Archiv der Kategorie: Safety

Unterschätzte Risiken: Kinderüberraschung

Laptopdurchsuchung an der Grenze? Pah! Viel eifriger ist der amerikanische Zoll im Beschlagnahmen von Überraschungseiern:

»The U.S. takes catching illegal Kinder candy seriously, judging by the number of them they’ve confiscated in the last year. Officials said they’ve seized more than 25,000 of the treats in 2,000 separate seizures.«

(CBS News: Kinder Surprise egg seized at U.S. border)

 

Unterschätzte Risiken: Fußball

Woche für Woche ziehen sich Sportler schwere Kopfverletzungen zu. Wir könnten zur besten Sendezeit zusehen, wenn wir das Fernsehen nicht für ein Medium abnehmender Relevanz aus dem vorigen Jahrhundert hielten. Man diskutiert sogar über Schutzhelme. Ist schon wieder Radsportsaison? Nein, es geht um Fußball:

»Die Liste der bösen Kopfblessuren in der laufenden Saison ist lang und prominent besetzt: So hatte es zum Beispiel Klaas Jan Huntelaar (Schalke), Michael Ballack (Leverkusen), Sven Bender und Neven Subotic (beide Dortmund) sowie Gojko Kacar (HSV) in der Hinrunde erwischt.«

(FAZ.NET: Schmerzhafter Zufall?)

Wo bleibt der zuständige Minister mit einer Helmpflichtforderung?

Der Sicherheitsbegriff im Wandel

Was die Politik unter Sicherheit versteht, ändert sich im Laufe der Zeit. Gabi Schlag beschäftigt sich mit dem Begriff und seinem Wandel. Auszug:

»Spätestens seit den 1990er Jahren, so haben viele Kommentatorinnen und Experten angemerkt, zeichnet sich jedoch eine erneute begriffliche Transformation ab: immer häufiger reden wir über Risiko und Vorsorge, über Gefährdungen als Folge von Modernisierung und Technologisierung unserer Gesellschafts- und Arbeitswelt. Die Risikosemantik, so Christopher Daase und Oliver Kessler (2008), rekurriere dabei auf eine Redefinition von Ungewissheit und Wahrscheinlichkeit und führe zu einem Sicherheitsparadox: Sicherheitspolitik reagiert nicht mehr nur auf Gefahren, sondern produziert gleichsam neue Sicherheitsprobleme.«

(sicherheitskultur.org | Blog)

Risk Assessment and Failure Analysis in Multiple Small Illumination Sources During Winter Conditions

Risk Assessment and Failure Analysis in Multiple Small Illumination Sources During Winter Conditions

Robert M. Slade, version 1.0, 20031217

Abstract:

In the author’s immediate socio-cultural environment, the unpacking, testing, placement, and maintenance of Christmas lights has been mandated to be „man’s work.“ (Women will, reluctantly, direct the placement of lights, since it is an observed fact that a man has all the artistic sensitivity of a Volkswagen. The car, not the automotive designers.) Therefore, despite the complete lack of any evidence of competence in domestic „handiness,“ or knowledge of electrical appliances, the author has found himself making an extensive, multi- year study of failure modes in different forms of lighting involving multiple small light sources.

Risks Digest vol. 26, issue 26; 2010-12-29

0,00035-mal tot

Die Rad-Spannerei hat sich mehr Mühe gegeben als ich neulich und konkrete Zahlen zum Risiko beim Radfahren zusammengetragen und in Relation zum allgemeinen Lebensrisiko gesetzt:

»Pro 100 Millionen Personenkilometer gab der ADAC in Fachbroschüren am Anfang des Jahres 1,6 getötete Radfahrer an (Link). Für Berlin kann man folgendes berechnen: Gut 1 Millionen Fahrten täglich*, als Durchschnittstrecke wurde im Jahr 2006 vom Senat ein Wert von ca. 3,8 Kilometern angegeben. Das sind pro Jahr ca. 1,4 Milliarden Fahrradkilometer, auf denen sich jeweils 500 Personen schwer verletzen und etwa 10 sterben. So berechnet gibt es pro 100 Millionen Personenkilometer 0,7 Tote und 35 Schwerverletzte. Wer pro Jahr 3000 Kilometer fährt, wird dabei 0,00021 Tote erzeugen und 0,00105 Schwerverletzte.«

Die Schlussfolgerung bleibt dieselbe. Nach dieser Rechnung werde ich bei 5000km in diesem Jahr im Mittel 0,00035-mal an einem Fahrradunfall sterben oder einmal in 2857 Jahren. Selbst wenn sie sich um eine Größenordnung, d.h. den Faktor 10 verschätzt hätten, bekäme ich keine Angst. Ich kenne nämlich keinen, der in 2857 oder auch in 286 Jahren nicht gestorben wäre, woran auch immer.

Die Schwächsten

»Im Übrigen glaube ich, dass wir mit der Radhelmpflicht bei den schwächsten Verkehrsteilnehmern beginnen sollten.«

Christian Carius (CDU), Verkehrsminister in Thüringen

Bei wem sollte man unsinnige Gängelung auch sonst einführen? Natürlich tut man das bei denen, die sich am wenigsten wehren werden, eben bei den Schwächsten. Um deren Sicherheit geht es dabei nicht, sondern um die willkürliche Verordnung einer Kopfbedeckung. Fast die Hälfte der im Straßenverkehr getöteten Kinder unter 15 stirbt im Auto, ein weiteres Viertel auf dem Fahrrad. Doch einen Autohelm für Kinder fordert niemand. Insgesamt verunglückte 2010 etwa dieselbe Anzahl von Kindern in Kraftfahrzeugen bzw. auf Fahrrädern. Das Todesrisiko beim Mitfahren in einem Auto liegt also pro Unfall weit höher als jenes auf dem Fahrrad. Und das trotz dem Umstand, dass typische Radverkehrsführungen ihre Benutzer an jeder Kreuzung in Gefahr bringen, wie neben jedem Radfahrer inzwischen auch die Berliner Polizei weiß:

»Allerdings sieht die Polizei auch eine „Hochrisikogruppe“ bei den Radfahrern. „Es ist die Zahl derjenigen, die sich auf ihre Vorfahrt verlassen und ohne umsichtigen Blick zum Autoverkehr bei Grün über die Radfurt fahren.“«

– Tagesspiegel, Radler und Fußgänger leben wieder gefährlicher

Wer auf dem Radweg bei Grün geradeaus über eine Kreuzung fährt, riskiert Gesundheit und Leben.  Wollte der Verkehrsminister aus dem Wald etwas für die Verkehrssicherheit tun, könnte er hier ansetzen und sich überlegen was zu tun wäre, damit der Vertrauensgrundsatz auch für Radfahrer gilt, die bei Grün geradeaus über eine Kreuzung fahren. Das will er aber nicht. Er will nur eine Kopfbedeckung vorschreiben wie ein Islamist das Kopftuch und damit bei den Schwächsten anfangen, von denen er den geringsten Widerstand erwartet.

Wichtigtuer

Wovor die Helmzwangdebatte geflissentlich ausweicht, ist die Risikoanalyse, die dem Gezänk schnell ein Ende machte. Radfahren ist keine besonders gefährliche Tätigkeit. Das Risiko, dabei an einer Kopfverletzung zu sterben, bleibt gering. Erst in der Summe über die Bevölkerung wird dieses Risiko überhaupt sichtbar − und liegt in derselben Größenordnung wie jenes von tödlichen Badeunfällen. Das eine wie das andere Übel kann man getrost als Schicksalsschlag einordnen, tragisch für den, dem er zustößt, aber weit davon entfernt, die Bevölkerung zu dezimieren. Analoge Betrachtungen kann man über die Verletzungsrisiken anstellen.

In der Aggregation wird auch der ganze wirtschaftliche Irrwitz einer Helmpflicht deutlich. Kauften wir nur zu jedem zweiten der 70 Millionen Fahrräder in Deutschland einen Helm für günstige 20 Euro, so kämen stattliche 700 Millionen Euro Kosten zusammen. Eine zweifelhafte Investition, wenn man nüchtern rechnet und das reale Schutzpotenzial ansetzt, das die kolportierten Wunderwirkungen weit untertreffen dürfte. So ein Fahrradhelm schützt nämlich nicht einmal den halben Kopf und das am besten bei Stürzen, die man auch ohne Helm leicht überlebt.

Radfahrer handeln rational, wenn sie die mit Helmen beeinflusste Risikokomponente im Rauschen der allgemeinen und insgesamt geringen Lebensrisiken verschwinden sehen und auf besondere Schutzausrüstung verzichten. Unredlich hingegen handelt, wer solche Risikobetrachtungen unterlässt und die Staatsmacht als Bekleidungspolizei missbrauchen möchte. Wer sich mit Helm wohlfühlt, mag einen tragen. Einer Pflicht dazu fehlt jedoch jede sachliche Rechtfertigung.

P.S.: Kann mal jemand im Koran nachgucken, ob ein Fahrradhelm als Kopftuch durchgeht? Das wäre zwar gemogelt, gäbe der Diskussion aber einen ganz anderen Anstrich.

Plastikschüsseldebatte

Verkehrsminister Ramsauer betätigt sich als Helmtroll, und das sehr gekonnt. Weil nur wenige Menschen von der Notwendigkeit einer Styroporkopfbedeckung beim Radfahren überzeugt sind, sollen gefälligst viel mehr Leute eine solche tragen, sonst werde man es allen vorschreiben. Auf solche Begründungen muss man erst mal kommen, das ist weit kreativer als die unzählige Male ausgetauschten Sachargumente. Mutti auf Eskalationsstufe drei hätte es nicht absurder hinbekommen.

P.S.: Wunderbar, die Botschaft ist in den Medien angekommen. Ich begrüße diese Entwicklung.

«Die Medien lieben Strahlen.»

Die NZZ fasst zusammen, was bereits jeder beobachten konnte:

»Was im japanischen Atomkraftwerk Fukushima geschah, ist eine Frage, die Spezialisten klären müssen nach Massgabe wissenschaftlicher Erkenntnis. Ein anderes ist es, was die Medien den Menschen über die Katastrophe erzählen. Dabei macht sich jede Nation einen eigenen Reim auf das Geschehen.«

(NZZ: Fukushima – eine Erzählung in nationalen Geschichten)

Greenpeace-Logik

Es gibt Menschen und Organisationen, für die sind beherrschbare Unfälle der größte anzunehmende Unfall:

»Sollte Tepco die Lage in Fukushima unter Kontrolle bekommen, könnte der falsche Eindruck entstehen, selbst schwere Atomunfälle seien vom Menschen beherrschbar.«

(Tagesspiegel: Fukushima: Kampf mit den Elementen)

Die träumen wohl weiter vom zweiten Tschernobyl. Gut, dass wir das endlich mal empirisch klären.

Risk Compensation and Bicycle Helmets

Found via de.rec.fahrrad:

This study investigated risk compensation by cyclists in response to bicycle helmet wearing by observing changes in cycling behavior, reported experience of risk, and a possible objective measure of experienced risk. The suitability of heart rate variability (HRV) as an objective measure of experienced risk was assessed beforehand by recording HRV measures in nine participants watching a thriller film. We observed a significant decrease in HRV in line with expected increases in psychological challenge presented by the film. HRV was then used along with cycling pace and self-reported risk in a field experiment in which 35 cyclist volunteers cycled 0.4 km downhill, once with and once without a helmet. Routine helmet users reported higher experienced risk and cycled slower when they did not wear their helmet in the experiment than when they did wear their helmet, although there was no corresponding change in HRV. For cyclists not accustomed to helmets, there were no changes in speed, perceived risk, or any other measures when cycling with versus without a helmet. The findings are consistent with the notion that those who use helmets routinely perceive reduced risk when wearing a helmet, and compensate by cycling faster. They thus give some support to those urging caution in the use of helmet laws.

(PubMed, Fulltext)

This video is totally unrelated.

Radfahren verlängert das Leben

Von wegen besonders gefährlich. Radfahren ist zwar nicht so billig wie angenommen, aber sehr gut für die Gesundheit:

»An drei Punkten beeinflusst regelmäßiges Radeln nach ihrer Kalkulation die Lebenserwartung:

  • Einatmen verschmutzter Luft: -1 bis -40 Tage
  • Unfälle: -5 bis -9 Tage
  • Trainingseffekt für den Körper: plus 3 bis 14 Monate«

(Spiegel Online:
Kostenvergleich Rad gegen Auto: Das Velo ist Sieger der Herzen
über die Studie Gesamtwirtschaftlicher Vergleich von Pkw- und Radverkehr)

Was wollte man an solchen Risiken noch optimieren?