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CoronApp-News (2020-05-23)

Der wöchentliche Nachrichtenüberblick zu Corona-Apps aller Art:

  • Der Deutschlandfunk fasst den aktuellen Stand in Sachen Corona-Warn-App zusammen und schaut dabei auch auf andere Länder: Warum Deutschland noch keine Corona-App hat.
  • Die Entwicklung schreitet jedoch voran. Apple und Google haben wie angekündigt ihre Schnittstellen zur Unterstützung von Contact-Tracing-Apps veröffentlicht. Dazu passend stellt das deutsche Corona-Warn-App-Projekt ein Architekturdokument sowie die ersten Quelltexte für den Warnserver bereit. Auch eine Anleitung zum Melden von Sicherheitsproblemen gibt es bereits und eine Werbeagentur denkt sich Sprüche aus.
  • Der Journalist Ranga Yogeshwar wird ungeduldig, hält Deutschland im Taz-Interview für ein hochnäsiges digitales Entwicklungsland und sieht durch Datenschutzdiskussionen technische Unfähigkeit vernebelt. Dabei können wir Technik vergleichsweise gut, aber auf der Anwendungsseite hapert es, wie Konstantin von Notz gegenüber dem Deutschlandfunk betont: „Das liegt daran, dass Deutschland sowieso bei IT-Großprojekten schlecht aufgestellt ist. Und dass man immer eine unglaublich bürokratische, sehr nutzerfeindliche Logik hat, sei das bei De-Mail, dem E-Perso, der elektronischen Gesundheitskarte.“
  • Yogeshwar meint auch, wir hätten besser die Südkoreaner nach ihrer Lösung fragen sollen statt selbst von vorne anzufangen. Wie das südkoreanische Modell funktioniert, welche Daten dort verwendet werden und wie die daraus erzeugten Warnmeldungen aussehen, erklärt die BBC. Dieses Vorgehen erscheint hierzulande vielen undenkbar, hat jedoch Vorzüge. Wozu die südkoreanische Kontaktverfolgung im Stande ist, zeigt ein Kurzbericht von Sukbin Jang, Si Hyun Han und Ji-Young Rhee: Cluster of Coronavirus Disease Associated with Fitness Dance Classes, South Korea. Deutsche Gesundheitsämter schaffen so etwas sicher auch, die Corona-Warn-App in der geplanten Form hingegen sicher nicht.
  • Zweifel am Nutzen der Corona-Warn-App äußern der Sächsische Ministerpräsident Kretschmer und die Grünen-Politikerin Rößner. Indirekt an der Notwendigkeit einer App zweifelt der Thüringer Ministerpräsident Ramelow. Er möchte landesweite Vorschriften zu Kontaktbeschränkungen und Mindestabständen sowie die Mundschutzpflicht bereits in zwei Wochen aufheben.
  • Der Kultur- und Medienwissenschaftler Roberto Simanowski braucht gar keine funktionierende App. Er kann schon der Debatte um die App Positives abgewinnen und meint, die Gesellschaft übe sich darin im medienwissenschaftlichen Diskurs.
  • Einblicke in die Arbeit der Gesundheitsämter gibt ein Twitter-Thread von @stadtwildnis. Wir erfahren dort unter anderem, dass die Gesundheitsbehörden fast so dezentral organisiert sind, wie sich das manche von einer Corona-App wünschen. Dies hat zur Folge, dass an der Kontaktverfolgung häufig mehrere Ämter beteiligt sind, weil die Kontaktpersonen in verschiedenen Zuständigkeitsbereichen wohnen.
  • Neben dem RKI hat auch die Max-Planck-Gesellschaft gemeinsam mit der Universität Tübingen eine Datenspende-App zu Forschungszwecken entwickelt. CoroNotes soll ohne Fitnesstracker funktionieren, ist gegenwärtig jedoch aufgrund technischer Probleme nicht verfügbar.
  • Aus dem Bundescoronahackathon hervorgegangen ist der Verein Quarano, das an einer gleichnamigen Quarantäne-App arbeitet. Wie weit die Entwicklung fortgeschritten ist, bleibt auf der Website unklar. In seinem Podcast UKW spricht Tim Pritlove mit Oliver Drotbohm, einem der Entwickler. In der Slowakei erscheint sich die dortige Quarantäne-App als vergleichsweise grundrechtsschonend: wer sie benutzt, darf seine Quarantäne zu Hause statt in einem nicht allzu komfortablen staatlichen Quarantänezentrum verbringen.
  • Zu guter Letzt erregen Gästelisten in Restaurants, Friseurgeschäften und anderen Einrichtungen die Gemüter: Rechtsanwalt Niko Härting sieht darin einen Ausdruck ausufernder Vorratsdatenspeicherung, ein Bochumer Anwalt klagt wegen nach seiner Auffassung mangelnden Datenschutzes gegen die Erfassung. In Schleswig-Holstein zeigt das ULD, dass sich jedes Datenschutzproblem in Papier einwickeln lässt und stellt ein Musterformular vor, das pro Person eine ganze Seite braucht – oder sogar zwei, wenn die Betroffenen eine Kopie der Datenschutzhinweise mit nach Hause nehmen möchten. Einige Wirte helfen sich selbst, indem sie der Einfachheit halber die Ausweise ihrer Gäste fotografieren, und stehen dabei mit einem Bein im Gefängnis. Eine App anstelle von Formularen könnte die Erfassung vereinfachen und gleichzeitig den Gästen helfen, später ihre Betroffenenrechte wahrzunehmen, denn wer notiert sich schon im Alltag, wo er überall seine Kontaktdaten hinterlässt? In der entstehenden Corona-Warn-App hat solch eine Funktion jedoch vorerst keinen Platz.

Wäre es am Ende doch schlau gewesen, erst einmal die Aufgaben, Funktionen und Erfolgsaussichten einer Corona-App zu diskutieren und sich dabei Vorbilder aus anderen Ländern anzuschauen?

CoronApp-Links (2020-05-16)

Das Wetter ist zu schön, um das Wochenende vor dem Computer zu verbringen. Trotzdem hier eine Auswahl der Links rund um Corona-Apps und verwandte Themen, die sich während der vergangenen Woche angesammelt haben:

Bei so viel Text wünscht man sich fast eine Quarantäne, um genügend Zeit zum Lesen zu haben.

CoronApp-Links (2020-05-09)

Auch diese Woche haben sich allerlei Meldungen und Artikel zum Thema Corona-App angesammelt:

Die deutsche App soll nach aktuellem Stand im Juni erscheinen. Das Thema wird uns also noch eine Weile begleiten.

Dezentrale Engstirnigkeit, zentraler Realismus

Auch in der automatischen Kontaktverfolgung per Smartphone-App traut sich Großbritannien, einen eigenen Weg zu gehen. Dort beginnt gerade der Testbetrieb einer Corona-App, der eine zentrale Datenverarbeitung zugrunde liegt. Die Briten verfolgen damit in jeder Hinsicht das Gegenteil des deutschen Ansatzes: Während dort eine zentrale Lösung weitgehend einsatzreif ist, hat man hier gerade dezentral von vorne angefangen, nachdem das bereits laufende Projekt PEPP-PT mit seiner Entscheidung gegen eine streng dezentralisierte Lösung politisch in Ungnade gefallen war. Die hierzulande mitschwingenden paneuropäischen Großmachtphantasien fanden auf der Insel naturgemäß ohnehin keinen Raum.

Die Gretchenfrage: „Zentral oder dezentral?“ entstand als Artefakt einer öffentlichen Debatte, weil sie zu Positionierungen einlud, ohne Sachkenntnis zu verlangen. Den Anschein überragender Bedeutung erlangte sie zum einen durch die im Nachhinein ungeschickt wirkende Ankündigung von PEPP-PT, den technischen Datenschutz in den Mittelpunkt zu rücken, zum anderen durch das eigennützige Handeln einiger Beteiligter. Während PEPP-PT im Laufe seiner Entwicklungsarbeit offenbar das Problem und den Lösungsraum besser verstand und sich vom dezentralen Extrem verabschiedete, spitzten dreihundert Professoren die ohnehin zu enge Fokussierung auf technischen Datenschutz noch zu. Als ginge es darum, unter idealisierten Voraussetzungen zwischen zwei einander widersprechenden Hypothesen die richtigere auszuwählen, konstruierten sie ein Entweder-Oder zwischen zentral und dezentral und gaben sogleich ohne Experiment die Antwort, selbstverständlich müsse es dezentral sein. Unterdessen sprangen Apple und Google auf den bereits abfahrenden Zug auf und präsentieren sich seither so geschickt als Retter der Privatsphäre, dass sogar Margrethe Vestager darauf hereinfällt und galant darüber hinwegsieht, wie das Duopol seine Plattform-Macht ausspielt.

Welche Erfolgsaussichten die Kontaktverfolgung per Smartphone und Bluetooth insgesamt hat, bleibt unabhängig von der technischen Architektur vorerst unklar. Setzt man diese Idee jedoch um, und sei es nur als Experiment, sollte man sich dabei um die bestmögliche Lösung bemühen. Was eine Lösung gut oder weniger gut macht, bestimmt dabei nicht ein zentrales technisches Detail, sondern der reale Nutzen im Anwendungskontext.

Für zentrale Elemente wie in Großbritannien spricht einiges. Erstens ist eine komplett dezentrale Architektur ohnehin nicht realistisch. Zum einen braucht man selbst bei Datenspeicherung auf den Endgeräten irgendeine zentrale Instanz zur Nachrichtenverteilung und Koordination, wenn man zugleich jede Datensammlung anonym halten und nicht Adressen wie zum Beispiel Telefonnummer für die spätere Benachrichtigung speichern möchte. Zum anderen gehören zu den verwendeten Plattformen unvermeidlich zentrale Instanzen wie Appstores und Telemetrie. Ausgehend von einem Aluhut-Bedrohungsmodell können sich Nutzerinnen und Nutzer in solch einer Umgebung sowieso auf keine Eigenschaft einer App verlassen, denn jederzeit könnte eine neue Version automatisch installiert werden, die alles ganz anders macht.

Zweitens gehören Feedbackmechanismen heute zum Stand der Technik. Seit Software nicht mehr auf Datenträgern in Pappschachteln, sondern online vertrieben und auf vernetzten Geräten benutzt wird, haben Entwickler die Möglichkeit, Telemetriedaten aus der Software selbst sowie Nutzerfeedback unmittelbar zu erhalten und auszuwerten. Das erleichtert und beschleunigt die Fehleerkennung und -behebung sowie die Weiterentwicklung enorm und erlaubt sogar interaktive Experimente mit realen Benutzerinnen und Benutzern. Beim Einsatz einer noch wenig getesteten Technologie sind Feedbackmechanismen besonders wichtig, denn sehr wahrscheinlich erlebt man Überraschungen und muss unerwartete Probleme lösen. Eine letztlich experimentelle App im Zuge der Pandemiebekämpfung einfach herauszugeben und dann sich selbst zu überlassen, wäre grob fahrlässig, zumal über das neue Coronavirus noch zu wenig bekannt ist.

Drittens kollidieren Anforderungen aus dem Anwendungskontext mit extremistischen Datenschutzkonzepten. Die Kontaktverfolgung ist kein belang- und folgenloses Smartphonespiel wie Pokémon Go, sondern sie soll reale Konsequenzen haben. Beim herkömmlichen Vorgehen gehören zu diesen Konsequenzen Quarantäneanordnungen der Gesundheitsämter. Solche Anordnungen benötigen einen Adressaten und im Rechtsstaat müssen sie auch begründet sein, um ggf. einer gerichtlichen Prüfung standzuhalten. Im Sozialstaat ist darüber hinaus geregelt, wer welchen Teil der Lasten trägt und wie beispielsweise eine quarantänebedingte Arbeitsunfähigkeit abgefedert wird. Die Verfechter eines dezentral-anonymen Ansatzes haben bis heute keine Vorschläge unterbreitet, wie das eine oder das andere funktionieren soll. Weder können die Gesundheitsämter damit irgend etwas durchsetzen, noch erhalten Betroffene eine ausreichende Begründung oder gar eine Bescheinigung zur Vorlage bei Vertragspartnern und öffentlichen Stellen.

Viertens drängen sich Nebenfunktionen einer für den Masseneinsatz bestimmten App geradezu auf. Eine offensichtliche ist die Erfassung statistischer Daten, um den Gesundheitsbehörden ein klareres Bild des Pandemieverlaufs zu vermitteln. Dazu muss man doch wieder Daten an eine zentrale Stelle übermitteln und es kann gut sein, dass sich dann aus einem integrierten Ansatz schnell Synergieeffekte ergeben.

In Großbritannien hat man sich offenbar mit den Anforderungen der Anwendung auseinandergesetzt, während Deutschland kontextarm über Technik stritt. Dort möchte man zum Beispiel besonders gute Virenverteiler anonym ausfindig machen und darauf Risikoeinschätzungen stützen. Ob das funktionieren kann, wird sich zeigen; um eine an der Oberfläche nicht offensichtliche Idee handelt es sich allemal. Ein zentralerer Ansatz ist auch nicht automatisch ein Zeichen für Nachlässigkeit oder Primitivität der Implementierung, er kann für alle realistischen Belange einen gleichermaßen effektiven Datenschutz gewähren. Nur eines haben die Briten ebenso versäumt wie die Bundesregierung: die entwickelte Technik rechtlich und organisatorisch mit vertrauensbildenden Maßnahmen zu flankieren. Ich wünsche ihnen dennoch viel Erfolg. Schneller fertig werden sie schon mal, wie auch einige andere Länder, die dem dezentralen Extremismus eine Absage erteilten.

Sündenböcke

Dass die Debatte um eine Corona-App zur Kontaktverfolgung entgleist ist, wird niemandem entgangen sein. Los ging es, als von einer App noch gar nicht die Rede war, mit dem Vorschlag, „irgendwas mit Händiortung zu machen“ und einer vorsorglichen Erlaubnis, die es dann doch nicht ins IfSG schaffte. Kurz darauf traten DP-3T und PEPP-PT auf den Plan, setzten den Fokus auf das Nebenthema Datenschutz unter Meidung einer sauberen Anforderungsanalyse und zerstritten sich über der Frage, welche Funktionen zentral und welche dezentral ablaufen sollten. Während dieser Streit weite Kreise zog, widmete die Öffentlichkeit den grundlegenden Problemen des Vorhabens und der lückenhaften Entwurfsarbeit wenig Aufmerksamkeit. Ein vorläufiges Ende setzte dieser wenig produktiven Diskussion die Bundesregierung mit ihrer Entscheidung, von SAP und der Telekom eine App auf der Grundlage von Gapples angekündigter Lösungsplattform entwickeln zu lassen, und sich schwierigeren Themen wie dem Immunitätspass zuzuwenden.

In einem Kommentar auf FAZ.NET macht Morten Freidel nun alleine „die Hacker“ für die Debatte und ihr Ergebnis verantwortlich. So sehr ich seinen Eindruck teile, dass organisierte Nerds etwa in Gestalt des CCC Expertentum und Aktivismus vermischen, ihr Auftreten in dieser Debatte keine Glanzleistung darstellt und ihre ewiggleichen Forderungen und Mahnungen manchmal mehr schaden als nützen, muss ich die Nerdaktivisten doch gegen den Vorwurf in Schutz nehmen, sie trügen die Hauptschuld am kommunikativen Desaster um die Corona-App.

Versagt hat zuerst die Bundesregierung. Sie hätte sich rechtzeitig Gedanken machen und einen Plan vorlegen sollen, ob und wie digitale Lösungen die Seuchenbekämpfung unterstützen sollen. Immerhin sitzt im Kanzleramt eine Staatsministerin für Digitalisierung, die jedoch wenig von sich hören lässt, seit Millionen Deutsche in ihren Heimbüros auf das Internet angewiesen sind. Stattdessen trieb die Öffentlichkeitsarbeit des PEPP-Konsortiums eine Zeitlang neben den Aktivisten auch die Bundesregierung vor sich her. Politisches Geschick zeigte die Regierung erst, als sie PEPP-PT seinen einzigen Claim vom Vertrauen durch technischen Datenschutz aus der Hand riss, gegen die Freischärler wandte und nebenbei noch die Entscheidung für Gapple und gegen eine eigene technische Basis ohne jeden Widerspruch durchsetzte.

Dass vorher aus PEPP-PT heraus ein Richtungsstreit „zentral vs. dezentral“ eskaliert war, ist ebenfalls nicht zuerst Nerdaktivisten anzulasten. Dieser Streit geriet in die Öffentlichkeit, als dreihundert Wissenschaftler in einem offenen Brief Partei ergriffen für eine forschungsnahe Technologieentwicklung („dezentral“) und gegen einen undogmatischen, zielorientierten Entwicklungsprozess*. Zu welchen Anteilen dieser offene Brief durch ehrliche Bedenken, auf die Gruppendynamik eines stabilen Beziehungsnetzes oder auf gekränkten Narzissmus zurückgeht, wissen nur die Akteure. Festzuhalten bleibt: 300 Wissenschaftler haben mit ihrer lautstarken Äußerung die falsche Dichotomie „zentral vs. dezentral“ gestärkt, offensichtliche Schwächen in der Anforderungsanalyse und im Entwurfsprozess hingegen übersehen und sich dann einen schlanken Fuß gemacht.

Einen schlanken Fuß macht sich auch die Bundesregierung, was gesetzliche Regelungen für die Kontaktverfolgung angeht. Kein Vorschlag liegt auf dem Tisch und man hat wohl auch nicht vor, dieses Thema in Zukunft zu regeln. Dabei hätte ein vertrauensbildender Regelungsvorschlag als Gegenpol zur technikfixierten PR von PEPP-PT einen weit konstruktiveren Beitrag zur Debatte geleistet als die letztendliche Richtungsentscheidung um ein technisches Detail.

Auf den engen datenschutztechnischen Fokus der Debatte eingestiegen zu sein und keine Ausweitung auf eine Gesamtsicht gefordert zu haben, mag man vielen Nerds vorwerfen. Historisch gesehen hat die Hacker- und Nerdaktivistenszene gewiss auch einen Anteil daran, dass Datenschutz inzwischen wichtiger scheint als Konzept und Funktion eines Systems. Die Verantwortung für das Scheitern der Corona-App-Debatte jedoch liegt primär bei anderen, bei PEPP-PT, bei der Bundesregierung und bei den eingeschnappten Professoren.

*) Ich spekuliere, da ich PEPP-PT nur aus den Nachrichten kenne. Auf mich wirkte es jedoch so, als habe man dort entwickelt und dabei gelernt; ich sehe gute Gründe, auf „dezentralen“ Extremismus zu verzichten.

Aufs Glatteis geführt

Seit Mitternacht schweigen nun an einer Front die Waffen: Die Bundesregierung kapituliert bedingungslos vor dem Aufschrei einiger Datenschutztechnikexperten und entscheidet sich für eine dezentrale Architektur zur Kontaktverfolgung. Nur dies schaffe das nötige Vertrauen, lässt sich Kanzleramtsminister Braun zitieren. Inwieweit sich damit die Anforderungen der Praxis erfüllen lassen, bleibt unterdessen unklar, denn mit solchen Fragen hat sich offenbar niemand beschäftigt. Die Regierung hat sich in Sachen Digitalisierung wieder einmal aufs Glatteis führen lassen. Das Projekt Corona-App wird voraussichtlich die Misserfolgsgeschichten der Gesundheitstelematik, des elektronischen Personalausweises und der Blockchain-Strategie fortsetzen. Das liegt nicht an der Technik, sondern an mangelnder Kompetenz in der Technikgestaltung.

Begonnen hatte alles vor einigen Wochen mit den öffentlichen Auftritten von DP-3T und PEPP-PT, anfangs noch in einer Allianz und scheinbar am gleichen Strang ziehend. Damit begann eine von Anfang an verzerrte Debatte über „die Corona-App“. Zum einen stand unvermittelt ein spezifischer Ansatz im Raum, nämlich die automatisierte Kontaktverfolgung und Benachrichtigung von Kontaktpersonen. Sinnhaftigkeit, Erfolgsaussichten und Erfolgsbedingungen dieses Ansatzes sowie andere Wege der digitalen Seuchenbekämpfung wurden kaum diskutiert; alle wollten an unsere wundersame Rettung durch Technomagie glauben. Nur ein Kritikpunkt ließ sich nicht umschiffen: Die automatisierte Kontaktverfolgung würde nur funktionieren, wenn fast alle mitmachten. Ausgerechnet Datenschützer mit ihrem Faible für Selbstbestimmung wiesen früh darauf hin, dass dies bei freiwilliger Nutzung unrealistisch sei, ohne deswegen freilich einen Zwang zu fordern. Ein kleinerer Zweig der Debatte dreht sich daher um die Frage der Freiwilligkeit.

Den Schwerpunkt hingegen setzte PEPP-PT selbst: In Voraussicht auf typisch deutsche Technikkritik und den Hang einiger Akteure, die Verarbeitung personenbezogener Daten für eine Risikotechnologie mit nuklearem Gefahrenpotenzial zu erklären, rückte man statt des Anwendungsentwurfs den technischen Datenschutz in den Mittelpunkt seiner Selbstdarstellung. Wie und wie gut der eigene Ansatz funktionieren würde, wusste man bestenfalls ungefähr, was ist in frühen Phasen der Entwicklung auch völlig normal und unvermeidlich ist. Jedoch werde die eigene Lösung auf jeden Fall perfekte technische Datenschutzvorkehrungen umfassen, denn nur so sei bei den Bürgerinnen und Bürgern das nötige Vertrauen zu gewinnen. Dass Kanzleramtsminister Braun dem Projekt PEPP-PT später mit genau diesen Worten den Todesstoß versetzen würde, war da noch nicht absehbar – dass jemand auf dem Holzweg war, hingegen schon. Im weiteren Verlauf der Entwicklungsarbeit, die immer auch ein Lernprozess ist, musste man sich anscheinend von diesem anfänglichen Extremismus verabschieden, auch dies nicht ungewöhnlich.

Unterwegs gingen zwei Dinge schief. Erstens hatte man sich den Weg zu einer offenen Anforderungsanalyse verbaut, denn alles musste sich nun dem Datenschutz-Ideal unterordnen. Mit den Gesundheitsämtern vor Ort zum Beispiel redete – anders die Entwickler von TraceTogether in Singapur oder vermutlich auch jene der südkoreanischen Lösung – anscheinend niemand und so macht der Deutsche Landkreistag seine Vorstellungen in einem Brief an den Gesundheitsminister und das Kanzleramt geltend (paywalled).  Statt einem Weg, anonyme und folgenlose Nachrichten in den Cyberspace zu rufen, hätte man dort gerne Namen und Orte. Ob das es am Ende so umgesetzt werden sollte, sei dahingestellt; auf jeden Fall stecken hinter solchen Forderungen Bedürfnisse, die ein Entwicklungsprojekt erfassen und berücksichtigen muss. Vermutlich hat PEPP-PT so etwas sogar versucht oder einfach unterwegs das Problem besser verstanden, doch von dem öffentlich eingeschlagenen Pflock „perfekter technischer Datenschutz“ kam man nicht mehr los.

Zweitens verselbständigte sich die Datenschutzdiskussion und wandelte sich schnell zu einer Glaubensfrage. Zwar lagen zumindest der Öffentlichkeit weiter nur vage Ideen einer App zur Kontaktverfolgung vor, die irgendwo vom Himmel gefallen waren, doch statt über grundlegende konzeptionelle Fragen zu reden, positionierten sich alsbald allerlei Personen und Einrichtungen in einem der Lager „zentral“ oder „dezentral“. Teils handelte es sich um ehrliche, aber überfokussierte Eiferer wie den CCC, teils waren wohl auch handfeste Interessen im Spiel wie bei den Professoren, die sich nach der Abkehr vom Forschungsprototypen DP-3T ihrer Bedeutung beraubt sahen. Obendrein mischten sich auch noch Google und Apple, trotz interessanter technischer Ansätze als Plattformanbieter Inbegriffe der Zentralisierung, mit eigenen Angeboten ein und weckten teils Vertrauen in ihre Fähigkeiten, teils aber auch antiamerikanische Instinkte.

Schnell schoss sich die Szene medienöffentlich auf die Forderung nach einem dezentralen Ansatz ein,  während dagegen sprechende Anforderungen nur langsam zu Tage treten. Unterdessen hielt die Bundesregierung ihre Füße still und ließ der Debatte freien Lauf, ohne selbst etwas beizutragen. Sie zweifelte nie an der unbelegten These von der Vertrauen durch Datenschutztechnik und verzichtet bis heute darauf, öffentlich die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen für den Einsatz einer Corona-App zu klären. Dabei ist die kritiklos übernommenen Ursprungsidee nicht einmal plausibel, denn zum einen versteht kaum jemand die technischen Details, zum anderen zeigen die (wahrscheinlich zu Recht) ungehört verhallenden Mahnungen der Datenschützer vor massenhaft genutzten Diensten wie Google, Facebook, WhatsApp oder aktuell Zoom, dass Vertrauen gerade nicht durch den Segen von Datenschützern und Aktivisten entsteht.

Statt das Ihre zur Vertrauensbildung zu tun, ergibt sich die Bundesregierung nun einer überschaubaren öffentlichen Erregung und schließt sich der Forderung nach (scheinbar) perfektem Datenschutz an, während eine Debatte über Anforderungen und Anwendungsentwürfe weiter unterbleibt. Damit tritt das Projekt Corona-App in die Fußstapfen wenig erfolgreicher Vorgänger. Die Gesundheitstelematik – ihr Konzept inzwischen so altbacken wie die Bezeichnung – sollte das Gesundheitswesen vernetzen und dabei Gesundheitsdaten perfekt kryptografisch vor unbefugtem Zugriff schützen. Nach fünfzehn Jahren Entwicklungszeit ist kaum mehr herausgekommen als ein VPN sowie ein Stammdatendienst. Wenig später sollte der elektronische Personalausweis allen Bürgerinnen und Bürgern einen Identitätsnachweis fürs Internet verschaffen. Seine Datenschutzmechanismen sind nahezu perfekt, doch da man Anwenderbedürfnisse ignoriert und das Konzept über die vergangenen zehn Jahre auch kaum weiterentwickelt hat, benutzt fast niemand die eID-Funktion. Bei der Blockchain schließlich ging es zwar nicht um Datenschutz doch auch hier stand eine Technik im Mittelpunkt, von der man Wunderbares erwartete. Diesen Glauben ließ man sich in Berlin nicht von geringer Plausibilität der Anwendungsideen erschüttern. Darüber hinaus brachten die Blockchain-Evangelisten das Schlagwort „dezentral“ ins Spiel und verkauften es unbegründet als Qualitätsmerkmal. Sollte hier die wahre Wurzel der Entscheidung liegen?

Am Beispiel der Corona-App zur Kontaktverfolgung zeigt Deutschland erneut, wie es an politisch belasteten Digitalprojekten scheitert. Mit Ruhm bekleckert hat sich keiner der Beteiligten. An entscheidenden Stellen mangelt es an Kompetenz, hinzu kommen Meme aus der EDV-Steinzeit, die sich niemand zu beerdigen traut. So wird das nichts. Dass es wieder etwas länger dauern wird, steht schon mal fest.


PS: Ich frage mich auch, ob eine Projektstruktur tragfähig ist, in der technische Entscheidungen nach politischer Wetterlage von Ministern getroffen werden, wobei der Gesundheitsminister hü sagt und das Kanzleramt wenig später hott. Ich frage mich außerdem, wieso die Gematik als Projektgesellschaft für die Digitalisierung des Gesundheitswesens in der ganzen Diskussion nicht einmal vorkommt. Eigentlich sollte sie prädestiniert sein, ein Vorhaben wie die Corona-App voranzutreiben und umzusetzen. Tatsächlich ist sie es wohl nicht.

PS (2020-04-28): Seit heute gibt es zumindest eine Projektstruktur, von deren Tragfähigkeit allerdings nicht alle restlos überzeugt sind.