Archiv der Kategorie: Psycho

Wichtigtuer

Wovor die Helmzwangdebatte geflissentlich ausweicht, ist die Risikoanalyse, die dem Gezänk schnell ein Ende machte. Radfahren ist keine besonders gefährliche Tätigkeit. Das Risiko, dabei an einer Kopfverletzung zu sterben, bleibt gering. Erst in der Summe über die Bevölkerung wird dieses Risiko überhaupt sichtbar − und liegt in derselben Größenordnung wie jenes von tödlichen Badeunfällen. Das eine wie das andere Übel kann man getrost als Schicksalsschlag einordnen, tragisch für den, dem er zustößt, aber weit davon entfernt, die Bevölkerung zu dezimieren. Analoge Betrachtungen kann man über die Verletzungsrisiken anstellen.

In der Aggregation wird auch der ganze wirtschaftliche Irrwitz einer Helmpflicht deutlich. Kauften wir nur zu jedem zweiten der 70 Millionen Fahrräder in Deutschland einen Helm für günstige 20 Euro, so kämen stattliche 700 Millionen Euro Kosten zusammen. Eine zweifelhafte Investition, wenn man nüchtern rechnet und das reale Schutzpotenzial ansetzt, das die kolportierten Wunderwirkungen weit untertreffen dürfte. So ein Fahrradhelm schützt nämlich nicht einmal den halben Kopf und das am besten bei Stürzen, die man auch ohne Helm leicht überlebt.

Radfahrer handeln rational, wenn sie die mit Helmen beeinflusste Risikokomponente im Rauschen der allgemeinen und insgesamt geringen Lebensrisiken verschwinden sehen und auf besondere Schutzausrüstung verzichten. Unredlich hingegen handelt, wer solche Risikobetrachtungen unterlässt und die Staatsmacht als Bekleidungspolizei missbrauchen möchte. Wer sich mit Helm wohlfühlt, mag einen tragen. Einer Pflicht dazu fehlt jedoch jede sachliche Rechtfertigung.

P.S.: Kann mal jemand im Koran nachgucken, ob ein Fahrradhelm als Kopftuch durchgeht? Das wäre zwar gemogelt, gäbe der Diskussion aber einen ganz anderen Anstrich.

Angst vorm Risiko

Cora Stephan liest uns die Leviten:

»Überall Warnungen, Ratschläge: Wer hierzulande Radio hört, muss glauben, in Deutschland wohnten nur Muttersöhnchen. Das ist fatal.«

(Welt Online: Das Risiko ist zum Inbegriff des Schreckens geworden)

Recht hat sie. Risiko ist nichts, wovor man Angst haben müsste, Risiko ist einfach Ungewissheit über die Zukunft, die sich kaum vermeiden lässt. Quantifizierte und analysierte Ungewissheit, um genau zu sein, also das Maximum an Prophezeiung, zu dem wir anhand der vorliegenden Daten in der Lage sind.  Vermeiden können wir Risiken nicht, wir können uns nur darauf vorbereiten. Woraus einem interessierte Antagonisten allerdings manchmal einen Strick zu drehen versuchen, wie etwa im Falle von Stuttgart 21, wo die Gegner eine umfangreiche Analyse der Projektrisiken zu einem Kritikpunkt umdeutete. Dabei sind Projektrisiken unvermeidlich und ihre systematische Behandlung Teil jedes Projektmanagements.

Kleine Datenschutztheaterlinksammlung

In den Kreisen der Spackeria macht die Wortschöpfung Datenschutztheater die Runde. Bereits vor knapp einem Jahr prägteverwendete Ed Felten die englische Entsprechung Privacy Theater, die ungefähr dasselbe bezeichnet, nur ohne den deutschen Bürokratie- und Beauftragtenoverhead. Google findet noch ein paar frühere Verwendungen. Isotopp beleuchtet schon seit längerer Zeit immer wieder Beispiele, zuletzt das Opt-Out für WLAN-Accesspoints und die amtlich datenschutzkonforme Verwendungsweise von Google Analytics. Zeit für einen Paradigmenwechsel im organisierten Datenschutz.

Trust Center

Nach dem Vorfall bei Diginotar − Unbekannte haben sich mehrere von Diginotar ausgestellte SSL-Zertifikate verschafft, und eines davon blieb längere Zeit unbemerkt gültig − schimpfen viele über das Geschäft der Zertifikatsaussteller und deren vorinstallierte CA-Zertifikate in Webbrowsern. Es ist einfach, Dinge für kaputt zu erklären, aber damit verbessert man nicht unbedingt die Welt. CAs heißen auch Trust Center. Das ist die bessere Bezeichnung, denn mit einem realistischen Vertrauensbegriff ergibt alles einen Sinn.

Vertrauen ist ein Vorurteil zur Reduktion sozialer Komplexität, eine Erwartung an das Verhalten anderer, die erfüllt oder auch entäuscht werden kann. Ob online oder im Alltag, ich könnte vor jeder Interaktion mit anderen gründlich prüfen, mit wem ich es zu tun habe, und  Vorsichtsmaßnahmen gegen das Scheitern ergreifen. Das wäre aber aufwändig, vor allem Im Verhältnis zur Größe und Häufigkeit von Alltagsgeschäften wie dem Kauf eines belegten Brötchens oder dem Aufbau einer SSL-Verbindung. Also lasse ich die Vorsichtsmaßnahmen weg und ersetze sie durch Vertrauen.

Unbekannte ohne Interaktionshistorie bekommen ein Basisniveau an Vertrauen zugeordnet, das begrenzt ist: einem Fremden im Park werde ich gerne drei Jonglierbälle im Wert von ca. 20 Euro borgen, nicht aber mein Fahrrad. Wiederholte erfolgreiche Interaktion lässt das Vertrauen wachsen. Wer ein paarmal im Park mit mir jongliert und meine Bälle nicht an Hunde verfüttert hat, bekommt unter Umständen höhere Werte anvertraut. Ich verborge auch mein Fahrrad, nur nicht an jeden. Enttäuschtes Vertrauen wird unmittelbar zerstört, wenn die Enttäuschung bemerkt wird. Es kann danach dauerhaft zerstört bleiben oder erneut aufgebaut werden, möglicherweise von einem niedrigeren Startniveau als bei Unbekannten.

Vertrauen lässt sich böswillig ausnutzen. Dazu muss sich der Angreifer lediglich anders verhalten als sein Opfer es erwartet und dabei im Verfügungsrahmen des ihm entgegengebrachten Vertrauens bleiben. Ein unseriöser Spendensammler auf der Straße nutzt das Basisvertrauen gegenüber Unbekannten, während ein Anlagebetrüger oft bewusst Vertrauenspflege betreibt, um größere Summen anvertraut zu bekommen. Solche Vertrauensbrüche sind verboten und werden verfolgt. Unsere Gesellschaft hält Vertrauen für so nützlich, dass sie seine böswillige Ausnutzung bestraft. Auf diese Weise erleichtert sie uns das Vertrauen ineinander und damit die soziale und ökonomische Interaktion.

Analoge Vorgänge beobachten wir im Zusammenhang mit Diginotar und anderen SSL-CAs. Den vorinstallierten CAs zu vertrauen, erleichtert unseren Alltag. Unser Vertrauen bleibt begrenzt, Bankgeschäfte zum Beispiel mit ihrem vergleichsweise hohen Verlustpotenzial stützen sich nicht alleine auf SSL, sondern verwenden weitere Mechanismen. Das Vertrauen in Diginotar ist aufgrund des Vorfalls nun zerstört. Vasco als Mutterfirma hat die Wahl, die Investition abzuschreiben oder neues Vertrauen aufzubauen, vorzugsweise unter neuem Namen, um scheinbar unbelastet beim Basisniveau anfangen zu können.

Das einzige gefährliche Trugbild, das ich hier sehe, ist die falsche Perfektionserwartung, die aus vermeintlichen Sicherheitsversprechen folgt. Browser mit vorinstallierten CA-Zertifikaten geben kein Sicherheitsversprechen, sondern sie ermöglichen Vertrauen, nicht mehr und nicht weniger. Wer an der Verwendung von CA-Zertifikaten wirklich etwas verbessern möchte, der sollte daran arbeiten, Vertrauensbrüche schnell und verlässlich erkennbar zu machen. Das halte ich für das eigentliche Problem: ich bekomme nur zufällig und unsystematisch mit, wie sich eine CA verhält.

(Das war zuerst ein Kommentar auf Google+, passt aber besser hier ins Blog.)

«Die Medien lieben Strahlen.»

Die NZZ fasst zusammen, was bereits jeder beobachten konnte:

»Was im japanischen Atomkraftwerk Fukushima geschah, ist eine Frage, die Spezialisten klären müssen nach Massgabe wissenschaftlicher Erkenntnis. Ein anderes ist es, was die Medien den Menschen über die Katastrophe erzählen. Dabei macht sich jede Nation einen eigenen Reim auf das Geschehen.«

(NZZ: Fukushima – eine Erzählung in nationalen Geschichten)

Expertentipps

FAZ.NET watscht die Dauernuckelfraktion und ihre Ratgeber ab: man möge doch einfach auf seinen Durst hören statt auf die Trinkmengenempfehlungen von Trinkmengenexperten. Solche Emfehlungen hätten keine wissenschaftliche Grundlage, übertriebener Trinkeifer könne sogar schaden.

So weit, so gut. Was die Autorin freilich unterschlägt, ist die Rolle der Medien in diesem Spiel. Es mag ja sein, dass die Mineralwasserabfüller zu schwarzer PR greifen, um mehr Wasser in Flaschen abzusetzen. Auch die beste PR braucht aber jemanden, der die Botschaft weiterträgt. Das tun Medien nur zu gerne und nennen es Service, praktische Lebenshilfe mit einfachen Empfehlungen auf berufenem Munde.

Servicethemen muss man kaum einem Medium aufdrängen, sie suchen selbständig danach, nicht nur in Serviceformaten, sondern praktisch immer, wenn sie einen Experten für irgend etwas vors Mikrofon bekommen. Der Experte darf gerne eine Weile erklären und einschätzen und abwägen, aber am Ende soll er dem Publikum bitteschön konkrete Tipps geben: Wie oft soll ich meine Unterhose wechseln? Womit kann ich mich vor Regen schützen? Wann kommt der Weihnachtsmann und biete ich ihm Kaffee an? Aber bitte ganz einfach, wir wollen das Publikum ja nicht überfordern.

So kommt es, dass die Medien voll sind von Expertentipps. Zeckenexperten geben Zeckenalarm und empfehlen Zeckenschutzzimpfungen, Fahrradhelmexperten empfehlen Styropor auf dem Kopf, IT-Sicherheitsexperten empfehlen Virenscanner und unrealistisch (und oft unnötig) komplizierte Passworte.

Das ist nicht nur eine Einladung an jeden PR-Arbeiter, seinen Mineralwasserexperten dort einzureihen, sondern auch ein Problem für echte Experten. Gewiss, ein paar einfache Tipps sind leicht formuliert. Nützlich und seriös werden sie aber erst, wenn sie auch eine nennenswerte Wirkung versprechen. Das tun einfache Tipps für komplizierte Probleme aber kaum. Ich kann niemandem in drei einfachen Tipps erklären, wie er Unfälle vermeidet, seine IT-Sicherheit erhält oder länger lebt.

Anders herum ausgedrückt, alle einfachen und verständlichen Tipps, die ich geben kann, werden in der Zielgruppe ohne messbare Wirkung bleiben. Mit einer Ausnahme. Wer dem Rat der Experten folgend etwas getan und vorgesorgt hat, fühlt sich besser, ganz gleich, was es wirklich bringt. Das ist der Service.

Liebe Melanie Berg,

Wenn Sie wieder einmal eine verlorene Tasche finden, dann machen Sie sich damit nicht wichtig. Sondern tun Sie in aller Ruhe das, was Ihren Mitmenschen als das Naheliegendste erscheint: bringen Sie ihren Fund ins Fundbüro. Dass Menschen etwas verlieren oder liegenlassen, ist ein alltäglicher Vorgang, der keinen Polizeieinsatz und keine Bahnhofssperrung erfordert. Und falls Sie sich wirklich einmal unsicher sind, ob die gefundene Tasche nicht doch eine Bombe enthält, dann öffnen Sie einfach den Reißverschluss und schauen Sie hinein. Meistens ist ein Rucksack nämlich einfach ein Rucksack. Oder haben Sie so viele schlechte Filme gesehen, dass Sie Angst davor haben?

Greenpeace-Logik

Es gibt Menschen und Organisationen, für die sind beherrschbare Unfälle der größte anzunehmende Unfall:

»Sollte Tepco die Lage in Fukushima unter Kontrolle bekommen, könnte der falsche Eindruck entstehen, selbst schwere Atomunfälle seien vom Menschen beherrschbar.«

(Tagesspiegel: Fukushima: Kampf mit den Elementen)

Die träumen wohl weiter vom zweiten Tschernobyl. Gut, dass wir das endlich mal empirisch klären.

Risk Compensation and Bicycle Helmets

Found via de.rec.fahrrad:

This study investigated risk compensation by cyclists in response to bicycle helmet wearing by observing changes in cycling behavior, reported experience of risk, and a possible objective measure of experienced risk. The suitability of heart rate variability (HRV) as an objective measure of experienced risk was assessed beforehand by recording HRV measures in nine participants watching a thriller film. We observed a significant decrease in HRV in line with expected increases in psychological challenge presented by the film. HRV was then used along with cycling pace and self-reported risk in a field experiment in which 35 cyclist volunteers cycled 0.4 km downhill, once with and once without a helmet. Routine helmet users reported higher experienced risk and cycled slower when they did not wear their helmet in the experiment than when they did wear their helmet, although there was no corresponding change in HRV. For cyclists not accustomed to helmets, there were no changes in speed, perceived risk, or any other measures when cycling with versus without a helmet. The findings are consistent with the notion that those who use helmets routinely perceive reduced risk when wearing a helmet, and compensate by cycling faster. They thus give some support to those urging caution in the use of helmet laws.

(PubMed, Fulltext)

This video is totally unrelated.

Atomalarm?

Das wird aus dem Atomalarm, wenn Amerikaner darüber berichten:

„If this cooling process fails and some of the fuel in the reactor starts to melt, then that would write off the reactor as a commercial concern — and that is a huge consideration as they are very expensive. But even at this stage you wouldn’t get much in the way of airborne releases of radioactive material.“

But if the fuel has time to melt to the bottom of the reactor, then there is the possibility of it getting into water supplies, though this scenario is much further down the line, he said.

(CNN.com: After the quakes: Are Japan’s nuclear plants safe?)

Update 2011-03-12 12:10: BBC interviewt einen Experten, der auch angeschts der Explosion noch gelassen bleibt und von good news spricht.

Update 2011-03-12 12:40: Das hätte ein Politbüro nicht schöner formulieren können: „As reported, we have been informed that there was some kind of an explosive phenomenon at Fukushima No 1 nuclear power plant, although it has yet to be confirmed whether [the explosion] was that of a nuclear reactor itself. At present, after the talks among political party heads held a while ago, government officials including the prime minister and the minister of economy, trade, and industry, along with experts, are making all-out efforts to get hold of and analyse the situation, and to take measures.“ (Regierungssprecher Yukio Edano, zitiert im BBC-Ticker)

Update 2011-03-12 16:15: Wenn es ernst wird, liest sich das auf Angelsächsisch so: “The World Nuclear Association has a fact sheet on nuclear power plants and earthquakes, which assesses the likely impact of a tsunami and details past incidents. It’s worth bearing in mind that the nuclear industry will want to reassure the public of its safety record in the wake of the situation in Japan.” (Guardian)

Update 2011-03-12 17:05: Ein Festtag für deutsche Ökos: „Ich habe immer erwartet, dass ich noch einmal eine Kernschmelze in einem Atomkraftwerk erlebe. Aber trotzdem kommt es immer anders, als man denkt.“ (sueddeutsche.de) Die wünschen sich jetzt heimlich, dass alles möglichst schlimm ausgehe.

Update 2011-03-14 01:00: In Tokio gucken die Leute Kirschblüten,, statt vorm GAU zu zittern: „Die Leute haben gelacht über die Horrorszenarien im ausländischen Fernsehen.“ (RP Online) Mit Ausnahme der westlichen Ausländer. Die ergötzen sich lieber am vermeintlichen Weltuntergang, ob vor Ort oder weit weg zu Hause im bequemen Twittersessel.

Update 2011-03-14 11:40: „Der Apokalyptiker, der stets mit dem Schlimmsten rechnet, braucht hin und wieder den Beweis, dass er mit seiner Weltsicht richtig liegt, sonst ergeht es ihm am Ende wie den Zeugen Jehovas, die den Tag des Jüngsten Gerichts schon drei mal verschieben mussten, weil er sich bislang einfach nicht einstellen wollte.“ (Der Schwarze Kanal)

Update 2011-03-14 22:35: »Aber wenn man in Deutschland Nachrichten schaut, bekommt man den Eindruck, es gebe vor allem zerstörte Kernreaktoren, und die Katastrophe sei in erster Linie ein Super-GAU in japanischen Kernkraftwerken. Während die Japaner unter den Folgen blinder Naturgewalten leiden, tun wir Europäer so, als hätte eine Technologie versagt.« (Arte-Fakten)

Update 2011-03-16 21:30: Für CNN ist es immer noch »a potential nuclear disaster.«

Update 2011-03-17 01:10: So kommen sinkende Messwerte zustande: »Um 5 Uhr am Mittwochnachmittag (Ortszeit) habe die Strahlung 752 Mikrosievert pro Stunde betragen, um 5 Uhr am Donnerstagmorgen dagegen – nachdem die Messgeräte auf einer anderen Seite des Kraftwerks aufgestellt worden waren – nur noch 338 Mikrosievert, zitiert die Nachrichtenagentur einen Sprecher.« (sueddeutsche.de)

Update 2011-03-17 08:35: Während die Medien seit einer fast einer Woche das japanische Tschernobyl beschwören, sieht die Realität wohl nach wie vor anders aus: »Die Ausbreitung von radioaktiven Partikeln in Fukushima wird von internationalen Fachleuten wie von der japanischen Regierung offensichtlich immer noch als lokales Ereignis eingestuft. (…) Auch nach Ansicht eines führenden deutschen Strahlenschutzexperten Peter Jacob besteht vorerst keinen Grund, von einer Eskalation zu sprechen. (…) Ein Vergleich zu der Situation in Tschernobyl unmittelbar nach der Havarie sei, was die Strahlenbelastung der Bevölkerung angeht, zur Zeit überhaupt nicht zu ziehen. Auch wenn man nicht wissen könne, was noch passieren werde, deute vieles darauf hin, dass es so bleibe.« (FAZ.NET)

Update 2011-03-18 09:10: Nach einer Woche Katastrophenzelebration bleibt die Bilanz ernüchternd: »Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bleibt die radioaktive Strahlung aus dem beschädigten Reaktoren räumlich begrenzt. „Zu diesem Zeitpunkt gibt es weiterhin keinen Hinweis darauf, dass sich die Strahlung über die Zone um die Reaktoren hinaus ausbreitet“, sagte der WHO-Vertreter in China, Michael O’Leary, am Freitag.« (FAZ.NET) Wir warten weiter auf den Tag, an dem die Atomkraft Millionen von Menschen tötet und Landstriche unbewohnbar macht.

Update 2011-03-18 16:20: Es gibt auch ein paar echte Probleme im Katastrophengebiet: »Patrick Fuller, Sprecher des Roten Kreuzes, hat der Agentur Reuters die Lage im Erdbebengebiet beschrieben. Das eigentliche Problem sei derzeit nicht die atomare Gefahr, sondern neben der Bergung der Toten vor allem die Versorgunng von 380.000 Personen, die ihr Heim verloren hätten.« (sueddeutsche.de)

Update 2011-03-19 00:30: David Harnasch kommentiert die Medien-Märchen.

Update 2011-03-19 11:20: Eine Französin wundert sich über die Deutschen: »Die Menschen verfolgen derart aufgewühlt die Richtung des Windes um Fukushima, als ob die beschädigten Reaktoren an der Grenze Deutschlands stünden. Und die Vollblut-Paniker unter den Deutschen – absurder geht’s nicht! – besuchen keine japanischen Restaurants mehr.« (Spiegel Online)

Update 2011-03-19 12:00: Nüchterne Sachinformationen zum Ereignis stellt die GRS bereit.

Update 2011-03-20 20:30: »Wie es dieser Tage zugeht in Deutschland, das konnte man vor ein paar Tagen in der U-Bahn in München erleben. Dort unterhielten sich zwei Männer besorgt über die Krebsgefahren, die ihnen aus dem havarierten Kernkraftwerk in Japan drohten. In Garching stiegen sie aus der U-Bahn aus. Und zündeten sich erst mal eine Zigarette an.« (FAZ.NET)

Update 2011-03-23 09:40:

(youtube, via)

Update 2011-03-23 12:55: »Deutsche in Japan fühlen sich verhöhnt« (Welt Online)

Update 2011-03-26 11:15: »The situation at the quake- and tsunami-stricken Fukushima Daiichi nuclear powerplant in Japan was brought under control days ago. It remains the case as this is written that there have been no measurable radiological health consequences among workers at the plant or anybody else, and all indications are that this will remain the case. And yet media outlets around the world continue with desperate, increasingly hysterical and unscrupulous attempts to frame the situation as a crisis.« (The Register)

Update 2011-03-27 11:54:
Totentanz im Führerbunker – mit der ARD durch die Atomkrise
Anti-Atombewegung: Nur fast wie früher

Update 2011-03-28 22:35: Technology Review schildert sachlich das Geschehen.

Update 2011-03-29 22:25: »Ich habe mir deshalb die veröffentlichten Messwerte genauer angesehen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Die weltweite Aufregung wird durch diese Daten nicht begründet.« (Die tägliche Dosis (2))

Update 2011-03-30 14:10: Die GRS malt von XKCD ab. Ohne Quellenangabe.

Update 2011-04-04 09:20: »Die Diagnose der Hysterie ist so erkennbar unwahr und unfair, dass sie interessant wird. Niemand hat sich eine Arche gebaut, keine Hamsterkäufe fanden statt, Jodtabletten sind in Deutschland nicht ausverkauft, und auch von Auswanderungen und Fluchtbewegungen ist nichts bekannt. Die Deutschen haben im Gegenteil auf das Ereignis so rational reagiert, wie es in einer Demokratie überhaupt nur möglich ist: Sie haben ihre Stimme abgegeben.« (FAZ.NET)

Update 2011-04-06 19:15: »Schädlicher als die Strahlung selbst ist die Angst vor ihr.« (Robert Peter Gale, Spiegel Online)

Update 2011-04-07 22:45: „Neu ist, dass über einen GAU wie über einen Sportanlass berichtet wird. Newsticker jagen nach neuen Rekorden. Weil das Erdbeben und der Tsunami fataler waren als der nukleare GAU, musste der «Super-GAU» her. Das ist so, als würden sich Christen auf den Allerjüngsten statt auf den Jüngsten Tag freuen.” (Beda M. Stadler)

Update 2011-04-14 01:35: »Vielleicht hören wir heute nicht mehr Alarm, wenn sofort gehandelt werden muss, weil das inzwischen ohnehin nur die wenigsten Dinge löst. Wir hören Alarm, weil der Alarm alles andere, jeden komplizierten Zusammenhang, jedes moralische Problem, jede anstrengende Denkaufgabe, für einen Moment ausblendet, im Daueralarm für ewig.« (FAZ.NET)

Update 2011-04-16 23:25: Journalists Wall of Shame.

Positiv denken

Grandios! Gideon Böss fordert auf der Achse des Guten den Friedensnobelpreis für Stuxnet:

»Wenn jemand es verdient hat, den (nächsten) Friedensnobelpreis zu bekommen, dann ja wohl Stuxnet! Dieser geniale Computervirus, der das iranische Atomprogramm mindestens empfindlich gestört, wenn nicht gar gestoppt hat. Die Anlagen, in denen die Mullahs ihre Bombe bauen wollten, sind aktuell kaum betriebsfähig. Im Grunde sind es Ruinen, ohne dass sie durch Bomben zerstört wurden. Kein Mensch wurde bei diesem vernichtenden Angriff getötet oder auch nur verletzt.«

(Die Achse des Guten: Friedensnobelpreis für Stuxnet)

Als Bedrohung für die IT-Sicherheit ist Stuxnet übrigens irrelevant. Wer keinen fähigen Geheimdienst zum Gegner hat, muss wenig befürchten. Und wessen Angreifermodell solche Geheimdienste umfasst, der hat mit dem gängigen Security-Spielkram sowieso keine Chance. Unser Business ist eine Farce.

P.S.: Neusprech.org und das Sprachlog beschäftigen sich gerade mit Cyberwar als Cyberwort.

Semantikgewirr

Isotopp machte sich neulich Gedanken darüber, was es mit dem Frienden und Liken wirklich auf sich hat. So genau möchte das mancher aber vielleicht gar nicht wissen, denn mit Begriffsverwirrung lässt sich trefflich Stimmung machen. Wo der eine einen Button klickt, um einen Nachrichtenstrom zu abonnieren, nimmt der andere die Beschriftung des Buttons beim Wort und konstruiert in der politischen Auseinandersetzung einen Vorwurf daraus.

Imagerisiko?

Einer plappert es dem anderen nach, bis alle ganz fest dran glauben: Fehler in der IT-Sicherheit fügen Unternehmen schwere Reputaitonsschäden zu, die sie an den Rand des Untergangs bringen. Das klingt zunächst plausibel – stimmt aber vielleicht überhaupt nicht. Oder ist schon mal eine Bank pleite gegangen, nachdem ihre Kundendaten an deutsche Steuerbehörden verkauft wurden?

Wir brauchen langsam mal ein neues Marketing und neue Beraterpasswörter.