Archiv der Kategorie: Unterschätzte Risiken

Unterschätzte Risiken: Wähler

Vorbeugen sei besser als Heilen, sagt der Volksmund. Für Politiker gilt das jedoch nicht unbedingt:

»Using comprehensive data on natural disasters, government spending, and election returns, I show that voters reward disaster relief spending but not disaster prevention spending.«

(Andrew Healy: Preferring a Pound of Cure to an Ounce of Prevention: Voting, Natural Disasters, and Government Response, gefunden bei Overcoming Bias)

Unterschätzte Risiken: Dihydrogenmonoxid

»Zehn Liter kaltes Wasser konsumierte Andrew Thornton täglich, um so sein schmerzendes Zahnfleisch zu betäuben. Der 44-Jährige weigerte sich laut einem Bericht der Tageszeitung „Daily Mail“, Medikamente zu nehmen.

Als der Lagerist aus dem englischen Bradford seine drakonische Therapie drei Tage hindurch angewendet hatte, brach er schließlich zusammen und kam ins Krankhaus.«

(Spiegel Online: England: 44-Jähriger stirbt nach Wasser-Überdosis)

»Symptoms of DHMO ingestion can include excessive sweating and urination, and possibly a bloated feeling, nausea, vomiting and body electrolyte imbalance.«

(Coalition to Ban DHMO)

Unterschätzte Risiken: Sonnenangst

Die Angst vor der Sonne. Sommerloch für Sommerloch dürfen sich die Praktikanten aller Medien an diesem dankbaren Thema austoben und die immer gleichen Versatzstücke wiederkäuen: Sonnenbrand, »aggressive« UV-Strahlung, Hautkrebs, Sonnenschutz. Der Tenor ist stets derselbe. Die Sonne sei böse, gefährlich, um jeden Preis zu meiden. Wer sich ihr dennoch auszusetzen habe, der müsse sich radikal schützen, sonst drohten Siechtum und Tod.

Mir geht dieses Theater schon länger auf den Keks. Es riecht zu deutlich nach einer zum Selbstläufer gewordenenmachten Werbekampagne für Kosmetikartikel, eine menschheitsgeschichtlich recht junge Erfindung. Wäre die Sonne tatsächlich so gefährlich, wie sie heute von überforderten Medien gemacht wird, wie konnten unsere Vorfahren dann unter dieser Sonne lange genug überleben, um uns als die Krone der Schöpfung hervorzubringen? Und wer kann eigentlich mit eigener Erfahrung die absurde Empfehlung belegen, man solle selbst unter der Kleidung noch Sonnencreme tragen, sofern es sich nicht um spezielle »Schutzkleidung« handele?

Gesunder Menschenverstand ist nicht notwendig das Gegenteil der Wissenschaft, das zeigt jetzt ein Artikel im Spektrum der Wissenschaft. Darin geht es um Vitamin D, das im Körper vielfältige positive Auswirkungen hat und das unsere Haut in großen Mengen bildet, wenn sie der Sonne ausgesetzt ist. Die Autoren kommen zu dem Schluss:

»In diesem Zusammenhang ist auch das gestiegene öffentliche Bewusstsein um die Risiken des Sonnenbadens problematisch. Moderne Sonnenschutzmittel verringern das in der Haut produzierte Vitamin D um mehr als 98 Prozent. Um den normalen Bedarf an dem Mikronährstoff zu decken, sollten Menschen mit heller oder bronzener Hautfarbe in Nordamerika oder Europa im Sommer täglich ein ungeschütztes Sonnenbad von 5 bis 15 Minuten zwischen 10.00 und 15.00 Uhr nehmen. Dabei kommt es höchstens zu einer leichten Rosafärbung der Haut.«

und weiter:

»Nach den bisherigen Forschungsergebnissen scheint eine Kampagne zur Aufklärung der Öffentlichkeit über den umfassenden physiologischen Nutzen von Vitamin D daher dringend geboten.«

Das ist eine Ohrfeige für die Panikmafia. Immerhin, nach und nach sickert das Wissen um den Nutzen der Sonne auch in die Sommerlochartikel. Wir dürfen hoffen.

Unterschätzte Risiken: Amtsanmaßung

Das Darmstädter Echo meldet:

»Nicht wenig überrascht war der Inhaber eines Betriebes im Bruchwiesenweg, als am Mittwoch um 10 Uhr zwei angebliche Zollbeamte in seiner Firma auftauchten. Die Männer präsentierten ihm einen Durchsuchungsbeschluss und einen auf ihn ausgestellten Haftbefehl. Sie durchsuchten das Büro und konfiszierten mehrere tausend Euro Bargeld, Schmuck und Aktenordner. Der Firmenchef wurde daraufhin gebeten, sich gute Kleidung anzuziehen, da man zusammen in der Bank den Safe überprüfen wolle. Während sich der arglose 68 Jahre alte Mann umzog, suchten die falschen Zöllner das Weite.«

Unsere Empfehlung: verlangen Sie vor der Durchsuchung einen biometrischen Ausweis und prüfen Sie, ob der Fingerabdruck des vermeintlichen Beamten zum gespeicherten Muster passt. Wer sich unter einem Vorwand weigert, ist kein Beamter, sondern Terrorist.

Unterschätzte Risiken: leichtgläubige Polizisten und Richter

Mit dem zuweilen übertriebenen Eifer der Strafverfolgungsbehörden haben wir uns hier bereits beschäftigt. Wie ein Artikel von Spiegel Online nun zeigt, beschränkt sich das Problem keineswegs auf die Informationstechnik: Ermittlungsbehörden setzen private Hunde mit privaten Hundeführern in einem wissenschaftlich nicht gesicherten Verfahren ein, um „Täter“ zu „überführen“ – und es gibt Richter, die dem Gebell tatsächlich einen Beweiswert beimessen.

Unterschätzte Risiken: Maßkrüge

Die Süddeutsche berichtet aus dem Hofbräuhaus:

»Mit einem Maßkrug hat ein 67 Jahre alter Rentner im Münchner Hofbräuhaus einen italienischen Touristen schwer am Kopf verletzt. (…) Er packte den Italiener an der Jacke und
schlug ihm einen Maßkrug auf den Kopf. Der Tourist wurde mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht und dort notoperiert. (…)«

Gut, dass ich nicht in Bayern Urlaub mache.

Unterschätzte Risiken: Heimwerker

»Mitten in der Nacht brach sie einfach weg, die Giebelwand eines Hauses in Fulda. Der einzige Bewohner blieb zwar unverletzt, aber der Vorfall kann wohl als „Totalschaden“ bezeichnet werden.
(…)
Der Hausbesitzer soll seit Monaten mit der Sanierung des Gebäudes beschäftigt gewesen sein.«

(HR: „Absolute Einsturzgefahr“: Hauswand bricht zusammen)

Hätte er über seine Arbeit gebloggt, wie es andere Selbstsanierer tun, hätte man ihm ja vielleicht in den Kommentaren einen Hinweis hinterlassen können. Andererseits, Haus und Leben gleichzeitig zu riskieren, hat schon was. No guts, no glory; in die Schlagzeilen hat er es jedenfalls geschafft.

Unterschätzte Risiken: PR-Profis

Bei manchen Journalisten setzt anscheinend der Verstand aus, sobald sie eine Story wittern. PR-Profis nutzen diese Schwäche gnadenlos aus. Das sieht dann zum Beispiel so aus:

»Berlin, 10. April 2008. Die ARD-Zeitgeistsendung „Polylux“ ist einer Fälschung des „Kommando Tito von Hardenberg“ aus dem Umfeld der Hedonistischen Internationalen aufgesessen. Das Magazin strahlte heute einen Beitrag über die „Alltagsdroge Speed“ aus. Der dort gezeigte Speed-User „Tim“ ist eine Erfindung des Kommandos. Er mag in Wirklichkeit gar kein Speed und macht auch keine „Speed-Diät“. (…)«

(Kommando Tito von Hardenberg)

Es gibt offenbar nichts, das man nicht gezielt in die Medien tragen könnte.

Disclaimer: Ich habe den fraglichen Beitrag nicht gesehenkeinen Fernseher.

Unterschätzte Risiken: kaputte Taser

Das Darmstädter Echo meldet:

»Der 66 Jahre alte Mann, der an Heiligabend in Heppenheim (Kreis Bergstraße) während eines Polizeieinsatzes getötet wurde, musste offenbar deshalb sterben, weil ein Elektroschockgerät versagt hat. In dem sogenannten Taser waren nach den Erkenntnissen eines Gutachters falsche Batterien eingebaut. Außerdem wurden die dünnen Stromkabel offenbar mit einer Kartusche verschossen, deren Haltbarkeitsdatum um 17 Monate überschritten war. (…)«

Wie das geht? Das erfahren wir im ausführlicheren Bericht beim Hessischen Rundfunk: Weil der Taser nicht funktionierte, griffen die Polizisten zur guten alten Pistole. Gegen 12 Kugeln aus dem Bleibeschleuniger hatte der Mann keine Chance.

Unterschätzte Risiken: Blogs

Das Heise-Blog aka Telepolis erzählt aus der NYT nach:

»Die neuen Aufmerksamkeitstools von Web 2.0 haben nach einem Artikel der New York Times ihre Kehrseite. So sollen Blogger lange und bis zur Erschöpfung arbeiten, wenn sie Geld oder Aufmerksamkeit als Karrieresprung anvisieren. Da sie mitunter, bezahlt nach Postings wie am Fließband, rund um die Uhr arbeiten müssen, würden auch schon die ersten Todesopfer zu beklagen sein. (…)«

Das Original ist erwartungsgemäß besser geschrieben:

»They work long hours, often to exhaustion. Many are paid by the piece — not garments, but blog posts. This is the digital-era sweatshop. You may know it by a different name: home. (…)«

Ich bin dann mal weg, ihr könnt unterdessen Einleitungen üben.

Unterschätzte Risiken: Treppen

»In der bayerischen Gemeinde Mömlingen, mit der vor allem der nördliche Odenwalkreis in engen gesellschaftlichen und geschäftlichen Verbindungen steht, ist heute Vormittag ein 37 Jahre alter Mann zu Tode gestürzt. (…) Dem Polizeibericht zufolge war der Mann gegen 8.20 Uhr blutüberströmt am Fuß der Flurtreppe des Mehrfamilienhauses aufgefunden worden, in dem er wohnte. Ein Notarzt konnte nur noch den Tod des Mannes feststellen.«

(Echo Online)

Unterschätzte Risiken: Tippfehler

Wegen eines Tippfehlers für tot gehalten zu werden, ist fast noch schlimmer, als wirklich tot zu sein:

»Laura Todd said an 8-year-old typo is affecting everything from her credit to her tax return. „I don’t think people realize how difficult it is to be dead when you’re not,” she said. She said her problems started when someone in Florida died and her Social Security number was accidentally typed in. Todd said she thought the problem had been straightened out, but when she went to refinance her house in 2002, “SunTrust called and said, ‘Your credit report says you’re dead.’“ She straightened that incident out, but in 2006 the Internal Revenue Service refused to process her return. „The IRS says I’m dead. Everybody says I’m dead,” she said. (…)«

(Woman Says Being Declared Dead Ruins Life, via The Risks Digest)

Unterschätzte Risiken: Steingut-Fliesen (originalverpackt)

Die LVZ meldet aus Leipzig:

»In der Nacht zum Samstag haben Unbekannte in der Thomasiusstraße ein komplettes Paket Steingut-Fliesen offenbar aus dem Treppenhausfenster geworfen. Wie die Polizei mitteilte, sollte damit ein Mehrfamilienhaus saniert werden. Das schwere Paket durchschlug das Sonnendach eines parkenden BMW und richtete damit einen erheblichen Sachschaden an. Verletzt wurde niemand.«

Unterschätzte Risiken: Fußgängerampeln

Der Hessische Rundfunk berichtet:

»Eine Fußgängerin ist am Samstagabend durch den umknickenden Mast einer Fußgängerampel lebensgefährlich verletzt worden. Ein 19-Jähriger war mit seinem Auto aus bislang ungeklärter Ursache gegen den Mast geschleudert. Dadurch knickte der Mast um und traf die an der Ampel wartende 45-jährige Frau am Kopf.« 

Sie trug keinen Helm, nehme ich an.