ihre Produkte mit Beimengungen von Lebensmitteln zu veredeln beziehungsweise die Idiotie der Käufer, so etwas zu honorieren.
  • Der unpassende Kontext. Seit wann werfen Fastnachtsumzüge mit Duschgel?
  • Übermäßiges Vertrauen in die Essbarkeit. Sollte man nicht spätestens beim Öffnen der Verpackung auf die Idee kommen, dass es sich vielleicht nicht um ein Lebensmittel handelt?

Schlussfolgerung: Es könnte jeden treffen!

Unterschätzte Risiken: Frühjahrsputz

Zur Abwechslung in dieser Kategorie mal ein durch und durch ernsthafter Sicherheitshinweis. Die Süddeutsche erinnert uns an eine gern verdrängte Tatsache:

»Im Jahr 2006 sind nach der Zählung des Statistischen Bundesamtes (destatis) 6455 Menschen bei häuslichen Unfällen ums Leben gekommen. Das sind mehr als im gleichen Zeitraum im Straßenverkehr (5174). Während die Zahl der Verkehrstoten kontinuierlich sinkt, steigt die Zahl der Todesopfer im häuslichen Bereich stetig an.«

Tragt Helme im Haushalt! Das empfiehlt auch die Hannelore-Kohl-Stiftung. Nun ja, nicht ganz: ginge es nach deren Kampagnen, müsste man Helme beim Radfahren und beim Schuhrollen tragen, nicht im Haushalt. Gut, dass wir es besser wissen.

Unterschätzte Risiken: Kinderfasching

»Hassenroth. Kinderfasching endet mit Schlägerei und sieben Verletzten

Wegen einer Schlägerei bei der traditionellen Kinderfastnacht in Hassenroth wurde am Sonntag gegen 17 Uhr die Polzei arlamiert. Anscheinend war das Kinderspiel „Die Reise nach Jerusalem“ Anlass für Tätlichkeiten unter den Eltern. Nach Angaben der Polizei hätten einige versucht, die Spielregeln im Interesse ihrer Kinder zu ändern und seien zunächst verbal und dann tätlich gegen die Organisatorinnen der Veranstaltung gegangen. Fünf Erwachsene und zwei Kinder wurden verletzt. Die jungen Gäste seien zudem zum Teil stark traumatisiert. (…)«

(Echo Online)

Wenn ich über die Ursache spekulieren darf: da hat wohl jemand mit Jerusalem spontan Intifada assoziiert.

Unterschätzte Risiken: Johannisbeermarmelade und Rote Beete

Wer wirklich sicher sein will, der muss mit allem rechnen:

»Mit eingewecktem Obst und Gemüse wurde ein 62-Jähriger am Montag in Altlindenau beworfen. (…)

Zunächst warf ein Unbekannter eine Portion Johannisbeermarmelade in den Raum, welche einen großen Fleck auf der Auslegware verursachte. Noch bevor dieses Übel beseitigt werden konnte, folgte ein Glas Rote Beete und landete ebenfalls auf dem Teppich. Die umherfliegenden Stücke und Spritzer verunreinigten dabei sowohl die Auslegware als auch Wände und Büromöbel. Der dadurch entstandene Schaden beläuft sich auf rund 2000 Euro.«

(Leipziger Volkszeitung – www.lvz-online.de, 2007-07-04)

Hand aufs Herz, wer wäre von selbst auf dieses Angreifermodell gekommen?