Auf der Achse des Guten macht sich Eva Ziessler Gedanken über Gefährliche Dinge.
Archiv der Kategorie: Risiko
Unterschätzte Risiken: Kaffeepäckchen
»Mit einem Päckchen Kaffee hat am Dienstagnachmittag eine 65 Jahre alte Darmstädterin die Kassiererin eines Einkaufsmarktes in der Ettesterstraße angegriffen und leicht im Gesicht verletzt. (…)«
Sicherheit im Flugzeug
Wer sich für Sicherheit beim Fliegen interessiert, der ist bei Patrick Smith gut aufgeehoben. Den hatten wir hier schon einmal zum Thema Sicherheit auf Flughäfen. Als Pilot kann er aber noch mehr erklären, nämlich zum Beispiel:
- Wie gefährlich die Benutzung von Mobiltelefonen an Bord wirklich ist,
- Warum Passagierflugzeuge kein Fallschirme für Passagiere mitführen,
- Was wir aus dem glimpflich ausgegangenen Brand eines Flugzeugs in Japan lernen können, und zwar zum einen als Passagiere, zum anderen als Medienkonsumenten, oder
- Was es mit »zu kurzen« Landebahnen auf sich hat.
Als gelegentlicher Fluggast wünsche ich mir allerdings etwas mehr Transparenz, was den Sinn einzelner Sicherheitsmaßnahmen betrifft. Vielleicht nicht als Bestandteil der üblichen Einweisung durch das Kabinenpersonal, aber doch so deutlich, dass sich nicht allzu viel Bullshit in den Köpfen verbreitet. Warum muss erst jemand Kolumnen schreiben, damit wir die Dinge erklärt bekommen?
Deutschsprachige Kompetenz zum Thema findet man übrigens in der Usenet-Newsgroup de.rec.luftfahrt, in der sich auch einige Piloten herumtreibeen.
Unterschätzte Risiken: Schneebälle
Die Website des Hessischen Rundfunks ist eine wahre Fundgrube für mich:
»Durch Schneeballwürfe auf Autos haben Kinder am Dienstag einen Unfall verursacht. (…) Die Polizei bezifferte den Schaden auf 6.000 Euro, die beiden Fahrer blieben unverletzt.«
Unterschätzte Risiken: Karaoke
Der HR meldet aus Hofheim:
»Zu einer Massenschlägerei ist es in der Nacht zum Montag vor der Stadthalle gekommen. Aus noch unbekannten Gründen waren während einer Karaokeveranstaltung mehrere Personen miteinander in Streit geraten. Nach Polizeiangaben prügelten zeitweise bis zu 50 Menschen aufeinander ein.«
Was dem Odenwälder sein Kinderfasching …
Die Banalität des Bösen
Manche Leute haben Angst vor Google. Weil Google Daten sammelt und versucht, daraus so viel über uns zu lernen, dass Google-Werbung besser funktioniert als andere. Mir fällt das schwer, weil ich zielgerichtete Werbung für einen Mythos halte. Google gibt mir Recht:
Oder habe ich einen Cyberwar verpasst?
Unterschätzte Risiken: Treppen
»In der bayerischen Gemeinde Mömlingen, mit der vor allem der nördliche Odenwalkreis in engen gesellschaftlichen und geschäftlichen Verbindungen steht, ist heute Vormittag ein 37 Jahre alter Mann zu Tode gestürzt. (…) Dem Polizeibericht zufolge war der Mann gegen 8.20 Uhr blutüberströmt am Fuß der Flurtreppe des Mehrfamilienhauses aufgefunden worden, in dem er wohnte. Ein Notarzt konnte nur noch den Tod des Mannes feststellen.«
Unterschätzte Risiken: Tippfehler
Wegen eines Tippfehlers für tot gehalten zu werden, ist fast noch schlimmer, als wirklich tot zu sein:
»Laura Todd said an 8-year-old typo is affecting everything from her credit to her tax return. „I don’t think people realize how difficult it is to be dead when you’re not,” she said. She said her problems started when someone in Florida died and her Social Security number was accidentally typed in. Todd said she thought the problem had been straightened out, but when she went to refinance her house in 2002, “SunTrust called and said, ‘Your credit report says you’re dead.’“ She straightened that incident out, but in 2006 the Internal Revenue Service refused to process her return. „The IRS says I’m dead. Everybody says I’m dead,” she said. (…)«
(Woman Says Being Declared Dead Ruins Life, via The Risks Digest)
Der Alptraum jedes Sicherheitsmanagers …
… sind Mitarbeiter, die sich verleiten lassen, in solchen Umfragen wahrheitsgemäße Antworten zu geben. Und Anbieter von »Sicherheitslösungen«, die solche Umfragen veranstalten. Liebe Clearswift, das war wieder nichts.
Unterschätzte Risiken: Glas
»Vermutlich sei Brunkert gegen eine gläserne Terrassentür gestoßen, habe sich im Fallen an einer Scherbe den Hals aufgeschlitzt und sei dann verblutet, hieß es.«
(Leiche von ABBA-Schlagzeuger gefunden, sueddeutsche.de)
Unterschätzte Risiken: Steingut-Fliesen (originalverpackt)
Die LVZ meldet aus Leipzig:
»In der Nacht zum Samstag haben Unbekannte in der Thomasiusstraße ein komplettes Paket Steingut-Fliesen offenbar aus dem Treppenhausfenster geworfen. Wie die Polizei mitteilte, sollte damit ein Mehrfamilienhaus saniert werden. Das schwere Paket durchschlug das Sonnendach eines parkenden BMW und richtete damit einen erheblichen Sachschaden an. Verletzt wurde niemand.«
Unterschätzte Risiken: Fußgängerampeln
Der Hessische Rundfunk berichtet:
»Eine Fußgängerin ist am Samstagabend durch den umknickenden Mast einer Fußgängerampel lebensgefährlich verletzt worden. Ein 19-Jähriger war mit seinem Auto aus bislang ungeklärter Ursache gegen den Mast geschleudert. Dadurch knickte der Mast um und traf die an der Ampel wartende 45-jährige Frau am Kopf.«
Sie trug keinen Helm, nehme ich an.
Unterschätzte Risiken: Journalisten ohne Nachricht
Meteorologen warnen vor weiteren Unwettern:
»STARKE WINDBÖEN brachten am Mittwoch zum Beispiel in Heppenheim ein Absperrband zum Flattern, das die Autofahrer irritierte.«
Die haben auch auch ein Foto des bedrohlich flatternden Absperrbandes.
Unterschätzte Risiken: Straßenmöblierung
Der HR berichtet:
»Zwei Autofahrer sind auf der A 66 mit einem Sofa kollidiert. Wie die Polizei am Montag mitteilte, streifte ein 38-jähriger Autofahrer das Möbelstück am Samstagabend und fuhr dann ein Ausweichmanöver. Der nachfolgende Fahrer konnte nicht mehr bremsen und krachte frontal gegen die Couch. Der Schaden liegt bei 8.000 Euro.«
Und ich dachte, die Möblierung des öffentlichen Verkehrsraums beschränke sich auf Geh- und Radwege.
Tausendmal studiert, tausendmal doch nichts kapiert
[Dieser Eintrag sollte eigentlich ein weiterer Kommentar zur Helmdiskussion hinterm Mond werden. Wie mir erst hinterher auffiel, hat mich die gestrenge Hausherrin dort wegen ungebührlicher Rhetorik nun offenbar endgültig verbrannt und damit im Vorbeigehen gleich noch ihre selbstgestellte Frage beantwortet, ob Wissenschaft ein Glaubenssystem sei: ja natürlich, in der dort betriebenen Form schon, davon zeugt unter anderem der unbedingte Wille, die vermeintliche Gotteslästerung mit szenetypischen Mitteln zu bekämpfen. Q.e.d. Mit ein wenig Abstand geht ja vielleicht auch den anderen Beteiligten auf, dass diese Diskussion in vielem selbstbezüglich ist.]
Was ich bei Ihnen vermisse, Frau Carone, ist die Bereitschaft, Vermutungen, Erkenntnisse, Beobachtungen und anderes zu Schlussketten zu ordnen und diese dann insgesamt zu bewerten. Ihnen genügt es, dass Studien existieren und Sie verlassen sich darauf, dass die dann schon etwas bedeuten werden, und dass dieses Etwas auch Ihren Vermutungen entspricht. Ich versuche seit geraumer Zeit, mit Ihnen darüber zu diskutieren, ob das Tragen eines Styroporhutes beim Radfahren Ihre Chancen auf Weitergabe Ihrer Gene nennenswert erhöht. Sie sind es, die jede vernünftige Diskussion über die relevante Frage verweigert, sich statt dessen auf zweifelhaftes Stückwerk stützt und keinen Zweifel zulässt. Tausendmal studiert, tausendmal doch nichts kapiert weiterlesen
Unterschätzte Risiken: Nachtleben
LVZ-Online berichtet aus Leipzig:
»In der Leipziger Innenstadt ist am frühen Samstagmorgen ein Mann erschossen und ein weiterer mit Messerstichen schwer verletzt worden. Vorausgegangen war ein heftiger Streit von mehreren Besuchern der Diskothek „Schauhaus“, wie die Polizei mitteilte. Die Randalierer seien des Platzes verwiesen worden und anschließend gewalttätig durch Leipzig gezogen. Es seien schließlich mehrere Gruppen von insgesamt 150 Personen gewesen, die sich eine Straßenschlacht lieferten. Dabei sei ein 29-Jähriger erschossen und ein 37-Jähriger niedergestochen worden. (…)«
Noch ein Risiko, dem man als Nerd leicht entgeht.
Unterschätzte Risiken: Verwandte und Bekannte
808 Menschen starben im Jahr 2006 in Deutschland durch Mord oder Totschlag. Zwei Drittel davon wurden von Verwandten oder Bekannten getötet. Leute zu kennen ist also ungefähr so gefährlich wie Radfahren.
Unterschätzte Risiken: U-Bahn
U-Bahnen werden für immer mehr Autofahrer zur Falle:
»In Essen hat am Dienstag eine Seniorin eine Baustellenumleitung übersehen und ist in U-Bahn Haltestelle gefahren. Sie es immerhin bis auf die Gleise geschafft und damit weiter als die bisherigen Fahrer in Siegburg, Düsseldorf, Bochum und nochmal Bochum. (…)«
Unterschätzte Risiken: frustrierte Rentner
»Leipzig. Dass er wegen angeblich zu später Briefzustellung Schläge einstecken muss, hätte sich ein 36-jähriger Postmitarbeiter wohl nicht träumen lassen. Seine Tour führte ihn am Montag nach Wahren. In der Hirtenholzstraße wollte er einem älteren Herrn einen Brief aushändigen, für den noch Nachporto gezahlt werden musste. Für den Rentner, der sich schon öfter über die angeblich verspätete Postzustellung beschwert hatte, brachte die Zahlungsaufforderung das Fass offenbar zum Überlaufen.
Anstatt die 86 Cent Porto zu bezahlen, zettelte er nach Polizeiangaben ein Handgemenge an und schlug dem Postboten mehrfach mit der flachen Hand gegen den Oberkörper. (…)«
Unterschätzte Risiken: Multiversum
ZEIT: Könnte ein neues Universum direkt vor uns auf dem Tisch aufpoppen?
Vilenkin: Ja, so eine Blase würde uns ohne Vorwarnung treffen…
Linde: …und der Rekorder würde aufhören aufzunehmen, wir würden keine Fragen mehr beantworten – und auch aufhören zu existieren.
ZEIT: Man würde die Geburt eines neuen Universums also tatsächlich bemerken?
(Die Zeit: »Der Spielraum Gottes schrumpft«)
Trotzreaktion
Helmdiskussionen beginnen und enden mit Trotzreaktionen. Da kann ich nicht ruhig zusehen. In Deutschland sterben Jahr für Jahr etwa 600 Menschen bei Bränden, ungefähr so viele wie jeweils durch Fahrrad- oder Badeunfälle. Schwimmen kann ich gut, Radfahren auch (was nicht notwendig heißt, dass mein Risiko geringer wäre), also habe ich mir bei meinem jüngsten Besuch im hiesigen Baumarkt einen Brandmelder gekauft. Der kostet weniger als so ein blöder Helm und man muss sich nicht erst mühsam ein Szenario konstruieren vom Sturz ohne Fremdbeteiligung auf einen spitzen Stein genau mit dem behelmten Drittel des Kopfes, um sein Leben gerettet zu bekommen.
Ein Brandmelder in der Wohnung verringert Risiken durch ein einfaches Wirkprinzip: er weckt Schlafende, wenn es brennt. Diese Sicherheitsfunktion ist außerdem nach den kolportierten Zahlen in einem nennenswerten Anteil der Fälle relevant, weil der Tod oft direkt oder indirekt aufgrund einer Rauchvergiftung im Schlaf eintritt. Da lohnt sich ein Sicherheitsmechanismus.
Ob ich jetzt wirklich sicherer bin, weiß ich allerdings nicht. Ich kann noch eine Menge Fehler machen, etwa das Ding blöd (oder aus Faulheit gar nicht) aufhängen oder in ein paar Jahren den Batteriewechsel vergessen. Wie gut das Ding funktioniert, habe ich auch nicht getestet.
Unterschätzte Risiken: Halbwissen
Faustregeln, vornehm auch Heuristiken genannt, sind eine feine Sache. Sie reduzieren die scheinbare Komplexität unserer Welt und erleichtern damit den Alltag. Leider nicht immer:
»Wie ein Experiment nun erstmals gezeigt hat, lassen sich Nichtfachleute von neurowissenschaftlich verbrämten Argumenten derart blenden, dass sie logische Mängel derselben nicht mehr zu erkennen vermögen.
(…)
Die Pointe der Versuchsanordnung bestand darin, dass die neurowissenschaftliche Information logisch gesehen völlig wertlos war: Sie trug in keiner Weise zur Erklärung bei.
(…)
Wurden die Erklärungen ohne neurowissenschaftliche Zusätze präsentiert, so waren Laien (ohne Vorkenntnisse in der Hirnforschung) ebenso wie Experten (mit einschlägigem Vorwissen) recht gut in der Lage, die logischen Mängel der schlechten Erklärungen zu durchschauen: Sie veranschlagten die Qualität der guten Erklärungen als deutlich höher. Ganz anders das Bild, wenn den Teilnehmern neurowissenschaftlich verbrämte Erläuterungen vorgelegt wurden.«
Das berichtet die NZZ und bezieht sich damit auf den Artikel The Seductive Allure of Neuroscience Explanations von Deena Skolnick Weisberg, Frank C. Keil, Joshua Goodstein, Elizabeth Rawson und Jeremy R. Gray im Journal of Cognitive Neuroscience 20, 470–477 (2008).
Vielleicht sollte ich es doch mal mit Social Engineering versuchen, wenn Blendwerk so gut funktioniert. Oder lieber Bullshit Bingo, jetzt, wo es alle wissen und anwenden?
Unterschätzte Risiken: Psychopathen auf Arbeitssuche
»Ein 75-jähriger Radfahrer ist am Sonntag bei Beyersdorf (Landkreis Anhalt-Bitterfeld) von einer Autofahrerin auf einem Feldweg mit einem Beil erschlagen worden. Als Motiv für den Angriff auf den ihr unbekannten Mann gab die 52-Jährige aus Sachsen Wut über ihre erfolglose Arbeitsuche an. (…)«
Alle naheliegenden Witze über Kopfverletzungen, Radelhelme und die Hannelore-Kohl-Stiftung hat de.rec.fahrrad bereits gemacht.