Archiv der Kategorie: Risiko

Risk Management

Unterschätzte Risiken: alte Weihnachtsbäume

An diesem Beispiel können wir mal Ursachenanalyse und die Bewertung von Schutzmaßnahmen üben. In Friedberg hat ein Brand ein Haus zerstört und drei Menschen getötet:

»In den Flammen starben nach Polizeiangaben zwei Frauen im Alter von 87 und 63 Jahren. Ein 63-jähriger Mann erlag im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen.
(…)
Vermutlich führte ein brennender Weihnachtsbaum zu dem Unglück, wie ein Polizeisprecher mitteilte. Die alten Leute (…)  hätten (…) versucht, die Weihnachtskerzen noch einmal anzustecken. Dabei sei der völlig ausgetrocknete Baum regelrecht explodiert. Der Sachschaden beträgt nach ersten Schätzungen mindestens 300.000 Euro.«

(HR: Großeinsatz: Weihnachtsbaum explodiert – drei Tote)

Was waren die Ursachen und wie haben sie zusammengewirkt? Welche Maßnahmen hätten das Unglück verhindert und wie wirksam wären sie gewesen? Welche Maßnahmen könnten einander dabei sinnvoll ergänzen? Was wäre von einer Brandschutzmaßnahme zu halten, über die lediglich bekannt ist, dass sie nach einer Erhebung in der Notaufnahme eines Krankenhauses in soundsoviel Prozent der betrachteten Fälle Verletzungen lindert? Welche Schutzmaßnahmen würden Sie empfehlen und welche für verzichtbar halten? Warum?

Helmgegner gibt es gar nicht. Wie sich Risikodebatten selbst verzerren

Es gibt Debatten, die auch unter ansonsten vernünftigen Menschen leicht in Glaubenskriege ausarten. Ich rede nicht von Editorkriegen Emacs vs. Vi, sondern von Risikodebatten über Helme und Helmpflichten, über Klimawandel und Klimaschutz, über Nichtraucherschutz und Passivrauchen. Diese Diskussionen haben gemein, dass es zu Teilfragen wissenschaftliche Untersuchungen gibt, die Grundfrage aber eine politische oder praktische ist: was ist zu tun? Soll ich einen Helm tragen oder gar jeder einen tragen müssen? Sollen wir Kohlekraftwerke abschalten und Autos abschaffen? Rechtfertigen Gefahren des Passivrauchens Rauchverbote und wenn ja, in welchem Umfang?

Einige Elemente tauchen in solchen Diskussionen immer wieder auf, und es braucht einige Runden, bis man sie verstanden hat.

Da ist zuerst der unklare Frontverlauf. Helmdiskussionen etwa scheiden ihre Teilnehmer schnell in Befürworter und Gegner. Oder so scheint es wenigstens. In Wirklichkeit verläuft der Konflikt aber woanders, nämlich zwischen Aktivisten [oder Advokaten] auf der einen und Skeptikern auf der anderen Seite. Die Aktivisten sind davon überzeugt, dass etwas zu tun sei, nämlich ein Helm zu tragen, und sie sind außerdem davon überzeugt, dafür überzeugende Argumente zu haben.Die Skeptiker zeigen sich uneinsichtig. Daraufhin stampfen die Aktivisten mit dem Fuß auf, was die Skeptiker noch viel weniger überzeugt. Spätestens dann kann man die Diskussion vergessen, wenn sich nicht ausnahmsweise jemand findet, der sie effektiv moderieren kann.

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Unterschätzte Risiken: Umweltminister

Von Wissenschaft, Technik und Rationalität halten Ökochonder bekanntlich nicht viel. Jeder Fortschritt ist ihnen suspekt, sie träumen lieber religiös vom Weltfrieden und einem Leben im Einklang mit der Natur, was auch immer das bedeuten mag. Dem muss sich ein Umweltminister anscheinend anpassen:

»Eine Expedition des deutschen Forschungsschiffs Polarstern im Südpolarmeer sorgt für Streit in der Bundesregierung. Ein geplantes Experiment wurde am Dienstag ausgesetzt, nachdem Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) das von Annette Schavan (CDU) geleitete Forschungsministerium aufgefordert hatte, das Projekt „unverzüglich zu stoppen“«

(sueddeutsche.de:
‚Polarstern“ – Ministerstreit stoppt Forschungsschiff)

Im Experiment geht es um die Düngung des Meeres zur Anregung des Algenwachstums.

Gut, dass wir heute keine Ketzer mehr verbrennen, sonst könnten die mit ihrem Forschungsschiff gleich bleiben, wo die Algen wachsen.

Ergänzung: Im F.A.Z-Blog gibt es einen detailreichen Text zum Thema.

Vorsicht bei der Risikoschätzung

Aus veröffentlichten Statistiken über Krankheiten, Unfälle, Katastrophen oder andere Schadensereignisse kann man schnell und bequem Risikoschätzungen gewinnen. Die Eintrittswahrscheinlichkeit ergibt sich aus der Statistik, und über die Schadenshöhe kann man meistens plausible Annahmen machen. Die Ergebnisse werden nicht perfekt und über alle Zweifel erhaben sein, aber zur Groborientierung genügen sie schon.

Allerdings kann die Schätzung auch gehörig in die Hose gehen, wenn man den Kontext nicht kennt. Diese Angabe zum Beispiel klingt dramatisch:

»Die Zahl der Pilzinfektionen beim Menschen ist in den vergangenen 20 Jahren extrem gestiegen. …«

War früher alles besser? Schlägt die Natur zurück? Werden wir alle sterben? Das Gegenteil ist der Fall. Die gestiegene Zahl der gefährlichen Pilzinfektionen zeigt eine Risikoverringerung an:

»… Grund dafür ist vor allem die Zunahme immungeschwächter Patienten der Krebs- und Transplantations-Medizin.«

(beide Zitate aus: Pilzerkrankungen: Infektion mit Aspergillus fumigatus oft tödlich, Welt Online)

Der Anstieg der Infektionen lässt sich also dadurch erklären, dass die Medizin dem Pilz mehr potenzielle Opfer verschafft. Diese potenziellen Opfer sind Menschen, die früher an etwas anderem gestorben wären. Jetzt bleiben sie am Leben und ein Teil davon fängt sich während der Behandlung eine Infektion ein. Das ist tragisch im Einzelfall, aber positiv in der Gesamtsicht. Man merkt es nur nicht gleich, wenn man die Zahlen ohne Kontext sieht.

Noch einmal Skihelme

Dass man über Helme auch vernünftig schreiben kann, zeigt uns neben der FAZ auch die Zeit. Im Reiseteil der aktuellen Ausgabe findet sich unter dem Titel Alpine Raserei ein feiner Artikel, der sich nicht in platten Parolen (»wichtigstes Körperteil schützen«), wilden Analogieschlüssen (»Sicherheitsgurt«) und Muttiargumenten (»Guck mal, der Mann auf dem Motorrad da trägt auch einen Helm.«) ergeht. Sondern erst mal die richtigen Fragen stellt: was wissen wir eigentlich, wie hoch ist das Risiko, von welchen Faktoren wird es noch beeinflusst, und welchen Effekt können wir eigentlich erwarten? Wer solche Fragen stellt, der schafft es auch, das Risiko als handhabbaren Wert darzustellen:

»Doch der Prozentsatz der Zusammenstöße sei in den letzten Jahren gleich geblieben, sagt der ÖSV. Er rechnet vor, dass auf 1000 Skitage nur 1,3 Verletzungen kommen. Das heißt, wer zwei Wochen jährlich Ski fährt, hat durchschnittlich einmal in etwa 55 Jahren Pech.«

Und wie wir bereits wissen, hat man sich, wenn dieser Fall eintritt, mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas anderes gebrochen als den Kopf.

Skihelmzahlen (und Seitenhiebe)

Während die Redaktion der PseudoScienceBlogs ihren festen Standpunkt in der zum Glaubenskrieg erklärten Helmfrage betont, zeigt uns die gute alte Presse, wie eine rationale Sicherheitsbetrachtung aussieht. FAZ.NET informiert uns sachlich darüber, dass 4,2 Millionen Deutsche regelmäßig Ski fahren, dass sich in der letzten Saison 45.000 verletzt haben und dass 6.500 stationär behandelt werden mussten, die meisten davon wegen anderer Verletzungen. Wir erfahren auch, dass Kopfverletzungen nur zehn Prozent der Verletzungen ausmachen, aber nach Expertenansicht besonders gefährlich sind. Da bleiben noch allerlei Fragen offen, aber die Zahlen gestatten zumindest eine grobe Einordnung des Risikos. Leider geistern auch die 85% Wirksamkeit durch den Artikel, die überall auftauchen, wo es um Helme geht, und von denen wohl keiner mehr weiß, wo sie eigentlich herkommen. Aber die bringt der befragte Experte ins Spiel, dagegen kann ein Journalist wenig tun. Wer brauchbare Informationen sucht, liest also besser weiterhin Zeitung und keine hippe Blogillustrierte.

Unterschätzte Risiken: Forensische Gentests

DNS-Untersuchungen sind aus der Kriminalistik nicht mehr wegzudenken. Sie sind nützlich, denn sie helfen dabei, Spuren auszuwerten, die Täter nur schwer vermeiden können. Kein Zellmaterial an einem Tatort zu hinterlassen, ist schwer. Hinzu kommt die – theoretisch – hohe Aussagekraft des Spurenvergleichs, eines standardisierten Verfahrens mit geringer inhärenter Fehlerquote. Davon darf man sich allerdings nicht verführen lassen, dem Verfahren blind zu trauen. Auch DNS-Untersuchungen bieten keine Garantie der Fehlerfreiheit:

»Although best known for clearing the wrongfully convicted, DNA evidence has linked innocent people to crimes. In the lab, it can be contaminated or mislabeled; samples can be switched. In the courtroom, its significance has been overstated by lawyers or misunderstood by jurors.«

(The Risks Digest Volume 25, Issue 50:
The danger of DNA: It isn’t foolproof forensics (Dolan/Felch))

Die tatsächliche Fehlerrate im praktischen Einsatz dürfte deutlich höher liegen als die theoretische des Abgleichs. Dazu kommen mögliche Fehler an anderen Stellen, etwa in der Zuordnung von Spuren zur Tat. Nicht alles, was man an einem Tatort findet, hat auch mit der untersuchten Tat zu tun. Das gilt erst recht für Hautschuppen, Haare oder Zigarettenkippen mit Speichelresten, die auf alle möglichen Arten an einen Tatort geelangt sein können.

Ein Problem kann aus überschätzten DNS-Untersuchungen werden, wenn man damit in großen Grundmengen nach Tätern sucht, über die man sonst wenig weiß. Also bei Massengentests zum Beispiel, oder auch beim Einsatz großer DNS-Datenbanken. Ein Treffer in einer solchen Untersuchung kann weitere Ermittlungen rechtfertigen, aber er darf alleine nicht für  eine Verurteilung genügen.

Ergänzung 2008-01-15: Im Fall des Passauer Polizeichefs Mannichl zum Beispiel tappt die Polizei immer noch im Dunkeln – und sammelt in ihrer Verzeiflung rund um den Tatort Zigarettenkippen. Dabei weiß man vermutlich nicht einmal, ob der Täter überhaupt raucht.

Unterschätzte Risiken: Kaputte Wasserrohre

Kann Wasser einen Brand auslösen? Offenbar ja, und dazu muss keine Hollywood-tauglichen Chemikalie im Spiel sein, die bei Nässe explodieren würde, gäbe es nicht den Action-Helden, der die Katastrophe im letzten Moment verhindert und danach mit einer gutaussehenden Dame in den Abspann reitet:

»Ein Wasserrohrbruch war die Ursache für ein Feuer in der Küche des Schlosses Braunshardt in Weiterstadt. Das Wasser hatte am Sonntagnachmittag einen Kurzschluss ausgelöst, teilte die Polizei am Montag mit.«

(HR Online: Rohrbruch löst Küchenbrand aus)

Unterschätzte Risiken: Medien

pseudoscienceblogs.de

Bloggen kann man einfach so. Auf einem eigenen (Miet-)Server zum Beispiel, oder bei einem Dienst wie wordpress.com oder Blogger.com. Das gehört so, denn das Internet ermöglicht die mittlerfreie Kommunikation. Vielleicht erzwingt es sie sogar. Jedenfalls kann ziemlicher Mist rauskommen, wenn jemand versucht, die klassische Rolle des Mediums im Netz zu übernehmen und mit den hier üblichen Kommunikationsformen zu verbinden. Das demonstriert gerade die Randgruppenblogplattform scienceblogs.de.

Oberflächlich betrachtet ist daran nichts auszusetzen, ja man könnte den Ansatz sogar für einen guten halten: handverlesene Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten bloggen gemeinsam unter einem Dach. Die Inhalte bleiben den Bloggern überlassen, zur Qualitätssicherung dient einzig die Auswahl der Blogger durch eine Art Redaktion. Ansonsten beschränkt sich der Betreiber darauf, die Site am Laufen zu halten, also auf das, was auch bei wordpress.com und Blogger.com das Kerngeschäft ist. Unterschätzte Risiken: Medien weiterlesen

Unterschätzte Risiken: Wichtigtuer

Vor ein paar Jahren hätte man das noch für einen Witz gehalten:

»Zum Jahreswechsel haben Meteorologen vor einer extrem hohen Feinstaubbelastung gewarnt. Durch Raketen und Knaller liege diese vielerorts weit über den normalen Werten, teilte der Wetterservice donnerwetter.de in Bonn am Montag mit.«

(sueddeutsche.de: Feinstaubbelastung – Silvester kann tödlich sein)

Gut, dass wir den Feinstaub erfunden haben, sonst müssten wir manchmal einfach die Klappe halten. Oder habe ich irgendwo einen Smiley übersehen?

Unterschätzte Risiken: Selbstorganisierte Telearbeit

Telearbeit erscheint als Sicherheitsrisiko. Mitarbeiter und IT an dezentralen Heimarbeitsplätzen, das kann nicht gutgehen, da haben wir doch gar keine Kontrolle. Schlichtere Naturen könnten dies für eine fundierte Bedrohungsanalyse halten. Es ist aber keine, solange der Realitätsabgleich fehlt. Wenn Mitarbeiter Telearbeit wollen, aber nicht bekommen, kann das Ergebnis nämlich so aussehen:

»Die Mitarbeiterin wollte demnach das Datenmaterial über das Internet an sich selbst schicken, um zu Hause daran zu arbeiten.«

(Datenpanne bei der WestLB – Betreff: Geheime Daten)

Dann vielleicht doch lieber eine offizielle Erlaubnis, verbunden mit angemessener IT-Unterstützung.

Merke:
Der Benutzer wird stets sein persönliches Problem lösen. Er wird dazu alle verfügbaren Mittel und Werkzeuge nutzen. Wo wir ihm keine geben, sucht er sich eigene.

Update: Bei Juristen, genauer: Richtern, scheint es üblich zu sein, dass man solche Workarounds erzwingt, lange bevor das Reich der Sonderwünsche beginnt. Wer ist bei den Gerichten eigentlich für die IT zuständig?

Unterschätzte Risiken: Wir

Vor oberflächlicher Kapitalismuskritik und Vulgärmarxismus kann man sich dieser Tage kaum noch retten, und manchmal fliegen unter diesem Vorwand die Fetzen. Da tut es gut, dass uns die NZZ daran erinnert, wodurch eine spekulative Blase an der Börse überhaupt zustande kommt:

»Platzt eine Blase, wird der «Kapitalismus» verteufelt. Auch das ist Teil ihres Musters. Innerhalb spekulativer Blasen gibt es als Teilnehmer oder Mitspieler aber nur «Kapitalisten» – und es gibt viele solche Teilnehmer. Alle laufen wie der Rentier in Gerhart Hauptmanns «Biberpelz» herum oder denken in Vorfreude daran. Das ist keinesfalls auf die jetzt so verteufelte «Hochfinanz» begrenzt und auf die «Park Lane»-Quartiere unserer Metropolen oder die Waldsiedlungen in den Bergen. Der Kapitalist in uns selbst beginnt mit einem Blick zum Nachbarn.«

(Ernst Mohr: Wenn eine spekulative Blase platzt, ist an sich nichts kaputt,
NZZ vom 27. November 2008)

Dem ist wenig hinzuzufügen. Höchstens vielleicht der Hinweis, dass bereits einige Versuche gescheitert sind, Menschen diesen Blick zum Nachbarn abzugewöhnen.

Risiken und Nachweisgrenzen

Greenpeace meckert, drückt sich aber sorgsam davor, auf die Kernaussage einzugehen. Das muss ein guter Artikel sein. Online gibt es ihn leider nicht, aber bis Mittwoch noch am Kiosk in der Zeit (*). Die Kurzfassung: die EU arbeitet an einem absoluten Verbot bestimmter Pestizide; Experten schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und erinnern an Paracelsus(**) sowie daran, dass wir Risiken oft irrational beurteilen. Das führt dazu, dass wir uns vor Pestiziden fürchten, allein weil sie in Obst oder Gemüse nachweisbar sind. Das ist offensichtlicher Blödsinn, und da kommt die Risikobewertung ins Spiel. Ein Verbot oder Verzicht ist nur dann sinnvoll, wenn nicht nur der Stoff selbst messbar ist, sondern auch irgendeine negative Wirkung. Sich bei der Beurteilung des Risikos nicht auf den Verbraucher zu beschränken, sondern auch die Anwender sowie Nebenwirkungen zu berücksichtigen, ist gewiss richtig und sinnvoll. Aber auch dort muss man sich die tatsächlichen Auswirkungen anschauen.

(*) Die gefühlte Gefahr von Josephina Maier, Die Zeit Nr. 48/2008 vom 20. November, S. 48

(**) »Alle Ding sind Gift, und nichts ohn Gift; allein die Dosis macht, daß ein Ding kein Gift ist.«

Pauken und Trompeten

Schauen wir mal, was so eine zwei Tage alte Wetterwarnung wert ist:

»Ab Freitag soll es in ganz Deutschland schneien. Und zwar so stark, dass Experten dramatische Vergleiche bemühen. Das winterliche Szenario könnte Metereologen zufolge das „spektakulärste Wetterereignis“ seit dem Orkan Kyrill werden.«

Wenn alles stimmt, müssten ungefähr … jetzt die ersten Schreckensmeldungen eintreffen. Und zwar echte, nicht nur notdürftig aufgebauschtes Füllmaterial für die eilends eingerichteten Schneekatastrophenticker.

(geschrieben vor 48 Stunden)

Update um 23 Uhr: Nichts, gar nichts.

Bolzplatz

Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Wenn mir einmal im Monat aus meiner Wochenzeitung das evangelische Magazin chrismon entgegenfällt, blättere ich es ohne besondere Erwartungen durch. So werde ich nie enttäuscht, aber zuweilen überrascht. Wie Christen ticken, habe ich zwar noch nicht verstanden, aber immerhin gelernt, was Gottvertrauen ist. Öllampen aus Getränkeflaschen zu bauen, zum Beispiel, wie man es als Basteltipp empfahl, denn das ist nur dann eine gute Idee, wenn man nicht befürchten muss, dass jemand versehentlich daraus trinke. Mit Gottes Hilfe wird es schon gelingen.

Diesmal aber haben sie mich ehrlich überrascht: mit einer kräftigen Polemik von Norbert Bolz gegen die Angstindustrie. Er ist weder zimperlich noch politisch korrekt, schreibt von Angstreligion und grüner Bewusstseinsindustrie, verweigert mahnenden Wissenschaftlern und anderen selbsterklärten Weltrettern den vorauseilenden Respekt, sieht eine Religion des Sorgens und Schützens mit dem Gottesdienst der Vorsorge und der Sicherheit. Dieser Text bereitet Vergnügen. Gewiss, es ist vor allem Marketing: über Konkurrenz waren Religionen noch nie erfreut. Aber nichts daran ist spezifisch christlich bis auf vielleicht das Gottvertrauen, das man aber unkompliziert durch andere Formen der Entspannung ersetzen kann. Man kann sich hier also ein paar Argumente pflücken oder das bestätigt sehen, was man vielleicht selbst schon gegen Angstmache eingewendet hat.

Unterschätzte Risiken: Ammenmärchen

Liebe Eltern, bevor Sie Ihren Kindern vom Weihnachtsmann oder von Maria und Joseph erzählen, beachten Sie bitte diesen sachdienlichen Hinweis:

»To examine how children’s fantasy beliefs can affect memory for their experiences, 5- and 6-year-olds with differing levels of belief in the reality of the Tooth Fairy were prompted to recall their most recent primary tooth loss in either a truthful or fun manner. (…) These findings suggest that children’s beliefs in the reality of fantastic phenomena can give rise to genuine constructive memory errors in line with their fantasies.«

Applied Cognitive Psychology: The tooth, the whole tooth and nothing but the tooth: how belief in the Tooth Fairy can engender false memories

Ich bin ganz zufällig darüber gestolpert, ehrlich. Eigentlich war ich auf der Suche nach diesem Artikel.

Unterschätzte Risiken: Schlangen

Während Spiegel Online uns vor Würfelquallen fürchtet, die in den Tropen alle paar Jahre einen Touristen meucheln, sterben täglich Hunderte Menschen an Schlangenbissen. Das meldet die Leipziger Volkswebsite:

»Die so ermittelte Zahlen von 421 000 Vergiftungs- und 20 000 Todesfällen seien Mindestangaben, betonen die Wissenschaftler. Nach einer etwas weniger zurückhaltenden Berechnung kommen sie auf eine Zahl von mehr als 1,8 Millionen Vergiftungen und 94 000 Todesfällen weltweit. Schlangenbisse allgemein kämen weltweit noch sehr viel häufiger vor, zwischen 1,2 und 5,5 Millionen Mal, denn nur etwa jeder vierte Biss führe auch zu einer Vergiftung.«

Unterschätzte Risiken: Risikomodelle

William M. Briggs hat einen Artikel (Volltext leider nicht frei zugänglich) aus dem Wall Street Journal ausgegraben, der sich mit dem Versicherungskonzern AIG und den dort verwendeten Risikomodellen beschäftigt. Seine Zusammenfassung:

»AIG built a lot of models which attempted to quantify risk and uncertainty in their financial instruments. They, like many other firms, tried to verify how well these models did, but they only did so on the very data that was used to build the models.

(…)

What happened at AIG, and at other financial houses, was that events occurred which were not anticipated or that had not happened before. Meaning, in short, that the models in which so many had so much faith, did not work in reality.«

Und ich dachte immer, Finanzdienstleister hätten die Risikoanalyse quasi erfunden und wir mit unserem IT-Pillepalle könnten von ihnen lernen. Immerhin geht es dort ja um richtiges Geld und nicht nur um ein paar Server im Keller. So kann man sich irren.