Woher kommt die gern nachgeplapperte Behauptung, Radfahren sei besonders gefährlich? Unter anderem von Leuten, die es besser wissen müssten. Das zeigt uns Ben Goldacre im Guardian sowie in seinem Blog Bad Science. Ihm ist eine Pressemeldung in die Hände gefallen, die einen dramatischen Anstieg der Fahrradunfälle behauptet. Diese Behauptung ist vorurteilskompatibel, aber völliger Blödsinn, wie er nachvollziehbar zeigt. Quelle der Desinformation: ein Versicherungsunternehmen.
Archiv für den Monat Februar 2009
Spam verfilmt
Unterschätzte Risiken: Bohlen an der Uni
LVZ-Online berichtet über einen Arbeitsunfall:
»Ein 30-jähriger Arbeiter ist am Mittwochnachmittag auf der Baustelle für den neuen Campus der Universität Leipzig an der Universitätskirche bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen. Der Leipziger sei von herabstürzenden Bohlen erschlagen worden, teilte die Polizeidirektion Leipzig mit.«
Dass Bauarbeiten gefährlich sind, vor allem für die Bauarbeiter, wissen Leserinnen und Leser dieses Blogs bereits. Interessanter als die Statistik ist bei Unfällen meist die Ursachenforschung. Auch auf einer Baustelle regnet es ja nicht einfach kiloschwere Bohlen, sondern wie so oft spielen mehrere Faktoren zusammen:
»Zu dem Unglück kam es laut Polizei, als sich ein Fahrstuhl mit vormontiertem Boden aus zunächst ungeklärter Ursache aufwärts in Bewegung setzte. Dabei wurden Sicherungsbohlen aus Arbeitsgerüsten herausgerissen. Die 15 bis 20 Kilogramm schweren Bohlen stürzten etwa 20 Meter tief in den Fahrstuhlschacht, in dem die beiden Bauarbeiter waren.«
Da ist es gar nicht so einfach, eine eindeutige Ursache anzugeben, sofern man sich darunter einen einzelnen Fehler oder ein einziges Elementarereignis vorstellt. Sondern die Wirkung, Bohlen fallen auf Arbeiter, folgt aus einem komplizierten Geschehen. Dieses Geschehen wurde durch vielerlei Faktoren beeinflusst und hätte sich in der vorliegenden Form durch mehrere unterschiedliche Änderungen der Ausgangsbedingungen vermeiden lassen.
Bis hierhin ist alles recht einfach. Interessant wird es, wenn wir nach wirksamen allgemeinen Sicherheitsmaßnahmen suchen. Gegen diesen spezifischen Unfallverlauf etwas zu tun, ist nicht sinnvoll, wenn er sich in dieser Form nicht häufig wiederholt. Gesucht sind Maßnahmen, die einen nennenswerten Anteil der möglichen Unfälle behandeln. Das war auch der Hintergrund meiner Fragen zum Weihnachtsbaumbrand neulich.
Unterschätzte Risiken: De-Mail-Bürgerportale
De-Mail: unter diesem seltsamen Namen soll in Zukunft eine sichere Kommunikationsinfrastruktur zur Verfügung stehen. Das sieht zumindest ein Gesetzentwurf vor, den die Bundesregierung gestern verabschiedet hat. Betreiber sollen Unternehmen sein, beaufsichtigt vom BSI, und benutzen sollen es – vorerst freiwillig – wir alle.
Für die herkömmliche E-Mail ändert sich nichts. Zusätzlich zu dieser bewährten Infrastruktur erhalten wir aber die Möglichkeit, die ganzen selten benutzten Sonderfunktionen des Postzeitalters im Netz zu nutzen: Einschreiben, Ausweis zeigen, Porto zahlen. Ja, Porto. Was wir dafür bekommen, ist Sicherheit. Lehrbuchsicherheit, um genau zu sein, das heißt Mechanismen, die formale Probleme formal lösen. Ein realitätsbezogenes Bedrohungsmodell gibt es nicht, sondern man wird Sicherheitsmechanismen aus dem Lehrbuch zusammensetzen zu etwas, das dann vor den Bedrohungen schützt, vor denen die gewählten Mechanismen eben schützen. Was alten Männern mit Kugelschreibern eben so einfällt, wenn sie in einem Wahljahr beweisen wollen, für wie modern sie sich halten. Unterschätzte Risiken: De-Mail-Bürgerportale weiterlesen
R.I.P.: Die rechtsverbindliche digitale Signatur (Teil 3)
[Teil 1 – Teil 2 – Teil 3 – Teil 4]
Während man beim SmartCard-Workshop die üblichen Visionsschablonen ausmalt, holt die EU-Kommission aus, der rechtsverbindlichen digitalen Signatur einen weiteren Sargnagel einzuschlagen. Wie der Heise-Ticker meldet, möchte die EU-Kommission die Rechnungssignatur kippen.
Die Rechnungssignatur ist eine Regelung aus dem Umsatzsteuerrecht und eine der wenigen realen Anwendungen für rechtsverbindliche Signaturen. Nicht dass man sie technisch brauchte, aber sie ist vorgeschrieben: zum Vorsteuerabzug dürfen elektronische Rechnungen nur verwendet werden, wenn sie digital signiert sind. Entgegen aller großen Hoffnungen hat sich die digitale Signatur als Rechtskonstrukt bislang fast nur in solchen Zwangsanwendungen durchgesetzt. Wer die freie Wahl hat, benutzt sie normalerweise nicht, denn sie ist umständlich und schafft dem Anwender vor allem Nachteile.
Das hat nun auch die EU-Kommission erkannt und festgestellt, dass die zugrundeliegende Richtlinie – die im deutschen Recht verschärft wurde – die Verbreitung elektronischer Rechnungen behindert hat. Dass man mit formaler Sicherheitstechnik die Verbreitung von irgend etwas fördern könnte, wie es die Visionäre gerne unterstellen, ist vielleicht nichts als ein Traum.
PS.: Die Bundesregierung hat gerade die Signaturpleite der nächsten Generation beschlossen. Bürgerportal und De-Mail heißen die Stichworte und über einen späteren Anschlusszwang wird bereits spekuliert.
In einem Wort
Paradoxie der Wachsamkeit
»Es gibt eine Paradoxie im Wohlergehen der Menschheit: Das Wohlergehen der Menschheit beruht auf einer wirklichen Wachsamkeit gegen eine Menge Gefahren, aber das Wohlergehen vernichtet auch die Wachsamkeit. Die Freiheit wird leicht zu etwas Selbstverständlichem.«
(Karl R. Popper im Spiegel-Interview, April 1992, abgedruckt in: Karl Popper, Alles Leben ist Problemlösen, Piper Verlag)
The Bailout Rap
(direct bailout, via Calculated Risk)