
Archiv der Kategorie: Wahrnehmung
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(welt.de: Dax begibt sich erneut auf Talfahrt)
Unterschätzte Risiken: irrationale Ängste
Nicht alles, was plausibel klingt, ist auch richtig:
»Personaler schnüffeln immer und überall. Kaum liegt die Bewerbermappe auf dem Tisch, wird gegooglet, geyoutubt, geflickert, gefacebookt, gexingt, gelinkedint, gemyspacet, werden Spezialdienste wie Stalkerati, Technorati oder Yasni angesurft.
Meinungsäußerungen, Hobbies, Vorlieben, Neigungen – kein noch so kleines Detail in der Vita eines Kandidaten bleibt ihnen verborgen, alles wird gesammelt und in einem so genannten B-Profil ausgewertet, so der gängige Medien-Tenor. Doch ist dem wirklich so? (…)«
(FAZjob.NET: Karrieresprung: Bewerber googeln – oder lieber doch nicht?)
Selbstverständlich interessiert sich kein Mensch für die Studentenpartyfotos im Netz, und falls wider Erwarten eine Firma ihre Personalauswahl auf solche Kindereien stützt, möchte man dort nicht arbeiten. Reputationsmanagement durch Löschen dürfte sich deshalb in der Regel erübrigen und ganz dumm wäre es, im Netz überhaupt keine Spuren zu hinterlassen.
Das soll keine Einladung zum sorglosen Umgang mit sich selbst im Netz sein. Aber unrealistische Bedrohungsszenarien sind selten die Grundlage eines brauchbaren Sicherheitskonzeptes und wer sich von Angst lähmen lässt, wo andere etwas tun, der kann nur verlieren.
Unterschätzte Risiken: Polizisten
Falls mal jemand fragt, warum wir der Polizei misstrauen:
»In Mexiko werden täglich Dutzende Menschen entführt oder ermordet. Noch schwerer als das Versagen der vermeintlichen Gesetzeshüter wiegt, dass der Bürger nicht weiss, auf welcher Seite diese stehen. (…)«
Die Polizei ist eine feine Sache, aber wenn man nicht auf die Jungs aufpasst, können sie echt lästig werden.
Wenn Politiker über Sicherheit reden …
… kommt so etwas heraus:
»Oberbürgermeister Stefan Gieltowski (SPD) ärgert das gewaltig. Er spricht lieber von einem „beeinträchtigten Sicherheitsempfinden“ der Bürger. Gieltowski lässt deshalb prüfen, ob Hilfspolizisten, die normalerweise Strafzettel verteilen, künftig verstärkt Streife gehen können. Außerdem schlug er vor, einzelne Plätze in der Innenstadt wie zum Beispiel am Bahnhof mit Videokameras zu überwachen.«
(HR: Nach Rüsselsheimer Blutbad: Videokameras gegen die Angst, Hervorhebung von mir)
Uns mehr Sicherheit zu verkaufen, versucht er also gar nicht, uns soll ein besseres Sicherheitsempfinden genügen. Mehr können Hilfspolizisten und Videokameras auch kaum erreichen, zumal der Anlass dieser Bemühungen eine Schießerei in einem Eiscafé in der Rüsselsheimer Innenstadt ist. Nehmen wir an, der Plan ginge auf, was hätten die Bürger davon? Na? Genau, sie würden sich bis zur nächsten Schießerei sicherer fühlen.
Risiko von IT-Projekten höher?
Roland Berger hat heute eine Studie vorgestellt, die eindeutig nachweist: „20 Prozent aller IT-Projekte werden abgebrochen; jedes zweite dauert länger oder wird teurer als geplant – Imageschäden werden häufig unterschätzt – Mangelndes Risikomanagement ist eine der Hauptursachen für das Scheitern – die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns steigt mit Dauer und Komplexität von Projekten.“ Unterschwellig möchte die Mitteilung natürlich glauben machen, dass IT-Projekte unberechenbarer sind als andere und leichter scheitern. Den Gegenbeweis liefert jedoch immer wieder Roland Berger selbst, der auch analoge Großprojekte grandios vor die Wand fahren kann. So geschehen zum Beispiel bei der Effizienzsteigerung in der Bundeswehr, für die Berger seinerzeit satt abkassiert hat. Dass laut Studie „IT-Großprojekte überdurchschnittlich häufig vorzeitig abgebrochen“ werden, ist deshalb vielleicht gar nicht so schlecht – vielleicht spart das dem Auftraggeber Geld.
Nachtrag: Ach ja – „Die Studie basiert auf der jahrelangen Erfahrung der Autoren bei der Steuerung, Restrukturierung und Sanierung großer Projekte.“
Macht das Internet blöd?
»Das Internet verblödet nicht die Menschen, die Menschen verblöden das Internet!«
(elfboi, Telepolis-Blogforen)
Unterschätzte Risiken: Surf-CDs
Vom BSI gibt es eine Live-CD, von der man eine Betriebssysteminstanz zum sicheren Surfen im Web starten kann. Dieses System fungiert als Sandbox: Schadsoftware, die man sich im Netz einfägt, kann mit so einer CD höchstens die momentan laufende Systemsitzung beeinflussen. Software auf der CD ist gegen Manipulation aus dem System heraus geschützt, ebenso Daten und Programme auf der Festplatte des verwendeten PC. Nach jedem Neustart kann man folglich ein sauberes System erwarten, egal, was in der letzten Sitzung passiert ist.
Das Antiterrorblog empfiehlt die CD als Mittel gegen den Bundestrojaner, der ja auch Schadsoftware sei. Das liest sich zunächst plausibel, ist aber zu kurz gedacht. Das Angreifermodell des Bundestrojaners unterscheidet sich nämlich in zwei wichtigen Punkten von jenem gewöhnlicher Schadsoftware.
Allerweltstrojaner verbreiten sich online und ungezielt. Es geht nicht um ein bestimmtes Opfer, sondern um eine hinreichende Opferzahl. Der Angriff erfolgt als Versuch auf eine a priori unbestimmte Menge von Nutzern. Er ist erfolgreich, wenn ein gewisser – meist recht kleiner – Anteil der Einzelversuche glückt.
Anders ein Bundestrojaner. Er wird gezielt gegen einzelne Personen und deren PC eingesetzt und die Installation muss nicht über das Netz erfolgen. Damit verändert sich offensichtlich das Erfolgskriterium, der Angriff muss bei der gewählten Zielperson glücken und lange genug unbemerkt bleiben. Weniger offensichtlich verändern sich auch die Handlungsmöglichkeiten des Angreifers und damit die Angriffsfläche. Was nämlich macht der Bundestrojanerinstallateur, wenn er es mit einem Live-CD-Benutzer zu tun bekommt? Unterschätzte Risiken: Surf-CDs weiterlesen
blind, barrierefrei oder einfach blöd?
Letzte Woche hat mich ein Kollege auf einen hübschen Dienst aufmerksam gemacht. Wer ein Captcha gelöst haben möchte, der kann das ganze an www.captchakiller.com schicken, die machen aus kleinen JPEGs hübsche kleine ASCII-Zeichenfolgen. Wer jetzt denkt, das Ding sei ein böser Helfer der Spammer, die ihre Robots damit durch die Captcha-Kontrolle bringen wollen, um Webseitenbetreiber in diversen Formen zu belästigen, der irrt. Auf der Seite steht’s, die machen das nur wegen den Blinden, die den Captchas ansonsten völlig hilflos gegenüberstehen – also ganz im Zeichen der Barrierefreiheit. Quote: „CAPTCHA Killer is 100% focused on increasing accessibility on the Internet.“ Deshalb haben die Gutmenschen wahrscheinlich auch das Mädchen engagiert, das im häßlichen T-Shirt, aber ohne Höschen die Seite ziert. Auf der Seite tut sich aber seit vergangenem Sommer nicht mehr viel. Der werte Leser möge selbst entscheiden, ob die Blinden doch andere Mittel und Wege gefunden haben, um Captchas zu lösen, oder ab die Macher an einer besonderen Art der Wahrnehmungsstörung leiden.
So funktioniert Zertifizierung
Ich hatte hier versprochen, gelegentlich zu erläutern, wie Zertifizierung und Prüfsiegel funktionieren. Jetzt bietet sich eine Gelegenheit. Frau Neudecker von der Zeit hat diesen unscheinbaren Gegenstand ausgegraben, der auf den schönen Namen Peloop hört. Die Leistungsbeschreibung liefert sie gleich mit:
»Im Peloop ist nämlich ein Magnet, der “ein magnetisches Feld rund um die Peniswurzel bildet, dort wo das Blut in den Penis fließt.”
Dann ist darin noch “Turmalin und Germanium” enthalten (öh, sagt der Hersteller), die “negative Ionen absondern”, und “ferne Infrarotstrahlen” gibt das Ding auch noch ab. Ja, klar.
Was all das bewirken soll? Es verbessert “das Blut im Inneren des Penis”.«
Das ist – im Zusammenhang – offensichtlicher Nonsens. Falls das Ding eine nennenswerte Wirkung hat, dann dürfte diese Wirkung allein auf mechanische Einflüsse zurückzuführen sein und nicht auf die oben genannten Eigenschaften oder die leuchtend gelbe Farbe. Das versteht jedes Kind, so es denn mit solchen Sachen spielen darf. Dennoch bietet sich hier ein weites Feld für sorgfältige Prüfungen, die allesamt handfeste, unzweifelhafte Ergebnisse liefern, ohne je die entscheidenden Fragen zu stellen. Und das geht so. So funktioniert Zertifizierung weiterlesen
Die Zeit über Risikowahrnehmung
Die Zeit beschäftigt sich mit der Risikowahrnehmung und der Rolle der Medien dabei:
»Unsere Risikowahrnehmung unterliegt starken Schwankungen. Waldsterben und Vogelgrippe sind out, jetzt reden alle über Klimawandel und die Gefahren der Ernährung. Eine Analyse des Wechselspiels zwischen Wissenschaft, Medien, Politik und unserem kollektiven Bauchgefühl (…)«
Wovor haben Sie Angst?
Volker Pispers über Angst und wovor wir sie haben:
Getürkt?

Glückskind
Den Rückflug genau zwischen Unwetter und Computerpanne eingepasst, und das zwei Monate im voraus. Ich bin stolz auf mich. (In Wirklichkeit hatte ich, wie meistens, einfach nur Glück.)
Relatives Risiko
Wenn man ein Auto fährt, das auf der Autobahn irgendwo jenseits der Richtgeschwindigkeit automatisch das Licht anschaltet, was möchte man da in der Betriebsanleitung nicht missen? Genau, Sicherheitshinweise. Sie sollten aber doch bitte beim Thema und den Fakten bleiben. VW zeigt, wie man es nicht macht: Relatives Risiko weiterlesen
Phishing? Nein, Microsoft.
Das liest sich wie ein Phishing-Versuch zur Verbreitung von Schadsoftware, zumal der Text dazu animiert, etwas herunterzuladen und zu installieren:
Ein Microcode-Zuverlässigkeitsupdate ist verfügbar das verbessert die Zuverlässigkeit Systeme, die Intel-Prozessoren verwenden. Dieser Artikel beschreibt, wie dieses Update gedownloadet wird.
(…)
Q:: welche Probleme werden von dem Microcode-Zuverlässigkeitsupdate behoben?
A:: das Microcode-Zuverlässigkeitsupdate behebt die folgenden Probleme:
- Ein mögliches Intel-Prozessor-marginality
- Ein potenzieller Quell des unvorhersehbaren Systemverhaltens
- Ein Fehler „ob 0x7E abbricht“ der bei Start auf einigen Systemen auftreten kann, die ein älteres Pentium 5 CPU ausführen
(…)
Ist aber in Wirklichkeit eine Maschinenübersetzung von Microsoft, über die man stolpert, wenn man den Links zu den Updates folgt. Welcher Text zu lesen ist, hängt übrigens von den Spracheinstellungen des Browsers ab.
Die Banalität des Bösen
Manche Leute haben Angst vor Google. Weil Google Daten sammelt und versucht, daraus so viel über uns zu lernen, dass Google-Werbung besser funktioniert als andere. Mir fällt das schwer, weil ich zielgerichtete Werbung für einen Mythos halte. Google gibt mir Recht:
Oder habe ich einen Cyberwar verpasst?
Unterschätzte Risiken: Verwandte und Bekannte
808 Menschen starben im Jahr 2006 in Deutschland durch Mord oder Totschlag. Zwei Drittel davon wurden von Verwandten oder Bekannten getötet. Leute zu kennen ist also ungefähr so gefährlich wie Radfahren.
Man muss ja nicht immer Angst haben
»Meine Kinder brauchen keine Polkappen. Klimaveränderung gab es schon immer! Man kann als einigermaßen aufgeweckter Mensch doch nicht glauben, man hätte Einfluss darauf. Um mich mal bei einem Großteil der Leser ganz beliebt zu machen: Wenn Sie sich mit Umwelt beschäftigen, haben Sie wirklich zu viel Freizeit.«
Trotzreaktion
Helmdiskussionen beginnen und enden mit Trotzreaktionen. Da kann ich nicht ruhig zusehen. In Deutschland sterben Jahr für Jahr etwa 600 Menschen bei Bränden, ungefähr so viele wie jeweils durch Fahrrad- oder Badeunfälle. Schwimmen kann ich gut, Radfahren auch (was nicht notwendig heißt, dass mein Risiko geringer wäre), also habe ich mir bei meinem jüngsten Besuch im hiesigen Baumarkt einen Brandmelder gekauft. Der kostet weniger als so ein blöder Helm und man muss sich nicht erst mühsam ein Szenario konstruieren vom Sturz ohne Fremdbeteiligung auf einen spitzen Stein genau mit dem behelmten Drittel des Kopfes, um sein Leben gerettet zu bekommen.
Ein Brandmelder in der Wohnung verringert Risiken durch ein einfaches Wirkprinzip: er weckt Schlafende, wenn es brennt. Diese Sicherheitsfunktion ist außerdem nach den kolportierten Zahlen in einem nennenswerten Anteil der Fälle relevant, weil der Tod oft direkt oder indirekt aufgrund einer Rauchvergiftung im Schlaf eintritt. Da lohnt sich ein Sicherheitsmechanismus.
Ob ich jetzt wirklich sicherer bin, weiß ich allerdings nicht. Ich kann noch eine Menge Fehler machen, etwa das Ding blöd (oder aus Faulheit gar nicht) aufhängen oder in ein paar Jahren den Batteriewechsel vergessen. Wie gut das Ding funktioniert, habe ich auch nicht getestet.
Unterschätzte Risiken: Halbwissen
Faustregeln, vornehm auch Heuristiken genannt, sind eine feine Sache. Sie reduzieren die scheinbare Komplexität unserer Welt und erleichtern damit den Alltag. Leider nicht immer:
»Wie ein Experiment nun erstmals gezeigt hat, lassen sich Nichtfachleute von neurowissenschaftlich verbrämten Argumenten derart blenden, dass sie logische Mängel derselben nicht mehr zu erkennen vermögen.
(…)
Die Pointe der Versuchsanordnung bestand darin, dass die neurowissenschaftliche Information logisch gesehen völlig wertlos war: Sie trug in keiner Weise zur Erklärung bei.
(…)
Wurden die Erklärungen ohne neurowissenschaftliche Zusätze präsentiert, so waren Laien (ohne Vorkenntnisse in der Hirnforschung) ebenso wie Experten (mit einschlägigem Vorwissen) recht gut in der Lage, die logischen Mängel der schlechten Erklärungen zu durchschauen: Sie veranschlagten die Qualität der guten Erklärungen als deutlich höher. Ganz anders das Bild, wenn den Teilnehmern neurowissenschaftlich verbrämte Erläuterungen vorgelegt wurden.«
Das berichtet die NZZ und bezieht sich damit auf den Artikel The Seductive Allure of Neuroscience Explanations von Deena Skolnick Weisberg, Frank C. Keil, Joshua Goodstein, Elizabeth Rawson und Jeremy R. Gray im Journal of Cognitive Neuroscience 20, 470–477 (2008).
Vielleicht sollte ich es doch mal mit Social Engineering versuchen, wenn Blendwerk so gut funktioniert. Oder lieber Bullshit Bingo, jetzt, wo es alle wissen und anwenden?
Hüten Sie sich vor dem Spießer von nebenan
In de.rec.fahrrad fand ich einen Hinweis auf einen Artikel der Frankfurter Rundschau, der dem einen oder anderen vielleicht bei der Justierung seines Bedrohungsmodells hilft:
»Die Tatsache, dass es sich bei Selbstmordattentätern meist um gesittete Bürger handelt, scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein. Schließlich besteht die Mittelschicht zum größten Teil aus gebildeten, artigen Familienmenschen und nicht aus Schlägern und Kriminellen, die wir uns unter Terroristen vorstellen. Sie haben wenig Ähnlichkeit mit englischen Football-Hooligans oder anderen Krawallmachern.«
(weiter: Taktiker und Krieger aus der Mittelschicht)
Dort geht es nicht nur um Selbstmordattentäter, sondern um Gewalt überhaupt. Autor des Artikels ist der Soziologe Randall Collins, der darüber auch ein Buch geschrieben hat.
Achten Sie auf Ihren Nachbarn.
Aus dem Weltbild eines Fahrradhelmträgers
Das Schöne an Blogs ist, dass sie wie Reihenhaussiedlungen funktionieren. Jeder kann in seinem Vorgarten seine persönliche Form des Spießertums zelebrieren und die anderen für schlimme Spießer halten. Das tue ich jetzt auch. Die misslungene Helmdiskussion an anderer Stelle hatte ich bereits erwähnt, ihre Vorgeschichte nehme ich gleich noch mit dazu. Eigentlich gehört so etwas ignoriert, weil es sich um eine Glaubensfrage handelt. Da ich nun aber schon mal mitgemacht habe, lasse ich mir auch das Fazit nicht entgehen, denn das ist aufschlussreich. Ich fasse die Debatte mal aus Sicht der Gegenseite zusammen. Aus dem Weltbild eines Fahrradhelmträgers weiterlesen