Archiv der Kategorie: Wahrnehmung

Can We Say »Don’t Worry«?

[See only posts in English]

Freeman Dyson, being interviewed about his climate catastrophe skepticism, claims that some professions have trouble shrugging off issues as unimportant. He thinks there be a natural tendency to magnify threats:

»Really, just psychologically, it would be very difficult for them to come out and say, “Don’t worry, there isn’t a problem.” It’s sort of natural, since their whole life depends on it being a problem. I don’t say that they’re dishonest. But I think it’s just a normal human reaction. It’s true of the military also. They always magnify the threat. Not because they are dishonest; they really believe that there is a threat and it is their job to take care of it.«

(Freeman Dyson Takes On The Climate Establishment)

Obviously, computer security is another candidate. Paranoia is the norm in our subculture, we love to carry a better safe than sorry attitude. To an extent this attitude is justified by experience; there are many case studies of security not being taken seriously, leading to epic fail. Yet, more security technology is not always better. Do we have tools to reasonably say: »Don’t worry,« and justify our recommendation based on facts?

4 Prozent

Glücksbürokraten finden es besorgniserregend, dass Kinder und Jugendliche in sozialen Netzen die informationelle Selbstbestimmung üben und Muttis Mahnungen dabei gerne ignorieren. Sorglos seien die Selbstbestimmer, man müsse ihnen mehr Angst machensie stärker sensibilisieren. Eine Begründung aber bleiben sie uns schuldig. Die handfesten Probleme durch selbstbestimmt veröffentlichte Daten im Netz halten sich anscheinend sehr in Grenzen:

»Schlechte Erfahrungen mit der Veröffentlichung ihrer Daten hätten die Befragten kaum gemacht, weiß Medienpädagogin Maren Würfel, nur 4 Prozent haben sich laut Umfrage darüber beschwert.«

(Heise Online:
„Besondere Herausforderung“ soziale Netzwerke
)

Könnten wir uns dann vielleicht wieder echten Problemen zuwenden?

PS: Isotopp hat einen Artikel über unterschiedliche Schutzziele von Eltern und Kindern ausgegraben.

Compliance leicht gemacht

Microsoft hat den .NET Messenger für Nutzer in Kuba, Syrien, Iran, Sudan und Nordkorea gesperrt. Diese Länder unterliegen einem Embargo der Vereinigten Staaten; US-Firmen dürfen mit ihnen keine Geschäfte machen. Manche finden das hirnrissig (das ist es auch, aber es ist Gesetz), während andere die Umsetzung für hirnrissig halten. Microsoft benutzt nämlich einfach die im Profil hinterlegte Landeseinstellung des Nutzers, und die ist frei wählbar.

Diese Implementierung ist aber nicht hirnrissig, sondern vollständig rational und typisch für Compliance-Probleme. Security dreht sich um die Lösung eigener Probleme, die Durchsetzung eigener Interessen mit technischen und organisatorischen Mitteln. Diese Mittel sollen – im Rahmen des jeweils vertretbaren Aufwandes – effektiv sein, also böswillige Angriffe tatsächlich abwehren. Dabei besteht ein direkter Zusammenhang zwischen den erwarteten Schäden durch Angriffe und dem vertretbaren Aufwand.

Compliance hingegen erfordert die Wahrung fremder Interessen, auferlegter Regeln und Anforderungen. Zu eigenen Interessen eines Unternehmens werden sie erst aufgrund angedrohter Zwangsmaßnahmen. Effektivität ist auch hier das Ziel, aber maßgeblich sind nun nicht mehr die direkten Auswirkungen, sondern die angedrohten. Die sind willkürlich festgelegt.

Ein Unternehmen, das Compliance erzielen möchte beziehungsweise muss, wird deshalb jeweils zum einfachsten und billigsten Mittel greifen, das die angedrohten Zwangsmaßnahmen genügend zuverlässig abwehrt. Dieses Mittel muss keinen realen Effekt haben. Es muss lediglich die Kontrolleure zufriedenstellen. Die Lösung von Microsoft für das Compliance-Problem des Messengers leistet dies vermutlich.

Das tatsächliche Problem ist damit vorerst gelöst. Ob Kubaner, Sudanesen oder Nordkoreaner mit dem .NET Messenger chatten, ist dagegen nur ein Scheinproblem. Ohne Compliance-Zwänge wäre es Microsoft einfach egal. Aus geschäftlicher Sicht gäbe es keinen Grund darüber auch nur nachzudenken.

Risiken sind Konjunktive

Michael Miersch stellt die richtigen Fragen:

»Und genau dieser Passus fehlt fast immer in der öffentlichen Kommunikation. Was ist eigentlich so furchtbar an dem Satz „Wir wissen es nicht?“? Warum können Schreckensszenarien nicht im Konjunktiv stehen, sondern werden wie gesicherte Berechnungen behandelt? Die Möglichkeitsform ist der Paria der Mediengesellschaft. Sie wird weggesperrt, weil sie die Botschaft verderben könnte.«

(WELT am SONNTAG: Und dann fiebert auch die Sprache)

Risiken sind stets Konjunktive: mögliche zukünftige Ereignisse, deren Eintreten wir uns ausmalen, aber nicht zuverlässig vorhersagen können. Wo wir über Risiken sprechen, gibt es immer etwas, das wir nicht wissen.

Das Eingeständnis, nicht alles zu wissen, wendet sich in der hiesigen Debattenkultur allerdings schnell gegen denjenigen, der es äußert. Aus Risiken werden dann unschätzbare oder nicht auszuschließende Risiken, woraus sich allerlei Strohmannargumente entwickeln lassen. Hinzu kommt ein tiefsitzendes Vorurteil: dass etwas zu tun stets besser sei als nichts zu tun. Wer anfinge, sich seines Nichtwissens bewusst zu werden, der käme am Ende vielleicht zu dem Schluss, dass es manchmal besser wäre, im Angesicht des Risikos einfach überhaupt nichts zu tun, die Hände in den Schoß zu legen und abzuwarten.

Paranoide Weltbilder

Wenn irgendwo ein Koffer steht, bringen wir ihn nicht zum Fundbüro, sondern rufen die Polizei. Wer dem Klimakonsens oder unserer Vorstellung von Klimapolitik widerspricht, ist er sicher von Exxon gekauft. Wenn einer mal sein Geschlechtsteil zeigt, sperren wir ihn vielleicht für Jahrzehnte weg. Diesmal geht die Welt aber wirklich unter. Sogar die Sonne ist hinter uns her. Kinder gehören in den Reihenhausgarten, alles andere ist zu gefährlich. Wenn ein Abgeordneter mit Kinderpornos erwischt wird, handelt es sich wahrscheinlich um ein Komplott (Update: die Wahrheit). Äußern sich Ärzte zum Impfen, steckt garantiert eine fiese Anthroposophenverschwörung dahinter.

Sind wir noch ganz dicht?

Rüsselsheim macht Ernst

Nach einer Schießerei im vergangenen Sommer hatte der Rüsselsheimer Oberbürgermeister angekündigt, man wolle das beeinträchtigte Sicherheitsempfinden der Bürger reparieren. Wie? So:

»Mit der dreiteiligen Vortragsreihe „Rüsselsheim? Aber sicher!“ möchte die Stadt das Sicherheitsgefühl der Bürger stärken. (…)«

Beruhigender für die Bürger dürfte die Mordanklage gegen drei mutmaßlich Beteiligte sein.

Paradoxie der Wachsamkeit

»Es gibt eine Paradoxie im Wohlergehen der Menschheit: Das Wohlergehen der Menschheit beruht auf  einer wirklichen Wachsamkeit gegen eine Menge Gefahren, aber das Wohlergehen vernichtet auch die Wachsamkeit. Die Freiheit wird leicht zu etwas Selbstverständlichem.«

(Karl R. Popper im Spiegel-Interview, April 1992, abgedruckt in: Karl Popper, Alles Leben ist Problemlösen, Piper Verlag)

Nüchtern gerechnet

Wer rational über Risiken urteilen möchte, der muss auch in den sauren Apfel beißen und über seine Lebenserwartung nachdenken. Das fällt nicht leicht, kann aber Fehlinvestitionen vermeiden:

»Außerdem sei Riester für Menschen, die wegen gesundheitlicher Probleme von einer niedrigen Lebenserwartung ausgehen müssen, nicht unbedingt eine Empfehlung. Denn aufgrund der Kalkulation der Anbieter lohne sich ein Vertrag häufig erst, wenn monatliche Auszahlungen bis ins hohe Alter erfolgen, hat Nauhauser ausgerechnet.«

(Frankfurter Rundschau:
Kapitalanlage: Die sechs größten Finanzirrtümer)

Kompliziert wird die Sache, wenn man dabei nicht nur vorgegebene Faktoren – genetische Disposition, Verhalten in der Vergangenheit, etc. – berücksichtigt, sondern auch solche, die man selbst noch beeinflussen kann. Wo liegt, zunächst nur wirtschaftlich betrachtet, das Optimum, wenn man einen Geldbetrag auf die eine oder andere Weise investieren kann und man damit zum einen seine Lebenserwartung beeinflusst, zum anderen seine wirtschaftliche Lage bis zum Lebensende? Einfacher gefragt, steht man wirklich schlechter da, wenn man sein Vorsorge-Budget komplett in Zigaretten, Schnaps und Risikosport investiert? Was sagt die Wirtschaftswissenschaft dazu?

Helmgegner gibt es gar nicht. Wie sich Risikodebatten selbst verzerren

Es gibt Debatten, die auch unter ansonsten vernünftigen Menschen leicht in Glaubenskriege ausarten. Ich rede nicht von Editorkriegen Emacs vs. Vi, sondern von Risikodebatten über Helme und Helmpflichten, über Klimawandel und Klimaschutz, über Nichtraucherschutz und Passivrauchen. Diese Diskussionen haben gemein, dass es zu Teilfragen wissenschaftliche Untersuchungen gibt, die Grundfrage aber eine politische oder praktische ist: was ist zu tun? Soll ich einen Helm tragen oder gar jeder einen tragen müssen? Sollen wir Kohlekraftwerke abschalten und Autos abschaffen? Rechtfertigen Gefahren des Passivrauchens Rauchverbote und wenn ja, in welchem Umfang?

Einige Elemente tauchen in solchen Diskussionen immer wieder auf, und es braucht einige Runden, bis man sie verstanden hat.

Da ist zuerst der unklare Frontverlauf. Helmdiskussionen etwa scheiden ihre Teilnehmer schnell in Befürworter und Gegner. Oder so scheint es wenigstens. In Wirklichkeit verläuft der Konflikt aber woanders, nämlich zwischen Aktivisten [oder Advokaten] auf der einen und Skeptikern auf der anderen Seite. Die Aktivisten sind davon überzeugt, dass etwas zu tun sei, nämlich ein Helm zu tragen, und sie sind außerdem davon überzeugt, dafür überzeugende Argumente zu haben.Die Skeptiker zeigen sich uneinsichtig. Daraufhin stampfen die Aktivisten mit dem Fuß auf, was die Skeptiker noch viel weniger überzeugt. Spätestens dann kann man die Diskussion vergessen, wenn sich nicht ausnahmsweise jemand findet, der sie effektiv moderieren kann.

Helmgegner gibt es gar nicht. Wie sich Risikodebatten selbst verzerren weiterlesen

Noch einmal Skihelme

Dass man über Helme auch vernünftig schreiben kann, zeigt uns neben der FAZ auch die Zeit. Im Reiseteil der aktuellen Ausgabe findet sich unter dem Titel Alpine Raserei ein feiner Artikel, der sich nicht in platten Parolen (»wichtigstes Körperteil schützen«), wilden Analogieschlüssen (»Sicherheitsgurt«) und Muttiargumenten (»Guck mal, der Mann auf dem Motorrad da trägt auch einen Helm.«) ergeht. Sondern erst mal die richtigen Fragen stellt: was wissen wir eigentlich, wie hoch ist das Risiko, von welchen Faktoren wird es noch beeinflusst, und welchen Effekt können wir eigentlich erwarten? Wer solche Fragen stellt, der schafft es auch, das Risiko als handhabbaren Wert darzustellen:

»Doch der Prozentsatz der Zusammenstöße sei in den letzten Jahren gleich geblieben, sagt der ÖSV. Er rechnet vor, dass auf 1000 Skitage nur 1,3 Verletzungen kommen. Das heißt, wer zwei Wochen jährlich Ski fährt, hat durchschnittlich einmal in etwa 55 Jahren Pech.«

Und wie wir bereits wissen, hat man sich, wenn dieser Fall eintritt, mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas anderes gebrochen als den Kopf.

Risiken und Nachweisgrenzen

Greenpeace meckert, drückt sich aber sorgsam davor, auf die Kernaussage einzugehen. Das muss ein guter Artikel sein. Online gibt es ihn leider nicht, aber bis Mittwoch noch am Kiosk in der Zeit (*). Die Kurzfassung: die EU arbeitet an einem absoluten Verbot bestimmter Pestizide; Experten schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und erinnern an Paracelsus(**) sowie daran, dass wir Risiken oft irrational beurteilen. Das führt dazu, dass wir uns vor Pestiziden fürchten, allein weil sie in Obst oder Gemüse nachweisbar sind. Das ist offensichtlicher Blödsinn, und da kommt die Risikobewertung ins Spiel. Ein Verbot oder Verzicht ist nur dann sinnvoll, wenn nicht nur der Stoff selbst messbar ist, sondern auch irgendeine negative Wirkung. Sich bei der Beurteilung des Risikos nicht auf den Verbraucher zu beschränken, sondern auch die Anwender sowie Nebenwirkungen zu berücksichtigen, ist gewiss richtig und sinnvoll. Aber auch dort muss man sich die tatsächlichen Auswirkungen anschauen.

(*) Die gefühlte Gefahr von Josephina Maier, Die Zeit Nr. 48/2008 vom 20. November, S. 48

(**) »Alle Ding sind Gift, und nichts ohn Gift; allein die Dosis macht, daß ein Ding kein Gift ist.«

Bolzplatz

Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Wenn mir einmal im Monat aus meiner Wochenzeitung das evangelische Magazin chrismon entgegenfällt, blättere ich es ohne besondere Erwartungen durch. So werde ich nie enttäuscht, aber zuweilen überrascht. Wie Christen ticken, habe ich zwar noch nicht verstanden, aber immerhin gelernt, was Gottvertrauen ist. Öllampen aus Getränkeflaschen zu bauen, zum Beispiel, wie man es als Basteltipp empfahl, denn das ist nur dann eine gute Idee, wenn man nicht befürchten muss, dass jemand versehentlich daraus trinke. Mit Gottes Hilfe wird es schon gelingen.

Diesmal aber haben sie mich ehrlich überrascht: mit einer kräftigen Polemik von Norbert Bolz gegen die Angstindustrie. Er ist weder zimperlich noch politisch korrekt, schreibt von Angstreligion und grüner Bewusstseinsindustrie, verweigert mahnenden Wissenschaftlern und anderen selbsterklärten Weltrettern den vorauseilenden Respekt, sieht eine Religion des Sorgens und Schützens mit dem Gottesdienst der Vorsorge und der Sicherheit. Dieser Text bereitet Vergnügen. Gewiss, es ist vor allem Marketing: über Konkurrenz waren Religionen noch nie erfreut. Aber nichts daran ist spezifisch christlich bis auf vielleicht das Gottvertrauen, das man aber unkompliziert durch andere Formen der Entspannung ersetzen kann. Man kann sich hier also ein paar Argumente pflücken oder das bestätigt sehen, was man vielleicht selbst schon gegen Angstmache eingewendet hat.

Perspektivwechsel

Licht bedeutet Sicherheit. Fehlt es, werden unsere Augen nutzlos und uns geht ein wichtiger, breitbandiger Eingabekanal verloren. Die Orientierung wird mühsam und Gefahren können wir nicht mehr rechtzeitig erkennen. Kein Wunder, dass die Dunkelheit uns Angst macht, dass wir uns in der Nähe einer Lichtquelle besser fühlen. Wer lange genug darüber nachdenkt, kommt jedoch zu dem Schluss, dass dies eine äußerst anthropozentrische Sicht ist. Mit anderen Augen gesehen wird Licht nämlich zur Todesfalle:

Perspektivwechsel weiterlesen