Archiv der Kategorie: Risiko

Risk Management

Wie verkauft man geklaute Daten an einen Staat?

Während alle Welt über ethische und rechtliche Fragen des Ankaufs geklauter Daten durch den Staat debattiert, interessieren mich die praktischen Aspekte. Wie fädelt man als Besitzer kompromittierender Daten so ein Geschäft ein, damit die Wahrscheinlichkeit, das verlangte Geld später in Ruhe ausgeben zu können, möglichst hoch wird?

Wir haben auf der einen Seite einen Verkäufer, der im Prinzip irgendwo auf der Welt sitzen und die Daten übers Internet bereitstellen kann. Sein möglicher Abnehmer wird sich jedoch kaum auf eine Lieferung gegen Vorkasse einlassen, was einen beiderseits akzeptierten Prozess für den Austausch erfordert.

Auf der anderen Seite haben wir als Käufer einen Staat mit einer Polizei und Gesetzen, der seine Kosten reduzieren kann, wenn er den Lieferanten nicht bezahlt, sondern ihn auf frischer Tat mitsamt den Daten ertappt. Mit der verlangten Summe dürften sich eine Polizeiaktion, ein Prozess sowie einige Gefängnispersonenjahre ohne Schwierigkeiten finanzieren lassen. Der Käufer ist außerdem international vernetzt, hat also die Möglichkeit, Verhaftungen auch im Ausland zu erwirken.

Als dritter Mitspieler ist ein weiterer Staat im Spiel, der über dieselben Fähigkeiten verfügt und das Interesse verfolgt, das Geschäft zu vereiteln und den Verkäufer seinerseits hinter Schloss und Riegel zu bringen – oder ihn vielleicht auch zur Abschreckung öffentlich einer Geheimdienstaktion zum Opfer fallen zu lassen.

Wie würde man sich als Täter in dieser Situation absichern?

P.S.: Wie ist die ganze Aktion eigentlich Datenschutzrechtlich zu bewerten?

Unterschätzte Risiken: Sicherheitstheater

Wenn das stimmt, wäre es eine große Ironie: das Sicherheitstheater am Flughafen lässt Flugzeuge als gut bewacht gelten und macht sie damit als Angriffsziel erst interessant.

»Und zuletzt sind Flugzeuge ein sehr symbolisches Anschlagsziel, weil sie gut bewacht sind. Die Terroristen schicken eine Botschaft: „Selbst in der Luft seid ihr nicht vor uns sicher.“«

(Spiegel Online: Flugsicherheit: „Ich will den bösen Jungs keine Nachhilfe geben“)

Das ist natürlich nur einer von vielen Faktoren, der Artikel zählt weitere auf, etwa die verstärkte Wirkung einer vergleichsweise kleinen Bombe, wenn sie in zehn Kilometern Höhe in einer Druckkabine gezündet wird. Dennoch stellt sich die Frage, wie man so einen Faktor sinnvoll optimiert und ob Sicherheit insgesamt nicht einfach nur Voodoo und Aberglaube ist.

Unterschätzte Risiken: Leichtgläubigkeit

Wenn sich ein Verbrecher Patrick nennt, dann bleibt der Polizei nichts anderes übrig, als alle Patricks in der Umgebung des Tatortes zu gentesten. Dass die Spur falsch, gar eine gezielte Irreführung sein könnte, auf die Idee kam man offenbar nicht:

»Hunderte Männer namens Patrick hatte die Wiesbadener Polizei nach der Vergewaltigung einer 17-Jährigen überprüft. Knapp zwei Jahre später hat sie den Täter gefunden – per Zufall. Patrick heißt er nicht.«

(HR: Zufallstreffer: Vergewaltiger heißt doch nicht Patrick)

Es sei nicht auszuschließen gewesen, dass der Name richtig sei. Dass die DNS-Rasterfahndung Blödsinn sein könnte, war offensichtlich aber auch nicht auszuschließen.

Unterschätzte Risiken: Händis

Ich werde wohl nie begreifen, wie man sich von einem Stück Technik bis zur Idiotie herumkommandieren lassen kann:

»Auf einem unbeschrankten Bahnübergang bei Münchhausen ist am Dienstag auf der Strecke Marburg-Frankenberg ein Zug mit einem Auto zusammengestoßen.
(…)
Der Führerschein-Neuling sagte aus, sein klingelndes Handy habe ihn abgelenkt, deshalb habe er den Zug übersehen.«

(HR: Handyklingeln führt zu Zugunfall)

Überraschend

Angst ums Kind? Das ist oft Angst vor Unfällen, von der sich Eltern einschüchtern lassen. Die Realität:

»Krankheiten sind die häufigste Ursache von Schwerbehinderungen. Unfälle spielen dagegen keine Rolle. Nur 0,45 Prozent der schwerbehinderten Kinder und Jugendlichen haben sich ihre Beeinträchtigung bei einem Unfall zugezogen.«

(Finanztest 1/2010, S. 60)

Noch ein Grund, sich von Fahrradhelmen nicht zu viel Schutz zu erhoffen.

Unterschätzte Risiken: Gender Mainstreaming

Kerzen im Badezimmer sind Mädchenkram. Waschbenzin dagegen gehört zu den Jungs in die Werkstatt. Wer die Geschlechtergrenzen verwischt, tut sich damit keinen Gefallen:

»Die 29-Jährige putzte am Mittwochabend ihre Badewanne mit Waschbenzin und hatte aus unerklärlichen Gründen am Wannenrand eine brennende Kerze aufgestellt, wie die Polizei am Donnerstag mitteilte. Als sie mit dem benzingetränkten Lappen in der Nähe der Flamme gewischt habe, sei es zu einer Verpuffung gekommen.«

(Spiegel Online: Frau verbrennt sich beim Putzen der Badewanne)

7.015.630.000-mal FKK für einen Terroristendarsteller

Irrationale Debatten um Sicherheitsutensilien werden anscheinend zur neuen Jahreswechselmode. Erregte vor einem Jahr der Skihelm die Medien, ist es diesmal der Nackigscanner. Eigentlich gibt es für die Debatte nicht einmal einen richtigen Anlass. Auslöser war ein unbeholfener, gescheiterter Anschlagsversuch in einem Flugzeug. Passiert ist nichts, deshalb brauchen wir neue Sicherheitsgroßtechnik?

Gewiss, wir reden über Konjunktive — hätte, könnte, wäre — wie in jeder Risikobetrachtung. Aber wir haben auch Daten: um mit derselben Wahrscheinlichkeit an Bord eines Flugzeuges Terrorismus zu erleben, mit der man am Boden vom Blitz getroffen wird, muss man im Jahr mehr als zwanzigmal fliegen. Und darin sind noch die gescheiterten Anschlagsversuche enthalten. Mit anderen Worten, selbst Vielflieger haben kaum eine realistische Chance, an Bord eines Flugzeuges zum Terroropfer zu werden.

Doch das liegt sicher nur an den bereits vorhandenen Sicherheitsmaßnahmen, den konfiszierten Wasserflaschen und Nagelscheren, nicht wahr? Nein. Terroristen haben keinen Grund, unsere Selbstmordbomber-an-Bord-Fixierung zu teilen. Im Gegenteil, kluge Terroristen werden etwas anderes tun als beim letzten Mal. Die Schlange vor der Sicherheitskontrolle zum Beispiel, mit Absperrbändern in die Fläche gefaltet, eignet sich vorzüglich für einen Selbstmordanschlag mit Sprengstoff. Doch Terrorismus ist so selten, dass wir auch dort keine Angst haben müssen.

Naked Truth

In the current discussion about the use of body scanners at airports (aka strip machines) many people seem to forget, that these scanners do not pose a remedy to the latest security threat, i.e. explosives. So I am amazed that in this day and age we still are preoccupied with knives and guns. And I ask myself, do we really need expensive technology to spot them? Are the Indians really the only part of the scenario that has changed? And isn’t touching my privates a bigger privacy infringement than taking a x-ray-picture?

Spendenaufruf

Zwei Euro im Monat für ein gutes Gefühl, das ist das Kerngeschäft der Versicherungswirtschaft:

»Oft reichen einige Minuten Surfen im Internet – und schon sind Ihre Bankdaten in die Hände von Betrügern gelangt. Phishing-Angriffe, die gezielt Online-Banking Kunden im Visier haben, verursachen immer wieder hohe Schäden.
(…)
Anfang 2010 bietet CosmosDirekt die passende Lösung: Den Konto-Schutzbrief, der Sie ab 2€ im Monat gegen die Plünderung Ihres Kontos schützt*. Er sichert alle Schäden aus dem Missbrauch Ihrer EC- und Kreditkarte sowie Ihrer Kontodaten ab.«

Für ungefähr dieselbe Summe bekommt man übrigens schon eine kleine Haftpflichtversicherung. Der Preis taugt also noch nicht einmal als Risikometrik.

Weihnachten überleben

Weihnachten zu überleben ist nicht so einfach, denn zu Hause lauern viele Gefahren. Noch ein wenig gefährlicher als andere lebt, wer sein Haus mit Jongleuren teilt, denen das Diabolo ausgerechnet auf der Treppe herunterfällt.

Unfallgefahr: Diabolo liegt auf der Treppe herum, Frau mit Wäschekorb kommt die Treppe herunter und sieht es nicht
(Foto: DSH)

Unser Tipp: bremsen Sie rechtzeitig den Bewegungsdrang Ihrer Mitbewohner. Geeignete Mittel hält jede gut sortierte Hausapotheke bereit. Weihnachten überleben weiterlesen

600:500.000

Wieviel Angst müssen wir eigentlich vor Straßenraub haben? Hier sind die Zahlen für Leipzig (500.000 Einwohner) in den letzten Jahren:

»Ermittler gehen davon aus, dass die Zahl der Raubstraftaten in diesem Jahr erneut angestiegen ist, sich bei etwa 600 einpegeln dürfte. Im vorigen Jahr hatte die Kripo 547 Fälle registriert, 2007 waren es 590.«

(LVZ: Prügel für ein paar Euro: Etwa 600 Raubstraftaten in diesem Jahr)

Das sind ungefähr 1,2 Fälle auf 1000 Einwohnerjahre.

Unterschätzte Risiken: Wettsingen

Das kommt heraus, wenn man seinen Sicherheitsbehörden freien Lauf lässt, statt sie auf nützliches Handeln gegen echte Bedrohungen zu beschränken:

»Beamte des aserbaidschanischen Ministeriums für Nationale Sicherheit (…) haben nach verschiedenen Medienberichten die Identität von Bürgern ermittelt, die beim Eurovision Song Contest 2009 in Moskau für den Beitrag Armeniens gestimmt haben. Mindestens ein Betroffener wurde verhört und aufgefordert, sein Handeln schriftlich zu begründen.«

(sicherheitsblog.info: Aserbaidschan, der Geheimdienst und der Eurovision Song Contest 2009)

Merke: Sicherheit darf weder Selbstzweck sein noch als Begründung für x-beliebige Maßnahmen herhalten. Was sogleich die Frage aufwirft, wie man vorbeugende Maßnahmen denn richtig begründet.

Gefährliche Rollbretter überleben

In diesem Kontext habe nicht einmal ich etwas gegen eine Helmempfehlung, zumal das gezeigte Material der Namen tatsächlich verdient:

(Videolink, via Nightline)

Warum? Weil wir hier ein vernünftiges Gesamtkonzept präsentiert bekommen, von einer Risikoanalyse bis zum Falltraining. Nur eines habe ich zu bemängeln: Der Kopf ist keineswegs der wichtigste Körperteil. Wollte man den Schutzbedarf von Kröperteilen von ihrer Wichtigkeit ableiten — in der IT-Sicherheit übrigens ein beliebter Ersatz für Risikoschätzungen –, so müsste man zweifellos zum Beispiel wesentliche Teile des Blutkreislaufes für gleichermaßen wichtig halten.

Kragen geplatzt

Ein überfälliger Flame an alle:

»Einzelne Todesfälle werden in der Presse geradezu zelebriert. Graphiken mit steil aufragenden Kurven signalisieren höchste Gefahr und zeigen, dass wir am Rande des Abgrunds stehen.Für Sammler von Beispielen, wie man Zahlen nicht interpretieren sollte, herrschen goldene Zeiten. Alles, wovor man Erstsemester warnt, wird geboten.

(…)

Fehlendes Wissen bedeutet Unsicherheit. Das scheint als Einladung verstanden zu werden, mit auf Glauben beruhenden Aussagen für Sicherheit zu sorgen. Zahlen und objektive Risikoabschätzungen sucht man oft vergeblich. Das könnte akzeptiert werden, wenn der Glauben als solcher deklariert und nicht als Wissensmogelpackung präsentiert würde.

(…)

Wie ein roter Faden zieht sich die Abneigung gegenüber Zahlen durch Berichte. Ein Grund mag die schlechte Datenlage sein, aber auch vorhandene werden ignoriert. Die gegenwärtig besten stammen von der Südhalbkugel. Erfahrungen und Zahlen des dort fast beendeten Winters geben keinen Anlass für Katastrophenszenarien.

(…)

Das diffuse Bild ist natürliche Folge der objektiven Unsicherheit. Verwerflich ist, dass diese Unsicherheit nicht als solche deklariert wird, sondern durch Ignoranz ein Bild von Sicherheit erzeugt wird, das mit der Realität nichts zu tun hat. Die gesellschaftliche Unfähigkeit, mit Risiken rational umzugehen, ist erschreckend.«

(sueddeutsche.de: Kranke Zahlenspiele)

Unterschätzte Risiken: Erdwärme

Sieht so aus, als bekäme der Rhein einen neuen Zufluss:

»Ein riesiger Wasserschaden ist in Wiesbaden bei Erdwärme-Bohrungen entstanden. Rund 6.000 Liter Wasser schießen pro Minute in die Höhe. Wann das Bohrloch in der Innenstadt geschlossen werden kann, war am späten Abend unklar.«

(HR: Erdwärme-Bohrungen: Gewaltiger Wasserschaden in Wiesbaden)

Jetzt kann Aachen einpacken.

Höchstrichterliche Risikobewertung

Nicht immer sind es Politiker und Staatsorgane, denen unsere Verfassungrichter zu vernünftigen Einschätzungen verhelfen muss. Was dem Innenminister recht ist, ist den Bürgern billig, und so haben Nachtfluggegner in Leipzig ihr Problem ein wenig aufgebauscht. Man sei von Terrorismus und Krieg bedroht, weil der Flughafen auch militärisch genutzt werden dürfe. Diesem Argument wollte das Bundesverfassungsgericht nicht folgen:

»Für die Karlsruher Verfassungsrichter war die behauptete Gefahr terroristischer Anschläge infolge der militärischen Nutzung des Transportflughafens jedoch so gering, dass dieser Umstand „nicht in die Interessensabwägung einbezogen werden“ müsse. Die Behauptung der Kläger, auf dem Flughafen Leipzig/Halle könne es zu regulären kriegerischen Auseinandersetzungen mit zivilen Kollateralschäden kommen, nannten die Bundesverfassungsrichter „völlig aus der Luft gegriffen“.«

(FAZ.NET: Flughafen Leipzig/Halle: Niederlage für Nachtfluggegner)