Unterschätzte Risiken: Halbwissen

Faustregeln, vornehm auch Heuristiken genannt, sind eine feine Sache. Sie reduzieren die scheinbare Komplexität unserer Welt und erleichtern damit den Alltag. Leider nicht immer:

»Wie ein Experiment nun erstmals gezeigt hat, lassen sich Nichtfachleute von neurowissenschaftlich verbrämten Argumenten derart blenden, dass sie logische Mängel derselben nicht mehr zu erkennen vermögen.
(…)
Die Pointe der Versuchsanordnung bestand darin, dass die neurowissenschaftliche Information logisch gesehen völlig wertlos war: Sie trug in keiner Weise zur Erklärung bei.
(…)
Wurden die Erklärungen ohne neurowissenschaftliche Zusätze präsentiert, so waren Laien (ohne Vorkenntnisse in der Hirnforschung) ebenso wie Experten (mit einschlägigem Vorwissen) recht gut in der Lage, die logischen Mängel der schlechten Erklärungen zu durchschauen: Sie veranschlagten die Qualität der guten Erklärungen als deutlich höher. Ganz anders das Bild, wenn den Teilnehmern neurowissenschaftlich verbrämte Erläuterungen vorgelegt wurden.«

Das berichtet die NZZ und bezieht sich damit auf den Artikel The Seductive Allure of Neuroscience Explanations von Deena Skolnick Weisberg, Frank C. Keil, Joshua Goodstein, Elizabeth Rawson und Jeremy R. Gray im Journal of Cognitive Neuroscience 20, 470–477 (2008).

Vielleicht sollte ich es doch mal mit Social Engineering versuchen, wenn Blendwerk so gut funktioniert. Oder lieber Bullshit Bingo, jetzt, wo es alle wissen und anwenden?

Unterschätzte Risiken: Psychopathen auf Arbeitssuche

»Ein 75-jähriger Radfahrer ist am Sonntag bei Beyersdorf (Landkreis Anhalt-Bitterfeld) von einer Autofahrerin auf einem Feldweg mit einem Beil erschlagen worden. Als Motiv für den Angriff auf den ihr unbekannten Mann gab die 52-Jährige aus Sachsen Wut über ihre erfolglose Arbeitsuche an. (…)«

(Magdeburger Volksstimme)

Alle naheliegenden Witze über Kopfverletzungen, Radelhelme und die Hannelore-Kohl-Stiftung hat de.rec.fahrrad bereits gemacht.

Kritischer Rationalismus, Eristische Dialektik und Cargo-Kult: warum Wissenschaftsglaube auch blöd ist

Ich bin Anhänger des kritischen Rationalismus oder halte mich jedenfalls für einen. Das merkt man vielleicht nicht sofort, weil ich außerdem auch meinen Schopenhauer gelesen habe, aber ich will trotzdem daran glauben. Der Wikipedia-Artikel ist sehr gut. Sie sollten ihn jetzt lesen, ich warte hier so lange. Den Schopenhauer können Sie kurz anschauen und für später bookmarken. Kritischer Rationalismus, Eristische Dialektik und Cargo-Kult: warum Wissenschaftsglaube auch blöd ist weiterlesen

Hüten Sie sich vor dem Spießer von nebenan

In de.rec.fahrrad fand ich einen Hinweis auf einen Artikel der Frankfurter Rundschau, der dem einen oder anderen vielleicht bei der Justierung seines Bedrohungsmodells hilft:

»Die Tatsache, dass es sich bei Selbstmordattentätern meist um gesittete Bürger handelt, scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein. Schließlich besteht die Mittelschicht zum größten Teil aus gebildeten, artigen Familienmenschen und nicht aus Schlägern und Kriminellen, die wir uns unter Terroristen vorstellen. Sie haben wenig Ähnlichkeit mit englischen Football-Hooligans oder anderen Krawallmachern.«

(weiter: Taktiker und Krieger aus der Mittelschicht)

Dort geht es nicht nur um Selbstmordattentäter, sondern um Gewalt überhaupt. Autor des Artikels ist der Soziologe Randall Collins, der darüber auch ein Buch geschrieben hat.

Achten Sie auf Ihren Nachbarn.

Aus dem Weltbild eines Fahrradhelmträgers

Das Schöne an Blogs ist, dass sie wie Reihenhaussiedlungen funktionieren. Jeder kann in seinem Vorgarten seine persönliche Form des Spießertums zelebrieren und die anderen für schlimme Spießer halten. Das tue ich jetzt auch. Die misslungene Helmdiskussion an anderer Stelle hatte ich bereits erwähnt, ihre Vorgeschichte nehme ich gleich noch mit dazu. Eigentlich gehört so etwas ignoriert, weil es sich um eine Glaubensfrage handelt. Da ich nun aber schon mal mitgemacht habe, lasse ich mir auch das Fazit nicht entgehen, denn das ist aufschlussreich. Ich fasse die Debatte mal aus Sicht der Gegenseite zusammen. Aus dem Weltbild eines Fahrradhelmträgers weiterlesen

Friday the 13th – End of the World?

Not quite, but with a 1-in -300 chance the end of certain lifeforms on the surface of this planet:

»You may want to put this date in your diary: April 13, 2029. It’s a Friday. Friday the 13th. This is the day, Nasa announced four years ago, on which the Earth is most likely to be struck by a civilisation-destroying asteroid.«

(The threat to Earth from space is minimal – Times Online, via)

Time to un-quit smoking?

Unterschätzte Risiken: Bauarbeiten

Bei Frau Carone tobt gerade eine Helmdiskussion [Update: in der ich nicht mehr mitspielen darf, wohl weil ich zu gerne die Wikipedia zitiere und Echte Wissenschaftler™ das ihbäh finden]. Auf der Suche nach Vergleichszahlen bin ich über das gestolpert:

»25 % mehr tödliche Unfälle am Bau
2006: Jeder 5000. Bauarbeiter verliert sein Leben auf der Baustelle

Deutschlandweit starben 2006 in der Bauwirtschaft 141 Menschen und damit 28 mehr als ein Jahr zuvor.
(…)
Die Zahl der schweren Unfälle insgesamt stieg im selben Zeitraum um rund 5200 auf knapp 129 000 an. 3031 Bauleute wurden durch einen Unfall dauerhaft arbeitsunfähig, elf Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
(…)
Die Dunkelziffer bei den genannten Negativzahlen dürfte allerdings deutlich höher liegen, weil immer mehr Selbständige (auch Scheinselbständige und Ich-AGler) nicht erfasst werden. Die Beschäftigtenzahl im Baugewerbe ging 2006 indes leicht zurück. Waren es im Juni 2005 noch 733.757 Beschäftigte, reduzierte ich die Zahl bis Juni 2006 auf 729.062 Beschäftigte.«

Jeder 5000., das wären hochgerechnet auf 80 Millionen Bundeseinwohner ungefähr 16000 (sechzehntausend) Tote und noch eine Dunkelziffer obendrauf. Trotzdem schaut man mich komisch an, wenn ich behaupte, Radfahren sei nicht besonders gefährlich.

Und Bundestrojaner sind auch nicht sooo schlecht

Die taz meint es ernst. Heute ist Manfred Kriener dran, und wie gestern schon seine Kollegin Ulrike Herrmann schreibt er die Titelseite mit Unsäglichem voll:

»Unumstößlich ist: Die Daten wurden weder gestohlen noch gelöscht, sie befinden sich alle unversehrt auf dem Zentralcomputer der Bank. Stehlen kann man aber nur, was nachher nicht mehr da ist. Der Zumwinkel-Vorwurf der „Hehlerei“ geht also ins Leere. Dies war kein Datenklau, sondern eine Datenkopie. Womöglich hat ein Bankangestellter nur eigene Dateien kopiert.«

Na dann ist ja alles gut. Freuen wir uns also auf den Bundestrojaner, denn nach einer Online-Durchsuchung müssen wir nicht monatelang auf die Rückgabe unseres Rechners warten. Das ist doch toll, oder? Und überhaupt, sind ja nur Daten, und die sind auch gar nicht richtig weg, wenn sie jemand stiehlt.

Schade, dass ich kein Abo habe, dafür würde ich es glatt kündigen. Oder auch nicht, denn sobald sie nicht selbst sprechen, kommt doch wieder Vernunft ins Blatt. So wie in diesem Leserbrief, dessen Autor sich ähnliche Gedanken machte wie ich gestern, oder im Interview mit Dieter Wedel, dem man genügend Raum lässt, das Ganze schöner auszudrücken. Gerade noch mal die Kurve gekriegt, würde ich sagen.

Recht auf Geheimniskrämerei

Wie oft lasen oder hörten wir diesen Satz: »Datenschutz darf kein Täterschutz sein.« Dann protestierten wir jeweils, wenigstens kurz und in Gedanken, und fühlten uns uns gut, weil wir es ja besser wussten. Datenschutz sei Ausdruck unseres Persönlichkeitsrechts, stehe jedem zu und setze dem Staat Schanken, die wir nicht angetastet sehen wollten. Nie und nimmer, unter gar keinen Umständen, nicht mal gegen Kinderpornonaziterroristenverbrecher. Schäuble war böse, denn er wollte uns übrwachen, und wir waren gut, denn wir waren dagegen. Bis uns jemand einen Fall auf den Leib schneiderte:

»In Deutschland wird die Geheimniskrämerei als Persönlichkeitsrecht missverstanden.«

Das schreibt Ulrike Herrmann in der taz, die wir doch eben noch auf unserer Seite wähnten. Und ein Stück die Zeitung runter legt Sven Giegold nach:

»Zudem muss das steuerliche Bankgeheimnis gelockert werden, so dass Kapitaltransfers ins Ausland systematisch überprüft werden können, ohne dass erst ein Anfangsverdacht vorliegen muss.

(…)

Schließlich könnten wir von Australien lernen: Dort werden die Daten von Kreditkarten aus Steueroasen genutzt, um Steuerflüchtlingen auf die Schliche zu kommen.«

So schlecht ist Überwachung wohl doch nicht, aber selbstverständlich nur gegen die richtigen Verbrecher. Was uns das lehrt: Grundrechte gelten universell, bis wir uns auf einen Gegner geeinigt haben, den wir jetzt aber wirklich echt böse finden. Für den gelten sie nicht mehr, denn jetzt haben wir einen höheren Zweck. Das Entwurfsmuster funktioniert bei jedem, nur den Anlass muss man anpassen.

PS: Und wärend ich das schreibe, schnappen sie einen Datenschützer, der mit einer BND-Agentin verheiratet sein und Steuern hinterzogen haben soll. Das ist so bizarr, das kann man sich gar nicht ausdenken.

Hackerhymne

Eigentlich ein schöner Text für eine Hackerhymne, jedenfalls der Anfang:

Keep on looking
you keep on searching
you keep on moving
and you get a little further
you keep on trusting
you keep on hoping
you keep on facing your faith just to keep on growing

just try…try..you just try

(…)

(Sidsel Endresen & Bugge Wesseltoft, Try)

The 6 Cutest Animals That Can Still Destroy You

»If animals could talk, they would spend most of their time calling us dicks and telling us to get off their land. The traits we think of as „cute“ are often simply tricks animals have developed to get tourists to throw them food.

Here are six animals that you’ll probably want to steer clear of, no matter how adorable they look on that wall calendars. (…)«

(The 6 Cutest Animals That Can Still Destroy You)

The Fear Factory

The Rolling Stone has an article on homegrown terrorism in the U.S., grown by task forces that are supposed to fight terrorism:

»The FBI now has more than 100 task forces devoted exclusively to fighting terrorism. But is the government manufacturing ghosts?«

Manufacturing ghosts makes a lot of sense, marketing-wise, if you are an officially appointed ghostbuster.

(via Telepolis)

Sparsam anonymisiert

Noch ein Zitat aus dem hier bereits auszugsweise wiedergegebenen Urteil des OLG Frankfurt:

»… und ein Gutachten des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik eingeholt, das von dem Mitarbeiter Prof. Dr. rer. nat. XY, der Diplom-Mathematiker ist und zusätzlich eine außerplanmäßige Professur am Fachbereich Mathematik der TU … bekleidet, erstellt und mündlich erläutert wurde.«

Wie lange müsst ihr googeln, um aus den kursiv hervorgehobenen Informationen eindeutig die Belegung der Variablen XY zu rekonstruieren oder die Unsicherheit darüber so weit zu reduzieren, dass weniger als fünf Bewohner dieses Planeten in Frage kommen?

A Rationalist Approach to Risk Assessment

»I believe smoking bans are doing great damage, and not only economic damage. They promote intolerance, social tension and a ‘stool pigeon‘ culture. They ostracise a large and law-abiding segment of the population. They set a worrying precedent for all kinds of other social engineering. And they bring Nanny into Nightlife: the last place she belongs.«

Over at Plazeboalarm they celebrate (in German) an essay by Joe Jackson, Smoking, Lies and The Nanny State (PDF), and rightly so. He perfectly demonstrates a rationalist approach to risk assessment, which is based on fact rather than opinion and hidden agendas. He also demonstrates how real and unreal health risks can be abused politically and possibly lead to much worse an outcome even if the original risk fought was real.

Even though not everyone may agree with him, even if the factual basis of his essay were wrong (I didn’t verify his numbers yet), he reminds us of the virtue of skepticism. Even experts can be wrong. Terribly wrong, sometimes:

»It is has become ‘common knowledge’ that smoking is one of the worst things you can possibly do to yourself; ‘all the experts agree’. Of course, ‘all the experts’ once agreed that masturbation caused blindness, that homosexuality was a disease, and that marijuana turned people into homicidal maniacs. In the 1970s and 80s British doctors told mothers to put their babies to sleep face-down. Cot deaths soared, until a campaign by one nurse succeeded in changing this policy, which we now know to have claimed something like 15,000 lives.«

No matter how you feel about smoking, read his essay and try to grasp the many points he makes that are not immediately related to cigarettes and tobbacco but rather to rationalism and workable ways of running a society. A must-read for everyone. Conspiracy theories about the tobacco industry are not an acceptable excuse.

Unterschätzte Risiken: Italienisches Duschgel

Der Hessische Rundfunk berichtet auf seiner Website:

»Eifrig sammelten die Narren am vergangenen Dienstag die geworfenen Bonbons, Lutscher und Gummibärchen auf. Unter den verteilten Kleinigkeiten waren auch Duschgelproben. Allerdings waren die Päckchen in italienischer Sprache beschriftet und das sorgte offenbar für Irritation.

Die Aufschrift „yoghurt doccia crema“, die nichts anderes bedeutet als Joghurt-Duschgel, hatte zur Folge, dass einige Leute den Inhalt verspeisten.«

Ein interessanter, weil trotz seiner Absurdität typischer Fall. Hier wirken mehrere Faktoren zusammen und keiner hat vorher geahnt, wozu das führen würde:

  • Fehlende Sprachkenntnisse. Italienisch lernen hierzulande nur Pizzabäcker und Opernfans.
  • Die Idiotie der Kosmetikfirmen, ihre Produkte mit Beimengungen von Lebensmitteln zu veredeln beziehungsweise die Idiotie der Käufer, so etwas zu honorieren.
  • Der unpassende Kontext. Seit wann werfen Fastnachtsumzüge mit Duschgel?
  • Übermäßiges Vertrauen in die Essbarkeit. Sollte man nicht spätestens beim Öffnen der Verpackung auf die Idee kommen, dass es sich vielleicht nicht um ein Lebensmittel handelt?

Schlussfolgerung: Es könnte jeden treffen!