TV-Tipp: Angstanalyse

Na da muss ich doch gleich mal einen TV-Tipp loswerden, der WDR hat in Quarks & Co. mal schön die gesellschaftlichen Angstmechanismen beleuchtet und nach dem wirklichen Risiko gefragt. Die Bilanz – Risiko: null Tote in Deutschland, Kosten: ne ganze Menge, Nutzen: ?

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Dazu fallen mir nicht einmal Fragen ein:

»Die Betrachtung der Geschichten, die bei der Konfrontation mit der Atomenergie erzählt wurden, führte zur Herausarbeitung einer polaren Grundspannung zwischen zwei miteinander konkurrierenden Bildern. Das Atom versetzt in diffuse und undurchschaubare Verhältnisse. Da wird geklagt über gesellschaftliche Missstände und eigene Orientierungslosigkeiten. Gefangen in einem diffusen Nebel ist man einer ungeheuren, unheimlichen und zersetzenden Macht ausgesetzt, die man aber selbst geschaffen hat. Man erleidet Ohnmacht an unbestimmbaren Verhältnissen. Als alternative Umgangsweise bietet es sich an, es einmal darauf ankommen zu lassen und die `Bombe zu zünden` und sich der Verwandlungsmächte zu bedienen, die im Atom angelegt sind. Dann will man selbstbestimmt durcheinanderwirbeln und neu ordnen und traut sich zu, sich der ungeheuren Macht selbstbewusst zu bedienen.

Die weitere Analyse offenbarte dann die zugrundeliegende Struktur eines doppelten ambivalenten Verhältnisses. Die Atomenergie ist zum einen eine Bedrohung, zum anderen eine Verheißung: Verwandlung kann Fluch, aber auch Segen sein. Gerade diese Unbestimmtheit will man überwinden, aber man möchte sie auch am Leben erhalten, weil man nur in Abgrenzung von einem beweglichen und unscharfen Hintergrund eigene Formen und Fassungen als konturierte Gestalten erlebt. Im Spannungsfeld zwischen diesen Ambivalenzen muss das Seelische eine Lösung für folgendes Problem finden: Wie kann Seelisches das diffuse Unverfügbare und Unbestimmbare von Verwandlung so behandeln, dass es als verfügbare und bestimmbare Form erfahren und erlebt wird ? – Diese Frage wies auf das seelische Grundproblem des Fesselns und Entfesselns von Verwandlungsmächten hin. Dieses Grundparadox erfährt im konkreten Umgang mit dem Atom eine Lösung in einem Gebot der Gleichzeitigkeit unvereinbarer Gegensätze: Beide Spannungspole müssen sich verwirklichen. Seelisches muss sich eine sinnhafte Position geben zwischen einem Sich-Einlassen auf die unkontrollierbaren aber auch erregend-faszinierenden Erlebensqualitäten unbestimmbarer Verwandlungen und der Notendwigkeit, das Unbestimmte bestimmt zu machen und die Verwandlungsangebote in eine kontrollierte Fassung einzubinden. In diesem grundlegenden Spannungsfeld ließen sich 5 voneinander abgrenzbare Umgangstypen erkennen:

  • Seelisches will Verwandlungsmächte radikal fesseln.
  • Seelisches will Verwandlungsmächte entfesseln, um daran eigene Formen und Fassung und Fesselungskünste zu überprüfen.
  • Seelisches will sich nicht festlegen und distanziert sich, indem es schnell wechselt zwischen Fesselung und Entfesselung.
  • Seelisches träumt von verheißungsvollen Entfesselungen, hat aber Angst vor bedrohlichen Entwicklungen und fesselt deshalb Verwandlungsmächte in absichernden Fassungen.
  • Und schließlich: Seelisches sehnt sich nach radikalen Umbrüchen und möchte Verwandlungsmächte entfesseln, ohne genau zu wissen, wohin die Entwicklung geht.«

(Einleitung zur Diplomarbeit:
Psychologische Untersuchung zum Erleben von Atomenergie)

Oder doch, eine Frage hätte ich: was soll das und warum hat das niemand bemerkt? Es muss doch auffallen, wenn jemand mit seinem Wortschatz Gassi geht (oder wohl eher mit einem Thesaurus). OK, ich habe nach Atomwetter gegoogelt und es deshalb nicht besser verdient, aber trotzdem, irgend jemand muss das ja mit ernster Miene produziert und veröffentlicht haben.

Unterschätzte Risiken: Datenbriefe

In einem offenbar ganz frischen Blog diskutiert ein Pflaumensaft die Risiken des Datenbriefes. Der Datenbrief soll den Datenschutz benutzerfreundlicher machen. Bislang muss sich jeder aktiv darum kümmern, bei Datenspeicherern und Datenverarbeitern Auskünfte einzuholen. Weil das Arbeit macht und man oft auch gar nicht so genau weiß, wer überhaupt Daten über einen gespeichert hat, tut das kaum jemand. Hinter dem Datenbrief verbirgt sich nun die Idee, das Ganze umzukehren und den Datennutzern die Pflicht zur aktiven Information der Dateninhaber aufzuerlegen. Der oben verlinkte Beitrag diskutiert, auf welche Weise das in die Hose gehen könnte.

Und nun? Gibt es Vorschläge, wie das Ziel des Datenbriefes — Awareness der Dateninhaber — ohne störende Nebenwirkungen zu erreichen ist?

Unterschätzte Risiken: Vorzeichenfehler

Ein Vorzeichenfehler in einem Zigarettenautomaten bei VW zieht weite Kreise:

»Nach Informationen von Betroffenen sollen allein im Original-Teile-Center (OTC) 120 Mitarbeiter zu einem Gespräch vorgeladen worden sein. Ihnen wird vorgeworfen, sich mit ihrem Werksausweis, der auch als Zahlungsmittel verwendet werden kann, an einem Zigarettenautomaten, auf Kosten von VW bereichert zu haben. Durch einen technischen Defekt, so der Vorwurf des Konzerns, sei kein Geld von den Chipkarten abgebucht, sondern gutgeschrieben worden. Diesen Defekt hätten verschiedene Werksanghörige bewusst ausgenutzt, um sich zu bereichern.«

(HNA: VW-Affäre: Die Ersten müssen gehen)

Der Fehler soll bereits seit 2007 bestanden haben und im Artikel ist von einer Person die Rede, die sich seither um 100 Euro bereichert haben soll. Zwölf Mitarbeitern von VW und 37 von Fremdfirmen hat man daraufhin fristlos gekündigt, wogegen sie nun klagen.

Mehr als die Aussagen in den verlinkten Berichten kenne ich auch nicht. Interessant ist aber, dass der Betreiber des Zahlungssystems offenbar seit 2007 nichts bemerkt hat. Von den Benutzern hingegen erwartet man, dass ihnen Fehler im bargeldlosen Bezahlen auffallen, die sich bei 100 Euro am Zigarettenautomaten seit 2007 ungefähr einmal im Monat in einer kleinen, die weitere Benutzung nicht störenden Abweichung des Kartenwertes niederschlagen.

Ob nun eine bewusste Bereicherung vorliegt oder nicht, könnte man vielleicht aus der Benutzerschnittstelle des defekten Automaten und dem Fehlerbild ableiten. Wurde die Aufladung direkt beim Benutzungsvorgang deutlich und vor dem Abschluss der Benutzerinteraktion angezeigt? Handelte es sich um einen systematischen Fehler, den man gezielt ausnutzen konnte, oder um ein nur gelegentlich zufällig auftretendes Phänomen?

Update: Inzwischen kursieren weitere Zahlen:

»Nach Angaben von VW-Justiziar Gerhard Klenner haben insgesamt 239 Mitarbeiter im Kasseler Werk ihre Chipkarten unrechtmäßig aufgeladen. Das Unternehmen habe aber nur jenen Mitarbeitern gekündigt, die mehr als 150 Euro auf ihre Ausweise aufgeladen hätten. Die anderen seien mit einer Tagesgeldbuße oder Versetzungen in andere Abteilungen abgemahnt worden.

Die zwei ehemaligen Mitarbeiter, die am Freitag vor Gericht waren, sollen 1180 Euro beziehungsweise 1178 Euro unrechtmäßig auf ihre Werksausweise geladen haben. Ein Kläger soll gar 1738 Euro auf seine Karte gebucht haben.«

(HNA: VW-Automaten-Affäre – erste Güteverhandlung vor Arbeitsgericht gescheitert)

HR Online hat auch noch ein Update.

Internetkriminalität in Spanien

Das Spanische Instituto Nacional de Tecnologías de la Comunicación (INTECO) hat eine Studie zur Internetkriminalität veröffentlicht. Eine Zusammenfassung erschien am 27.2. in El País. Danach haben 3,8% der spanischen Internetnutzer (920.000 von 23,4 Millionen) schon einmal einen Schaden erlitten; in fast der Hälfte (44,5%) der Fälle lag er unter 100 Euro, in 75% der Fälle unter 400 Euro.

Bemerkte Betrugsversuche ändern das Verhalten der Nutzer in der Regel nicht, weder im E-Kommerz noch im Online-Banking. Sechs von zehn Nutzern haben Vertrauen ins Online-Banking.

Interessant ist die Methodik hinter der Studie. Offenbar versucht das INTECO mit dem Panel eConfianza eine Art Mikrozensus unter den Internet-Nutzern. Dafür hat man die Software iScan entwickelt, die auf den PCs der Panelisten nach Schadsoftware sucht – und in 56,2% der Fälle fündig wurde. Ist die Auswahl repräsentativ, so müssen wir also davon ausgehen, dass die Hälfte der privaten PCs (in Spanien) Malware an Bord hat.

[Vocabulario:

Mit Twitter Geld verdienen (NSFW)

Erst erklärt Don Alphonso Social-Media-Berater zu Schelmen und trampelt damit genüsslich auf einiger Leute Nerven herum, die sich wohl mindestens einen Rant verdient haben. Dann holt Jürgen Seeger im iX-Editorial Second Life aus der Versenkung, ist sich jedoch selbst nicht sicher, ob das nun der nächste Abschnitt auf im Hype Cycle ist oder nur ein letztes Aufbäumen. Und wer macht sich unterdessen auf recht bodenständige Weise daran, mit Twitter Geld zu verdienen? Na klar, das sind jene, die schon immer die Innovation im Netz vorangetrieben haben:

Ist irgend jemand erstaunt?

CCTV-Zahlen

Ein Artikel von Angela Sasse in der aktuellen CACM (paywalled: Not Seeing the Crime for the Cameras?) liefert Zahlen aus dem Mutterland der Überwachungskamera:

Der Artikel kommt zu dem Schluss, dass CCTV zur Kriminalitätsverhinderung im Wesentlichen nutzlos sei.

Must read

Markov Indecision Processes: A Formal Model of Decision-Making under Extreme Confusion

Abstract:

»We present a mathematical model of indecisive agents faced with a sequence of diffcult decisions, extending Adams‘ bistromathics to the multistage case. This is almost the first work on modeling stochastic processes for which the probabilities are fundamentally unknowable. This paper describes a novel algorithm, complexity results, and a model-free learning algorithm for Markov indecision processes. Two applications are discussed based on real-world domains: presidential elections and the stock market.«

Unterschätzte Risiken: Käse

Hand aufs Herz: haben Sie Angst vor Käse aus dem Supermarkt? Nein? Sollten Sie aber, denn Käse kann Sie umbringen:

»Alarm bei Lidl: Der Discounter hat erneut vor dem Verzehr von zwei Käsesorten gewarnt, die offenbar mit gefährlichen Bakterien verseucht sind. An ihnen sollen bereits sechs Menschen gestorben sein, die Symptome ähnelten zunächst denen einer Grippe.«

(Welt Online: Lebensmittel: Mehrere Todesfälle – Lidl ruft Käse zurück)

Die gefährlichen Bakterien sind Listerien, und wenn die Infektion Symptome zeigt, ist der Käsekauf vielleicht längst vergessen.

Stolen laptop case study

Shocking news: it is easy to steal laptop computers in universitites!

»In this study, we look at the e ffectiveness of the security mechanisms against laptop theft in two universities. We analyze the logs from laptop thefts in both universities and complement the results with penetration tests. The results from the study show that surveillance cameras and access control have a limited role in the security of the organization and that the level of security awareness of the employees plays the biggest role in stopping theft. The results of this study are intended to aid security professionals in the prioritization of security mechanisms.«

(Laptop theft:
a case study on e ffectiveness of security mechanisms in open organizations
)