Archiv der Kategorie: Safety

7 Tätigkeiten, die 2012 gefährlicher waren als das Radfahren

Jetzt probieren wir mal die Reblog-Funktion von wordpress.com aus. PresseRad erinnert uns daran, dass die meisten Menschen bei etwas anderem als beim Radfahren sterben. Nahezu alle, um genau zu sein: Wenn jemand gestorben ist, kann man daraus mit hoher Sicherheit schließen, dass er auf dem Weg ins Jenseits keinen Fahrradunfall hatte. (Note to self: Gelegentlich mal nachrechnen.)

Zeckenalarm außer der Reihe

Abweichend vom gewohnten Zeckenalarmzyklus warnt das Robert-Koch-Institut mitten im Winter vor einer Krankheit, die jedes Jahr ungefähr 0.0005% der Bevölkerung – 400 von 80.000.000 – befällt:

»Mit Blick auf die überdurchschnittliche hohe Zahl von Hirn- und Hirnhaut-Entzündungen nach Zeckenbissen im Jahr 2013 rät das Robert Koch-Institut (RKI) Menschen, die in Risikogebieten wohnen und sich aufhalten, sich impfen zu lassen.
(…)
Für das Jahr 2013 liegen bundesweit bisher rund 400 Meldungen für die von Zecken übertragene Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) vor. Rund die Hälfte der vom RKI erfassten Patienten erkrankte schwer an einer Entzündung der Hirnhaut oder des Gehirns.«

(stern.de: Robert-Koch-Institut rät zur Impfung: Zecken übertrugen 2013 oft gefährliche Viren)

Das Robert-Koch-Institut empfiehlt eine Immunisierung durch drei aufeinanderfolgende Impfungen, die danach alle fünf Jahre aufzufrischen sei.

Experten bei der Arbeit. Das Missverhältnis zwischen Aufwand und Nutzen dürfte offensichtlich sein. Wer sich gegen FSME impfen lässt, läuft auch im kugelsicheren Anzug herum. Alle anderen behandeln besser näherliegende Risiken.

Verständige Menschen

Vielleicht ist die Helmdiskussion bei den Juristen ganz gut aufgehoben, denn gute Juristen sind der natürliche Feind schlechter Argumente:

»Die Helmquote läge bei Erwachsenen wohl kaum bei unter 10%, wenn tatsächlich alle „verständigen Menschen“ den Helm trügen.«

– Rechtsanwalt Professor Dr. Winfried Born, Editorial NJW 31/2013

Helmquoten veröffentlicht die Bundesanstalt für Straßenwesen regelmäßig. Trotz jahrelanger Propaganda konnte sich dieses Utensil bei Radfahrern nicht durchsetzen. Ausnahme: unmündige Kinder. Die PR der Styroporbranche versucht sich in den Spin zu retten, Kindern seien vernünftiger als Erwachsene.

Verrechnet

Sehr schön, die Fahrradhelmpropaganda beginnt sich selbst zu zerlegen. Die Helm-PR hat den Punkt erreicht, an dem sich das gepflanzte Mem verselbständigt. Dabei gerät es außer Kontrolle, viele Köche verderben den Brei. Das ist in diesem Fall gut.

Eine Versicherung behauptet dreist:

»Besonders dramatisch ist dabei, dass im Schnitt fast 9 von 10 Fahrradunfällen (85%) Kopfverletzungen nach sich ziehen. Ein Helm kann hier Schlimmstes verhindern.«

(Zurich unterstützt „Fahrradhelm macht Schule“)

Wie wir seit einem OLG-Urteil vor ein paar Tagen wissen, gehören Versicherungen zu den Profiteuren des Helmglaubens. Das Volk lehnt Fahrradhelme mehrheitlich ab, die Tragequote lag 2009 im Mittel über alle Altersgruppen bei gerade mal 11% – wie auch zwei Jahre darauf noch. Einer Versicherung kann also nichts besseres passieren als ein Gericht, welches das übliche und normale Verhalten für leichtsinnig erklärt.

Für den Tagesspiegel versucht sich Markus Mechnich darin, die Schutzwirkung von Fahrradhelmen für unbestreitbar zu erklären. Er verwendet übliche Taktiken: Verzicht auf absolute Zahlen und damit die Risikobewertung, stattdessen Prozentangaben, eine zahlenunabhängige Argumentation und die subtile Einordnung von Kopfverletzungen zwischen Speiseröhrenkrebs und akuter Strahlenkrankheit auf der Schreckensskala. Die Quintessenz: Unfälle, bei denen der Helm helfen könnte, seien nicht auszuschließen, und deshalb solle man unbedingt einen tragen.

Dabei unterläuft ihm ein Lapsus:

»Nach Zahlen des Gesamtverbands der deutschen Versicherer erleiden Radfahrer bei 25,7 Prozent aller schweren Unfälle Verletzungen am Kopf.«

(Ohne Kopfschutz wird es oft tödlich)

Was steht da? Da steht, dass 74,3% der schweren Fahrradunfälle ohne Kopfverletzung abgehen. Selbst wenn wir die ganzen harmlosen Stürze ausklammern, finden wir nur einen bescheidenen Anteil von Kopfverletzungen. Mechnich merkt das auch und versucht sich eilig in die Behauptung zu retten, das Gehirn sei doch wichtiger als Arme und Beine. Dabei unterschlägt er allerdings, dass von Kopf- und nicht von Gehirnverletzungen die Rede ist. Wie eine Kopfverletzung (nebst Beanspruchung der Halswirbelsäule) mit Helm aussieht, kann man sich in einem Helm-PR-Video anschauen, welches wiederum aus der Versicherungsbranche stammt. Zahlen, Analysen und Risikobetrachtungen sucht man dort vergebens, und so muss jeder die gezeigten Bilder selbst interpretieren. Ich sehe im Video ab 6:00 einen Faceplant, der ohne Helm bestenfalls genauso, schlimmstenfalls glimpflicher abgelaufen wäre.

Mechnich – oder sein Kronzeuge Prof. Pohlemann von der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, so richtig klar wird das nicht – argumentiert weiter:

»Normalerweise verhindert der Schädelknochen solche Schäden. Radler erreichten allerdings so hohe Geschwindigkeiten, dass der Knochen bei manchen Stürzen nicht mehr ausreiche.«

(Ohne Kopfschutz wird es oft tödlich)

Das klingt plausibel, bis man sich anschaut, was bei hohen Geschwindigkeiten tatsächlich passiert. Beim Crashtest Pedelec mit 45 km/h in eine Autotür macht der Fahrradhelm keinen Unterschied. Die schwersten Verletzungen sind im Brustbereich zu erwarten und der Kopf schlägt wieder mit dem unbehelmten Gesicht auf.

Ich werde weiter ohne Sturzkappe fahren, wie die meisten Erwachsenen. Fahrradhelme finden eine nennenswerte Verbreitung nur unter unmündigen Kindern. Zu Recht.

Unterschätzte Risiken: Turmspringen gen Osten

Im Dieburger Freibad bleibt die obere Hälfte des Sprungturms künftig gesperrt. Der Grund:

»Nach den neuen Vorgaben europaweit geltender Richtlinien muss gewährleistet sein, dass sportliche Badegäste „nicht gegen die Sonne springen“, und dabei Schwimmer im Becken etwa wegen Blendung übersehen, so Thomas. Es dürfe nur noch „nach Norden“ gesprungen werden. Der Sprungturm in Dieburg zeigt nach Osten.«

(Echo Online:
Plötzlich steht der Sprungturm im Dieburger Freibad falsch)

Den Turm erst mittags zu öffnen, wenn die Sonne nicht mehr aus dem Osten scheint, wäre wohl zu einfach gewesen. Das Vorsorgeprinzip hat uns dank der EU fest im Griff – sicher ist sicher, da gibt es keine Diskussion. Oder steckt vielleicht die Freibadsanierungslobby dahinter?

Update: Erst mittags öffnen geht doch.

Leichte Kopfverletzungen

Am besten schützt ein Helm vor Kopfverletzungen, wenn wir Kopfverletzungen als das definieren, wovor ein Helm schützt. Mehrere verlorene Zähne sind nach Ansicht der Helmpropagandisten von Amts wegen keine Kopfverletzung:

»Der Rennradfahrer erlitt bei dem Zusammenstoß laut Polizei Prellungen, leichte Kopfverletzungen und verlor mehrere Zähne. Zum Glück trug er einen Fahrradhelm …«

(Echo Online: Rennradfahrer bei Unfall schwer verletzt)

 

Mandatory Life Jacket Advertisement

From an Australian campaign against mandatory bicycle helmet laws:

(YouTube, via)

They picked a perfect analogy. Here in Germany, the number of people drowning and the number of people dying in bicycle accidents, repsectively, has the same order of magnitude: a few hundred a year. Both cycling and being around water are everyday activities for most of us, and the overall risk remains pretty low. Yet in one case we frequently discuss the need for protective gear as if it were particularly dangerous, while in the other, we just shrug it off—if the matter comes to our attention at all.

Unterschätzte Risiken: Brandmeldeanlagen

Brandmeldeanlagen mit Alarmleitung zur Feuerwehr schützen die Nutzer belebter Gebäude davor, einen eventuellen Brand selbst bemerken und die Feuerwehr rufen zu müssen. Wie jede auf dem Markt erfolgreiche Sichereitstechnik erinnern sie hin und wieder anlasslos an ihre Existenz und Nützlichkeit, indem sie einen Fehlalarm auslösen. Besonders gerne tun sie das anscheinend bei Gewitter – und halten so die ohnehin bereits gut beschäftigte Feuerwehr davon ab, echte Brände nach echten Blitzschlägen zu löschen.

Bankrotterklärung

Langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Wirkung typischer Fahrradhelme lediglich eine unbewiesene Behauptung darstellt:

»“Niemand kann wissenschaftlich nachweisen, wie viele Verkehrstote durch einen Radhelm verhindert werden können“, erklärt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV).«

(stern.de: Echte Schützer und falsche Versprechen)

Das ficht die Freunde des Styropors aber nicht an. Sie erwidernwie jeder geübte Esoteriker, es gebe mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als die Wissenschaft zu fassen vermöge:

»Auch Stefan Grabmeier, Helmexperte vom ADAC, ist sich sicher, ein Helm kann Leben retten: „Wissenschaftlich ist das schwer zu beweisen, aber wenn man sich mit der Praxis beschäftigt, weiß man, es gibt gerade bei Kindern sehr viele Fälle, wo ein Helm geholfen hätte.“«

(ebd.)

Ähnlich argumentieren Hebammen, die bei Vollmond mehr Kinder zur Welt kommen fühlen. Auch sie sind sich sehr sicher, dass sich die Wissenschaft irrt und nicht sie selbst. Wäre ja noch schöner, wenn Wissenschaftler unser als Erfahrung verbrämtes Wunschdenken in Frage stellen könnte.

Alle Jahre wieder

Anderthalb Wochen nach Frühlingsanfang: Die Sonnencreme-Kampagne 2012 ist angelaufen und informiert uns wie jedes Jahr darüber, dass wir uns der gefährlichen Strahlung aus dem All keinesfalls ungeschützt aussetzen dürfen. Auch die aktuelle Ausgabe des alljährlichen Zeckenalarms wurde bereits gesichtet. Nach Ostern kommen die Fahrradhelme dran und danach wird man uns daran erinnern, wie wir ohne Explosionen und ohne Verbrennungen grillen.

Angst vorm Radfahren

Ein Lesetipp fürs Wochenende:

In der Frühjahrsausgabe des Magazins Reflektor, herausgegeben vom ADFC Sachsen, findet sich ein Artikel mit dem Titel Angst vorm Radfahren? der nicht nur für Radfahrer interessant ist. Er eignet sich auch vorzüglich zur allgemeinen Reflexion unserer Ängste und unseres Umgangs damit. Inspirieren ließ sich der Autor vom Essay Fear of Cycling des britischen Soziologen Dave Horton.

Fun Fact: Ich bin in den letzten 6 Jahren fast 20.000km gefahren und dabei nicht einmal vom Fahrrad gefallen.