Archiv der Kategorie: Psycho

Mehr Sicherheitsgefühl durch Terrorwarnungen

Der Bundesinnenminister hat seinen Schopenhauer gelesen und verstanden:

»De Maizière betonte, nach seinem öffentlichen Gefahrenhinweis hätten Umfragen gezeigt, dass sich viele Bürger sicherer gefühlt haben als vorher.«

(Spiegel Online: Innenminister de Maizière: „Schöner Sieg über psychologische Kriegführung der Terroristen“)

Wenn uns jetzt noch Rösler vor einer Epidemie, Ramsauer vor Verkehrsunfällen und Aigner vor dem Internet warnt, gehen wir völlig unbesorgt aus dem Haus.

Schützt unsere Jugend erst mal vor ihren Lehrern

Waren das vielleicht gar keine Nerds, die uns die abstrakte Schneeballschlacht bescherten, sondern Pennäler, die ihre übervorsichtigen Lehrer öffentlich auslachen? Dieser Zettel hing ungefähr hundertfach in der Schule, die ich am Abend zwecks Teilnahme an einem VHS-Kurs besuchte:

Was geht in so einem Lehrerkopf vor, während die Hände das aufhängen? Oder vorher schon, wenn der erste Gedanke bei Schneefall der ans Aufhängen einer Angstklausel ist? Vermutlich denkt er vor allem an sich selbst: bloß nicht schuld sein, wenn etwas passiert. Wen kümmert schon der Realitätsbezug, wenn es darum geht, sich durch die Schaffung einer günstigen Aktenlage abzusichern.

Man beachte auch, obwohl hier völlig off-topic, wie die rituelle Genderei aus unseren Kindern zunächst Schülerinnen und Schüler, inzwischen jedoch »SuS« gemacht hat. Ihr habt doch alle einen Klaps. Und wir sollen für den Jugendschutz zwischen sechs und zehn kein Internet mehr senden?

Rolltore gegen Terroristen

Das wird den fiesen Terrorplan bestimmt vereiteln:

»Um 15.18 Uhr gingen die stählernen Rolltore an den Seiteneingängen des Hauptbahnhofs hinunter. Und dort sollen sie bis auf weiteres auch bleiben. Denn die akute Terrorgefahr, die Bundesinnenminister Thomas de Maizière am Mittwochmittag für das gesamte Bundesgebiet öffentlich gemacht hatte, hat auch für den Großraum München sichtbare Folgen.«

(sueddeutsche.de: Wenn am Bahnhof die Gitter runtergehen)

Jedenfalls wenn der fiese Terrorplan ganz wesentlich darauf beruht, den Münchener Hauptbahnhof durch die Seiteneingänge zu betreten oder zu verlassen. Bestünde der Plan hingegen darin, sagen wir mal, einen Selbstmordanschlag auf einen katholischen Gottesdienst zu verüben, dann wären die Rolltore an den Seiteneingängen des Bahnhofes bedeutungslos. Aber dieses Szenario ist natürlich weit hergeholt, kein islamistischer Terrorist käme auf die Idee, einen katholischen Gottesdienst in Bayern anzugreifen.

Wie beruhigend, dass unser Terrorkommando erst am Montag eintreffen soll, da haben wir noch ein wenig Zeit zum Nachdenken. Zum Beispiel darüber, wie ernst wir „Geheim“dienstinformationen nehmen sollen, die derart breitgetreten werden, dass sie in jeder Zeitung zu lesen sind.

Mehr Weihnachtsgeld im Niedriglohnsektor

So bessern Sie Ihr Gehalt auf, wenn Sie im Niedriglohnsektor tätig sind:

  1. Suchen Sie Arbeit im Einzelhandel, zum Beispiel in einem Supermarkt. Dort sind sie in guter Gesellschaft.
  2. Machen Sie Ihre Arbeit eine Weile ordentlich. Das schafft Vertrauen, und Vertrauen ist die Grundlage aller krummen Dinger.
  3. Suchen Sie Komplizen. Der junge Kollege zum Beispiel, der gerade seine Lehre abgeschlossen hat, für den sind Sie eine Respektperson. Wenn Sie’s richtig einfädeln, wird er ihnen helfen, ohne einen Anteil zu verlangen.
  4. Ihr Platz ist die Kasse, denn dort ist das Geld. Leider gehört es Ihnen nicht und das können Sie nicht ändern. Das macht aber nichts. Es soll Ihnen nicht gehören, sie wollen es nur haben.
  5. Warten Sie, bis Sie mit einem Kunden alleine sind und keiner in der Nähe steht. Das ist nicht einfach, kommt am Samstagabend in der Kleinstadt aber doch hin und wieder vor.
  6. Verhalten Sie sich völlig normal und tun Sie Ihre Arbeit. Ziehen Sie Waren und Pfandbons über den Scanner. Machen Sie sich dabei innerlich bereit für die Entscheidung (und darauf, nicht enttäuscht zu sein, wenn es wieder mal nicht klappt.)
  7. Kleiner Einkauf, mittelgroßer Geldschein? Das ist Ihre Gelegenheit. Nehmen Sie den 50-Euro-Schein entgegen und legen Sie ihn in die Kasse. Jetzt brauchen Sie nur noch ein wenig Glück. Lässt Sie der Kunde kurz unbeobachtet, weil er Ihnen vertraut und gerade mit Einpacken beschäftigt ist?
  8. Lassen Sie den Schein in Ihrer Kasse verschwinden und dann geben Sie ungerührt auf 20 Euro heraus. Die 20 Euro, die Sie auch in die Kasse eingetippt haben. Wenn der Kunde protestiert, verweisen Sie auf den Bildschirm. Hätten Sie 20 Euro eingetippt, wenn er Ihnen 50 gegeben hätte? Natürlich nicht.
  9. Falls der Kunde insistiert, rufen Sie Ihren Komplizen zu Hilfe. Drücken Sie ihm ihre Kassenlade in die Hand und schicken Sie ihn nach hinten zum „Kassensturz“. Was er im Hinterzimmer wirklich tut, ist egal, das sieht ja keiner.
  10. Sorgen Sie dafür, dass Sie nach einigen Minuten einen Anruf erhalten. Wenden Sie sich danach dem auf sein Wechselgeld wartenden Kunden zu und erklären Sie ihm, er müsse sich wohl geirrt haben, die Kasse weise keinen Mehrbetrag auf. Dass das nur unter willkürlichen Annahmen eine relevante Information ist, sagen Sie nicht.
  11. (optional) Sorgen Sie dafür, dass der zurückkehrende Komplize diese Aussage gegenüber dem Kunden bekräftigt. Jetzt sind Sie in der Überzahl. Zwar haben Sie genau gar kein valides Argument hervorgebracht, aber Ihr Opfer kann ja auch nichts beweisen.
  12. Jetzt müssen Sie nur noch auf ihrem Standpunkt beharren. Notfalls drohen Sie Ihrem Opfer mit der Polizei und erteilen ihm Hausverbot.

Und ich warte jetzt erst einmal ab, was das Einzelhandelsunternehmen dazu sagt. Vielleicht kennt man diese dreiste Masche dort ja schon länger.

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Frühere Beiträge aus dieser Reihe:

Spezialexperten (2)

»Scharen von Mikrofonträgern, die im Wendland unterwegs sind und stündlich ihre Frontberichte vom Castor-Transport abliefern, präsentieren einen Atom-Experten im Ostfriesen-Nerz nach dem anderen – aber immer von derselben Feldpostnummer: der der Gegner. Die haben Strahlenmessgeräte und Powerpoint-Präsentationen zur Hand und raunen von hundertfach erhöhten Messwerten, die ihnen jeder wirkliche Experte um die Ohren hauen würde.

Nie kommt einer der Geologen und Physiker zu Wort, die seit dreißig Jahren für Bundes- und Landesregierungen Gutachten über Gorleben erstellen; nie ein Bundesbeamter, der die einzelnen Erkundungsschritte beantragt hat, nie ein Landesbeamter, der die Anträge und Gutachten geprüft und Genehmigungen ausgestellt hat.«

(FAZ.NET: „Atom-Experten“: Protest und Prozeduren)

Soziale Kontrolle, technisch unterstützt

»Lance Maggiacomo was out of work, bored and lonely when he started hiding his online relationships from his wife.

There was no affair, only chatting through e-mail, yet it felt like cheating just the same.

A few years later, a reformed Maggiacomo has an in-house check on his impulses. He and his wife Lori, like other Christian couples around the country, share one e-mail account as a safeguard against the ever-expanding temptations of the Internet.«

(USATODAY.com:
Christian couples share e-mail addresses to stay faithful)

Nett

Ob Google nun eine gefährliche Datenkrake ist oder nicht, charmant ist solch demonstrative Transparenz allemal:

»Please note that this Privacy Policy may change from time to time. We will not reduce your rights under this Privacy Policy without your explicit consent. We will post any Privacy Policy changes on this page and, if the changes are significant, we will provide a more prominent notice (including, for certain services, email notification of Privacy Policy changes). We will also keep prior versions of this Privacy Policy in an archive for your review.«

Ich kann mich nicht erinnern, so etwas schon einmal woanders gesehen zu haben.

Schlüsselqualifikation

Zu den Grundfertigkeiten aller Sicherheitsverantwortlichen gehört die Kunst, es nicht gewesen zu sein. Sie selbst verdanken ihre Jobs nur dieser Kunst, denn eingestellt hat man sie, damit es andere nicht gewesen sind. Wer jemanden für die Sicherheit eingestellt hat, der kann es nicht gewesen sein, er hat ja was getan. Der nächste in der Kette hat nun kaum eine andere Möglichkeit als seinerseits dafür zu sorgen, dass er es auch nicht gewesen sein wird, wenn einmal etwas schiefgeht. Und so wird er Sicherheitsprodukte einkaufen, Sicherheitsdienstleister beauftragen und Sicherheitsstandards umsetzen. Ob das — in der IT-Sicherheit, woanders wissen wir mehr — etwas bringt, steht in den Sternen. Aber wenn etwas passiert, ist es keiner gewesen.

Kunst

So richtig etwas anfangen kann ich damit noch nicht, aber wer’s [mir erklären] mag:

»Hacking the City ist ein experimentelles Ausstellungsprojekt des Museum Folkwang, dessen künstlerische Aktionen und Präsentationen im öffentlichen Raum der Stadt Essen und im Internet stattfinden.«

Als Update noch einmal Kunst:

»Trust is a major factor in all human relations and it is the basis of communication. We trust the validity of rules, codes and conventions, and we have confidence in others. The same goes for media and technical systems as we entrust them with our wishes and longings. One may hold a nagging doubt and suspicion about them, yet we feel an urge to keep faith with the apparatuses and their simulacra when we consign them to tell us a good story, to convey the truth, and to make
our lives better, healthy, and wholesome.

The group exhibition TRUST explores the aesthetics of this confidence by questio
ning its status, attempting to challenge the audience’s convictions and by encouraging a reflected dialogue with machines and media. 
The works in the show point to the desires as well as the ethical and emotional dilemmas that arise from this attitude of trust.«

Unterschätzte Risiken: Hacker

Zu Hause haben wir uns immer sicher gefühlt. Ach was, wir waren sicher. Bis die Hacker kamen. FOXNews klärt uns auf über 10 Bizarre-but-True Ways Your Home Is Susceptible to Hackers und enthüllt Erschreckendes. Unsere Autos können sie googlen, unsere Drucker klauen, ja sogar durch die Vordertür hereinspazieren und unsere Freunde werden, nachdem sie uns den Strom abgestellt haben. Wir haben Angst.

Überzeugendes Argument

Spanien hat ihn schon, seinen elektronischenneuen Personalausweis (nPA), und die Werbung dazu auch. DNI electrónico (DNI: Documento Nacional de Identidad) heißt das Stück dort und im Gegensatz zum nPA trägt er einen klassischen Chipkartenchip mit Kontakten. Aber selbst in Spanien, wo der Personalausweis im Alltag viel präsenter ist als bei uns und zum Beispiel beim Zahlen mit Kreditkarte gewohnheitsmäßig vorgezeigt wird, braucht die elektronische Version etwas Nachhilfe. Diese Nachhilfe fällt aber nur in den Augen eines Bürokraten überzeugend aus. »Deine Steuererklärung wo und wann du willst«, das ist nicht gerade die sexy Informationsgesellschaft, auf die sich alle stürzen. Web 2.0 ist hip, Youtube, Twitter, Facebook und so weiter, aber Steuererklärungen?

Werbung der Spanischen Regierung für den elektronischen Ausweis "DNI electrónico" aus der Zeitung "El País"

Unterschätzte Risiken: Hasenpest

Um Zeckenbisse wird jedes Jahr ein großes Theater gemacht, weil es gegen die dabei selten übertragene Krankkeit FSME eine Impfung zu verkaufen gilt. Um eine Gegend zum Risiko-, ja sogar zum Hochrisikogebiet zu machen, muss die Krankheit dort einfach nur auftreten. Viel weniger Aufregung verursacht die nur wenig seltener vorkommende Hasenpest. Dabei hätte sie es genauso verdient:

»Typischerweise erkranken Jäger. Sie stecken sich beim Häuten und Ausnehmen von Hasen an. Aber auch Forstpersonal und Landwirte sind häufiger betroffen. Man kann sich durch Zecken und Stechmücken, orale Aufnahme von nicht ausreichend erhitztem Hasenfleisch und Inhalation von erregerhaltigem Staub infizieren. Selbst in Oberflächengewässern und Erdboden findet sich der Erreger bisweilen. Das Krankheitsbild ist grippeartig: Fieber, geschwollene Lymphknoten, Kopfschmerzen, zum Teil Geschwüre. Oft wird deshalb eine falsche oder keine Diagnose gestellt.«

(Planckton: Die Hasenpest)