Archiv der Kategorie: Safety

Unterschätzte Risiken: Flugsimulatoren

Flugsimulatoren sind gut für die Sicherheit. Pioloten können dort das Verhalten in Notfällen und schwierigen Situationen üben, damit es im Ernstfall besser klappt. Oder? Kommt drauf an, wie realistisch die Simulation ist:

»The Boeing 737-500 skidded off a runway at high speed and burst into flames because of the pilot’s inability to steer while trying to take off in gusty cross-winds, the NTSB ruled. Six people suffered severe injuries.

Investigators also found that many airline simulators, including Continental’s, made such takeoffs seem far easier than in the real world. To make matters worse, the airline and its trainers were never told the simulators were inaccurate, the safety board found.«

(USATODAY.com: Simulator training flaws tied to airline crashes, via)

In der Bilanz ist das Simulatortraining vermutlich trotzdem eine gute Idee, nur eben nicht perfekt.

Prüfsiegel-PR

Ein Meisterstück der PR. Der TÜV Rheinland erklärt uns semantische Haarspaltereien, bietet sich als Wegweiser durch die unübersichtliche Welt der Schwimmhilfen an und lässt jede Verantwortung doch bei den Eltern. Das alles in einer einzigen Pressemitteilung mit dem Titel Schwimmlernhilfen sind kein Spielzeug, deren Zusammenfassung lautet:

»Kein Schutz vor dem Ertrinken / Kinder immer beaufsichtigen / Auf Kennzeichnung mit richtiger Norm EN 13138-1 achten / GS-Zeichen gibt mehr Sicherheit«

Darin klärt uns der TÜV über den Unterschied zwischen Schwimmhilfen und Schwimmlernhilfen auf, die nach unterschiedlichen Normen bewertet werden, die Schwimmhilfen nach EN 71 und die Schwimmlernhilfen nach EN 13138-1. Was das genau bedeutet, soll uns nicht interessieren und wird auch nicht aufgeführt; wichtig ist, dass wir aufs TÜV-Siegel achten. Wenn Eltern alles richtig gemacht haben, ändert sich im Freibadalltag für sie – gar nichts, denn Verantwortung möchte der TÜV lieber nicht übernehmen:

»Trotz Schwimmlernhilfe gilt jedoch: Kinder nie ohne Aufsicht ins Wasser lassen. Am besten halten sich die Erwachsenen nicht weiter als eine Armlänge entfernt auf, um im Notfall sofort eingreifen zu können.«

Unter diesen Umständen könnte man dem Kind statt einer Schwimm(lern)hilfe auch ein Wasserspielzeug in die Hand geben, dessen ausgezeichneten Spielwert der TÜV zertifiziert hat.

Unterschätzte Risiken: Rumstehen ohne Helm

Da hat wohl einer geglaubt, er könne sich den Helm sparen, wenn er nur vom Fahrrad stiege und sich neben die Rennstrecke stellte. So kann man sich täuschen:

»Wie die Polizei mitteilte, sei an der Bezirksgrenze von Kreuzberg zu Neukölln gegen 12 Uhr ein bislang unbekannt gebliebener Radfahrer plötzlich gestürzt und gegen einen Streckenposten geprallt. Der Sportler und sein Rad trafen den Helfer am Kottbusser Damm Ecke Weserstraße so unglücklich, dass der 63-Jährige hinstürzte und mit dem Kopf gegen die Bordsteinkante schlug.

Der Polizei zufolge erlitt das Unfallopfer schwerste Kopfverletzungen. (…)«

(Tagesspiegel:
Helfer am Kopf verletzt: Folgenschwerer Unfall beim Velothon)

Gezielte Verteidigung

Ein gutes Bedrohungsmodell erleichtert die Verteidigung, indem es gezielte Sicherheitsmaßnahmen ermöglicht. Das demonstrieren uns Ladeninhaber, die ihre Alarmanlagen mit Nebelmaschinen koppeln. Diese Idee ist vermutlich gut: Einbrecher kommen mit dem Ziel, schnell und einfach eine gewisse Menge Waren mitzunehmen, ohne dabei gefasst zu werden. Dichter Nebel stört dabei. Er verhindert zwar nichts, verlangsamt aber Vorgänge: das Auffinden der Beute, das Heraustragen und gegebenenfalls auch die Flucht, was das Risiko der Täter erhöht. Außerdem kostet Nebel nicht viel, gewiss weniger als eine strikt präventive Ausstattung des gesamten Gebäudes mit einbruchshemmenden Maßnahmen. Alle Schäden verhindert er nicht, aber zur Reduktion taugt er allemal.

Was macht ein Bedrohungsmodell brauchbar? Das ergibt sich daraus, wozu man dieses Modell braucht: man möchte im Modell die mutmaßliche Wirksamkeit und Eignung von Sicherheitsmaßnahmen diskutieren, einschätzen und vergleichen. Die so begründeten Entscheidungen sollen später mit hoher Wahrscheinlichkeit den Realitätstest überstehen.

Gezielte Verteidigung weiterlesen

Unterschätzte Risiken: Hunde

Die NZZ meldet ein echtes unterschätztes Risiko: Hunde beissen häufiger als angenommen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt. Grund zur Sorge gibt es dennoch nicht:

»Obwohl jeder Unfall ein Unfall zu viel ist und menschliches Leid und Kosten verursacht, kommt die Suva zum Schluss, dass sich seitens Suva für ihre Versicherten keine spezifischen Präventionsmassnahmen zur Vermeidung von Unfällen mit Hunden aufdrängen.«

Das lese ich gerne (und viel zu selten).

35 Meilen

Und so gehen pragmatische Amerikaner mit rauchenden Vulkanen um:

„In den USA zieht man bei einem Ausbruch einfach einen Sperrkreis von 35 Meilen um den Vulkan und geht ansonsten davon aus, dass auch in größerer Entfernung niemand durch die sichtbare Aschewolke fliegt“, sagte indessen ein ranghoher Branchenvertreter, der nicht genannt werden wollte, dem Tagesspiegel. „Die Amerikaner müssen sich über die Europäer totgelacht haben.“

(Tagesspiegel: Flugverbot – die Branche flucht)

60μg/m³

60μg/m³ betrug die Feinstaubkonzentration, die man am Montag 4 Kilometer über Leipzig maß. [Update: Wenn man von der Seite guckt und ein Pfeil dran ist, kann man diese Konzentration auch sehen.] Der Luftdurchsatz der Triebwerke eines modernen Verkehrsflugzeuges liegt bei etwa 1000 bis 1300kg/s für alle Triebwerke zusammen. Ganz grob überschlagen wiegt ein Kubikmeter Luft ungefähr ein Kilogramm. Das Nebenstromverhältnis ziviler Mantelstromtriebwerke liegt bei 5:1 bis 9:1, das heißt 1/9 bis 1/5 der angesaugten Luft gelangen in die Brennkammer.

P.S.: Die Luftqualitätsrichtlinie der EU erlaubt als Tagesmittelwert höchstens 50μg/m³ bei bis zu 7 Überschreitungen pro Jahr und als Jahresmittelwert 20μg/m³.

P.P.S.: Das DLR schreibt zum Messflug vom Montag:

»Die gemessenen Konzentrationen von großen Partikeln in den Vulkanschichten lagen bei Werten, die typisch in Sahara-Staubschichten beobachtet werden. Sie lagen jedoch niedriger, als die Konzentrationen von großen Partikeln, die in einer verschmutzten bodennahen atmosphärischen Grenzschicht gemessen werden.«

(Bericht zum Falcon Messflug am 19. April 2010)

Die Zusammenfassung des Berichts sagt nach meinem Verständnis: der Staub war messbar, aber nicht ungewöhnlich.

P.P.P.S.: Erste Schätzungen drei Tage vor dem Messflug lagen um eine Größenordnung höher bei etwa 600 bis 1000μg/m³. Das wären dann — vielen Dank an die rechnenden Leser — anderthalb bis zwei Pfund Staub in der Stunde.

„Wir möchten kein Risiko eingehen.“

Man wolle kein Risiko eingehen, sagen jezt alle, die sich vom Vorsorgeprinzip einen festen Sitz in ihrem Amtssesseln erhoffen. Und wie lange kann man „kein Risiko eingehen“, ohne dass diese Risikoaversion selbst riskant wird? Mehr als das ist es ja nicht, wie Spiegel Online schreibt:

»Iata-Präsident Giovanni Bisignani sagte am Montag in Paris, es gebe „keine Risikoeinschätzung, keine Konsultation, keine Koordinierung und keine Führung“ in der EU. Sicherheit gehe natürlich vor. Doch in einer solchen Krisenlage habe es fünf Tage gedauert, bis die EU-Kommission eine Videokonferenz zustande gebracht habe. Erst am Montagnachmittag wollen die Verkehrsminister über Wege aus dem seit Tagen anhaltenden Chaos im Luftverkehr beraten.«

Wie sichern sich Luftfahrtungternehmen eigentlich gegen solche Ereignisse ab? Anscheinend gar nicht.

P.S.: Pilot und Flugzeug zum Thema.

Unterschätzte Risiken: Hasenpest

Um Zeckenbisse wird jedes Jahr ein großes Theater gemacht, weil es gegen die dabei selten übertragene Krankkeit FSME eine Impfung zu verkaufen gilt. Um eine Gegend zum Risiko-, ja sogar zum Hochrisikogebiet zu machen, muss die Krankheit dort einfach nur auftreten. Viel weniger Aufregung verursacht die nur wenig seltener vorkommende Hasenpest. Dabei hätte sie es genauso verdient:

»Typischerweise erkranken Jäger. Sie stecken sich beim Häuten und Ausnehmen von Hasen an. Aber auch Forstpersonal und Landwirte sind häufiger betroffen. Man kann sich durch Zecken und Stechmücken, orale Aufnahme von nicht ausreichend erhitztem Hasenfleisch und Inhalation von erregerhaltigem Staub infizieren. Selbst in Oberflächengewässern und Erdboden findet sich der Erreger bisweilen. Das Krankheitsbild ist grippeartig: Fieber, geschwollene Lymphknoten, Kopfschmerzen, zum Teil Geschwüre. Oft wird deshalb eine falsche oder keine Diagnose gestellt.«

(Planckton: Die Hasenpest)

Helmmode

Leserin Monika W. aus B. an der S. grub einen feinen Artikel aus, der Fahrradhelme endlich einmal im korrekten Rahmen und Kontext diskutiert: als Modeerscheinung nämlich. Ein Auszug:

»Mehr zu verlieren hat jedoch die andere Seite. Manche Vertreter der Pro-Helm-Bewegung treten auffällig ernst und dogmatisch auf. Vielleicht weisen sie die Argumente gegen den Helm auch deshalb so brüsk zurück, weil sie die Peinlichkeit bereits hinter sich haben. Wer schon mal mit Helm auf offener Straße stand, will nicht hören, dass derjenige, dessen Frisur auch nach Erreichen des Arbeitsplatzes noch Volumen hat, ebenso sicher ins Büro kam.«

(Die Helmbewegung)

Dem ist nichts hinzuzufügen. Oder vielleicht doch: wer meint, das modische Problem lösen zu können, indem er die restlichen Klamotten passend zum Helm wählt, ist auf dem Holzweg. Eine brauchbare Modeberatung gibt’s hier.

Stolperkampagne

Stolpern hatten wir hier schon: ein Alltagsrisiko, das uns vielleicht gerade deswegen kaum ängstigt. Wir fürchten uns lieber vor Terroristen, Flugzeugabstürzen oder Kindermördern. In der Schweiz läuft nun gerade eine Kampagne, um die Bürger auf dieses Risiko aufmerksam zu machen. Zwar wird sie wohl ebenso wirkungslos verpuffen wie alle anderen gut gemeinten Werbekampagnen, aber wenigstens ist das Thema sinnvoll gewählt. Die häusliche Umgebung ist nämlich in absoluten Zahlen gefährlicher als der Straßenverkehr. Die Website zur Kampagne: http://www.stolpern.ch/.

Unterschätzte Risiken: Käse

Hand aufs Herz: haben Sie Angst vor Käse aus dem Supermarkt? Nein? Sollten Sie aber, denn Käse kann Sie umbringen:

»Alarm bei Lidl: Der Discounter hat erneut vor dem Verzehr von zwei Käsesorten gewarnt, die offenbar mit gefährlichen Bakterien verseucht sind. An ihnen sollen bereits sechs Menschen gestorben sein, die Symptome ähnelten zunächst denen einer Grippe.«

(Welt Online: Lebensmittel: Mehrere Todesfälle – Lidl ruft Käse zurück)

Die gefährlichen Bakterien sind Listerien, und wenn die Infektion Symptome zeigt, ist der Käsekauf vielleicht längst vergessen.

Teufelsaustreibung

Die Idee ist ja nicht blöd. Ein Auto, das in Wirklichkeit ein mobiler Computer mit eigener Stromversorgung ist, möchte man auf eine definierte und zuverlässige Weise in einen sicheren Zustand versetzen können. Das bedeutet während der Fahrt in etwa1, dass man alle Teilsysteme abschalten möchte, die man nicht zum Bremsen, Lenken oder der direkten Kommunikation mit der Umgebung benötigt. Fraglich ist allerdings, ob dem Fahrer im Panikfall diese Prozedur einfällt:

»Toyota erwäge, den Startknopf derart umzubauen, dass ein dreimaliges Drücken den Motor ausschaltet, sagte ein Konzernsprecher.«

(Welt Online: Fahrsicherheit: Toyota plant Not-Aus für seine Autos)

Die ist willkürlich, man müsste sie also erst einmal lernen, und zwar nicht im Vorbeigehen aus einem Handbuch sondern wie in der Fahrschule durch Üben. Und das für jedes Modell oder wenigstens für jeden Hersteller neu, solange es keinen Standard gibt.

Ein wirksames Not-aus geht anders. Man baut ein großes rotes Bedienelement an eine standardisierte, gut erreichbare Stelle. Vorbilder für das User Interface gibt es in jeder Straßenbahn und in jedem Eisenbahnwagen: die Notbremse. Dreimal Drücken ist Blödsinn.

-=*=-

1 Die korrekte Lösung kann im Detail sehr viel komplizierter sein. Wer darüber nachdenken möchte, könnte zum Beispiel bei den Abhängigkeiten der Teilsysteme untereinander anfangen.