Unterschätzte Risiken: Katzen

Meine Theorie ist ja, dass Katzen in Wirklichkeit Außerirdische sind, die uns untersuchen und sich dabei nichts anmerken lassen. Manchmal gehen sie aber zu weit:

»Eine streunende Katze hat am Donnerstag im südhessischen Groß-Zimmern einen Autounfall mit 25 000 Euro Schaden verursacht. Nach Angaben der Polizei in Darmstadt war das Tier einem 45 Jahre alten Autofahrer vor den Wagen gelaufen. Dieser verriss aus Schreck das Lenkrad und prallte gegen zwei am Straßenrand geparkte Autos. Die Katze lief unterdessen unverletzt weg.«

(Echo Online)

Und was tun wir? Wir stellen Katzencontent ins Netz. Das darf man wohl als asymmetrischen Konflikt bezeichnen.

Bagatellhelme aus Styropor

Ein wiederkehrendes Thema in (Fahrrad-)Helmdiskussionen ist dei Frage, wogegen genau die real existierenden Helme eigentlich schützen. Helmskeptiker behaupten, nach der Konstruktion und den Prüfstandards könne so ein Helm nur gegen Bagatellverletzungen helfen, also genau dann, wenn man eigentlich keinen Helm braucht, weil man auch ohne Hilfe überlebt.

Mit zunehmender Faszination beobachte ich nun, dass solche Argumente Eingang finden in die Berichterstattung der Mainstream-Medien, zumindest wenn es um Skihelme geht. So schreibt Focus Online: Bagatellhelme aus Styropor weiterlesen

Analogie

Dass IT-Sicherheit nicht wie Krieg ist, schrieb ich schon. Aber wie was ist sie dann? Ein Versuch:

IT-Sicherheit ist wie Deichbau. Baut oder erhöht man nur auf einer Seite des Gewässers, läuft das Wasser auf der anderen trotzdem über. Was man am Oberlauf erfolgreich eingedämmt hat, ist als Problem nicht einfach verschwunden, sondern es macht sich dann eben ein Stück den Fluss hinunter um so stärker bemerkbar. Wenn der Deich ein Loch hat, dann wird das Wasser dieses Loch finden und ausnutzen. Ob ein Deich Standards einhält, kümmert das Wasser nicht. Halten muss er, und formale Vorschriften sind höchstens ein Hilfsmittel, um das zu erreichen.

Passt das? Wenn nein, warum nicht?

Unterschätzte Risiken: Ernährung

Die Süddeutsche Website klärt uns über Ernährungsrisiken auf, und zwar richtig:

»Apfelsinen zum Beispiel. Weiß denn niemand, wie gefährlich Apfelsinen sind? Isst man zu viele, kann das zum akuten Darmverschluss führen. Das faserige Fruchtfleisch bläht sich im Darm auf und kann ihn verstopfen – steht in jedem Chirurgie-Buch. Man muss allerdings mindestens zwei bis drei Kilogramm Orangen auf einmal essen, bis es so weit kommt – das hat selbst Onkel Dittmeyer zu seinen besten Zeiten nicht geschafft.«

Wie alle ungefragten Ratgeber sind auch jene mit Vorsicht zu, äh, genießen, die uns ins Essen hineinreden wollen. Das hat die Süddeutsche verstanden. Dass zu einer Risikobetrachtung nicht nur die möglichen Schäden gehören, sondern auch Randbedingungen und Eintrittswahrscheinlichkeiten, das hat sie auch verstanden. Und dass die meisten Tipps und Warnungen nur Entertainment sind, das auch. Davon möchte ich mehr lesen.

What’s the harm?

[Get only posts in English]

Nice idea:

»This site is designed to make a point about the danger of not thinking critically. Namely that you can easily be injured or killed by neglecting this important skill. We have collected the stories of over 225,000 people who have been injured or killed as a result of someone not thinking critically.«

(http://whatstheharm.net/)

Thus far their collection comprises »3,284 people killed, 306,068 injured and over $2,815,114,000 in economic damages« caused by pseudoscience, alternative medicine, religion, belief in the supernatural, fears, misinformation and the like. And it’s not always harm that people inflict upon themselves as for instance the section on expert witnesses shows.

Nüchtern gerechnet

Wer rational über Risiken urteilen möchte, der muss auch in den sauren Apfel beißen und über seine Lebenserwartung nachdenken. Das fällt nicht leicht, kann aber Fehlinvestitionen vermeiden:

»Außerdem sei Riester für Menschen, die wegen gesundheitlicher Probleme von einer niedrigen Lebenserwartung ausgehen müssen, nicht unbedingt eine Empfehlung. Denn aufgrund der Kalkulation der Anbieter lohne sich ein Vertrag häufig erst, wenn monatliche Auszahlungen bis ins hohe Alter erfolgen, hat Nauhauser ausgerechnet.«

(Frankfurter Rundschau:
Kapitalanlage: Die sechs größten Finanzirrtümer)

Kompliziert wird die Sache, wenn man dabei nicht nur vorgegebene Faktoren – genetische Disposition, Verhalten in der Vergangenheit, etc. – berücksichtigt, sondern auch solche, die man selbst noch beeinflussen kann. Wo liegt, zunächst nur wirtschaftlich betrachtet, das Optimum, wenn man einen Geldbetrag auf die eine oder andere Weise investieren kann und man damit zum einen seine Lebenserwartung beeinflusst, zum anderen seine wirtschaftliche Lage bis zum Lebensende? Einfacher gefragt, steht man wirklich schlechter da, wenn man sein Vorsorge-Budget komplett in Zigaretten, Schnaps und Risikosport investiert? Was sagt die Wirtschaftswissenschaft dazu?

Radweg zum Mitnehmen

Light Lane, so heißt der Radweg, der mitfährt. Vom Fahrrad projiziert ein Laser ein Stückchen Radweg auf die Straße, komplett mit Fahrradsymbol. Kaufen kann man die Light Lane noch nicht, sie existiert wohl nur im Photoshop-Universum. Was soll ich nun davon halten?

Der Idee, hilfreiche Markierungen auf die Fahrbahn zu projizieren, kann ich durchaus etwas abgewinnen. In der Praxis dürfte es zwar schwierig werden, vom bewegten Fahrrad aus eine ruhige Projektion hinzukriegen, aber andererseits kann heute jede bessere Digitalkamera Erschütterungen ausgleichen. Das bekommt man vermutlich hin, wenn das Ergebnis Geld kosten darf.

Aber muss es ausgerechnet ein Radweg sein? Naheliegender scheint mir, dem Radfahrer den richtigen Abstand zum Fahrbahnrand sowie geschwindigkeitsabhängig den aktuellen Bremsweg anzuzeigen. Und anderen Fahrzeugführern den angemessenen Sicherheitsabstand nach hinten sowie die Ideallinie fürs Überholen. Außerdem vielleicht die Geschwindigkeit, für die Plinsen mit Überholzwang.

Kurz und gut, die Technik wäre geil, an der Anwendung müssten wir noch feilen. Ein Fahrradsymbol hinters Fahrrad zu malen ist nur redundant.

Unterschätzte Risiken: alte Weihnachtsbäume

An diesem Beispiel können wir mal Ursachenanalyse und die Bewertung von Schutzmaßnahmen üben. In Friedberg hat ein Brand ein Haus zerstört und drei Menschen getötet:

»In den Flammen starben nach Polizeiangaben zwei Frauen im Alter von 87 und 63 Jahren. Ein 63-jähriger Mann erlag im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen.
(…)
Vermutlich führte ein brennender Weihnachtsbaum zu dem Unglück, wie ein Polizeisprecher mitteilte. Die alten Leute (…)  hätten (…) versucht, die Weihnachtskerzen noch einmal anzustecken. Dabei sei der völlig ausgetrocknete Baum regelrecht explodiert. Der Sachschaden beträgt nach ersten Schätzungen mindestens 300.000 Euro.«

(HR: Großeinsatz: Weihnachtsbaum explodiert – drei Tote)

Was waren die Ursachen und wie haben sie zusammengewirkt? Welche Maßnahmen hätten das Unglück verhindert und wie wirksam wären sie gewesen? Welche Maßnahmen könnten einander dabei sinnvoll ergänzen? Was wäre von einer Brandschutzmaßnahme zu halten, über die lediglich bekannt ist, dass sie nach einer Erhebung in der Notaufnahme eines Krankenhauses in soundsoviel Prozent der betrachteten Fälle Verletzungen lindert? Welche Schutzmaßnahmen würden Sie empfehlen und welche für verzichtbar halten? Warum?

Helmgegner gibt es gar nicht. Wie sich Risikodebatten selbst verzerren

Es gibt Debatten, die auch unter ansonsten vernünftigen Menschen leicht in Glaubenskriege ausarten. Ich rede nicht von Editorkriegen Emacs vs. Vi, sondern von Risikodebatten über Helme und Helmpflichten, über Klimawandel und Klimaschutz, über Nichtraucherschutz und Passivrauchen. Diese Diskussionen haben gemein, dass es zu Teilfragen wissenschaftliche Untersuchungen gibt, die Grundfrage aber eine politische oder praktische ist: was ist zu tun? Soll ich einen Helm tragen oder gar jeder einen tragen müssen? Sollen wir Kohlekraftwerke abschalten und Autos abschaffen? Rechtfertigen Gefahren des Passivrauchens Rauchverbote und wenn ja, in welchem Umfang?

Einige Elemente tauchen in solchen Diskussionen immer wieder auf, und es braucht einige Runden, bis man sie verstanden hat.

Da ist zuerst der unklare Frontverlauf. Helmdiskussionen etwa scheiden ihre Teilnehmer schnell in Befürworter und Gegner. Oder so scheint es wenigstens. In Wirklichkeit verläuft der Konflikt aber woanders, nämlich zwischen Aktivisten [oder Advokaten] auf der einen und Skeptikern auf der anderen Seite. Die Aktivisten sind davon überzeugt, dass etwas zu tun sei, nämlich ein Helm zu tragen, und sie sind außerdem davon überzeugt, dafür überzeugende Argumente zu haben.Die Skeptiker zeigen sich uneinsichtig. Daraufhin stampfen die Aktivisten mit dem Fuß auf, was die Skeptiker noch viel weniger überzeugt. Spätestens dann kann man die Diskussion vergessen, wenn sich nicht ausnahmsweise jemand findet, der sie effektiv moderieren kann.

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Unterschätzte Risiken: Umweltminister

Von Wissenschaft, Technik und Rationalität halten Ökochonder bekanntlich nicht viel. Jeder Fortschritt ist ihnen suspekt, sie träumen lieber religiös vom Weltfrieden und einem Leben im Einklang mit der Natur, was auch immer das bedeuten mag. Dem muss sich ein Umweltminister anscheinend anpassen:

»Eine Expedition des deutschen Forschungsschiffs Polarstern im Südpolarmeer sorgt für Streit in der Bundesregierung. Ein geplantes Experiment wurde am Dienstag ausgesetzt, nachdem Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) das von Annette Schavan (CDU) geleitete Forschungsministerium aufgefordert hatte, das Projekt „unverzüglich zu stoppen“«

(sueddeutsche.de:
‚Polarstern“ – Ministerstreit stoppt Forschungsschiff)

Im Experiment geht es um die Düngung des Meeres zur Anregung des Algenwachstums.

Gut, dass wir heute keine Ketzer mehr verbrennen, sonst könnten die mit ihrem Forschungsschiff gleich bleiben, wo die Algen wachsen.

Ergänzung: Im F.A.Z-Blog gibt es einen detailreichen Text zum Thema.

Sicherheit durch Nagware?

Kaum nutzt man mal Muttis Computer, wird einem schlagartig eine Menge klar. Zum Beispiel warum Leute auf zweifelhafte Antivirensoftware hereinfallen. Dass sich plötzlich ein Fenster öffnet und ihnen was verkaufen will, kennen sie nämlich schon: vom kostenlosen Antivirusprogramm, das man ihnen im Seniorencomputerkurs empfohlen hat. Für sich genommen ist Nagware ja harmlos, aber ob Sicherheitssoftware auf dem PC eines IT-Laien der richtige Platz für dieses Marketingkonzept ist?

Avira-Eigenwerbung

Ich suche übrigens gerade eine Studentin oder eine Studenten für eine Bachelorarbeit, die sich mit der Frage beschäftigen soll, ob von Antivirus-Software ein Sicherheitsgewinn zu erwarten ist. Details stehen weiter unten in diesem Blog.

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Vorsicht bei der Risikoschätzung

Aus veröffentlichten Statistiken über Krankheiten, Unfälle, Katastrophen oder andere Schadensereignisse kann man schnell und bequem Risikoschätzungen gewinnen. Die Eintrittswahrscheinlichkeit ergibt sich aus der Statistik, und über die Schadenshöhe kann man meistens plausible Annahmen machen. Die Ergebnisse werden nicht perfekt und über alle Zweifel erhaben sein, aber zur Groborientierung genügen sie schon.

Allerdings kann die Schätzung auch gehörig in die Hose gehen, wenn man den Kontext nicht kennt. Diese Angabe zum Beispiel klingt dramatisch:

»Die Zahl der Pilzinfektionen beim Menschen ist in den vergangenen 20 Jahren extrem gestiegen. …«

War früher alles besser? Schlägt die Natur zurück? Werden wir alle sterben? Das Gegenteil ist der Fall. Die gestiegene Zahl der gefährlichen Pilzinfektionen zeigt eine Risikoverringerung an:

»… Grund dafür ist vor allem die Zunahme immungeschwächter Patienten der Krebs- und Transplantations-Medizin.«

(beide Zitate aus: Pilzerkrankungen: Infektion mit Aspergillus fumigatus oft tödlich, Welt Online)

Der Anstieg der Infektionen lässt sich also dadurch erklären, dass die Medizin dem Pilz mehr potenzielle Opfer verschafft. Diese potenziellen Opfer sind Menschen, die früher an etwas anderem gestorben wären. Jetzt bleiben sie am Leben und ein Teil davon fängt sich während der Behandlung eine Infektion ein. Das ist tragisch im Einzelfall, aber positiv in der Gesamtsicht. Man merkt es nur nicht gleich, wenn man die Zahlen ohne Kontext sieht.

Noch einmal Skihelme

Dass man über Helme auch vernünftig schreiben kann, zeigt uns neben der FAZ auch die Zeit. Im Reiseteil der aktuellen Ausgabe findet sich unter dem Titel Alpine Raserei ein feiner Artikel, der sich nicht in platten Parolen (»wichtigstes Körperteil schützen«), wilden Analogieschlüssen (»Sicherheitsgurt«) und Muttiargumenten (»Guck mal, der Mann auf dem Motorrad da trägt auch einen Helm.«) ergeht. Sondern erst mal die richtigen Fragen stellt: was wissen wir eigentlich, wie hoch ist das Risiko, von welchen Faktoren wird es noch beeinflusst, und welchen Effekt können wir eigentlich erwarten? Wer solche Fragen stellt, der schafft es auch, das Risiko als handhabbaren Wert darzustellen:

»Doch der Prozentsatz der Zusammenstöße sei in den letzten Jahren gleich geblieben, sagt der ÖSV. Er rechnet vor, dass auf 1000 Skitage nur 1,3 Verletzungen kommen. Das heißt, wer zwei Wochen jährlich Ski fährt, hat durchschnittlich einmal in etwa 55 Jahren Pech.«

Und wie wir bereits wissen, hat man sich, wenn dieser Fall eintritt, mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas anderes gebrochen als den Kopf.