»There is another questionable use of the word “standard” that is frequently encountered in the literature. After a complicated interactive problem P has been used in a couple of papers, subsequent papers refer to it as a standard problem. The casual reader is likely to think that something that is standard has withstood the test of time and that there’s a consensus among researchers that the assumption or problem is a reasonable one to rely upon—although neither conclusion is warranted in such cases. The terminology obfuscates the fact that the new problem is highly nonstandard.«
(Neal Koblitz and Alfred Menezes: The Brave New World of Bodacious Assumptions in Cryptography)
Archiv der Kategorie: Security
Unterschätzte Risiken: Verbraucherschutz
Wer dieses Blog schon länger liest, hat vielleicht mitbekommen, dass ich der Verknüpfung von IT-Sicherheitsbausteinen mit Rechtskonstrukten skeptisch gegenüberstehe. Verfahren wie die rechtsverbindliche digitale Signatur und Anwendungen wie De-Mail mögen manchmal nützlich sein. Sie machen es jedoch auch einfacher, Leuten etwas abzuluchsen, das sich später gegen sie verwenden lässt. Eine Überraschung ist das nicht, denn solche Phänomene gibt es nicht nur im Internet. Offline sollen beispielsweise Banken seit einiger Zeit ihren Kunden Unterschriften unter Beratungsprotokolle abnötigen. Die Chancen und die Risiken sind dabei klar verteilt:
»In der Praxis zeige sich, dass die Protokolle den Banken mehr nützten, als den Kunden. „Die schreiben da alles rein was sie brauchen, um später in einem Prozess bestehen zu können“, sagte der Liberale, der als Rechtsanwalt Opfer der Lehman-Pleite vertritt.«
(Welt Online:
Late Night „Anne Will“: Was beim Banken-Bashing gern vergessen wird)
Im Internet hat der Verbraucher jedoch bis jetzt eine günstige Rechtsposition, weil er vieles einfach abstreiten kann. Wer das Internet mit bestätigten Identitäten oder mit Nachweisdiensten á la De-Mail sicherer machen möchte, arbeitet daran, diese Eigenschaft zu beseitigen und Risiken auf die Verbraucher zu verlagern. Obendrein wird der Alltag komplizierter. Wollen wir das?
PS: Die Hersteller von Identitätsnachweisen haben erwartungsgemäß eine klare Haltung dazu.
Wie kommt der Perso ins Handy?
Der Vodafone-Vorstand möchte den neuen Personalausweis scheinbar gerne auf die SIM-Karte tun. Die Kollegen von Fraunhofer schlagen eine NFC-Nutzung vor. Mal sehen, wie es kommt.
TV-Tipp: Angstanalyse
Na da muss ich doch gleich mal einen TV-Tipp loswerden, der WDR hat in Quarks & Co. mal schön die gesellschaftlichen Angstmechanismen beleuchtet und nach dem wirklichen Risiko gefragt. Die Bilanz – Risiko: null Tote in Deutschland, Kosten: ne ganze Menge, Nutzen: ?
Früher
Früher musste man als Journalist eine Waffe in den Sicherheitsbereich des Flughafens schmuggeln, um eine Nachricht zu erzeugen. Heute genügt es, den Inhalt einer im Duty-Free-Shop gekauften Schnapsflasche gegen eine Flüssigkeit auszutauschen, die noch harmloser ist als der vorher darin enthaltene Alkohol.
Unterschätzte Risiken: Datenbriefe
In einem offenbar ganz frischen Blog diskutiert ein Pflaumensaft die Risiken des Datenbriefes. Der Datenbrief soll den Datenschutz benutzerfreundlicher machen. Bislang muss sich jeder aktiv darum kümmern, bei Datenspeicherern und Datenverarbeitern Auskünfte einzuholen. Weil das Arbeit macht und man oft auch gar nicht so genau weiß, wer überhaupt Daten über einen gespeichert hat, tut das kaum jemand. Hinter dem Datenbrief verbirgt sich nun die Idee, das Ganze umzukehren und den Datennutzern die Pflicht zur aktiven Information der Dateninhaber aufzuerlegen. Der oben verlinkte Beitrag diskutiert, auf welche Weise das in die Hose gehen könnte.
Und nun? Gibt es Vorschläge, wie das Ziel des Datenbriefes — Awareness der Dateninhaber — ohne störende Nebenwirkungen zu erreichen ist?
Unterschätzte Risiken: Vorzeichenfehler
Ein Vorzeichenfehler in einem Zigarettenautomaten bei VW zieht weite Kreise:
»Nach Informationen von Betroffenen sollen allein im Original-Teile-Center (OTC) 120 Mitarbeiter zu einem Gespräch vorgeladen worden sein. Ihnen wird vorgeworfen, sich mit ihrem Werksausweis, der auch als Zahlungsmittel verwendet werden kann, an einem Zigarettenautomaten, auf Kosten von VW bereichert zu haben. Durch einen technischen Defekt, so der Vorwurf des Konzerns, sei kein Geld von den Chipkarten abgebucht, sondern gutgeschrieben worden. Diesen Defekt hätten verschiedene Werksanghörige bewusst ausgenutzt, um sich zu bereichern.«
Der Fehler soll bereits seit 2007 bestanden haben und im Artikel ist von einer Person die Rede, die sich seither um 100 Euro bereichert haben soll. Zwölf Mitarbeitern von VW und 37 von Fremdfirmen hat man daraufhin fristlos gekündigt, wogegen sie nun klagen.
Mehr als die Aussagen in den verlinkten Berichten kenne ich auch nicht. Interessant ist aber, dass der Betreiber des Zahlungssystems offenbar seit 2007 nichts bemerkt hat. Von den Benutzern hingegen erwartet man, dass ihnen Fehler im bargeldlosen Bezahlen auffallen, die sich bei 100 Euro am Zigarettenautomaten seit 2007 ungefähr einmal im Monat in einer kleinen, die weitere Benutzung nicht störenden Abweichung des Kartenwertes niederschlagen.
Ob nun eine bewusste Bereicherung vorliegt oder nicht, könnte man vielleicht aus der Benutzerschnittstelle des defekten Automaten und dem Fehlerbild ableiten. Wurde die Aufladung direkt beim Benutzungsvorgang deutlich und vor dem Abschluss der Benutzerinteraktion angezeigt? Handelte es sich um einen systematischen Fehler, den man gezielt ausnutzen konnte, oder um ein nur gelegentlich zufällig auftretendes Phänomen?
Update: Inzwischen kursieren weitere Zahlen:
»Nach Angaben von VW-Justiziar Gerhard Klenner haben insgesamt 239 Mitarbeiter im Kasseler Werk ihre Chipkarten unrechtmäßig aufgeladen. Das Unternehmen habe aber nur jenen Mitarbeitern gekündigt, die mehr als 150 Euro auf ihre Ausweise aufgeladen hätten. Die anderen seien mit einer Tagesgeldbuße oder Versetzungen in andere Abteilungen abgemahnt worden.
Die zwei ehemaligen Mitarbeiter, die am Freitag vor Gericht waren, sollen 1180 Euro beziehungsweise 1178 Euro unrechtmäßig auf ihre Werksausweise geladen haben. Ein Kläger soll gar 1738 Euro auf seine Karte gebucht haben.«
(HNA: VW-Automaten-Affäre – erste Güteverhandlung vor Arbeitsgericht gescheitert)
Internetkriminalität in Spanien
Das Spanische Instituto Nacional de Tecnologías de la Comunicación (INTECO) hat eine Studie zur Internetkriminalität veröffentlicht. Eine Zusammenfassung erschien am 27.2. in El País. Danach haben 3,8% der spanischen Internetnutzer (920.000 von 23,4 Millionen) schon einmal einen Schaden erlitten; in fast der Hälfte (44,5%) der Fälle lag er unter 100 Euro, in 75% der Fälle unter 400 Euro.
Bemerkte Betrugsversuche ändern das Verhalten der Nutzer in der Regel nicht, weder im E-Kommerz noch im Online-Banking. Sechs von zehn Nutzern haben Vertrauen ins Online-Banking.
Interessant ist die Methodik hinter der Studie. Offenbar versucht das INTECO mit dem Panel eConfianza eine Art Mikrozensus unter den Internet-Nutzern. Dafür hat man die Software iScan entwickelt, die auf den PCs der Panelisten nach Schadsoftware sucht – und in 56,2% der Fälle fündig wurde. Ist die Auswahl repräsentativ, so müssen wir also davon ausgehen, dass die Hälfte der privaten PCs (in Spanien) Malware an Bord hat.
[Vocabulario:
Veralbern
kann ich mich alleine. Merke: zu jedem Sicherheitshinweis gibt es eine Ausnahmesituation, in der es besser ist, ihn nicht zu befolgen. Updates sind eine gute Idee™, aber nicht immer.

CCTV-Zahlen
Ein Artikel von Angela Sasse in der aktuellen CACM (paywalled: Not Seeing the Crime for the Cameras?) liefert Zahlen aus dem Mutterland der Überwachungskamera:
- Nach Erhebungen der Londoner Polizei tragen Kameras in 3% der Fälle von Straßenkriminalität zur Klärung bei.
- Das ist ein Verbrechen pro 1000 Kameras im Jahr.
- Dafür hat man bis 2008 im Großraum London ungefähr eine halbe Milliarde Pfund ausgegeben.
- Im Einzelhandel amortisieren sich Videoüberwachungssysteme gegen Ladendiebstahl kaum, sie lohnen sich nur in Geschäften, die sehr hochwertige Waren verkaufen.
- CCTV wird gerne gekauft, weil gerade Geld da ist oder weil der Nachbar auch so etwas hat.
Der Artikel kommt zu dem Schluss, dass CCTV zur Kriminalitätsverhinderung im Wesentlichen nutzlos sei.
Sicherheit als Statussymbol (II)
»Drinnen wird große Politik gemacht, draußen stehen Zaungäste und Journalisten. Sie werden die Schwelle zum Bundeskanzleramt nicht überschreiten, denn sie kommen nicht an den Pförtnern vorbei.«
Stolen laptop case study
Shocking news: it is easy to steal laptop computers in universitites!
»In this study, we look at the effectiveness of the security mechanisms against laptop theft in two universities. We analyze the logs from laptop thefts in both universities and complement the results with penetration tests. The results from the study show that surveillance cameras and access control have a limited role in the security of the organization and that the level of security awareness of the employees plays the biggest role in stopping theft. The results of this study are intended to aid security professionals in the prioritization of security mechanisms.«
(Laptop theft:
a case study on effectiveness of security mechanisms in open organizations)
In einem Wort
By the way,
… if it’s worth the effort, this TPM hack may nicely complement an Evil Jan attack. First the attacker carries out the Evil Jan attack to obtain any user-provided key material, next he takes the machine away and cracks the TPM for the rest of the key material. Usually there are easier ways after the initial step, but if, for whichever reason, they should become infeasible, going for the TPM might be an option.
Leaving the TPM exposed to physical attacks while protecting the RAM of a system from wire access, DMA, and cold boot attacks would be a pretty stupid design error, though. But who knows?
Unterschätzte Risiken: Sicherheitsgesetze
Schon seit einigen Jahren gibt es die Vorratsdatenspeicherung light: Telekommunikationsanbieter müssen die Identität ihrer Kunden erfassen und den Sicherheitsbehörden auf Anfrage zur Verfügung stellen. Rechtsgrundlage ist der §111 TKG (im Abschnitt Öffentliche Sicherheit), der dem anonymen Verkauf von Prepaid-Karten ein Ende machte. Sicherer geworden sind wir dadurch nicht. Wo man früher nur anonym telefonieren konnte, geht das jetzt auch unter einem falschen Namen, dem die Behörden dann vielleicht eine echte, aber unbeteiligte Person zuordnen.
An der inhärent schlechten Qualität der derart erfassten Daten wird sich kaum etwas ändern lassen. Anbieter, Händler und Kunden haben kein eigenes Interesse an der Pflege der Datenbestände, die deshalb schon ohne böswillige Eingriffe schnell degenerieren. Ein Musterbeispiel für eine wirtschaftliche Fehlkonstruktion: den Nutzen haben die Sicherheitsbehörden, den Aufwand die Betreiber und Händler und den Schaden irgend jemand. Öffentliche Sicherheit kann man so nicht schaffen.
Die Datenschützer waren übrigens gleich dagegen. Sie hatten Recht. Wie oft muss die Idee von der Sicherheit durch Identifizierung eigentlich in die Hose gehen, bis wir es lernen? Je wertvoller wir Identitätsmerkmale machen, umso häufiger werden sie missbraucht werden.
Identitätsmissbrauch am Beispiel
Ein schneller Lesetipp:
»Betrüger verwenden die Identität Fremder, um Straftaten zu begehen. Tina Groll hat das selbst erlebt und beschreibt, wie sich Datenmissbrauch anfühlt.«
(Zeit Online: Datenmissbrauch : Meine Identität gehört mir!, via Plazeboalarm)
Und wir wollen das Internet sicherer machen, indem wir dem Konzept der Identität mit einer Kombination aus Recht und Technik noch mehr Gewicht verleihen? Eine groteske Idee.
Sicherheitsnichtmanagement
Ein virtuelles Callcenter aus Heimarbeitern, in dem die Gattin des Geschäftsführers die offenherzige Pressesprecherin gibt. Ich mag nich glauben, dass die Krisen-PR bei dieser Klitsche wesentlich besser funktioniert als der Datenschutz. Die sind ja überhaupt nicht organisiert.
»Die Ehefrau des Geschäftsführers von Value5, Dagmar Dehler, sagte WELT ONLINE, die Firma arbeite mit freien Mitarbeitern, die von zu Hause aus tätig seien: „Wir sind ein virtuelles Callcenter.“ Mit der Betreuung der Krankenkasse seien 60 Mitarbeiter befasst gewesen, die auch für andere Auftraggeber tätig seien.«
(Krankenakten zugänglich: So schlampig ging die größte BKK mit Daten um)
Unique selling proposition
»Symmetric keys eliminate PKI key management issues.«
True.
Nice
Wie verkauft man geklaute Daten an einen Staat?
Während alle Welt über ethische und rechtliche Fragen des Ankaufs geklauter Daten durch den Staat debattiert, interessieren mich die praktischen Aspekte. Wie fädelt man als Besitzer kompromittierender Daten so ein Geschäft ein, damit die Wahrscheinlichkeit, das verlangte Geld später in Ruhe ausgeben zu können, möglichst hoch wird?
Wir haben auf der einen Seite einen Verkäufer, der im Prinzip irgendwo auf der Welt sitzen und die Daten übers Internet bereitstellen kann. Sein möglicher Abnehmer wird sich jedoch kaum auf eine Lieferung gegen Vorkasse einlassen, was einen beiderseits akzeptierten Prozess für den Austausch erfordert.
Auf der anderen Seite haben wir als Käufer einen Staat mit einer Polizei und Gesetzen, der seine Kosten reduzieren kann, wenn er den Lieferanten nicht bezahlt, sondern ihn auf frischer Tat mitsamt den Daten ertappt. Mit der verlangten Summe dürften sich eine Polizeiaktion, ein Prozess sowie einige Gefängnispersonenjahre ohne Schwierigkeiten finanzieren lassen. Der Käufer ist außerdem international vernetzt, hat also die Möglichkeit, Verhaftungen auch im Ausland zu erwirken.
Als dritter Mitspieler ist ein weiterer Staat im Spiel, der über dieselben Fähigkeiten verfügt und das Interesse verfolgt, das Geschäft zu vereiteln und den Verkäufer seinerseits hinter Schloss und Riegel zu bringen – oder ihn vielleicht auch zur Abschreckung öffentlich einer Geheimdienstaktion zum Opfer fallen zu lassen.
Wie würde man sich als Täter in dieser Situation absichern?
P.S.: Wie ist die ganze Aktion eigentlich Datenschutzrechtlich zu bewerten?
Unterschätzte Risiken: Sicherheitstheater
Wenn das stimmt, wäre es eine große Ironie: das Sicherheitstheater am Flughafen lässt Flugzeuge als gut bewacht gelten und macht sie damit als Angriffsziel erst interessant.
»Und zuletzt sind Flugzeuge ein sehr symbolisches Anschlagsziel, weil sie gut bewacht sind. Die Terroristen schicken eine Botschaft: „Selbst in der Luft seid ihr nicht vor uns sicher.“«
(Spiegel Online: Flugsicherheit: „Ich will den bösen Jungs keine Nachhilfe geben“)
Das ist natürlich nur einer von vielen Faktoren, der Artikel zählt weitere auf, etwa die verstärkte Wirkung einer vergleichsweise kleinen Bombe, wenn sie in zehn Kilometern Höhe in einer Druckkabine gezündet wird. Dennoch stellt sich die Frage, wie man so einen Faktor sinnvoll optimiert und ob Sicherheit insgesamt nicht einfach nur Voodoo und Aberglaube ist.
In einem Wort
Security Problem Excuse Bingo (Danke, Matthias)
Lesetipp
In der <kes> vom Dezember 2009 findet sich ein feiner und unterhaltsamer Artikel zum Realitätsabgleich für Security-Nerds, insbesondere für solche, die für die Sicherheit in Unternehmen verantwortlich sind:
Vom Aus der geschlossenen Anstalt
Ein Traktat wider das hartnäckige Festhalten an vermeintlich Bewährtem
von Dr. Johannes Wiele
Vermutlich verschwindet der Artikel bei Erscheinen des nächsten Heftes demnächst im Archiv für Abonnenten, bei Gefallen empfiehlt sich also eine Sicherheitskopie.