CoronApp-News (2020-08-16)

In Sachen Corona-App drehen wir uns zunehmend im Kreis:

  • Die Downloadzahlen der Corona-Warn-App steigen nicht mehr nennenswert, sie lagen Anfang August bei 16,6 Millionen. Bis dahin hat die Hotline gut 1000 TANs für Benachrichtigungen herausgegeben.Wie viele davon tatsächlich verwendet wurden, weiß niemand. In der Schweiz bleibt ein Drittel der ausgegebenen Codes ungenutzt. Benachrichtigungen durch die App erfolgen jedenfalls selten genug, um Nachrichtenwert zu haben.
  • Damit Infizierte via App ihre Kontakte warnen können, müssen sie erst einmal von ihrer Infektion wissen und ein positives Testergebnis vorweisen. An diesem Punkt können Warn-Apps ohne eigenes Zutun scheitern. Neben Bayern mit seiner mittelgroßen Überrmittlungspanne hat dies auch Kalifornien aufgrund eines abgelaufenen TLS-Zertifikats demonstriert. Derweil gibt das Gesundheitsamt Trier dem ZDF Einblicke in seine Arbeit mit altmodischen Faxgeräten und die daraus resultierenden Probleme.
  • Sächsische Firmen wollen für Menschen ohne Smartphone einen zur Warn-App kompatiblen Corona-Warn-Buzzer entwickeln.
  • Den Datenschutz stellen Covid-19 und die Gegenmaßnahmen auf vielfältig  interessante Weise auf den Prüfstand. Lukas Mäder wundert sich in der NZZ zu Recht darüber, dass Restaurants ihren Gästen die App-Nutzung vorschreiben dürfen, zugleich jedoch deren Kontaktdaten erfassen müssen. Ebenso dürfe ein Arbeitgeber die App-Nutzung nicht kontrollieren, wohl aber Fieber messen. Und im Großen und Ganzen regt das alles niemanden auf. Werden wir eines Tages auf Covid-19 als Keimzelle eines realistischen, wirklich risikoorientierten Datenschutzes zurückblicken? Oder werden wir uns stattdessen daran gewöhnen, dass eine aus Sicht des Datenschutzes hochkritische App aus Datenschutzgründen leider, leider ohne Erfolgskontrolle auskommen muss?
  • Zu guter Letzt erregen Gästelisten in Restaurants usw. weiter die Datenschutzgemüter. Gefühlt erscheint jede Woche eine neue App mit dem Versprechen, die ad hoc eingeführte Zettelwirtschaft zu ersetzen und zugleich den Datenschutz zu verbessern.

Auf in die nächste Runde!

Dialektik des Datenschutzes

Bereits das bloße Gefühl, beobachtet zu werden, könne Unwohlsein verursachen und Menschen dazu bringen, ihr Verhalten zu ändern, argumentieren Datenschutzaktivisten gerne. Selbst der bloße Anschein einer Beobachtung sei daher problematisch.

Dieselben Aktivisten finden es völlig in Ordnung, wenn nicht gar erforderlich, mit riesigen Schildern auf Videokameras zur Beobachtung des öffentlichen Raumes hinzuweisen, auf dass auch niemand den gebückten Gang vergesse. Passt das zusammen?

***

Wenn von Überwachungs- und Repressionstechnologie die Rede ist, denken wir an Videokameras, an künstliche Intelligenz, an Drohnen und so weiter. Auch Maßnahmen dagegen verhandeln wir oft in Gestalt technischer oder organisatorischer Bausteine wie Anonymisierung, Verschlüsselung und so weiter.

In den chinesischen Healthcode-Systemen, die zur Bekämpfung der jüngsten Corona-Pandemie aufgebaut wurden, spielen QR-Codes eine wichtige Rolle. QR-Codes als technischen Baustein werden jedoch praktisch nie thematisiert, wenn es um Datenschutz oder die Auswirkungen neuer Technik auf unsere Freiheit geht. Warum nicht?

***

Videokonferenzen werden von Datenschützern kritisch beäugt. Wer nicht davon lassen kann, muss allerlei Datenschutzvorschriften beachten. Auf klassische Weise telefonieren darf man einfach so. Woran liegt das und wäre es auch so, hätte man den Datenschutz vor dem Telefon erfunden und nicht umgekehrt?

***

Silicon-Valley-Konzerne gelten hierzulande traditionell als „Datenkraken,“ als von „Datensammelwut“ befallene Halbverbrecher. (Obendrein bildeten sie Monopole und würden zu mächtig, heißt es, aber das ist kein Datenschutz-Thema.) Dagegen, dass Apple und Google als Plattformbetreiber das Herzstück der Corona-Warn-App bereitstellen, regt sich jedoch kein Widerspruch. Ebenso wenig dagegen, dass an ihrer Lösung kaum ein vernünftiger Weg vorbeiführt. Sind sie doch nicht so böse, wie immer wieder behauptet wurde, oder haben wir den Kampf verloren?

***

Der Datenschutz verdankt seine Entstehung dem Aufkommen des Computers. Heute widmen sich Datenschützer mit Hingabe auch mit Formen der Datenverarbeitung, die damals längst normal waren, wie der Fotografie oder der Erfassung von Kontaktdaten mit handgeschriebenen Formularen und Listen. Gehen sie sich damit nicht manchmal selbst auf den Wecker?

***

Die Wichtigkeit des Datenschutzes wird in Deutschland und Europa gerne mit dem Holocaust begründet, den die Erfassung persönlicher Daten erleichtert, wenn nicht gar ermöglicht habe. Datenschutz diene nicht zuletzt dazu, eine Wiederholung zu verhindern.

Man könnte ganz ähnlich über die Bedeutung von Landkarten im Zweiten Weltkrieg reden, ihre Schlüsselfunktion in der Zerstörung von Warschau, Stalingrad, Coventry, Rotterdam und vieler anderer Städte und in der Kriegsführung generell. Dies tut jedoch niemand. Meinen wir das Argument ernst oder ist es nur vorgeschoben, um sich unangenehmen Diskussionen zu entziehen?

***

Wer als Datenschützer hartnäckig vor der Nutzung von WhatsApp warnt, ohne jemals dadurch verursachte Schäden nachweisen zu können, genießt gesellschaftliches Ansehen.

Wer als Bürger hartnäckig von den Gefahren des Mobilfunks raunt, ohne jemals dadurch verursachte Schäden nachweisen zu können, gilt als irrationaler Paranoiker und Verschwörungstheoretiker.

Gibt es dafür eine andere nachvollziehbare Erklärung als unterschiedliche Positionen der jeweiligen Sprecher in der gesellschaftlichen Machthierarchie?

***

Seit der EuGH das Abkommen „Privacy Shield“ zwischen der EU und den USA gekippt hat, ist die Übermittlung personenbezogener Daten in die Vereinigten Staaten von Amerika nicht mehr ohne weiteres zulässig. Auf diese Weise werden die Rechte und Freiheiten der betroffenen Europäerinnen und Europäer geschützt.

Weiterhin keinen Einschränkungen unterliegt hingegen – abgesehen von vorübergehenden Regelngen aufgrund der COVID-19-Pandemie – der Export ganzer Personen ins Ausland durch Fluggesellschaften und Reiseveranstalter. Gefährdet die Übermittlung unserer Daten in die USA unsere Rechte und Freiheiten stärker als eine Reise dorthin?

***

Deutsche Datenschützer und europäische Politkommisarinnen preisen Datenschutz als Digitalisierungsmotor und Wettbewerbsvorteil an.

Datengetriebene Unternehmen wie Verisk, ein amerikanischer Anbieter von Risikomanagementlösungen insbesondere für Versicherungen, benennen neben dem Verlust des Datenzugangs verschärfte Datenschutzregulierung und die DSGVO als Geschäftsrisiken. Zugleich ist Irland mit seiner zahmen Datenschutzaufsicht ein beliebter Standort für die Europa-Niederlassungen von Internetunternehmen.

***

In Restaurants werden zurzeit Kontaktdaten der Besucher gesammelt, um die Kontaktverfolgung im Fall von Coronavirus-Infektionen zu erleichtern. Wenn die Daten schon einmal da sind, werden sie manchmal auch von der Polizei für Ermittlungen genutzt. Das ist wahrscheinlich legal.

Datenschützer protestieren. Sie protestieren jedoch nicht gegen diese – gesellschaftlich akzeptierte – Vorratsdatenspeicherung, sondern gegen die Nutzung der gespeicherten Daten durch die Polizei: Solche zusätzlichen Datennutzungen aus vergleichsweise nichtigen Anlässen schade der anscheinend sehr wertvollen Vorratsdatenspeicherung und untergrabe das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in sie.

***

Gesundheitsämter in Baden-Württemberg dürfen im Rahmen der Kontaktverfolgung bei Coronavirus-Infektionen keine unverschlüsselten E-Mails an Kontaktpersonen schicken, es sei denn, ihnen liegt eine ausdrückliche Einwilligung vor. Eine Infrastruktur, über die Ämter mit allen Bürgerinnen und Bürgern verschlüsselt kommunizieren könnten, liegt nur theoretisch in Form des selten genutzten Dienstes De-Mail vor, so dass die Verwendung von E-Mail in diesem Zusammenhang praktisch ausgeschlossen ist.

Unverschlüsselte E-Mail ist bis heute die Regel, weil fast niemand ein Sicherheitsproblem hat, das sich durch E-Mail-Verschlüsselung adäquat und zu einem angemessenen Preis lösen ließe. Fast niemand hat also das Problem, das der Datenschutz hier zu lösen versucht.

***

Gesichtserkennung ist schlimmer als Rachepornos. Weil sie Begehrlichkeiten wecke.

CoronApp-News (2020-08-09)

Corona-Apps füllen das diesjährige Sommerloch ganz gut  aus:

  • Ein Kommentar von Patrick Bernau zeigt noch einmal die Nebenwirkungen des rigiden technischen Datenschutzes im Exposure Notification Framework und der darauf basierenden Corona-Warn-App auf. Zudem macht er auf eine interessante Begründung aufmerksam: Eine weltweit verbreitete Plattform müsse auch in Gegenden mit geringer ausgeprägter Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ohne Nebenwirkungen funktionieren. Apple und Google liefern uns als den technischen Datenschutz, den wir uns wünschen würden, lebten wir in einem Schurkenstaat.
  • Die Zeitschrift Connect hat die Corona-Warn-App auf Sicherheitsmängel untersuchen lassen, ohne dass dabei nennenswerte Probleme aufgetaucht wären. SAP ist stolz wie Oskar.
  • Unterdessen hakt es immer noch bei der Anbindung der Testlabore an die Infrastruktur der Corona-Warn-App. Anstelle des eigentlich vorgesehenen Verfahrens – beim Corona-Tets erhält man einen QR-Code, registriert damit seine App anonym als Empfänger für das Testergebnis und kann bei einem positiven unmittelbar eine Warnung an seine Kontaktpersonen auslösen – müssen App-Nutzer weiterhin häufig die Hotline bemühen, falls ihr Test positiv ausfällt und sie warnen möchten.
  • Was die App am Ende bringt und wie oft sie falsch liegt, ist auch unabhängig davon noch nicht geklärt. Eine Statistikprofessorin hat ein Modell entwickelt, mit dem man online spielen kann, um die theoretische Maximalleistung unter verschiedenen Annahmen zu ermitteln. Dieses Modell geht davon aus, dass alle Beteiligten die App nutzen.
  • Seit Anfang August hat auch Kanada eine App zur Kontaktverfolgung, COVID Alert.
  • Zu guter Letzt schreit auch die Erfassung von Kontaktdaten in Restaurants etc. weiter nach einer guten Lösung. In Baden-Württemberg müssen Restaurantbesucher jetzt keine E-Mail-Adresse mehr angeben – die Gesundheitsämter dürfen ihnen aus Datenschutzgründen ohne Einwilligung keine unverschlüsselte E-Mail schicken und E-Mail verschlüsseln kann kein Mensch, weil es keiner braucht.

Schönen Montag!

CoronApp-News (2020-08-02)

Die Infektionszahlen steigen, die Aktienkurse sinken und mit den Corona-Apps geht es langsam voran:

  • Nach der deutschen Corona-Warn-App sollen SAP und Telekom nun auch die europäische Plattform zur Vernetzung der nationalen Apps entwickeln. Miteinander verbunden werden sollen zunächst jene Apps, die auf das Exposure Notification Framework von Apple und Google setzen. Bluetooth-seitig sind sie ohnehin kompatibel, mit einem Update des Frameworks auch offiziell. Etwas bauen muss man jedoch noch für die Benachrichtigungen, die gegenwärtig nur national verarbeitet und versandt werden.
  • Die dänische Corona-App hat nach einer Pressemitteilung des dortigen Gesundheitsminsiteriums bisher 48 Kontaktpersonen informiert, von denen 46 nicht durch die parallele Kontaktverfolgung der Gesundheitsbehörden identifiziert wurden. Das muss kein gutes Zeichen sein, sondern kann auch auf Defizite der herkömmlichen Kontaktverfolgung hinweisen. Ein neuer Bericht aus Südkorea vermittelt einen Eindruck davon, welchen Aufwand erfolgreiche Kontaktverfolger treiben müssen. Schafft das eine App wirklich besser?
  • Serge Vaudenay beleuchtet die dunkle Seite von SwissCovid. Auch die App für die Schweiz setzt auf das Eposure Notification Framework der Smartphoneplattformen und wie überall ist nicht alles Gold, was glänzt. Die dünne Anforderungsanalyse rächt sich.
  • Wie berichtet, setzt auch Großbritannien vorerst auf die manuelle Kontaktverfolgung, wenn auch mit weniger Erfolg. Schottland jedoch schert aus und möchte doch eine App entwickeln. Grundlage soll die irische App sein, welche auch in Nordirland bereits getestet wird.
  • Zu guter Letzt nimmt die Digitalisierung manchmal auch überhand: Eine Reisende, die aus einem Risikogebiet am Flughafen Tegel eintraf, wollte sich dort testen lassen. Ihr Versuch scheiterte jedoch am fehlenden Smartphone, denn nur damit kann man sich dort für den Test anmelden und später das Ergebnis erfahren.

Habt Ihr alle Eure Klopapiervorräte aufgestockt?

CoronApp-News 2020-07-26

Die Infektionszahlen steigen und mit ihnen die Aufgeregtheit:

Jetzt warten wir mal ab, wie sich die zweite Welle auf die App auswirkt. Habt Ihr alle noch genug Klopapier?

CoronApp-News (2020-07-19)

Neue Regierungen bekommen hundert Tage Zeit, neue Apps nur vier Wochen:

  • Einen Monat nach ihrem Start zieht das RKI eine positive Zwischenbilanz und meldet knapp 16 Millionen Downloads. Wie viele Menschen die App tatsächlich benutzen, bleibt unklar. Etwa 500 positiv Getestete hatten bisher die Möglichkeit, eine Warnung ihrer Kontakte auszulösen. Wie viele Warnungen an wie viele Kontaktpersonen tatsächlich verschickt wurden, weiß man jedoch nicht.
  • Die Entwicklungsarbeit an der Corona-Warn-App geht weiter. Neben Fehlern und den zugangsbeschränkenden Systemanforderungen der App – neben alten Smartphones bereitet auch das neueste iOS 14 Probleme – bleibt die Anbindung der Testlabore kritisch. Als Folge davon wurde noch kein einziger Corona-Test auf dem eigentlich vorgesehenen Weg per QR-Code in der App registriert. Die alternativen Meldewege führen zu Verzögerungen.
  • Zweifel gibt es weiter an der Verlässlichkeit der Bluetooth-Entfernungsmessung, die in die Risikobewertung von Kontakten einfließt. Auch funktionale Fragen tauchen immer wieder auf.
  • Auf sich warten lässt die EU-weite Integration der nationalen Warn-Apps. Auf der Smartphone- und Bluetooth-Seite gibt es wenig Integratioshindernisse zwischen jenen Apps, die ich auf das Exposure Notification Framework von Apple und Google stützen, doch die Vernetzung der Backends braucht offenbar etwas länger.
  • Langsam dämmert auch den Letzten, dass sich die Bundesregierung im April nicht so sehr für eine datenschutzfreundliche dezentrale Architektur entschieden hat, sondern tatsächlich wohl vor allem für das Framework von Apple und Google. Pragmatisch war das unter den gegebenen Umständen nahezu alternativlos, aber es handelt sich eben nicht um eine freie, souveräne Architekturentscheidung.
  • Zu guter Letzt bleibt jenseits der Coron-Warn-App das Thema Kontaktdatenerfassung in Restaurants etc. auf der Tagesordnung. Einige sind überrascht davon, dass in einigen Fällen die Polizei die gesammelten Daten für Ermittlungen nutzt, aber das ist wahrscheinlich erlaubt. Auf eine Erweiterung der Corona-Warn-App zur Erfassung solcher Besuche warten wir hingegen vergebens, ebenso auf einen flächendeckenden digitalen Ersatz für manuell ausgefüllte Formulare.

Bis nächstes Wochenende.

CoronApp-News (2020-07-12)

Eigentlich könnten wir uns in Sachen Corona-App zurücklehnen und abwarten, aber die Debatten gehen weiter:

Voraussichtlich wird es auch nächste Woche wieder Neues zu melden geben.

CoronApp-News (2020-07-05)

Auch diese Woche blieb es vergleichsweise ruhig.

  • Die kumulierten Downloadzahlen der deutschen Corona-Warn-App steigen nur noch langsam. Die asymptotische Grenze scheint irgendwo in der Gegend von 15 Millionen zu liegen. Bis Vorgestern sollen über die App einige Hundert Fälle gemeldet worden sein. Der wirkliche Nutzen lässt sich jedoch nur schwer schätzen.
  • Ein Hindernis wird nach und nach beseitigt: Die Corona-Warn-App ist jetzt auch in den Appstores einiger anderer europäischer Länder erhältlich. Dass es so schwer ist, die App weltweit unter die Leute zu bringen, liegt an der Macht der Smartphone-Plattformen, von denen sie abhängig ist.
  • Michael Veale erklärt beim Guardian noch einmal, wieso die Fokussierung auf Privacy im Sinne möglichst guter Datengeheimhaltung am realen Problem vorbeigeht, das sich aus dieser Plattformmacht und der Interaktion mit Nutzern zusammensetzt.
  • Von Katastrophen im Zusammenhang mit der Corona-Warn-App war bislang nichts zu hören und auch die Mahnungen vor der App als Eintrittskarte haben sich als haltlose Spekulation erwiesen. Dennoch gibt es weiter Kritik an der Datenschutzfolgenabschätzung zur App und Forderungen nach einer spezifischen Rechtsgrundlage.
  • In der Schweiz zählt man nicht nur Downloads, sondern aktive Apps, und derzeit ist es eine gute Million.
  • Zu guter Letzt zieht die Corona-Warn-App auch Bastler an.

Vielleicht gewöhnen wir uns jetzt einfach an die App?

 

CoronApp-News (2020-06-28)

Der Wochenrückblick, wie immer nicht nach Erscheinungsdatum, sonder danach, wann ich über die Links gestolpert bin:

Das war’s für diese Woche.

CoronApp-News (2020-06-21)

Habemus Appam! Vielleicht genau zur rechten Zeit, denn die Fallzahlen steigen wieder.

Wie angekündigt ist die Corona-Warn-App seit Dienstag verfügbar und wurde nach Angaben des RKI bis gestern mehr als zehn Millionen Mal heruntergeladen. Falls sie danach auch von allen aktiviert wurde, entspricht das einem Verbreitungsgrad von 13%, womit jeder 65. zufällige Kontakt erkannt werden könnte. Den Datenverkehr der App wollen die Mobilfunk-Provider kostenlos spendieren. Wie man die App aktiviert und benutzt, erklärt unter anderem Heise Online. Eine Datenschutzfolgenabschätzung wurde kurz vor der App selbst veröffentlicht.

Die Bundesregierung ist stolz wie Oskar, weil die Entwicklung seit der Entscheidung für Apple, Google, SAP und Telekom ziemlich gut funktioniert hat, und das Projekt wird auch von anderen gelobt. Jedoch verstummt die Kritik nicht ganz. Der Verein Digitalcourage hält die App für ein Plazebo mit Nebenwirkungen, das Twitter-Echo darauf fiel jedoch eher negativ aus. Der Chef des VZBV empfiehlt die App, warnt jedoch noch einmal vor App-gestützten Einlasskontrollen. Diese Befürchtung wurde zum Release vielfach geäußert, hat sich bislang jedoch offenbar kaum bewahrheitet. Alvar Penning, Jonas Höchst und Bernd Freisleben kritisieren die relative Offenheit der Entwicklung als halbseiden, da ein wichtiges Teilsystem von Apple und Google bereitgestellt werde und eben nicht offen sei. So ganz Made in Germany ist die App eben doch nicht und anderswo fühlt man sich gar von Apple und Google bevormundet.

Wie sehr wir uns vor der Corona-Warn-App fürchten und warum, untersucht der Der Lehrstuhl Sozialpsychologie: Medien und Kommunikation der Universität Duisburg-Essen mit einer Umfrage.

Die App-Entwicklung ging manchen zu langsam und verlief anfangs holprig, wenn nicht gar als Drama mit entgleister Debattenkultur. Im Vergleich zu anderen öffentlichen IT-Projekten erscheint der Weg zu App dennoch recht reibunglos. Allerdings blieb sich auch die Komplexität vergleichsweise gering, nachdem die Smartphone-Plattformen den Lösungsweg und zentrale Komponenten vorgegeben hatten.

Einige Probleme gibt es dennoch. So klagen die Gesundheitsämter seit dem Start der App über unzählige Anrufe verwirrter Nutzerinnen und Nutzer. Auch im Hintergrund läuft noch nicht alles rund, denn viele Testlabore und Gesundheitsämter müssen erst noch angebunden werden, um App-Nutzern direkt Testergebnisse übermitteln zu können. Hier macht sich der Digitalisierungsstau im Gesundheitswesen und in der Verwaltung bemerkbar.

Auch sonst ist die Entwicklung der Corona-Warn-App noch lange nicht abgeschlossen. Neben Meldungen über Fehler und Unzulänglichkeiten sammeln die Entwickler auch Ideen für weitere Funktionen und zeigen ihre – noch recht knappen – Pläne für künftige Verbesserungen. Auch die europaweite Integration der nationalen Lösungen steht noch aus und wird einige Schwierigkeiten mit sich bringen.

International steht Deutschland plötzlich als leuchtendes Beispiel da. Fast zeitgleich mit dem Start hierzulande musste Norwegen seine schon länger bereitstehende App Smittestopp wegen Datenschutzbedenken auf Eis legen. Amnesty International hielt die norwegische App für eine der gefährlichsten weltweit und stellte sie in eine Reihe mit denen aus Bahrain und Kuwait. Das brexitanische App-Projekt versinkt unterdessen im Chaos und verschiebt seinen Release-Termin auf den nächsten Winter. Nachdem eine von Apples und Googles Exposure Notification Framework unabhängige Lösung bereits im Testbetrieb war, setzt man nun doch auf die Plattform-Lösung und stuft zugleich die Priorität der App herab. Die französiche App StopCovid, die ebenfalls ohne das Framework auskommt, scheint eher ein Flop zu werden.

Zu guter Letzt hat der Chef eines mittelständischen Betriebs in Köln so viel Angst vor der App, dass er sie seinen Beschäftigten rundweg verbietet.

 

In der Doppelbotschaft verheddert

Wer WhatsApp oder Facebook nutze, könne bedenkenlos auch die Corona-Warn-App installieren, tönt es durchs Netz – das stimmt zwar vielleicht trotz der Bedenken um Einlasskontrollen, ist aber dennoch kein gutes Argument.

Einige Schlaumeier erklären uns gerade, wer WhatsApp et al. nutze, könne getrost auch die Corona-Warn-App installieren oder wer angesichts der Corona-Warn-App Überwachungsangst verspüre, müsse konsequenterweise auch auf WhatsApp et al. verzichten. Hier zum Beispiel:

und da und dort. Das ist nett gemeint, führt jedoch nicht weit, denn es handelt sich um eine widersprüchliche Doppelbotschaft. Ihre Adressaten sollen entweder die Harmlosigkeit der Corona-Warn-App anerkennen und dann auch WhatsApp benutzen dürfen, oder sie sollen die Gefährlichkeit von WhatsApp anerkennen und dann auf beide verzichten. Unausgesprochen, weil sie nicht so gut ins Argument passt, bleibt die Option, die Corona-Warn-App zu nutzen, WhatsApp jedoch nicht.

Wahrheitstabelle der Implikation WhatsApp → CWA

Formallogisch scheint zunächst alles in Ordnung. Es handelt sich um die Implikation: „wenn WhatsApp dann Corona-Warn-App“. Widersprüche tun sich erst beim Versuch auf, den so als falsch deklarierten Fall zu rechtfertigen, dass jemand WhatsApp nutzt, aber die Corona-Warn-App ablehnt. Das geht, aber man muss dazu diese Implikation zurückweisen. Mehrere Möglichkeiten bieten sich an.

Man könnte trotzig antworten, man wolle halt das eine und das andere nicht. Dabei stünde man immerhin mit beiden Beinen fest auf dem Boden der informationellen Selbstbestimmung, die genau diese Entscheidungsfreiheit gewährt und keine Begründung verlangt. Gehört man selbst nicht zur Gruppe derjenigen, die WhatsApp nutzen, aber die Corona-Warn-App ablehnen, könnte man auch mit der empirisch-statistischen Frage antworten, ob die angesprochene Gruppe überhaupt in einem nennenswerten Umfang existiere. Möglicherweise sind die meisten Aluhutträger tatsächlich so konsequent, auch einen anderen Messenger als WhatsApp einzusetzen, oder tragen ihren Aluhut erst, seit sie Telegram für sich entdeckt haben.

Man könnte auch analytisch antworten, die Verengung auf das Merkmal Datenschutz sei unangemessen, In Wirklichkeit handele es sich um eine mehrdimensionale Kosten-Nutzen- und Risiko-Nutzen-Abwägung, welche in diesem Fall so und in jenem anders ausfalle. Schließlich verspricht WhatsApp einen erheblichen persönlichen Vorteil, während der Nutzen der Corona-Warn-App vorwiegend als externer Effekt in der Gesellschaft eintritt.

Wer dezente Gemeinheit nicht scheut, kann zu guter Letzt auch sein Gegenüber im eigenen Argument einwickeln: Man habe jetzt jahrelang immer wieder die Gefahren von WhatsApp gepredigt, ohne dass viel passiert sein – wo solle nun die Glaubwürdigkeit herkommen, zumal man über die Corona-Warn-App auch noch das genaue Gegenteil  sage? Oder anders verpackt in Abwandlung des gestrigen Tagesthemen-Kommentars:

„Diejenigen, die die App kategorisch empfehlen, weil sie zu Recht keine Gefahren befürchten, sollten bitte auch mal kurz prüfen, ob sie WhatsApp oder Facebook ablehnen.“

Wendet das Gegenüber daraufhin ein, dies sei doch etwas völlig anderes, nickt man nur noch andächtig und sagt: „Genau.“ Wer mag, kann noch einen Treffer landen mit der Frage, wieso angesichts der Corona-Warn-App jetzt auf einmal die Gefahr und die (Un-)Zulässigkeit von Einlasskontrollen anhand der App diskutiert werde, während WhatsApp über ein Jahrzehnt nie jemanden auf diese Idee gebracht habe.

Nein, dass jemand WhatsApp nutzt, ist kein gutes Argument dafür, auch die Corona-Warn-App zu nutzen. Dass viele Menschen WhatsApp nutzen, ohne sich große Sorgen zu machen und wohl auch, ohne objektive Nachteile aufgrund mangelnden Datenschutzes zu erleiden oder zu verursachen, sollte uns hingegen Anlass sein, unser Verständnis und unsere Prioritäten nachzujustieren. WhatsApp und andere zeigen, dass Erfolg auch gegen die Kritik der Datenschützer möglich ist. Die Corona-Warn-App wird uns zeigen, wo die Grenzen mit dem Segen der Datenschützer liegen. Statt Populismus zu betreiben, sollten wir uns mehr mit den tatsächlichen, vieldimensionalen Erfolgsvoraussetzungen von Anwendungen beschäftigen und mit den Gestaltungsprozessen, die Anforderungen erkunden, abwägen und umsetzen.

Gefühlte Bedrohung

Pünktlich zum Start der Corona-Warn-App meldet sich der Vorstand des VZBV und warnt davor, „dass Restaurants, Geschäfte oder Flughäfen die Freiwilligkeit der App faktisch aushöhlen, indem sie nur App-Nutzern Zutritt gewähren“. Er hält diese Gefahr für real, doch das ist sie nicht.

Die App-Nutzung zu kontrollieren und daraufhin Kundinnen den Zutritt zu verweigern, ergibt nämlich für Unternehmen keinen Sinn. Solche Kontrollen kosteten doppelt Geld, einmal für die Arbeitszeit der Kontrolleure und einmal in Form verlorener Umsätze der abgewiesenen Kunden. Dem steht kein messbarer Nutzen des Unternehmens gegenüber. Selbst wenn man rein hypothetisch annähme, bei Infektionsfällen im Unternehmen drohe eine vorübergehende Betriebsschließung, bliebe dieses Risiko gering. Zum einen bleiben die Infektionszahlen und damit auch das mittlere Ansteckungsrisiko gering. Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung zielen darauf, diesen Zustand zu erhalten. Zum anderen ist bei größeren Unternehmen auch ein Betrieb nicht dasselbe wie das Unternehmen, ein Supermarkt keine Supermarktkette. Doch schon bei Kleinunternehmen stellt sich die Frage: Was hätten etwa die darbenden Gastronomen davon, noch zusätzlich Gäste abzuweisen?

Realistischer erscheinen Kontrollen dort, wo Kontrollen ohne besonderen Aufwand praktikabel sind und Zutrittsbeschränkungen keinen Einfluss aufs Geschäft haben. Dies gilt zum Beispiel für Besuche in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Auch hier stellt sich jedoch die Frage nach dem Nutzen. Das bloße Vorhandensein der App auf einem Smartphone sagt wenig aus und selbst der Warnstatus filtert nur diejenigen heraus, die unterwegs gewarnt wurden und es noch nicht bemerkt haben.

Eigentlich gehört das Kontrollszenario auch gar nicht zur Corona-Warn-App, sondern zu den zeitweise diskutierten Immunitätsnachweisen. Dort gehört die Kontrolle zum Konzept, sonst sind sie nutzlos, und die Frage ist berechtigt, unter welchen Bedingungen man sie ausnahmsweise zulassen möchte. Dies ist jedoch kein App-Problem.

CoronApp-News (2020-06-14)

Zweimal werden wir noch wach …

  • Die Corona-Warn-App soll ab Dienstag nutzbar sein. Der Bundesdatenschutzbeauftragte hält sie für solide, der TÜV für stabil und sicher (ähm*) und Fabian A. Scherschel ist für Heise Online beeindruckt. Kanzleramtschef Braun meint rückblickend, man hätte die Entwickler ein paar Tage früher beauftragen sollen; die auch zeitliche Abhängigkeit von Apple und Google hätte das freilich nicht beseitigt. Die Entwicklung kostet 20 Millionen Euro, umgerechnet etwa zwei Kilometer Autobahn in einfachem Gelände, und soll auch nach dem Veröffentlichungstermin weitergehen. Als – überwindbares – Hindernis erweist sich die bisher schleppend verlaufene Vernetzung des Gesundheitswesens.
  • Alexander Roßnagel hält den Datenschutz der Corona-Warn-App für beispielgebend, fordert aber dennoch weiter ein Gesetz zur Regelung jener Fragen, die sich jenseits des Datenschutz-Horizonts aufdrängen. Ein Teilproblem hat das Bundesgesundheitsministerium mittlerweile per Verordnung gelöst: Anspruch auf einen kostenlosen Test hat man jetzt auch nach einer Warnung durch die App und schon bevor Symptome auftreten.
  • Nach einer nicht repräsentativen Twitter-Umfrage von Malte Engeler würde jeweils etwa ein Drittel der Befragten die Corona-Warn-App auch ohne Begleitgesetz, nur mit Begleitgesetz beziehungsweise auf gar keinen Fall installieren.
  • Seit April verbreitet sich das Mem, wenigstens 60% der Bevölkerung müssten eine App zur Kontaktverfolgung nutzen, damit sie einen Nutzen habe. Dem widersprechen nun die Autoren der Studie, auf die diese Angabe zurückgeht. Auch bei geringeren Akzaptanzraten sei die Kontaktverfolgung per App nützlich, die Angabe 60% habe ein Eigenleben als Mem entwickelt.
  • In Nordrhein-Westfalen können nach Angaben des WDR drei Millionen Menschen die Corona-Warn-App nicht nutzen, das ist ein Sechstel der Bevölkerung.
  • Das Schweizer Parlament hat eine Rechtsgrundlage für den Einsatz der dortigen App geschaffen. Die App selbst lässt noch auf sich warten, sie soll Ende des Monats zur Verfügung stehen.
  • Die französische App StopCovid fand in den ersten vier Tagen nach ihrer Veröffentlichung eine Million Nutzer.
  • Unterdessen meldet die FAZ eine „Sicherheitslücke bei Corona-Apps“, die sich bei näherer Betrachtung jedoch anscheinend als lange bekannt und wenig dramatisch entpuppt.
    • Ergänzung um Mitternacht: Wer tiefer in die Materie einsteigen möchte, findet hier das Paper und dort eine Diskussion dazu.
  • Die Briten brauchen mit ihrer App etwas länger als geplant und testen gerade eine zweite Version.
  • Eine ganz andere Form der Kontaktverfolgung demonstriert El País und rekonstruiert minutiös drei Virusverbreitungsereignisse in einem Großraumbüro, einem Restaurant sowie in einem Reisebus.
  • Für die Erfassung von Kontaktdaten in Restaurants bietet das amerikanische Unternehmen 360 Virtual Experts eine Lösung, bei der die Gäste keine App installieren müssen. Stattdessen werden sie per QR-Code auf eine Website geschickt, wo sie ihre Daten eintragen können. So ähnlich soll wohl darfichrein.de funktionieren, aber das wird weder aus der Website noch aus der Demo so recht klar. Fertiger wirkt Miss Racoon aus dem Taunus.

*) Den TÜV gibt es gar nicht und das mit dem Damm in Brasilien war ein anderer.

#GaiaXFakten

Gaia-X soll der Chuck Norris unter den Clouds – nein, das passt nicht, zu wenig europäische Werte. Gaia-X soll die Abteilung für Informationswiederbeschaffung unter den Clouds werden, der Goldstandard, die digitale Mondrakete. Wäre Elon Musk Europäer, hätte er statt eines Tesla Gaia-X ins All geschossen. Gaia-X war einziger Teilnehmer eines Wettbewerbs der Agentur für Sprunginnovation und schloss diesen mit einem überdurchschnittlichen Ergebnis ab. Gaia-X heilt Krebs. Chatbots werden mit Gaia-X zu geistreichen Gesprächspartnern. Gaia-X wird alle Versionen des Trolley-Problems in einem Tweet lösen. Gaia-X transzendiert Raum, Zeit, Rechenzentren und Unternehmen. Gaia-X läuft nicht in der Cloud, sondern die Cloud läuft in Gaia-X. Gaia-X braucht kein Geschäftsmodell, sondern Geschäftsmodelle brauchen Gaia-X. Amazon kauft bei Gaia-X ein. Uber lässt sich von Gaia-X ein Taxi rufen. Gaia-X sitzt in den Aufsichtsräten aller europäischen Internet-Konzerne. Mit Gaia-X wird Deutschland E-Government-Weltmeister. Die Büros von Gaia-X arbeiten papierlos. Gaia-X hatte seine Corona-App schon vor der Schweinegrippe fertig. Die Konferenz der unabhängigen Datenschutzbehörden des Bundes und der Länder empfiehlt Videokonferenzen per Gaia-X als Alternative zur Briefpost.

PS (2020-06-11): Die Fortsetzung gibt’s häppchenweise bei Twitter.

CoronApp-News (2020-06-06)

Die Corona-App-Nachrichten der Woche:

Bis nächste Woche.

Nachtrag:

Gamifizierter Narzissmus

Mit der Industrialisierung entstanden Massenmedien. Bevor sie um die Gunst ihrer Leser, Hörer oder Zuschauer konkurrieren konnten, mussten sie sich erst einen der knappen Kanäle sichern. Teils hatte das technische Gründe, wie bei Funk und Fernsehen, teils wirtschaftliche, denn das Herausgeben einer Zeitung wie auch der Betrieb einer Rundfunk- oder Fernsehanstalt erfordern Kapital und deshalb einen Mindestumsatz pro Zeiteinheit.

Das Internet hat uns Jedermannmedien wie Twitter, Facebook oder Telegram gegeben. Dort kann jeder an alle senden, die ihm zuhören wollen. Begrenzt ist nur noch die Aufmerksamkeit des Publikums, um die sich alle balgen. Geld verdient dabei zunächst nur die Plattform, und zwar umso mehr, je mehr Aufmerksamkeit sie insgesamt binden kann. Dies gilt für die Werbung, die sich ein Stück vom Kuchen der Aufmerksamkeit abschneidet, ebenso wie für das Risikokapital, das sich eine Zeitlang mit schnell wachsenden Metriken als Gegenleistung begnügt.

Einige Plattformen, allen voran YouTube, geben einen Teil ihrer Einnahmen an ihre Sender weiter und nähern sich damit teilweise herkömmlichen werbefinanzierten Medien wie dem Privatfernsehen und -radio an, erlauben jedoch parallel dazu das unbezahlte Senden. Andere, wie Twitter und Instagram, ermöglichen ihren Nutzern keine direkte Monetarisierung ihrer Reichweite und erlangten Aufmerksamkeit; teils lässt sich diese mit externen Diensten wie Patreon oder der Nutzung als Werbeplattform für eigene Produkte kompensieren. Manche haben nicht einmal ein nachhaltiges Geschäftsmodell, so wie Telegram, das seine letzten Einnahmen mit dem Verkauf selbst erzeugter Blockchain-Token („ICO“) erzielte, bevor die amerikanische Börsenaufsicht dem ein Ende setzte.

Das Internet schafft damit einen Raum für Medienprodukte, die vom Narzissmus oder der Agenda der Sender sowie der Einfalt ihrer Gefolgschaft leben. Esoterik und Verschwörungstheorien, die in den letzten Wochen in Form von Demonstrationen aus dem Internet herausschwappten, stellen nur eine Ausprägung diese Modells dar. Dass sich Telegram in diesem Zusammenhang zum Kopp-Verlag unter den Messengern entwickelt hat, dürfte nicht zuletzt fehlenden Reichweitebeschränkungen zuzuschreiben sein.

So im jungen Internet jeder mit wenig Aufwand ein Spammer werden konnte (Stimmt die Zeitform oder gibt es immer noch so viel Spam und ich sehe ihn nur nicht mehr?), kann heute auch jeder ein Massenmedium sein. Er muss dafür nur Zeit investieren und veröffentlichen, was seiner Zielgruppe gefällt. Als Belohnung gibt es Likes, Reshares und manchmal eine „Hygienedemo“ besonders eifriger Anhänger. Etwas Besseres als ein folgsamer Mob kann den Sendern kaum passieren.

Vordergründig funktioniert dieser neue Medienmarkt zwar wie der Alte, der ebenfalls Aufmerksamkeit belohnt, doch fällt das Geld als Regulativ für Inhalte weitgehend weg – auch auf Seiten der Empfänger, die sich nicht mehr auf einige wenige mutmaßlich seriöse Quellen festlegen müssen, sondern sich aus einem Überangebot das herauspicken, was ihnen gerade gefällt. Zugleich verschwimmen die Grenzen zwischen Sendern und Empfängern. Alle machen alles und viele träumen davon, es vom Twitter-Ei zum Like- oder Follower-Millionär zu bringen.

Negative Konsequenzen haben die Jedermannmedien auch dort, wo keine böse Absicht im Spiel ist. Aktuelles Beispiel: Das deutsche Corona-Warn-App-Projekt arbeitet relativ offen auf GitHub. Dort kann jeder in die Dokumentation und den Programmcode schauen, Fragen stellen, Probleme melden und diskutieren. Die Entwickler reagieren darauf professionell und nachvollziehbar, sie sind in einem vernünftigen Maß – um fertig zu werden, muss man manchmal Prioritäten setzen und nicht alles entscheiden die Entwickler selbst – offen für Kritik und Verbesserungsvorschläge. Doch die Arbeitswoche beginnt für sie nach dem Feiertag damit, dass sie am Dienstag halb neun jemand per Twitter anpisst, weil ihm an ihrem Datenbankentwurf etwas nicht gefällt. Die genannten Merkmale stellen wahrscheinlich gar kein großes Problem dar, weil die Datenbank im Fall der Corona-Warn-App ohnehin nur der Koordination dezentraler App-Instanzen dient und die zentral anfallenden Informationen kaum etwas über identifizierbare  Personen aussagen. Trotzdem gibt’s zur Belohnung allgemeines Schulterklopfen. Den Entwicklern will er’s vielleicht später melden.

Dies ist das Resultat einer Plattform, die den Narzissmus ihrer Nutzer gamifiziert hat, um damit Geld zu verdienen. Hier kann jeder ein kleiner Trump sein und sich seine tägliche Dosis Bestätigung aus der eigenen Populismusblase holen. Im kleinen Maßstab ist das kein Problem, doch insgesamt kommen wir vielleicht nicht darum herum, den senderseitigen Aufwand wieder an die Reichweite zu binden und so die alte Trennung zwischen relativ aufwändiger Massen- und billiger Individualkommunikation geringer Reichweite wiederherzustellen.

CoronApp-News (2020-05-31)

Etwas verspätet die Linksammlung rund um Corona-Apps aus der vergangenen Woche:

  • Die Entwickler der deutschen Corona-Warn-App haben Quelltexte der App selbst und weiterer Teilsysteme veröffentlicht. Auch Entwürfe der Benutzerschnittstelle gibt es inzwischen zu sehen. Der Bundesinnenminister ist optimistisch, dass die App bald fertig werde. Was man über unsere künftige Corona-App wissen muss, fasst Golem.de zusammen.
  • Ein Gesetz zur Corona-Warn-App hält die Bundesregierung weiter für unnötig, schließlich sei die Nutzung freiwillig. Ob auch die Selbstisolation freiwillig bleibt, obwohl die Unterlassung in Kenntnis einer Warnung schnell zur Körperverletzung werden kann, hat wohl noch niemand gefragt. Ausgerechnet die Amerikaner, auf die wir in puncto Datenschutz gerne herabsehen, sind uns einen Schritt voraus.
  • Die französiche App StopCOVID erhielt den Segen der Nationalversammlung und soll in den nächsten Tagen starten. Die dortigen Datenschützer spielen mit, jedoch mit Bauchschmerzen. Die Schweizer „SwissCovid-App“ geht in den Feldversuch. Auch dort ist das Parlament mit der Gesetzgebung befasst.
  • Großbritannien setzt auf eine Kombination aus einer Contact-Tracing-App, die immer noch im Testbetrieb ist, und herkömmlicher Kontaktverfolgung. Mal eben 25.000 Helfer anzulernen und remote zu beschäftigen, ist allerdings auch nicht so einfach. Ebenfalls schlecht funktioniert die Selbstisolation: Selbst unter jenen, die Symptome zeigen, folgt nur die Hälfte der Aufforderung, zu Hause zu bleiben.
  • In Australien gibt es sein einem Monat eine Corona-App. Geholfen haben soll sie bis jetzt in einem einzigen Fall. Das muss allerdings nicht an der App liegen. Wir erinnern uns: Das unmittelbare Risiko einer Ansteckung ist gegenwärtig sehr gering und die Vorsichtsmaßnahmen sollen bewirken, dass dies so bleibt.
  • Netzpolitik.org hat Erfahrungen mit Corona-Apps aus mehreren Ländern zusammengetragen.
  • Unterdessen stellen neuere Erkenntnisse zu Ansteckungen das früh festgelegte Konzept der individuellen und dezentralen Kontaktverfolgung in Frage. Wie Michael Seemann in einem Twitter-Thread skizziert, ist die Ansteckungsgefahr wahrscheinlich bei einem langen gemeinsamen Aufenthalt in Innenräumen am größten. Davon soll die deutsche Corona-Warn-App jedoch nichts wissen.
  • Aus China, wo Apps ganz ungeniert als dynamischer Gesundheitspass eingesetzt werden, berichtet das Auslandsjournal des ZDF. Auch eine Arte-Doku, die bereits Mitte April erschien, widmet sich Chinas Umgang mit der Pandemie. An Gesundheits-Apps finden Regierung und Behörden gerade Gefallen und überlegen, was man sonst noch damit anstellen könnte.

Genug Material für den Feiertag, oder?

Plattform, mit Betonung auf platt

Digitale Plattformwirtschaft gilt der Bundesregierung als großes Ding, seit sie bemerkt hat, dass wir keine eigene haben. Um diese Lücke zu schließen, fördert Berlin Plattformprojekte. Zum Universalleuchtturm Gaia-X, dessen Anwendungen von Chatbots für das eGovernment bis zur Krebsheilung reichen sollen, kommen die Themen der einzelnen Ressorts. Das Verkehrsministerium fördert, naheliegend, die Mobilitätsplattform Stadtnavi, die nicht weniger verspricht als Mobilität gemeinsam neu zu denken. Das Ergebnis ist Asche, nämlich ein notdürftig als Plattform verkleideter Karten- und Routenplanungsdienst, der seine Claims statt auf die Hauptsache direkt auf Nebengebiete wie Open Data, Open Source und Datenschutz legt. Zu kurz kommt wie so oft die Nutzerorientierung und damit das, was andere Plattformen erfolgreich macht.

Der Fairness halber sei gesagt, dass Stadtnavi nach eigener Aussage noch nicht fertig ist und das Projektbudget mit 370.000 Euro überschaubar bleibt. Gleichwohl lässt sich bereits eine Richtung erkennen. Stadtnavi bietet im Wesentlichen einen Karten- und Navigationsdienst, der verschiedene Verkehrsträger berücksichtigt und der mit Echtzeitdaten zum Beispiel über freie Parkplätze, Ladestationen, Mitfahrgelegenheiten, Busverspätungen und so weiter angereichert wird. Richtig verpackt sind solche Dienste unbestritten nützlich, das zeigen die Navigationssysteme in vielen Autos, Karten- und Navigationsapps für Smartphones sowie der DB Navigator. Anders als der DB Navigator, der auch Fahrkarten verkauft und Bahnreisende unterwegs unterstützt, bleibt Stadtnavi jedoch auf der Metaebene: Man kann sich dort über Mobilität informieren, sonst nichts.

Gemessen am eigenen Anspruch, für saubere Luft zu sorgen, wie auch an den Erfolgsvoraussetzungen für ein Plattformgeschäft drückt man sich vor der eigentlichen Herausforderung: Mobilität nutzerorientiert anders zu organisieren. Dazu müsste man nicht nur irgendwas mit Internet machen, sondern echte und konkurrenzfähige Mobilitätslösungen bieten. Messen lassen müssen sich solche Angebote am Auto, das bei vielen Menschen vor der Tür steht und darauf wartet, gefahren zu werden. Das Auto vor der Tür befriedigt bequem und flexibel eine breite Palette an Mobilitätsbedürfnissen. Wer sich einmal daran gewöhnt hat, einfach einzusteigen und loszufahren, findet kaum einen Anlass, sich überhaupt über Alternativen zu informieren. Wer es dennoch tut, wird häufig in seiner Entscheidung für das Auto bestärkt. Mit Ausnahme der Schnellbahnsysteme in Großstädten und Ballungsräumen bleibt der öffentliche Nahverkehr der individuellen Fortbewegung – einschließlich Fahrrad und Taxi – oft unterlegen.

So verwundert nicht, dass eine kommerzielle Plattform wie Uber, in deren Motivation saubere Luft so wenig eine Rolle spielt wie die Arbeitsbedingungen ihrer scheinselbständigen Fahrer, einen Taxidienst anbietet. Ein Ubertaxi ist so bequem wie das eigene Auto vor der Tür, erspart einem jedoch den Ärger damit und steht im Gegensatz zum eigenen Auto auch am Zielflughafen auf Wunsch vor der Tür. Ob man Uber deswegen auch gestatten sollte, an die Stelle der bisherigen Taxiwirtschaft mit ihrem vergleichbaren Angebot zu treten, sei dahingestellt. Jedenfalls bieten alte wie neue Taxis heute echte Mobilitätsplattformen mit einem Smartphone-Interface, die digital eine Schar mehr oder minder unabhängig arbeitender Dienstleister koordiniert.

Erfolgreiche Plattformen vernetzen Anbieter und Kunden so, dass für alle ein Mehrwert entsteht. Von Amazon zum Beispiel bekomme ich einen Online-Shop für fast alles, was man überhaupt kaufen kann. Manches liefert Amazon selbst, anderes kommt von unabhängigen Händlern, die (auch) über Amazon verkaufen. Mir erleichtert Amazon das Leben, weil ich einmal bestelle und dann in den nächsten Tagen Klemmstifte für die Heizung aus der Oberlausitz, Ersatzteile für meine Fahrradtaschen aus dem Schwarzwald und eine Fahrradbremse aus dem Amazon-Lager geliefert bekomme. Den Händlern nimmt es einen Teil des Shop-Betriebs ab und führt ihnen Kunden zu. Amazon sorgt dafür, dass das alles reibungslos funktioniert. Analog bekomme ich von Apple, Google oder Microsoft nicht einfach ein Gerät oder ein Betriebssystem, sondern Appstores, aus denen ich mir über viele Anbieter hinweg meine Anwendungslandschaft zuammenklicke und Updates bekomme.

Eine echte und nützliche Mobilitätsplattform müsste dasselbe tun und die Verkehrsbedürfnisse ihrer Nutzerinnen und Nutzer besser und einfacher befriedigen als ohne sie. Ein Ansatz dazu ist die echte Vernetzung verschiedender Verkehrsträger nicht nur in Form integrierter Navigation und Fahrplanauskunft, sondern zu einem nützlichen Mehrwertdienst. Möchte ich zum Beispiel nach Frankfurt oder über Frankfurt irgendwohin fahren, muss ich erst einmal zum Bahnhof kommen. Ich wohne zwischen zwei etwa gleich weit entfernten Strecken, auf denen jeweils S-Bahnen und Nahverkehrszüge und auf einer auch nutzbarer Fernverkehr fahren. Die ÖPNV-Anbindung ist in einer Richtung besser als in der anderen, und unabhängig davon etwa einen Kilometer Fußweg entfernt. Mit einem eigenen Fahrzeug, das ich am Bahnhof parke – egal ob Fahrrad oder Auto – beschränke ich mich für die Rückfahrt auf eine der beiden Strecken. Mit einem Rollkoffer im Schlepp fällt das Fahrrad aus und ein eigenes Auto habe ich gar nicht.

Möglicherweise könnte ich mich für eine Plattform begeistern, die mir in dieser Situation das Denken und Organisieren abnimmt. So einer Plattform würde ich einfach sagen, dass ich jetzt nach Frankfurt möchte. Daraufhin bekäme ich die Antwort: „Kein Problem, kostet 25 Goldstücke, Sie werde in zehn Minuten abgeholt. Dürfen wir Sie am Zielort noch irgendwo hinbringen?“, oder auch: „Um die Ecke steht ein freies Mietfahrrad. Wenn Sie darauf spätestens halb drei gen Westen reiten, bekommen Sie die nächste Regionalbahn oder notfalls ein paar Minuten später die nachfolgende S-Bahn. Möchten Sie das Rad bis dahin reservieren?“ Für die zweite Variante fehlt es meiner Kleinstadt an Mieträdern, die gibt es nur in der größeren Nachbarstadt. In der ersten wüsste der Fahrer, der mich abholt, dass ich mit der Bahn weiter möchte und zu welchem Bahnhof er mich bei der aktuellen Verkehrslage fahren soll. In beiden Fällen hätte sich jemand Gedanken gemacht, was mein Mobilitätsbedarf ist, wie er sich befriedigen lässt und wie das für mich möglichst einfach wird. Dafür jedoch etwas mehr nötig als nur Auskünfte.

Nützlich machen könnte sich eine Mobilitätsplattform auch in Ausnahmesituationen. Unsere alltägliche Mobilität ist stark von Gewohnheiten geprägt. Wir fahren so oft zur Arbeit, zum Einkaufen, zu Verwandten und Freunden oder zu regelmäßigen Freizeitbeschäftigungen, dass wir darüber nicht mehr nachdenken, sondern alles wie immer tun. So mancher ist schon versehentlich Samstags zur Arbeit gefahren, weil er irgendwohin wollte, der Anfang des Weges derselbe war und dann der innere Autopilot übernahm. Manchmal haben wir jedoch ungewöhnliche Bedürfnisse, müssen mehr transportieren als das Fahrrad schafft, organisieren eine Familienfeier mit dezentralen Übernachtungen und mehreren Ortswechseln oder müssen eine Zeit überbrücken, in der das eigene Fahrzeug nicht verfügbar ist oder aus sonst einem Grund alles nicht wie gewohnt funktioniert.

Mit intelligenten Angeboten für solche Situationen bekäme eine Mobilitätsplattform vielleicht auch bei jenen einen Fuß in die Tür, die sich sonst gewohnheitsmäßig ins eigene Auto setzen und das auch noch täten, wenn der Benzinpreis bei fünf Euro und die Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen bei 80 km/h läge. Denken wir noch einmal an Amazon: In seiner Jugend konnte der Konzern bei vielen Kunden damit punkten, dass er englischsprachige Bücher ohne Umstände lieferte. Heute sind dort noch viel mehr Dinge zu bekommen, die man in Geschäften und Kaufhäusern vor Ort vergebens sucht. Fotopapier, Feuerpoi, Fahrradständer – alles kein Problem. So etwas kommt heraus, wenn man mit einer Plattform Geld verdienen möchte, so dass man gezwungen ist, sich mit Nutzerbedürfnissen auseinanderzusetzen und echte Vorteile zu verkaufen. Aus ehrgeizarmen Förderprojekten kommt dagegen so etwas wie Stadtnavi, immer und immer wieder.

Datenschutz reicht nicht

Datenschutz gilt im Zusammenhang mit der Corona-Warn-App als überragend wichtig. Zugleich zeigt er jedoch gerade daran seine Grenzen.

Im engeren Sinn steht Datenschutz für Maßnahmen, die informationelle Selbstbestimmung ermöglichen. Mit einigen Ausnahmen soll jede selbst entscheiden dürfen, wer was über sie erfährt und zu welchen Zwecken ihre personenbezogenen Daten verwendet werden. Aus dieser klassischen Perspektive geht es vor allem um die Zugriffs- und Verwendungskontrolle von Daten. Der moderne europäische Datenschutz vertritt dagegen einen umfassenderen Anspruch und möchte allgemein Gefahren für die Rechte und Freiheiten natürlicher Personen durch die Datenverarbeitung abwehren. An Grenzen stößt er, wo nicht mehr das zentralisierte Sammeln und Auswerten von Daten die Auswirkungen des Technikeinsatzes bestimmt, Begriffe und Werkzeuge aber auf Daten fokussiert und damit der engen Sicht verhaftet bleiben.

Persönliche Geräte und ihre Anwendungen wie aktuell die Corona-Warn-App sind so ein Fall. Sie begleiten uns überallhin und interagieren mit uns, nicht nur reaktiv als benutzergesteuerte Geräte, sondern auch aktiv mit Nachrichten und Aufforderungen. Die Corona-Warn-App hat sogar ausdrücklich zum Ziel das Verhalten ihrer Benutzerinnen und Benutzer zu beeinflussen, denn diese sollen sich auf eine Nachricht der App hin in Quarantäne begeben. Eine auf den „Spion in der Tasche“ und mögliche Missbräuche zentraler Datensammlungen reduzierte Betrachtung wird den daraus resultierenden Fragen und Problemen nicht gerecht.

Der unnötigen zentralen Aufbewahrung personenbezogener Daten und dem Missbrauch zentral vorliegender Daten schieben die Corona-Warn-App und die zugrundeliegenden Plattformmechanismen von Apple und Google einen effektiven Riegel vor. Nur im Fall einer nachgewiesenen Infektion erhalten die zentralen Server überhaupt Informationen und dann nur über praktisch anonyme Kontakte der infizierten Person in einem begrenzten Zeitraum. Zur Massenüberwachung taugt das System daher kaum, weil dafür geeignete Daten gar nicht in ausreichendem Umfang anfallen.

Dieses Zugeständnis an den Datenschutz fällt leicht, denn das Wirkprinzip der Corona-Warn-App beruht eben nicht auf Überwachung, sondern auf gezielt übermittelten Verhaltensmaßregeln. Zu ihrer näheren Verwandtschaft gehören nicht Überwachungskameras, Datenbanken und die Rasterfahndung, sondern das Microtargeting der Online-Werbung und die Prompts, mit denen alle möglichen Apps um Aufmerksamkeit und Streicheleinheiten betteln. Aus dem Prinzip der teilautomatisierten Verhaltensbeeinflussung ergeben sich ungeklärte Fragen sowie Missbrauchsmöglichkeiten.

Ungeklärt bleibt bis heute, wie es für Kontaktpersonen nach einer Benachrichtigung weitergeht, wie etwa aus der Bitte um freiwillige Selbstisolation eine dafür nötige Arbeitsbefreiung wird und welche Konsequenzen es hat, wenn jemand in Kenntnis einer erhaltenen Warnung Kontakt mit anderen Menschen hat. Zugunsten der Freiwilligkeit mag man hinnehmen, dass Warnungen ignoriert werden, wenn der Selbstisolation Hindernisse im Weg stehen, zumal die herkömmliche Kontaktverfolgung parallel weitergeht. Folgenlos bleibt dies jedoch nicht, denn wenn die Warn-App den versprochenen Nutzen hat, führen ignorierte Warnungen zu vermeidbaren Ansteckungen, übrigens unabhängig davon, ob und wie die unnötig Angesteckten selbst die App nutzen. Von hier ist es nicht mehr weit zum Vorwurf der Körperverletzung, wenn jemand nach Erhalt und in Kenntnis einer Warnung Kontakte pflegt und dabei jemanden ansteckt. Vor der forensischen Untersuchung des betreffenden Smartphones schützt die Datensammelbremse des Systems dann wohl nicht mehr.

Gleichermaßen liege Missbrauchspotenziale im System selbst und nicht nur in seinen Daten. Bereits vielfach diskutiert und von einzelnen Politikern sogar befürwortet wurden dezentrale Kontrollen der App-Nutzung beispielsweise am Arbeitsplatz oder Supermarkteingang; das bekäme man mit der DSGVO vielleicht noch in den Griff. Aber auch die Kernfunktion – Kontakterfassung und Benachrichtigung – lässt sich zweckentfremden. Technisch gesehen erfasst die Corona-Warn-App gemeinsame Aufenthalte ihrer Benutzerinnen und Benutzer an einem Ort von einer gewissen Dauer. Dass es dabei um Ansteckungsrisiken mit dem Corona-Virus gehe, bleibt letztlich eine Konvention. Deren Einhaltung garantiert nicht das System selbst, sondern seine Anwendungsumgebung. Ohne große Umstände könnte man mit derselben technischen Infrastruktur all jene für zwei Wochen in Quarantäne bitten, die letzte Woche im Puff waren oder sich mit einem Datenschutzbeauftragten getroffen haben. Dass dies tatsächlich jemand versuchte und mehr noch, dass es ungestraft gelänge, halte ich in einem demokratischen Rechtsstaat für sehr unwahrscheinlich, aber dabei handelt es sich um externe Faktoren und nicht um inhärente Zwänge im System.

Was hier zu klären ist, reicht über den Horizont und Instrumente des klassischen Datenschutzes hinaus. Weder das allgemeine Datenschutzrecht noch der technische Datenschutz können alle Fragen, die eine Corona-Warn-App aufwirft, befriedigend beantworten. Ich schließe mich deshalb der verschiedentlich geäußerten Auffassung an, dass die Corona-Warn-App eine spezifische Rechtsgrundlage erfordert. Allgemeiner und auf lange Sicht stehen wir auch vor der Frage, nach welcher Regulierung zentral steuerbare, aber dezentral agierende Geräte- und Anwendungsökosysteme jenseits des Datenschutzes verlangen.

 

 

Bicycling Safely On The Road

Vehicular cycling advocate, John Forrester, recently passed away. The video below illustrates his ideas. In a nutshell, as a cyclist you should take yourself seriously as a road user, confidently claim the same right to the road as anybody else, and behave mostly as you would driving a motor vehicle. I have only one nit to pick: the cyclists in the video seem rather shy when it comes to claiming space, they could take the middle of the lane more often.

According to my experience, Forrester’s ideas work very well although they may take some getting used to before one can really appreciate them. Against general inclusionist trends in western societies, modern-day cycling infrastructure advocates nevertheless reject his approach, arguing that roads – or rather, segregated bike paths – should be designed for cyclists instead. In a rhetorical sleight of hand they gain approval to the truism that infrastructure design influence the safety and happiness of cyclists only to switch the general notion of infrastructure for their narrow definition later.

Dense or fast traffic can feel scary, but the real danger often looms where we least expect it. A crossroads in the middle of nowhere can be dangerous due to the angle in which roads meet. This is an infrastructure issue to be fixed by redesigning the crossroads for better visibility and perceptibility. Being advocates for a particular design, segregationists rarely discuss bicycle-friendly road design – or design objectives and tradeoffs at all.

Vehicular cycling works better on some roads than it does on others. It works where other road users do not perceive cyclists as an obstacle, either because there is ample space to pass or traffic is running so slow that passing does not really make a difference.  Vehicular cycling becomes psychologically much harder for everyone when road design turns cyclists on the road into a seemingly unnecessary obstacle and therefore, a provocation. Durch designs with narrow lanes on the regular road and separate bike paths do a great job at that. Vehicular cycling would be virtually impossible here:

Luftbild einer Straße in Nuenen by Eindhoven
Discouragement by design (source: Google Maps)

This road design causes the very stress bike path advocates promise to relieve through segregation. Unless you give up and comply, that is. Any honest debate of cycling infrastructure should at least acknowledge that regular roads are infrastructure and segregation is not the only viable approach to infrastructure design for cycling. If someone tries to sell you bike paths while avoiding a more comprehensive discussion of infrastructure design for cyclists, just walk ride away.

 

 

CoronApp-News (2020-05-23)

Der wöchentliche Nachrichtenüberblick zu Corona-Apps aller Art:

  • Der Deutschlandfunk fasst den aktuellen Stand in Sachen Corona-Warn-App zusammen und schaut dabei auch auf andere Länder: Warum Deutschland noch keine Corona-App hat.
  • Die Entwicklung schreitet jedoch voran. Apple und Google haben wie angekündigt ihre Schnittstellen zur Unterstützung von Contact-Tracing-Apps veröffentlicht. Dazu passend stellt das deutsche Corona-Warn-App-Projekt ein Architekturdokument sowie die ersten Quelltexte für den Warnserver bereit. Auch eine Anleitung zum Melden von Sicherheitsproblemen gibt es bereits und eine Werbeagentur denkt sich Sprüche aus.
  • Der Journalist Ranga Yogeshwar wird ungeduldig, hält Deutschland im Taz-Interview für ein hochnäsiges digitales Entwicklungsland und sieht durch Datenschutzdiskussionen technische Unfähigkeit vernebelt. Dabei können wir Technik vergleichsweise gut, aber auf der Anwendungsseite hapert es, wie Konstantin von Notz gegenüber dem Deutschlandfunk betont: „Das liegt daran, dass Deutschland sowieso bei IT-Großprojekten schlecht aufgestellt ist. Und dass man immer eine unglaublich bürokratische, sehr nutzerfeindliche Logik hat, sei das bei De-Mail, dem E-Perso, der elektronischen Gesundheitskarte.“
  • Yogeshwar meint auch, wir hätten besser die Südkoreaner nach ihrer Lösung fragen sollen statt selbst von vorne anzufangen. Wie das südkoreanische Modell funktioniert, welche Daten dort verwendet werden und wie die daraus erzeugten Warnmeldungen aussehen, erklärt die BBC. Dieses Vorgehen erscheint hierzulande vielen undenkbar, hat jedoch Vorzüge. Wozu die südkoreanische Kontaktverfolgung im Stande ist, zeigt ein Kurzbericht von Sukbin Jang, Si Hyun Han und Ji-Young Rhee: Cluster of Coronavirus Disease Associated with Fitness Dance Classes, South Korea. Deutsche Gesundheitsämter schaffen so etwas sicher auch, die Corona-Warn-App in der geplanten Form hingegen sicher nicht.
  • Zweifel am Nutzen der Corona-Warn-App äußern der Sächsische Ministerpräsident Kretschmer und die Grünen-Politikerin Rößner. Indirekt an der Notwendigkeit einer App zweifelt der Thüringer Ministerpräsident Ramelow. Er möchte landesweite Vorschriften zu Kontaktbeschränkungen und Mindestabständen sowie die Mundschutzpflicht bereits in zwei Wochen aufheben.
  • Der Kultur- und Medienwissenschaftler Roberto Simanowski braucht gar keine funktionierende App. Er kann schon der Debatte um die App Positives abgewinnen und meint, die Gesellschaft übe sich darin im medienwissenschaftlichen Diskurs.
  • Einblicke in die Arbeit der Gesundheitsämter gibt ein Twitter-Thread von @stadtwildnis. Wir erfahren dort unter anderem, dass die Gesundheitsbehörden fast so dezentral organisiert sind, wie sich das manche von einer Corona-App wünschen. Dies hat zur Folge, dass an der Kontaktverfolgung häufig mehrere Ämter beteiligt sind, weil die Kontaktpersonen in verschiedenen Zuständigkeitsbereichen wohnen.
  • Neben dem RKI hat auch die Max-Planck-Gesellschaft gemeinsam mit der Universität Tübingen eine Datenspende-App zu Forschungszwecken entwickelt. CoroNotes soll ohne Fitnesstracker funktionieren, ist gegenwärtig jedoch aufgrund technischer Probleme nicht verfügbar.
  • Aus dem Bundescoronahackathon hervorgegangen ist der Verein Quarano, das an einer gleichnamigen Quarantäne-App arbeitet. Wie weit die Entwicklung fortgeschritten ist, bleibt auf der Website unklar. In seinem Podcast UKW spricht Tim Pritlove mit Oliver Drotbohm, einem der Entwickler. In der Slowakei erscheint sich die dortige Quarantäne-App als vergleichsweise grundrechtsschonend: wer sie benutzt, darf seine Quarantäne zu Hause statt in einem nicht allzu komfortablen staatlichen Quarantänezentrum verbringen.
  • Zu guter Letzt erregen Gästelisten in Restaurants, Friseurgeschäften und anderen Einrichtungen die Gemüter: Rechtsanwalt Niko Härting sieht darin einen Ausdruck ausufernder Vorratsdatenspeicherung, ein Bochumer Anwalt klagt wegen nach seiner Auffassung mangelnden Datenschutzes gegen die Erfassung. In Schleswig-Holstein zeigt das ULD, dass sich jedes Datenschutzproblem in Papier einwickeln lässt und stellt ein Musterformular vor, das pro Person eine ganze Seite braucht – oder sogar zwei, wenn die Betroffenen eine Kopie der Datenschutzhinweise mit nach Hause nehmen möchten. Einige Wirte helfen sich selbst, indem sie der Einfachheit halber die Ausweise ihrer Gäste fotografieren, und stehen dabei mit einem Bein im Gefängnis. Eine App anstelle von Formularen könnte die Erfassung vereinfachen und gleichzeitig den Gästen helfen, später ihre Betroffenenrechte wahrzunehmen, denn wer notiert sich schon im Alltag, wo er überall seine Kontaktdaten hinterlässt? In der entstehenden Corona-Warn-App hat solch eine Funktion jedoch vorerst keinen Platz.

Wäre es am Ende doch schlau gewesen, erst einmal die Aufgaben, Funktionen und Erfolgsaussichten einer Corona-App zu diskutieren und sich dabei Vorbilder aus anderen Ländern anzuschauen?