Archiv der Kategorie: Angst

Bevormundungsstaat angreifen

Jörg Friedrich ruft zum Widerstand gegen die Sicherheitsbürokratie auf und hat damit vollkommen Recht:

»Wer nicht eines Tages mit leuchtender Warnweste und Helm auf dem Kopf durch die Stadt spazieren will, dem bleibt im Moment nur, Sand ins Getriebe zu streuen. Keiner automatischen Verpflichtung, auch wenn man sie selbst für sich als angenehm empfindet, zuzustimmen. Niemand muss mir vorschreiben, etwas zu tun oder zu lassen, dessen Risiko nur mich selbst betrifft.«

(Der Freitag:
Bevormundungsstaat: Die risikolose Gesellschaft)

Unterschätzte Risiken: Angstpolicies

Sicherheitsverantwortliche in Unternehmen und anderen Organisationen sind dazu da, dass man jemanden feuern kann, wenn etwas in die Hose gegangen ist. Policies – Verhaltensregeln für Mitarbeiter – dienen dazu, diesen Vorgang möglichst weit hinauszuzögern. Der Verantwortliche als Herausgeber einer Policy hat mit der Herausgabe etwas getan, er hat Risiken von sich auf andere verlagert. Und nebenbei vielleicht der Organisation geschadet:

»A recent survey conducted by Telus and the Rotman School of Management indicates that companies that ban employees from using social media are 30 per cent more likely to suffer computer security breaches than firms that are more lenient on the issue of workers tweeting and checking Facebook posts in the office.«

(Facebook bans at work linked to increased security breaches)

 

0,00035-mal tot

Die Rad-Spannerei hat sich mehr Mühe gegeben als ich neulich und konkrete Zahlen zum Risiko beim Radfahren zusammengetragen und in Relation zum allgemeinen Lebensrisiko gesetzt:

»Pro 100 Millionen Personenkilometer gab der ADAC in Fachbroschüren am Anfang des Jahres 1,6 getötete Radfahrer an (Link). Für Berlin kann man folgendes berechnen: Gut 1 Millionen Fahrten täglich*, als Durchschnittstrecke wurde im Jahr 2006 vom Senat ein Wert von ca. 3,8 Kilometern angegeben. Das sind pro Jahr ca. 1,4 Milliarden Fahrradkilometer, auf denen sich jeweils 500 Personen schwer verletzen und etwa 10 sterben. So berechnet gibt es pro 100 Millionen Personenkilometer 0,7 Tote und 35 Schwerverletzte. Wer pro Jahr 3000 Kilometer fährt, wird dabei 0,00021 Tote erzeugen und 0,00105 Schwerverletzte.«

Die Schlussfolgerung bleibt dieselbe. Nach dieser Rechnung werde ich bei 5000km in diesem Jahr im Mittel 0,00035-mal an einem Fahrradunfall sterben oder einmal in 2857 Jahren. Selbst wenn sie sich um eine Größenordnung, d.h. den Faktor 10 verschätzt hätten, bekäme ich keine Angst. Ich kenne nämlich keinen, der in 2857 oder auch in 286 Jahren nicht gestorben wäre, woran auch immer.

Wichtigtuer

Wovor die Helmzwangdebatte geflissentlich ausweicht, ist die Risikoanalyse, die dem Gezänk schnell ein Ende machte. Radfahren ist keine besonders gefährliche Tätigkeit. Das Risiko, dabei an einer Kopfverletzung zu sterben, bleibt gering. Erst in der Summe über die Bevölkerung wird dieses Risiko überhaupt sichtbar − und liegt in derselben Größenordnung wie jenes von tödlichen Badeunfällen. Das eine wie das andere Übel kann man getrost als Schicksalsschlag einordnen, tragisch für den, dem er zustößt, aber weit davon entfernt, die Bevölkerung zu dezimieren. Analoge Betrachtungen kann man über die Verletzungsrisiken anstellen.

In der Aggregation wird auch der ganze wirtschaftliche Irrwitz einer Helmpflicht deutlich. Kauften wir nur zu jedem zweiten der 70 Millionen Fahrräder in Deutschland einen Helm für günstige 20 Euro, so kämen stattliche 700 Millionen Euro Kosten zusammen. Eine zweifelhafte Investition, wenn man nüchtern rechnet und das reale Schutzpotenzial ansetzt, das die kolportierten Wunderwirkungen weit untertreffen dürfte. So ein Fahrradhelm schützt nämlich nicht einmal den halben Kopf und das am besten bei Stürzen, die man auch ohne Helm leicht überlebt.

Radfahrer handeln rational, wenn sie die mit Helmen beeinflusste Risikokomponente im Rauschen der allgemeinen und insgesamt geringen Lebensrisiken verschwinden sehen und auf besondere Schutzausrüstung verzichten. Unredlich hingegen handelt, wer solche Risikobetrachtungen unterlässt und die Staatsmacht als Bekleidungspolizei missbrauchen möchte. Wer sich mit Helm wohlfühlt, mag einen tragen. Einer Pflicht dazu fehlt jedoch jede sachliche Rechtfertigung.

P.S.: Kann mal jemand im Koran nachgucken, ob ein Fahrradhelm als Kopftuch durchgeht? Das wäre zwar gemogelt, gäbe der Diskussion aber einen ganz anderen Anstrich.

Angst vorm Risiko

Cora Stephan liest uns die Leviten:

»Überall Warnungen, Ratschläge: Wer hierzulande Radio hört, muss glauben, in Deutschland wohnten nur Muttersöhnchen. Das ist fatal.«

(Welt Online: Das Risiko ist zum Inbegriff des Schreckens geworden)

Recht hat sie. Risiko ist nichts, wovor man Angst haben müsste, Risiko ist einfach Ungewissheit über die Zukunft, die sich kaum vermeiden lässt. Quantifizierte und analysierte Ungewissheit, um genau zu sein, also das Maximum an Prophezeiung, zu dem wir anhand der vorliegenden Daten in der Lage sind.  Vermeiden können wir Risiken nicht, wir können uns nur darauf vorbereiten. Woraus einem interessierte Antagonisten allerdings manchmal einen Strick zu drehen versuchen, wie etwa im Falle von Stuttgart 21, wo die Gegner eine umfangreiche Analyse der Projektrisiken zu einem Kritikpunkt umdeutete. Dabei sind Projektrisiken unvermeidlich und ihre systematische Behandlung Teil jedes Projektmanagements.

Liebe Melanie Berg,

Wenn Sie wieder einmal eine verlorene Tasche finden, dann machen Sie sich damit nicht wichtig. Sondern tun Sie in aller Ruhe das, was Ihren Mitmenschen als das Naheliegendste erscheint: bringen Sie ihren Fund ins Fundbüro. Dass Menschen etwas verlieren oder liegenlassen, ist ein alltäglicher Vorgang, der keinen Polizeieinsatz und keine Bahnhofssperrung erfordert. Und falls Sie sich wirklich einmal unsicher sind, ob die gefundene Tasche nicht doch eine Bombe enthält, dann öffnen Sie einfach den Reißverschluss und schauen Sie hinein. Meistens ist ein Rucksack nämlich einfach ein Rucksack. Oder haben Sie so viele schlechte Filme gesehen, dass Sie Angst davor haben?

Greenpeace-Logik

Es gibt Menschen und Organisationen, für die sind beherrschbare Unfälle der größte anzunehmende Unfall:

»Sollte Tepco die Lage in Fukushima unter Kontrolle bekommen, könnte der falsche Eindruck entstehen, selbst schwere Atomunfälle seien vom Menschen beherrschbar.«

(Tagesspiegel: Fukushima: Kampf mit den Elementen)

Die träumen wohl weiter vom zweiten Tschernobyl. Gut, dass wir das endlich mal empirisch klären.

Imagerisiko?

Einer plappert es dem anderen nach, bis alle ganz fest dran glauben: Fehler in der IT-Sicherheit fügen Unternehmen schwere Reputaitonsschäden zu, die sie an den Rand des Untergangs bringen. Das klingt zunächst plausibel – stimmt aber vielleicht überhaupt nicht. Oder ist schon mal eine Bank pleite gegangen, nachdem ihre Kundendaten an deutsche Steuerbehörden verkauft wurden?

Wir brauchen langsam mal ein neues Marketing und neue Beraterpasswörter.

Mehr Sicherheitsgefühl durch Terrorwarnungen

Der Bundesinnenminister hat seinen Schopenhauer gelesen und verstanden:

»De Maizière betonte, nach seinem öffentlichen Gefahrenhinweis hätten Umfragen gezeigt, dass sich viele Bürger sicherer gefühlt haben als vorher.«

(Spiegel Online: Innenminister de Maizière: „Schöner Sieg über psychologische Kriegführung der Terroristen“)

Wenn uns jetzt noch Rösler vor einer Epidemie, Ramsauer vor Verkehrsunfällen und Aigner vor dem Internet warnt, gehen wir völlig unbesorgt aus dem Haus.

Schützt unsere Jugend erst mal vor ihren Lehrern

Waren das vielleicht gar keine Nerds, die uns die abstrakte Schneeballschlacht bescherten, sondern Pennäler, die ihre übervorsichtigen Lehrer öffentlich auslachen? Dieser Zettel hing ungefähr hundertfach in der Schule, die ich am Abend zwecks Teilnahme an einem VHS-Kurs besuchte:

Was geht in so einem Lehrerkopf vor, während die Hände das aufhängen? Oder vorher schon, wenn der erste Gedanke bei Schneefall der ans Aufhängen einer Angstklausel ist? Vermutlich denkt er vor allem an sich selbst: bloß nicht schuld sein, wenn etwas passiert. Wen kümmert schon der Realitätsbezug, wenn es darum geht, sich durch die Schaffung einer günstigen Aktenlage abzusichern.

Man beachte auch, obwohl hier völlig off-topic, wie die rituelle Genderei aus unseren Kindern zunächst Schülerinnen und Schüler, inzwischen jedoch »SuS« gemacht hat. Ihr habt doch alle einen Klaps. Und wir sollen für den Jugendschutz zwischen sechs und zehn kein Internet mehr senden?

Rolltore gegen Terroristen

Das wird den fiesen Terrorplan bestimmt vereiteln:

»Um 15.18 Uhr gingen die stählernen Rolltore an den Seiteneingängen des Hauptbahnhofs hinunter. Und dort sollen sie bis auf weiteres auch bleiben. Denn die akute Terrorgefahr, die Bundesinnenminister Thomas de Maizière am Mittwochmittag für das gesamte Bundesgebiet öffentlich gemacht hatte, hat auch für den Großraum München sichtbare Folgen.«

(sueddeutsche.de: Wenn am Bahnhof die Gitter runtergehen)

Jedenfalls wenn der fiese Terrorplan ganz wesentlich darauf beruht, den Münchener Hauptbahnhof durch die Seiteneingänge zu betreten oder zu verlassen. Bestünde der Plan hingegen darin, sagen wir mal, einen Selbstmordanschlag auf einen katholischen Gottesdienst zu verüben, dann wären die Rolltore an den Seiteneingängen des Bahnhofes bedeutungslos. Aber dieses Szenario ist natürlich weit hergeholt, kein islamistischer Terrorist käme auf die Idee, einen katholischen Gottesdienst in Bayern anzugreifen.

Wie beruhigend, dass unser Terrorkommando erst am Montag eintreffen soll, da haben wir noch ein wenig Zeit zum Nachdenken. Zum Beispiel darüber, wie ernst wir „Geheim“dienstinformationen nehmen sollen, die derart breitgetreten werden, dass sie in jeder Zeitung zu lesen sind.

Spezialexperten (2)

»Scharen von Mikrofonträgern, die im Wendland unterwegs sind und stündlich ihre Frontberichte vom Castor-Transport abliefern, präsentieren einen Atom-Experten im Ostfriesen-Nerz nach dem anderen – aber immer von derselben Feldpostnummer: der der Gegner. Die haben Strahlenmessgeräte und Powerpoint-Präsentationen zur Hand und raunen von hundertfach erhöhten Messwerten, die ihnen jeder wirkliche Experte um die Ohren hauen würde.

Nie kommt einer der Geologen und Physiker zu Wort, die seit dreißig Jahren für Bundes- und Landesregierungen Gutachten über Gorleben erstellen; nie ein Bundesbeamter, der die einzelnen Erkundungsschritte beantragt hat, nie ein Landesbeamter, der die Anträge und Gutachten geprüft und Genehmigungen ausgestellt hat.«

(FAZ.NET: „Atom-Experten“: Protest und Prozeduren)

Schlüsselqualifikation

Zu den Grundfertigkeiten aller Sicherheitsverantwortlichen gehört die Kunst, es nicht gewesen zu sein. Sie selbst verdanken ihre Jobs nur dieser Kunst, denn eingestellt hat man sie, damit es andere nicht gewesen sind. Wer jemanden für die Sicherheit eingestellt hat, der kann es nicht gewesen sein, er hat ja was getan. Der nächste in der Kette hat nun kaum eine andere Möglichkeit als seinerseits dafür zu sorgen, dass er es auch nicht gewesen sein wird, wenn einmal etwas schiefgeht. Und so wird er Sicherheitsprodukte einkaufen, Sicherheitsdienstleister beauftragen und Sicherheitsstandards umsetzen. Ob das — in der IT-Sicherheit, woanders wissen wir mehr — etwas bringt, steht in den Sternen. Aber wenn etwas passiert, ist es keiner gewesen.

Unterschätzte Risiken: Hacker

Zu Hause haben wir uns immer sicher gefühlt. Ach was, wir waren sicher. Bis die Hacker kamen. FOXNews klärt uns auf über 10 Bizarre-but-True Ways Your Home Is Susceptible to Hackers und enthüllt Erschreckendes. Unsere Autos können sie googlen, unsere Drucker klauen, ja sogar durch die Vordertür hereinspazieren und unsere Freunde werden, nachdem sie uns den Strom abgestellt haben. Wir haben Angst.