Archiv der Kategorie: Propaganda

Public Relations

Atomkrebs und die Medien

Mit zunehmendem Abstand zur Studie werden die Artikel sachlicher. Die Zeit machte den Anfang, jetzt folgt die Süddeutsche. Nur die taz tut sich noch schwer mit der Erkenntnis, dass da vielleicht nichts ist, hält alle anderen für Ignoranten und legt ein Interview drauf, in dem Professor Eberhard Greiser der Leiterin der Studie allen Ernstes vorwirft, die Ergebnisse ihrer eigenen Studie zu manipulieren.

Derselbe Eberhard Greiser übrigens, der das Krebsrisiko durch Mobiltelefone für unterschätzt hält – und dort gibt es nachweislich nicht mal theoretisch einen Wirkmechanismus, der überhaupt irgend etwas auslösen könnte. Die elektromagnetischen Wellen des Telefons können es jedenfalls nicht sein, die haben Wellenlängen ungefähr zwischen einem und fünf Kopfdurchmessern und sind damit schlicht zu groß, um in einer Zelle etwas zu bewirken. Derselbe Eberhard Greiser auch der sich früher selber mit windigen, aber zielgerichteten Studien zur Sache Kritik einfing und der Fluglärm für eine Ursache von Krebs und Allergien hält. Auch von einem taz-Journalisten erwarte ich unter diesen Umständen, dass er mir den Befragten nicht als neutralen Experten vorstellt, sondern wenigstens mal einen dezenten Hinweis auf mögliche Voreingenommenheit gibt. Das Attribut atom-kritisch hätte schon genügt.

Klimaglaube und Medienwirkung

69 Prozent der Deutschen erwarten eine Klimakatastrophe, meldete Spiegel Online im Sommer 2006. Inzwischen dürften es noch einige mehr sein, denn 2007 war das Klima ein Dauerbrenner in den Medien. Ein Musterbeispiel gelungener Risikokommunikation auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse?

Keineswegs. Wie wir aus einer anderen Umfrage wissen, sind 70% der Deutschen religiös. Siebzig Prozent unserer Mitbürger glauben also alles, wenn es nur gut genug verpackt ist. Die Kunst des Verpackens aber haben die Medien so weit perfektioniert, dass es sogar Wissenschaftlern unheimlich wird, die eigentlich keine Angst vor den Medien haben und sich auch schon mal mit der Achse des Guten anlegen.

Was auch immer die Wissenschaft herausfindet oder diskutiert, für die Medien ist es bestenfalls ein Anlass zu eigenen Geschichten. Ganz gleich ob man Katastrophiker, Skeptiker, gleichgültig oder etwas anderes ist, die Mainstream-Medien sind eine ganz schlechte Quelle zur Meinungsbildung. Ob wir tatsächlich ein Problem haben oder nicht und wie sicher oder unsicher die Prognose ist, wird man dort nicht erfahren. Wer eine seriöse Risikoschätzung braucht, muss sich selbst mit den Klimaforschern und ihren Kritikern auseinandersetzen. So viel Zeit muss sein.

Grippe so gefährlich wie Atom, Lampenöl auch

Was das Ergebnis der KiKK-Studie bedeutet beziehungsweise eben nicht bedeutet, wissen wir schon. Zur Erinnerung: wir reden nüchtern betrachtet über 0,2 bis 0,3 Prozent der Krankheitsfälle oder mit einer sehr gewagten Interpretation von höchstens 275 Neuerkrankungen.

Zum Vergleich erinnert uns Spiegel Online daran, dass »im gleichen Zeitraum und in der gleichen Altersgruppe … 214 Kinder an Grippe und 3320 Kinder aufgrund von Verkehrsunfällen« starben. Die gewöhnliche Virusgrippe ist also in etwa so riskant wie ein Kernkraftwerk hinterm Haus. Vielleicht sogar riskanter, denn hier reden wir über Tote, während es in der Krebsstudie um Erkrankungen ging, die durchaus heilbar sind. Und wenn wir schon bei Verkehrsunfällen und toten Kindern sind, die Hälfte der im Straßenverkehr getöteten Kinder stirbt nicht als Radfahrer oder Fußgänger, sondern im Auto. Wer Angst um seine Kinder hat, fährt sie also besser nicht zur Schule.

Eine weitere Vergleichszahl liefert die taz, die der Propaganda für die Kernkraft gewiss unverdächtig ist. Seit dem Jahr 2000 haben sich bundesweit mehr als 700 Kinder mit Lampenöl vergiftet. Fünf davon sind gestorben, weitere trugen bleibende Schäden davon. Die Meldung der taz beruht auf einer Warnung des Gesundheitsministeriums von Nordrhein-Westfalen. Das kann jetzt jeder selbst auf die 24 Jahre der KiKK-Studie hochrechnen.

Update: Die Sueddeutsche hat zwar unnötig Angst vorm Netz, aber auch einen schönen Artikel übers Aufbauschen und Abwiegeln im nämlichen. Und der Tagesspiegel lässt endlich mal die Wissenschaft selbst zu Wort kommen.

Machen Atomkraftwerke Krebs?

Ein Physiker erklärt uns, was interessierte Kreise lieber verschweigen: die KiKK-Studie sagt weniger aus, als Kernkraftgegener gern hätten.

Mein Kommentar: Faszinierend, welches Geschrei eine Studie auslöst, deren Ergebnis bereits an einem einfachen Bullshit-Detektor scheitert: 0,8 Leukämiefälle pro Jahr schreibt die Studie der Nähe des Wohnortes zu Kernkraftwerken zu – bundesweit, insgesamt. Da braucht man keine Signifikanztests mehr, so ein Ergebnis sagt einfach nichts über Risiken aus, wie uns das Ärzteblatt vorrechnet. Falls Kernkraftwerke die betrachteten Krankheiten verursachen – die Studie macht keine Angaben darüber und kann es auch nicht –, reden wir über 2 bis 3 Promille der insgesamt auftretenden Fälle. Attributables Risiko nennen sie das, ein schöner Begriff.

Wer sich auf so etwas beruft, wenn er gegen die Kernkraft wettert, den muss man dringender abschalten als alle Kraftwerke zusammen. Mit einer rationalen Debatte über unsere Energieversorgung hat das reflexhafte Gebell in den Medien jedenfalls nichts zu tun. Liebe Politker, wenn Ihr mich für so dumm verkaufen wollt und Euch dabei auch noch erwischen lasst, macht Ihr Euch auf der Stelle und für alle Zeit unwählbar.

Ausführliche Flames zur Sache habe ich bereits im Forum zur Telepolis-Meldung geschrieben. Auch dort geht in einige Köpfe nicht hinein, dass eine wissenschaftliche Studie vielleicht trotzdem nichts bedeuten könnte. Merke: auch die Wissenschaft kann man zum Anker eines Glaubenssystems machen. Wissenschaftlich ist das aber nicht.

MovieOS?

»Es war gegen 17 Uhr im gemeinsamen Internetzentrum der deutschen Sicherheitsbehörden in Berlin, als ein Experte fündig wurde. Über eine Internetseite, die schon vorher von Sympathisanten der Islamischen Dschihad Union aus Usbekistan(Islamic Jihad Union, IJU) benutzt wurde, flimmerte plötzlich ein langes Kommuniqué der noch weitgehend mysteriösen Gruppe.«

(SPIEGEL ONLINE)

So ein Drehbuch muss man einfach verfilmen, nicht wahr?

Politiker und das Internet

»Die Logik des Satzes „Ich lasse mich nicht bei Dingen filmen, die ich nicht kann“ ist kein intellektueller Meilenstein. Darauf kämen die meisten Mitbürger. Nur: Warum lassen sich Politiker dann allen Ernstes zum Thema Internet befragen?«

So kommentiert Thomas Knüwer das folgende Video. Das eigentlich keines Kommentars mehr bedarf, weil es selbst schon alles sagt.

Link: sevenload.com

Und die wollen Gesetze über Hackertools, Killerspiele und Online-Durchsuchungen machen?

Sapere aude

»Viele Bürger fassen das vielleicht nicht als Scherz auf und glauben, sie leben in einem Polizeistaat«, zitiert der Hessische Rundfunk einen anonymen Sprecher, von einer »skurrilen Protestaktion« schreibt das Darmstädter Echo. Unbekannte haben sich erlaubt, den Sicherheitswahn rund um das G8-Treffen zu persiflieren – auf Recycling-Papier unter dem Briefkopf der Wissenschaftsstadt Darmstadt. Den ganzen Text gibt’s hier bei uns.

Sehr geehrte Darmstädterinnen und Darmstädter

Sapere aude.

Hostessen und Sicherheitspersonal

Wenn man Besuchern eines bisher öffentlichen Festivals an neu geschaffenen Eingängen in einem neuerdings vorhandenen Zaun mitgebrachte Getränke wegnehmen will, dann kann man das auch so umschreiben:

»Das Schlossgrabenfest bekommt erstmals in seiner Geschichte fest definierte „offizielle“ Eingänge für einen kontrollierten Zugang. Hier werden die Besucher ab diesem Jahr durch Hostess-Service und Sicherheits-Personal persönlich und hilfsbereit begrüßt und auf dem Schlossgrabenfest herzlich Willkommen geheißen. (…) Ziel ist ein noch höheres Maß an Sicherheit für unsere Besucher durch einen kontrollierten Zugang zum Gelände. Das Aufkommen von Glasbruch und allgemeinem Müll, durch mitgebrachte Getränke, soll maßgeblich zum Wohl der Besucher reduziert werden.«

Schlossgrabenfest 2007

Ahnungslose Mediziner oder Propaganda?

Wir haben Security Theater, der Straßenverkehr hat Helme für Radfahrer. Beide sind eng verwandt und werden auf dieselbe Art verkauft: mit Appellen an Affekte und an das oft falsche subjektive Risikogefühl. Der Verstand bleibt dabei so gründlich auf der Strecke, dass man sich fragt, was die Träger mit ihrem Styroporschälchen noch schützen wollen. Dabei ist die Verkaufsmasche so leicht zu durchschauen.

Die Pressemitteilung liest sich dramatisch:

»Mediziner machen sich für eine Helmpflicht für Radfahrer in Deutschland stark. Mit einem solchen Schutz ließe sich die Zahl gefährlicher Hirnverletzungen im Straßenverkehr deutlich reduzieren (…)«

und weiter:

»In Deutschland erleiden pro Jahr mehr als 300 000 Menschen ein Schädel-Hirn-Trauma. 15 000 von ihnen müssen intensiv stationär behandelt werden. Die Sterblichkeit sei bei diesen Patienten mit 30 bis 40 Prozent nach wie vor sehr hoch (…)«

Beim Abschreiben werden daraus auch mal 15000 Tote, so in der Leipziger Volkszeitung und der Sächsischen Zeitung. Dagegen also soll eine Helmpflicht für Radfahrer helfen. Wir rechnen nach.

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Visualisierung und Fake-Blogs

Eine Werbeagentur, die das Netz nicht verstanden hat, verkauft einer Duftwasserfirma, die das Netz auch nicht verstanden hat, eine »Telenovela im Blogformat«. Kommentarspam, Schleichwerbung und Fake nennen das die betroffenen Blogger und lassen das Ganze durch gründliche Recherche auffliegen. Die Presse berichtet, Die Fakeblogs waren zu auffällig.

Da müsse man nur die Spuren etwas besser verwischen, denkt sich der erfolglose Werber jetzt sicher. Falsch. Fakeblogs kann man auch mit Google und dem TouchGraph-Browser erkennen. Das macht die Recherche der Details nicht überflüssig, kann aber einen Anfangsverdacht liefern.

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Das Zweitleben als Spielzeug

Second Life ist ein aktueller Medienhype. Alvar Freude hat einige Statistiken dazu zusammengetragen und daraus einen Vortrag gemacht, der, nach den Slides zu urteilen, vermutlich recht unterhaltsam war.

Interessant finde ich die Betrachtung, was Second Life nicht sei, nämlich unter anderem kein Computer- oder Rollenspiel. Das erinnert mich an eine Taxonomie der interaktiven Uterhaltung, die mir vor einigen Jahren in die Hände fiel. Sie unterteilt die Playthings in Toys und Challenges. Was wir uns unter Spielen im engeren Sinne vorstellen, sind nach dieser Taxonomie verschiedene Arten von Challenges.
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