Schlagwort-Archive: Helmdiskussion

Unterschätzte Risiken: Sepsis

Die meisten Menschen sterben bekanntlich im Bett, zum Beispiel so:

»Das Kompetenznetz Sepsis hat vor wenigen Jahren nachgewiesen, dass in Deutschland jeden Tag 162 Patienten an dieser Eskalation sterben. Die Zahl ist fast so hoch wie die Zahl der Herzinfarkttoten. Damit ist die Sepsis die dritthäufigste Todesursache, obwohl sie nur selten in der Todesursachenstatistik erscheint, weil dort nur die Grunderkrankungen gelistet werden. Ein Drittel aller intensivmedizinischen Kosten entstehen bei der Behandlung der Sepsis.«

(FAZ.NET: Sepsis-Therapie: Infektion außer Kontrolle)

Eine gute Idee schlecht umgesetzt

Das Infor­mations­system der Gesund­heits­bericht­erstat­tung des Bundes ist eine Fundgrube für statistische Gesundheitsdaten, die Joseph Kuhn vom Gesundheits-Check zu Recht empfiehlt. Dort erfahren wir zum Beispiel, dass in der Bundesrepublik des Jahres 1989 aus jeder Milli0n Personenkilometer für Kfz-Insassen 1,31 verlorene Lebensjahre resultierten, aus dem Radfahren hingegen nur 0,02 und damit weniger als aus der Benutzung von Bus (0,11) und Bahn (0,05).

Diese Tabelle hätte ich gerne verlinkt, aber da fängt der Ärger an. Die Inhalte haben keine festen URLs, sondern die Site merkt sich die Navigation ihres Benutzers irgendwo in ihrem Session Management. Wer die Site in mehreren Tabs oder Fenstern öffnet, bekommt beim Reload einer Seite Schwierigkeiten, und verlinken lässt sich anscheinend nur eine Fehlermeldung, aber kein Inhalt.

Stärken zeigt die Site nur in der Erfüllung formaler Anforderungen, vulgo: Compliance. Auf der Startseite prangen CSS- und HTML-Validator-Buttons, und barrierenfrei gibt man sich auch. Das ist nur leider völlig bedeutungslos, solange die Grundfunktionen kaputt sind.

Vielleicht hätten sie die Site nicht in der DDR bei Robotron bauen lassen sollen. Genau danach sieht sie nämlich aus.

Bevormundungsstaat angreifen

Jörg Friedrich ruft zum Widerstand gegen die Sicherheitsbürokratie auf und hat damit vollkommen Recht:

»Wer nicht eines Tages mit leuchtender Warnweste und Helm auf dem Kopf durch die Stadt spazieren will, dem bleibt im Moment nur, Sand ins Getriebe zu streuen. Keiner automatischen Verpflichtung, auch wenn man sie selbst für sich als angenehm empfindet, zuzustimmen. Niemand muss mir vorschreiben, etwas zu tun oder zu lassen, dessen Risiko nur mich selbst betrifft.«

(Der Freitag:
Bevormundungsstaat: Die risikolose Gesellschaft)

0,00035-mal tot

Die Rad-Spannerei hat sich mehr Mühe gegeben als ich neulich und konkrete Zahlen zum Risiko beim Radfahren zusammengetragen und in Relation zum allgemeinen Lebensrisiko gesetzt:

»Pro 100 Millionen Personenkilometer gab der ADAC in Fachbroschüren am Anfang des Jahres 1,6 getötete Radfahrer an (Link). Für Berlin kann man folgendes berechnen: Gut 1 Millionen Fahrten täglich*, als Durchschnittstrecke wurde im Jahr 2006 vom Senat ein Wert von ca. 3,8 Kilometern angegeben. Das sind pro Jahr ca. 1,4 Milliarden Fahrradkilometer, auf denen sich jeweils 500 Personen schwer verletzen und etwa 10 sterben. So berechnet gibt es pro 100 Millionen Personenkilometer 0,7 Tote und 35 Schwerverletzte. Wer pro Jahr 3000 Kilometer fährt, wird dabei 0,00021 Tote erzeugen und 0,00105 Schwerverletzte.«

Die Schlussfolgerung bleibt dieselbe. Nach dieser Rechnung werde ich bei 5000km in diesem Jahr im Mittel 0,00035-mal an einem Fahrradunfall sterben oder einmal in 2857 Jahren. Selbst wenn sie sich um eine Größenordnung, d.h. den Faktor 10 verschätzt hätten, bekäme ich keine Angst. Ich kenne nämlich keinen, der in 2857 oder auch in 286 Jahren nicht gestorben wäre, woran auch immer.

Die Schwächsten

»Im Übrigen glaube ich, dass wir mit der Radhelmpflicht bei den schwächsten Verkehrsteilnehmern beginnen sollten.«

Christian Carius (CDU), Verkehrsminister in Thüringen

Bei wem sollte man unsinnige Gängelung auch sonst einführen? Natürlich tut man das bei denen, die sich am wenigsten wehren werden, eben bei den Schwächsten. Um deren Sicherheit geht es dabei nicht, sondern um die willkürliche Verordnung einer Kopfbedeckung. Fast die Hälfte der im Straßenverkehr getöteten Kinder unter 15 stirbt im Auto, ein weiteres Viertel auf dem Fahrrad. Doch einen Autohelm für Kinder fordert niemand. Insgesamt verunglückte 2010 etwa dieselbe Anzahl von Kindern in Kraftfahrzeugen bzw. auf Fahrrädern. Das Todesrisiko beim Mitfahren in einem Auto liegt also pro Unfall weit höher als jenes auf dem Fahrrad. Und das trotz dem Umstand, dass typische Radverkehrsführungen ihre Benutzer an jeder Kreuzung in Gefahr bringen, wie neben jedem Radfahrer inzwischen auch die Berliner Polizei weiß:

»Allerdings sieht die Polizei auch eine „Hochrisikogruppe“ bei den Radfahrern. „Es ist die Zahl derjenigen, die sich auf ihre Vorfahrt verlassen und ohne umsichtigen Blick zum Autoverkehr bei Grün über die Radfurt fahren.“«

– Tagesspiegel, Radler und Fußgänger leben wieder gefährlicher

Wer auf dem Radweg bei Grün geradeaus über eine Kreuzung fährt, riskiert Gesundheit und Leben.  Wollte der Verkehrsminister aus dem Wald etwas für die Verkehrssicherheit tun, könnte er hier ansetzen und sich überlegen was zu tun wäre, damit der Vertrauensgrundsatz auch für Radfahrer gilt, die bei Grün geradeaus über eine Kreuzung fahren. Das will er aber nicht. Er will nur eine Kopfbedeckung vorschreiben wie ein Islamist das Kopftuch und damit bei den Schwächsten anfangen, von denen er den geringsten Widerstand erwartet.

Wichtigtuer

Wovor die Helmzwangdebatte geflissentlich ausweicht, ist die Risikoanalyse, die dem Gezänk schnell ein Ende machte. Radfahren ist keine besonders gefährliche Tätigkeit. Das Risiko, dabei an einer Kopfverletzung zu sterben, bleibt gering. Erst in der Summe über die Bevölkerung wird dieses Risiko überhaupt sichtbar − und liegt in derselben Größenordnung wie jenes von tödlichen Badeunfällen. Das eine wie das andere Übel kann man getrost als Schicksalsschlag einordnen, tragisch für den, dem er zustößt, aber weit davon entfernt, die Bevölkerung zu dezimieren. Analoge Betrachtungen kann man über die Verletzungsrisiken anstellen.

In der Aggregation wird auch der ganze wirtschaftliche Irrwitz einer Helmpflicht deutlich. Kauften wir nur zu jedem zweiten der 70 Millionen Fahrräder in Deutschland einen Helm für günstige 20 Euro, so kämen stattliche 700 Millionen Euro Kosten zusammen. Eine zweifelhafte Investition, wenn man nüchtern rechnet und das reale Schutzpotenzial ansetzt, das die kolportierten Wunderwirkungen weit untertreffen dürfte. So ein Fahrradhelm schützt nämlich nicht einmal den halben Kopf und das am besten bei Stürzen, die man auch ohne Helm leicht überlebt.

Radfahrer handeln rational, wenn sie die mit Helmen beeinflusste Risikokomponente im Rauschen der allgemeinen und insgesamt geringen Lebensrisiken verschwinden sehen und auf besondere Schutzausrüstung verzichten. Unredlich hingegen handelt, wer solche Risikobetrachtungen unterlässt und die Staatsmacht als Bekleidungspolizei missbrauchen möchte. Wer sich mit Helm wohlfühlt, mag einen tragen. Einer Pflicht dazu fehlt jedoch jede sachliche Rechtfertigung.

P.S.: Kann mal jemand im Koran nachgucken, ob ein Fahrradhelm als Kopftuch durchgeht? Das wäre zwar gemogelt, gäbe der Diskussion aber einen ganz anderen Anstrich.

Plastikschüsseldebatte

Verkehrsminister Ramsauer betätigt sich als Helmtroll, und das sehr gekonnt. Weil nur wenige Menschen von der Notwendigkeit einer Styroporkopfbedeckung beim Radfahren überzeugt sind, sollen gefälligst viel mehr Leute eine solche tragen, sonst werde man es allen vorschreiben. Auf solche Begründungen muss man erst mal kommen, das ist weit kreativer als die unzählige Male ausgetauschten Sachargumente. Mutti auf Eskalationsstufe drei hätte es nicht absurder hinbekommen.

P.S.: Wunderbar, die Botschaft ist in den Medien angekommen. Ich begrüße diese Entwicklung.

Risk Compensation and Bicycle Helmets

Found via de.rec.fahrrad:

This study investigated risk compensation by cyclists in response to bicycle helmet wearing by observing changes in cycling behavior, reported experience of risk, and a possible objective measure of experienced risk. The suitability of heart rate variability (HRV) as an objective measure of experienced risk was assessed beforehand by recording HRV measures in nine participants watching a thriller film. We observed a significant decrease in HRV in line with expected increases in psychological challenge presented by the film. HRV was then used along with cycling pace and self-reported risk in a field experiment in which 35 cyclist volunteers cycled 0.4 km downhill, once with and once without a helmet. Routine helmet users reported higher experienced risk and cycled slower when they did not wear their helmet in the experiment than when they did wear their helmet, although there was no corresponding change in HRV. For cyclists not accustomed to helmets, there were no changes in speed, perceived risk, or any other measures when cycling with versus without a helmet. The findings are consistent with the notion that those who use helmets routinely perceive reduced risk when wearing a helmet, and compensate by cycling faster. They thus give some support to those urging caution in the use of helmet laws.

(PubMed, Fulltext)

This video is totally unrelated.

Radfahren verlängert das Leben

Von wegen besonders gefährlich. Radfahren ist zwar nicht so billig wie angenommen, aber sehr gut für die Gesundheit:

»An drei Punkten beeinflusst regelmäßiges Radeln nach ihrer Kalkulation die Lebenserwartung:

  • Einatmen verschmutzter Luft: -1 bis -40 Tage
  • Unfälle: -5 bis -9 Tage
  • Trainingseffekt für den Körper: plus 3 bis 14 Monate«

(Spiegel Online:
Kostenvergleich Rad gegen Auto: Das Velo ist Sieger der Herzen
über die Studie Gesamtwirtschaftlicher Vergleich von Pkw- und Radverkehr)

Was wollte man an solchen Risiken noch optimieren?

Mehr Licht

Eigentlich wollte ich hier noch mit meinem neuen LED-Licht am Fahrrad angeben und es wärmstens weiterempfehlen. Nun kommt mir FAZ.NET aber mit einem Artikel über die aktuelle Beleuchtungstechnik zuvor und erspart mir die Arbeit. Ich begnüge mich also mit dem Hinweis, dass mir mit meinem neuen LED-Scheinwerfer das Fahren auf dunklen Landstraßen erstmals richtig Spaß macht. Erst recht, wenn nach hinten noch ein Toplight Line leuchtet.

Unterschätzte Risiken: Helmträgerinnen

»Einen offenbar sehr stabilen Helm besitzt eine Radfahrerin, die am Montagnachmittag mit ihrem Kopf eine Schranke so stark beschädigte, dass diese nicht mehr funktionierte. In Plagwitz war die 31-jährige Leipzigerin nach Polizeiangaben von einem Parkplatz in Richtung Nonnenstraße gefahren und nahm dabei nicht den Radweg, sondern folgte einem Auto durch die Zufahrt. Die Frau stieß dann mit ihrem Helm gegen die sich schließende Schranke, die dabei aus ihrer Halterung gedrückt wurde. Die Radfahrerin blieb unverletzt. Zwar bemerkte sie die Beschädigung, fuhr aber einfach weiter.«

(LVZ-Online:
Radfahrerin hebelt Schranke in Plagwitz mit ihrem Kopf aus)

Unterschätzte Risiken: Rumstehen ohne Helm

Da hat wohl einer geglaubt, er könne sich den Helm sparen, wenn er nur vom Fahrrad stiege und sich neben die Rennstrecke stellte. So kann man sich täuschen:

»Wie die Polizei mitteilte, sei an der Bezirksgrenze von Kreuzberg zu Neukölln gegen 12 Uhr ein bislang unbekannt gebliebener Radfahrer plötzlich gestürzt und gegen einen Streckenposten geprallt. Der Sportler und sein Rad trafen den Helfer am Kottbusser Damm Ecke Weserstraße so unglücklich, dass der 63-Jährige hinstürzte und mit dem Kopf gegen die Bordsteinkante schlug.

Der Polizei zufolge erlitt das Unfallopfer schwerste Kopfverletzungen. (…)«

(Tagesspiegel:
Helfer am Kopf verletzt: Folgenschwerer Unfall beim Velothon)

Lernung

Fahrradtacho aus’m Baumarkt. Der Kilometerzähler hat 5 Stellen und kann das Komma nach rechts shiften, wie man nach 100 (? – zu lange her) und 1000 Kilometern sieht. Ein paar Jahre später und kurz vor dem Verenden der Batterie erreichen Zähler, Rad und Fahrer – übrigens unfallfrei – den 10.000ten Kilometer, und was passiert? Statt die letzte Nachkommastelle zu recyclen, stürzt das Ding mit einer blinkenden 9999.9 einfach ab.

Kann man diese Implementierung rational mit Bugs erklären, oder ist das subtile Sabotage? Und welchen Tacho baut man sich heute ans Fahrrad, wenn man oft nachts fährt und ihn dabei gerne beleuchtet sähe? Zusatzfrage: lohnt es sich, beim Kauf gleich noch einen LED-Scheinwerfer als Ersatz für Halogen mitzunehmen?

Helmmode

Leserin Monika W. aus B. an der S. grub einen feinen Artikel aus, der Fahrradhelme endlich einmal im korrekten Rahmen und Kontext diskutiert: als Modeerscheinung nämlich. Ein Auszug:

»Mehr zu verlieren hat jedoch die andere Seite. Manche Vertreter der Pro-Helm-Bewegung treten auffällig ernst und dogmatisch auf. Vielleicht weisen sie die Argumente gegen den Helm auch deshalb so brüsk zurück, weil sie die Peinlichkeit bereits hinter sich haben. Wer schon mal mit Helm auf offener Straße stand, will nicht hören, dass derjenige, dessen Frisur auch nach Erreichen des Arbeitsplatzes noch Volumen hat, ebenso sicher ins Büro kam.«

(Die Helmbewegung)

Dem ist nichts hinzuzufügen. Oder vielleicht doch: wer meint, das modische Problem lösen zu können, indem er die restlichen Klamotten passend zum Helm wählt, ist auf dem Holzweg. Eine brauchbare Modeberatung gibt’s hier.

Stolperkampagne

Stolpern hatten wir hier schon: ein Alltagsrisiko, das uns vielleicht gerade deswegen kaum ängstigt. Wir fürchten uns lieber vor Terroristen, Flugzeugabstürzen oder Kindermördern. In der Schweiz läuft nun gerade eine Kampagne, um die Bürger auf dieses Risiko aufmerksam zu machen. Zwar wird sie wohl ebenso wirkungslos verpuffen wie alle anderen gut gemeinten Werbekampagnen, aber wenigstens ist das Thema sinnvoll gewählt. Die häusliche Umgebung ist nämlich in absoluten Zahlen gefährlicher als der Straßenverkehr. Die Website zur Kampagne: http://www.stolpern.ch/.