Archiv der Kategorie: Safety

Panikmafia on Tour

Falls jemand stänkern möchte: die Internationalen Ärzte zur Verhinderung von allem, was mit Atom zu tun hat, laden zu einer Trittbrettfahrerveranstaltung. Ihr Vehikel ist die nun fast ein Jahr alte KiKK-Studie, nach deren Ergebnis alle Atomkraftwerke Deutschlands zusammen jedes Jahr für den Bruchteil eines Leukämiefalles verantwortlich gemacht werden können, indem man statistische Methoden jenseits ihrer Spezifikation einsetzt. Man kann an diesem Ergebnis gewiss eine Weile heruminterpretieren, aber ein relevantes Risiko  kommt dabei nicht heraus. Dennoch tingelt eine Truppe von Besserwissern mit einem vierstündigen Programm rund um die Studie über die Dörfer und macht am 8. November 2008 von 14 bis 18 Uhr Station in Darmstadt. Das kann unterhaltsam werden, wenn sich jemand mit Ahnung ins Publikum setzt. Freiwillige vor!

Perspektivwechsel

Licht bedeutet Sicherheit. Fehlt es, werden unsere Augen nutzlos und uns geht ein wichtiger, breitbandiger Eingabekanal verloren. Die Orientierung wird mühsam und Gefahren können wir nicht mehr rechtzeitig erkennen. Kein Wunder, dass die Dunkelheit uns Angst macht, dass wir uns in der Nähe einer Lichtquelle besser fühlen. Wer lange genug darüber nachdenkt, kommt jedoch zu dem Schluss, dass dies eine äußerst anthropozentrische Sicht ist. Mit anderen Augen gesehen wird Licht nämlich zur Todesfalle:

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Man kann es auch übertreiben

Ein paar Sicherheitshinweise sollte man als Fluggast beachten, und die hat Focus Online aufgeschrieben. Das hat aber offenbar nicht gereicht, und man hat sich vorbeugend noch ein paar weitere ausgedacht:

»Planen Sie Ihren Gang zum WC sorgfältig, damit Sie nicht zu lange den Weg für das Kabinenpersonal blockieren. Das gilt auch für lang anhaltende Konversationen mit weiter hinten sitzenden Bekannten. Unterlassen Sie dabei hastige Bewegungen oder hektische Gesten etwa in Richtung Cockpit: Sie könnten beim eventuell mitfliegenden Sky-Marshal unnötig Verdacht erregen.«

Nein, liebe Redaktion, sorgfältig geplante Toilettengänge tragen nichts zur Sicherheit bei, und wenn ich vor schießwütigen Sky Marshals Angst haben muss, dann ist wohl nicht mein Verhalten das Problem.

Interim Report on BA038 Accident

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The U.K. Air Accidents Investigation Branch (AAIB) has published an Interim Report on the Accident to Boeing 777-236ER, G-YMMM at London Heathrow Airport on 17 January 2008, better known as the BA038 crash. As I mentioned before, aviation accident investigations are time-consuming. 8 months after the crash they are not finished yet, but they have an idea what the cause might have been. Their summary:

»The investigation has shown that the fuel flow to both engines was restricted; most probably due to ice within the fuel feed system. The ice is likely to have formed from water that occurred naturally in the fuel whilst the aircraft operated for a long period, with low fuel flows, in an unusually cold environment; although, G-YMMM was operated within the certified operational envelope at all times. (…)«

The report goes on discussing the issue and warns that other types of aircraft may be affected as well.

Wenn Politiker über Sicherheit reden …

… kommt so etwas heraus:

»Oberbürgermeister Stefan Gieltowski (SPD) ärgert das gewaltig. Er spricht lieber von einem „beeinträchtigten Sicherheitsempfinden“ der Bürger. Gieltowski lässt deshalb prüfen, ob Hilfspolizisten, die normalerweise Strafzettel verteilen, künftig verstärkt Streife gehen können. Außerdem schlug er vor, einzelne Plätze in der Innenstadt wie zum Beispiel am Bahnhof mit Videokameras zu überwachen.«

(HR: Nach Rüsselsheimer Blutbad: Videokameras gegen die Angst, Hervorhebung von mir)

Uns mehr Sicherheit zu verkaufen, versucht er also gar nicht, uns soll ein besseres Sicherheitsempfinden genügen. Mehr können Hilfspolizisten und Videokameras auch kaum erreichen, zumal der Anlass dieser Bemühungen eine Schießerei in einem Eiscafé in der Rüsselsheimer Innenstadt ist. Nehmen wir an, der Plan ginge auf, was hätten die Bürger davon? Na? Genau, sie würden sich bis zur nächsten Schießerei sicherer fühlen.

Eine Unglücksursache kommt selten allein

Nach Unglücken fragt der Laie gerne nach der Ursache. Oft gibt es aber gar keine einzelne Ursache:

»Auch der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt ging von einer Kette von Ursachen aus. Im Bayerischen Rundfunk sagte er, beim Unfall eines Verkehrsflugzeugs kämen „im Schnitt sechs bis sieben Ursachen“ zusammen. „Das ist eine Kette von Ereignissen, menschliche oder technische Fehler, wo bei jedem einzelnen es möglich gewesen wäre, diese Kette zu unterbrechen“, sagte Großbongardt.«

(Spiegel Online: Unglücksflug von Madrid: Triebwerk-Trümmer sollen Heckflosse beschädigt haben)

Theoretisch bedeutet das, dass sich das Unglück sogar redundant verhindern ließe, indem man mehrere Einzelfehler verhindert. In der Praxis ist das nicht so einfach, denn jedes Element einer solchen Ereigniskette ist in das Gesamtsystem eingebettet und damit einer Reihe von Zwängen unterworfen. Und ein klarer Fehler wäre es, die Sicherheit auf einzelne, spezifische Ereignisketten hin zu optimieren, dabei aber andere Szenarien zu ignorieren. Man kann also nicht einfach alles tun, damit sich so ein Unfall nicht wiederholt, denn damit würde man vielleicht die exakte Wiederholung ausschließen, aber vielleicht auch allerlei andere Verläufe fördern.

Neues aus der Helmforschung

Angeregt durch eine neuerliche Debatte um den Wert des Attributs kollegenbegutachtet als Argument in einer Diskussion bin ich dem Rat von Ludmila „Tragt einfach den Helm“ Carone gefolgt und habe, statt selbst Argumente zu wälzen, einfach gegoogelt. Natürlich wissenschaftlich korrekt mit Google Scholar. Es folgen einige Funde, die selbstverständlich kein ausgewogenes Bild abgeben. Um Glaubenssätze und Konsensbehauptungen zu erschüttern, genügen sie allemal.

Statt eines Helms kann man auch bunte Klamotten tragen, um seine Sicherheit zu erhöhen:

»After adjustment for potential confounders and exposure (kilometers cycled per year), the rate of days off work from bicycle crash injury was substantially lower among riders who reported always wearing fluorescent colors (multivariate incidence rate ratio 0.23, 95% CI 0.09 to 0.59).«

(Conspicuity and bicycle crashes: preliminary findings of the Taupo Bicycle Study — Thornley et al.)

Keine neue Erkenntnis, auf dem Spielplatz haben Helme nichts zu suchen:

»Zwei tödliche Strangulationen durch Fahrradhelmriemen beim Spielen werden vorgestellt. Beide Fälle wiesen Übereinstimmungen wie Erstickungsmechanismus, Obduktionsbefunde und Unfallort auf, bei dem es sich jeweils um einen Spielplatz mit einem Seil-Kletter-Gerät handelte. Ursächlicher Faktor war in beiden Fällen ein Sturz mit dem Fahrradhelm durch eine Netzmasche, sodass sich der Helmrand in dem Netz verfing und die plötzliche Straffung der Riemen die Strangulation herbeiführte.«

(Strangulationsunfälle mit Fahrradhelmen, V. Kuntz, J. Reuhl und R. Urban)

Nach einer Studie aus dem Iran haben nur 14% derjenigen, die dort nach einem Fahrradunfall im Krankenhaus landen, überhaupt eine Kopfverletzung. Das heißt, 86% der Schwerverletzten haben ihre schwere Verletzung an anderen Körperteilen.

Viel gefährlicher als Radfahren sind Mopedfahren (trotz Helmpflicht!), Snowboarden und Reiten:

»Horse riding had a 9-fold increased risk and moped driving had a 23.75-fold increased risk for injury compared with adolescent bike riding. Horse riding and snowboarding showed an increased risk for injury in children (5.6- and 4.2-fold, relative to biking).«

(Risk-Inducing Activities Leading to Injuries in a Child and Adolescent Population of Germany)

Es gibt Hinweise darauf, dass einige Helme bei Kindern das Risiko von Gesichtsverletzungen erhöhen könnten:

»Children less than nine years old that used foam helmets had an increased risk of getting face injuries.«

(Protective Effect of Different Types of Bicycle Helmets, Hansen K.S.; Engesæter L.B.; Viste A.)

Eine Werbekampagne fürs Helmtragen kann die Häufigkeit von Kopfverletzungen erheblich reduzieren – unabhängig davon, welche Auswirkungen die Kampagne auf das tatsächliche Trageverhalten hat:

»The population-based educational program significantly decreased the risk of head injuries among boys and girls despite observable differences in the voluntary adoption rate of bicycle-helmet wearing.«

(Does promoting bicycle-helmet wearing reduce childhood head injuries?, Céline Farley, Marjan Vaez, Lucie Laflamme)

Captain Obvious berichtet: Ändert sich die Nutzung von Fahrrädern, so kann das erheblichen Einfluss auf die Verletzungsstatistik haben:

»Injuries from bicycle use have increased but there has been a marked reduction in collisions with motor vehicles. This is a result of the changing use of bicycles by children.«

(Changing pattern of child bicycle injury in the Bay of Plenty, New Zealand, Moyes, Simon A)

Nach einer Griechischen Studie spielen Fahrradunfälle nur eine geringe Rolle im Verletzungsgeschehen bei Kindern bis zu 14 Jahren (ist es da zu warm?):

»2,711 children with bicycle-related injuries (4.8%) were found among the 56,132 injured children 0–14 years recorded in EDISS during a 3-year period. The incidence of bicycle-related injuries was estimated at about 7.9 per 1,000 children-years or about 20 per 1,000 bicycle-using children per year.«

(Bicycling-Related Injuries among Children in Greece, Klimentopoulou, A.; Paliokosta, E.; Towner, E.; Petridou, E.)

Und noch einmal Captain Obvious. Fahrradhelme schützen vor Sonnenstrahlung, aber nicht vor Wärme:

»Twenty-three visors were shown to result in a relevant reduction of radiant heating of the face (>0.5 W), with 15 reaching approximately 1 W. Heating of the visor and/or helmet and subsequent heating of the air flowing into the helmet was nevertheless found to be a relevant effect in many cases, suggesting that simple measures like reflective upper surfaces could noticeably improve the radiant heat rejection without changing the helmet structure.«

(Radiant heat transfer of bicycle helmets and visors, Paul A. Brühwiler)

Um aus der Notaufnahme Rohdaten in brauchbarer Qualität zu gewinnen, muss man sich schon ein wenig anstrengen, und selbst dann kann es passieren, dass entscheidende Parameter in einem Viertel der Fälle einfach undokumentiert bleiben:

»Initial review (n = 667) revealed mean age of patients 8.6years, with 46% African American and 67% male. Helmet usage was documented in 49% of the charts (81 were wearing helmets; 245 were not wearing helmets). Mechanism of injury was documented as bicycle alone in 587, bicycle versus car in 13, and bicycle versus stationary object in 64.After implementation of an injury data sheet (n = 205), it was found that the mean age was 9.24 years, with 51% African American and 43% male. Helmet use was documented in 77% of cases (26 wearing helmets; 132 not wearing). Mechanism was documented as bicycle alone in 125, bicycle versus car in 66, and bicycle versus stationary object in 14. Helmet use was much more frequently documented after the initiation of an injury documentation reminder sheet (z = 6.97; P < 0.001; 95% confidence interval, 20.2-35.8).«

(Bicycle Injury Documentation Before and After Charting Intervention. Monroe K, Nichols M, Bates R, Meredith M, Hunter J 3rd, King WD)

Haben Sie schon einen Fußballhelm?

»A regulation football helmet substantially reduced the peak Gs associated with „heading“ a soccer ball traveling at moderately high velocities. A helmet was also effective in reducing the peak acceleration both intraorally and intracranially for impacts significantly more forceful than heading a soccer ball.«

(Do football helmets reduce acceleration of impact in blunt head injuries? Lewis LM, Naunheim R, Standeven J, Lauryssen C, Richter C, Jeffords B.)

Und zu guter Letzt noch einmal einen Hinweis zur Risikobewertung. Eine weitere iranische Studie hat Kopfverletzte im Krankenhaus gezählt. 2,1% der Verletzten trugen keinen Helm beim Radfahren, 97,9% der Verletzten trugen keinen Helm bei irgendeiner anderen Tätigkeit. Nach diesen Zahlen müsste man fordern, dass beim Absteigen vom Fahrrad stets ein Helm aufzusetzen sei:

»Bicycle-related injuries accounted for 2.1% (170/8000) of all in-patient trauma patients …«

(Bicycle-Related Injuries in Tehran, M. Karbakhsh-Davari MD PhD, A. Khaji MD, J. Salimi MD)

Protect Yourself from Earthquakes and Tsunamis

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To make your holidays safer, the German Research Centre for Geosciences (GFZ) has published information on earthquakes and tsunamis, comprising:

Most of their recommendations may seem like common sense, but even simple measures are easily forgotten if one is used to living in low-risk areas.

Unterschätzte Risiken: Maßkrüge

Die Süddeutsche berichtet aus dem Hofbräuhaus:

»Mit einem Maßkrug hat ein 67 Jahre alter Rentner im Münchner Hofbräuhaus einen italienischen Touristen schwer am Kopf verletzt. (…) Er packte den Italiener an der Jacke und
schlug ihm einen Maßkrug auf den Kopf. Der Tourist wurde mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht und dort notoperiert. (…)«

Gut, dass ich nicht in Bayern Urlaub mache.

Unterschätzte Risiken: Heimwerker

»Mitten in der Nacht brach sie einfach weg, die Giebelwand eines Hauses in Fulda. Der einzige Bewohner blieb zwar unverletzt, aber der Vorfall kann wohl als „Totalschaden“ bezeichnet werden.
(…)
Der Hausbesitzer soll seit Monaten mit der Sanierung des Gebäudes beschäftigt gewesen sein.«

(HR: „Absolute Einsturzgefahr“: Hauswand bricht zusammen)

Hätte er über seine Arbeit gebloggt, wie es andere Selbstsanierer tun, hätte man ihm ja vielleicht in den Kommentaren einen Hinweis hinterlassen können. Andererseits, Haus und Leben gleichzeitig zu riskieren, hat schon was. No guts, no glory; in die Schlagzeilen hat er es jedenfalls geschafft.

Helmdiskussionsfortsetzung

Oh, die wissenschaftliche Helmdiskussion geht ja weiter. Schade, dass ich nicht zugegriffen habe, als es im Supermarkt Helme für’n Zehner gab, jetzt habe ich nichts, was ich wissenschaftlich in Styroporbröckchen zerlegen kann.

Gut, dass ich dort gesperrt bin, sonst käme ich glatt noch in die Versuchung, deutlich auf die Strohmannargumente hinzuweisen. Glaubt die Frau wirklich, dass wir über die hingehaltenen Stöckchen springen und uns an absurden Verschwörungstheorien abarbeiten?

Update: Im Po8tischen Blog gibt es noch einen Kommentar zur Debatte: Neulich bei Lord Helmchen…, sowie eine Umfrage nach Kopfverletzungen beim Radfahren.

Sicherheit im Flugzeug

Wer sich für Sicherheit beim Fliegen interessiert, der ist bei Patrick Smith gut aufgeehoben. Den hatten wir hier schon einmal zum Thema Sicherheit auf Flughäfen. Als Pilot kann er aber noch mehr erklären, nämlich zum Beispiel:

  • Wie gefährlich die Benutzung von Mobiltelefonen an Bord wirklich ist,
  • Warum Passagierflugzeuge kein Fallschirme für Passagiere mitführen,
  • Was wir aus dem glimpflich ausgegangenen Brand eines Flugzeugs in Japan lernen können, und zwar zum einen als Passagiere, zum anderen als Medienkonsumenten, oder
  • Was es mit »zu kurzen« Landebahnen auf sich hat.

Als gelegentlicher Fluggast wünsche ich mir allerdings etwas mehr Transparenz, was den Sinn einzelner Sicherheitsmaßnahmen betrifft. Vielleicht nicht als Bestandteil der üblichen Einweisung durch das Kabinenpersonal, aber doch so deutlich, dass sich nicht allzu viel Bullshit in den Köpfen verbreitet. Warum muss erst jemand Kolumnen schreiben, damit wir die Dinge erklärt bekommen?

Deutschsprachige Kompetenz zum Thema findet man übrigens in der Usenet-Newsgroup de.rec.luftfahrt, in der sich auch einige Piloten herumtreibeen.