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CoronApp-News (2020-05-23)

Der wöchentliche Nachrichtenüberblick zu Corona-Apps aller Art:

  • Der Deutschlandfunk fasst den aktuellen Stand in Sachen Corona-Warn-App zusammen und schaut dabei auch auf andere Länder: Warum Deutschland noch keine Corona-App hat.
  • Die Entwicklung schreitet jedoch voran. Apple und Google haben wie angekündigt ihre Schnittstellen zur Unterstützung von Contact-Tracing-Apps veröffentlicht. Dazu passend stellt das deutsche Corona-Warn-App-Projekt ein Architekturdokument sowie die ersten Quelltexte für den Warnserver bereit. Auch eine Anleitung zum Melden von Sicherheitsproblemen gibt es bereits und eine Werbeagentur denkt sich Sprüche aus.
  • Der Journalist Ranga Yogeshwar wird ungeduldig, hält Deutschland im Taz-Interview für ein hochnäsiges digitales Entwicklungsland und sieht durch Datenschutzdiskussionen technische Unfähigkeit vernebelt. Dabei können wir Technik vergleichsweise gut, aber auf der Anwendungsseite hapert es, wie Konstantin von Notz gegenüber dem Deutschlandfunk betont: „Das liegt daran, dass Deutschland sowieso bei IT-Großprojekten schlecht aufgestellt ist. Und dass man immer eine unglaublich bürokratische, sehr nutzerfeindliche Logik hat, sei das bei De-Mail, dem E-Perso, der elektronischen Gesundheitskarte.“
  • Yogeshwar meint auch, wir hätten besser die Südkoreaner nach ihrer Lösung fragen sollen statt selbst von vorne anzufangen. Wie das südkoreanische Modell funktioniert, welche Daten dort verwendet werden und wie die daraus erzeugten Warnmeldungen aussehen, erklärt die BBC. Dieses Vorgehen erscheint hierzulande vielen undenkbar, hat jedoch Vorzüge. Wozu die südkoreanische Kontaktverfolgung im Stande ist, zeigt ein Kurzbericht von Sukbin Jang, Si Hyun Han und Ji-Young Rhee: Cluster of Coronavirus Disease Associated with Fitness Dance Classes, South Korea. Deutsche Gesundheitsämter schaffen so etwas sicher auch, die Corona-Warn-App in der geplanten Form hingegen sicher nicht.
  • Zweifel am Nutzen der Corona-Warn-App äußern der Sächsische Ministerpräsident Kretschmer und die Grünen-Politikerin Rößner. Indirekt an der Notwendigkeit einer App zweifelt der Thüringer Ministerpräsident Ramelow. Er möchte landesweite Vorschriften zu Kontaktbeschränkungen und Mindestabständen sowie die Mundschutzpflicht bereits in zwei Wochen aufheben.
  • Der Kultur- und Medienwissenschaftler Roberto Simanowski braucht gar keine funktionierende App. Er kann schon der Debatte um die App Positives abgewinnen und meint, die Gesellschaft übe sich darin im medienwissenschaftlichen Diskurs.
  • Einblicke in die Arbeit der Gesundheitsämter gibt ein Twitter-Thread von @stadtwildnis. Wir erfahren dort unter anderem, dass die Gesundheitsbehörden fast so dezentral organisiert sind, wie sich das manche von einer Corona-App wünschen. Dies hat zur Folge, dass an der Kontaktverfolgung häufig mehrere Ämter beteiligt sind, weil die Kontaktpersonen in verschiedenen Zuständigkeitsbereichen wohnen.
  • Neben dem RKI hat auch die Max-Planck-Gesellschaft gemeinsam mit der Universität Tübingen eine Datenspende-App zu Forschungszwecken entwickelt. CoroNotes soll ohne Fitnesstracker funktionieren, ist gegenwärtig jedoch aufgrund technischer Probleme nicht verfügbar.
  • Aus dem Bundescoronahackathon hervorgegangen ist der Verein Quarano, das an einer gleichnamigen Quarantäne-App arbeitet. Wie weit die Entwicklung fortgeschritten ist, bleibt auf der Website unklar. In seinem Podcast UKW spricht Tim Pritlove mit Oliver Drotbohm, einem der Entwickler. In der Slowakei erscheint sich die dortige Quarantäne-App als vergleichsweise grundrechtsschonend: wer sie benutzt, darf seine Quarantäne zu Hause statt in einem nicht allzu komfortablen staatlichen Quarantänezentrum verbringen.
  • Zu guter Letzt erregen Gästelisten in Restaurants, Friseurgeschäften und anderen Einrichtungen die Gemüter: Rechtsanwalt Niko Härting sieht darin einen Ausdruck ausufernder Vorratsdatenspeicherung, ein Bochumer Anwalt klagt wegen nach seiner Auffassung mangelnden Datenschutzes gegen die Erfassung. In Schleswig-Holstein zeigt das ULD, dass sich jedes Datenschutzproblem in Papier einwickeln lässt und stellt ein Musterformular vor, das pro Person eine ganze Seite braucht – oder sogar zwei, wenn die Betroffenen eine Kopie der Datenschutzhinweise mit nach Hause nehmen möchten. Einige Wirte helfen sich selbst, indem sie der Einfachheit halber die Ausweise ihrer Gäste fotografieren, und stehen dabei mit einem Bein im Gefängnis. Eine App anstelle von Formularen könnte die Erfassung vereinfachen und gleichzeitig den Gästen helfen, später ihre Betroffenenrechte wahrzunehmen, denn wer notiert sich schon im Alltag, wo er überall seine Kontaktdaten hinterlässt? In der entstehenden Corona-Warn-App hat solch eine Funktion jedoch vorerst keinen Platz.

Wäre es am Ende doch schlau gewesen, erst einmal die Aufgaben, Funktionen und Erfolgsaussichten einer Corona-App zu diskutieren und sich dabei Vorbilder aus anderen Ländern anzuschauen?

CoronApp-Links (2020-05-16)

Das Wetter ist zu schön, um das Wochenende vor dem Computer zu verbringen. Trotzdem hier eine Auswahl der Links rund um Corona-Apps und verwandte Themen, die sich während der vergangenen Woche angesammelt haben:

Bei so viel Text wünscht man sich fast eine Quarantäne, um genügend Zeit zum Lesen zu haben.

Geschichten erzählen

Das deutsche Corona-Warn-App-Projekt hat einen ersten Anforderungskatalog vorgelegt. Von den politischen Belastungen seiner Vorgeschichte kann es sich nicht lösen. Die Entwickler skizzieren ein Minimum Viable Product ausgehend von den bekannten willkürlichen Festlegungen. Auf eine ergebnisoffene Einbindung der Stakeholder in die Anforderungsanalyse warten wir weiter vergebens.

Für die deutsche Corona-Warn-App, die im Auftrag der Bundesregierung von SAP und der Telekom entwickelt wird, liegt jetzt ein erster Anforderungskatalog vor. Große Überraschungen finden sich darin nicht, die Entwickler bleiben in den politisch vorgezeichneten Bahnen. Das ist verständlich, aber schade, denn so unterbleibt weiter die Auseinandersetzung mit dem Anwendungskontext und den realen Bedürfnissen der Nutzer und Stakeholder. Dass die Anforderungen als User Stories formuliert sind, lässt die daraus resultierenden Defizite deutlich hervortreten.

Eine User Story beschreibt eine funktionale Anforderung an ein System in der Form: „Als <Rolle> möchte ich <Ziel/Wunsch>, um <Nutzen>“, oder ähnlich. Das Wie spielt zunächst keine Rolle. Als Informationsobjekte werden User Stories im Entwicklungsprozess zu verschiedenen Zwecken verwendet. Entwickler und Designer knüpfen daran ihre Entwurfsarbeit, das Produktmanagement kann damit in Abstimmung mit den Stakeholdern Ziele und Prioritäten festlegen und das agile Projektmanagement steuert mit Hilfe eines priorisierten Backlogs noch nicht umgesetzter User Stories die Entwicklungsarbeit.

Damit User Stories gut werden, muss man sich bei ihrer Formulierung ernsthaft mit seinen künftigen Nutzern auseinandersetzen, das heißt intensiv mit ihnen interagieren. Dazu gibt es eine Reihe von Methoden von Fragebögen über Interviews  und Workshops bis zu frühen Usability-Tests mit Papierprototypen. Ohne diese Interaktion läuft man Gefahr, spekulative Vorstellungen zu entwickeln, die sich später als falsch erweisen. In der echten agilen Entwicklung muss man allerdings nicht alles vorher klären, weil man den Nutzern regelmäßig neue Versionen einer Anwendung zur Verfügung stellt und sich dazu jeweils Feedback holt.

Die veröffentlichten User Stories für die Corona-Warn-App (in der Fassung vom 14. Mai 2020) zeigen drei Auffälligkeiten:

(1) Geringe Nutzerorientierung. Die Entwickler wandeln die Schablone ab zu: „Als <Stakeholder> möchte ich <Handlung durchführen>, um <gewünschtes Ergebnis zu erzielen>.“ Aus dem Ziel wird eine Handlung, aus dem Nutzen ein gewünschtes Ergebnis. Dieses subtil abgewandelte Format erleichtert es, aus der Luft gegriffene Gestaltungsideen den Stakeholdern gewissermaßen in den Mund zu legen, indem man sie als User Story ausgibt.

Das tun die Entwickler auch sogleich und formulieren zum Beispiel: „Als App-Nutzer möchte ich beim erstmaligem Applikationsstart über die Nutzungsbedingungen und Datenschutzbestimmungen (Data Protection Screen) informiert werden und meine Zustimmung geben, um über den Umgang mit meinen Daten innerhalb der Anwendung aufgeklärt zu sein.“ (E01.02) oder: „Als App-Nutzer möchte ich das Impressum der Applikation einsehen können, um zu sehen, wer für Entwicklung und Inhalte der Applikation verantwortlich ist.“ (E02.04). Das ist Käse, Datenschutz-Formalia und Impressum wollen nicht die Nutzer haben, sondern die Daten- und Verbraucherschützer. Nutzer freuen sich darüber so sehr wie über ein Cookie-Banner auf einer Website.

In diesem Stil geht es auch bei den Kernaufgaben der App weiter: „Als App-Nutzer möchte ich, dass bei Vorliegen meines positiven Testergebnisses nach meiner Zustimmung die pseudonymisierten IDs, unter denen ich an den vergangenen Tagen für andere App-Nutzer sichtbar war, an den Warn Server übermittelt werden, damit Kontaktpersonen durch ihre Apps gewarnt werden können.“ (E06.03), oder: „Als App-Nutzer möchte ich die Möglichkeit zur Eingabe einer TAN innerhalb der App haben, damit ich die mir telefonisch mitgeteilte TAN zur Zuordnung meines Testergebnisses zu der von mir genutzten Instanz der App nutzen kann.“ (E06.05). Das sind keine lösungsneutralen Ziele realer Nutzer, sondern Gestaltungsideen der Entwickler.

(2) Fehlende Stakeholder. Als Stakeholder sind nur App-Nutzer, Hotlines sowie das Robert-Koch-Institut (RKI) genannt. Hingegen fehlen die zuständigen Gesundheitsämter sowie auch der verantwortliche Betreiber der gesamten Anwendung und damit mittelbar die Öffentlichkeit.

Zu den seit dem Aufkommen der App-Idee geflissentlich ignorierten Anforderungen der Gesundheitsämter hat sich der Landkreistag vor einiger Zeit bereits geäußert. Von dort bekäme man User Stories wie: „Als Beamter einer Gesundheitsbehörde möchte ich Kontaktpersonen identifizieren, um ihnen Empfehlungen und Anordnungen zu übermitteln.“, oder: „Als Beamter einer Gesundheitsbehörde möchte ich Quarantäneanordnungen aussprechen, die einer gerichtlichen Prüfung standhalten.“ Dass es solche Anforderungen gibt, heißt nicht, dass man sie zwingend umsetzen müsste. Wer sie gar nicht erst erfasst, drückt sich jedoch davor, wichtige Aspekt des Problems überhaupt zur Kenntnis zu nehmen.

Um die Errichtung oder Beauftragung einer verantwortlichen Betreiberinstitution drückt sich seit ebenso langer Zeit die Bundesregierung. Ein verantwortlicher Betreiber hätte unter anderem die Aufgabe, den Systembetrieb zu überwachen und die Öffentlichkeit darüber auf dem Laufenden zu halten, wie gut oder schlecht die automatische Kontaktverfolgung funktioniert. Von einem Verantwortlichen bekäme man User Stories wie: „Als Verantwortlicher möchte ich die Arbeit des Systems fortlaufend überwachen, um Fehler und Probleme schnell zu erkennen.“, „Als Verantwortlicher möchte ich täglich aktuelle Statistiken über die verteilten Warnungen erhalten, um die Öffentlichkeit zu informieren.“, oder: „Als Systembetreiber möchte ich Nutzerfeedback einholen, um die App fortlaufend verbessern zu können.“ Hier läge übrigens auch der passendere Kontext für Anforderungen wie das Impressum oder den unvermeidlichen Datenschutz-Sermon.

(3) Unvollständige Anforderungen. Während sich viele User Stories mit sekundären Themen wie dem Installationsprozess, der Konfiguration und der Barrierefreiheit beschäftigen, bleibt der Kern der App sehr dünn. Ausführlich und mit zu vielen technischen Details wird der Erhalt eines Testergebnisses und das darauf folgende Auslösen einer Warnung beschrieben. Allerdings fehlt die Möglichkeit zur Entwarnung etwa für den Fall, dass ein Testergebnis falsch gemeldet oder zugeordnet wurde.

Für den Kontaktfall – ein App-Nutzer wird über eine mögliche Ansteckung irgendwie, irgendwo, irgendwann benachrichtigt – müssen hingegen ganze zwei User Stories genügen. Im Wesentlichen sagen sie: Der Nutzer erhält eine Nachricht und kann daraufhin Verhaltensempfehlungen aufrufen. Aus Nutzersicht gibt es an dieser Stelle noch einiges zu klären. Grundidee der Corona-Warn-App ist, dass sich die Informierten umgehend selbst isolieren, bis klar ist, ob sie sich angesteckt haben, also entweder ein verlässliches negatives Testergebnis vorliegt oder aber Symptome auftreten.

Ich vermisse hier User Stories wie: „Als Kontaktperson eines Infizierten möchte ich schonend und mitfühlend erklärt bekommen, dass ich möglicherweise mit einem potenziell tödlichen Virus infiziert bin, damit ich mich nicht mehr als unvermeidlich aufrege.“, „Als Kontaktperson eines Infizierten möchte ich wissen, wo ich mich testen lassen kann, um möglichst schnell Klarheit über eine Ansteckung zu erlangen.“, oder: „Als benachrichtigter App-Nutzer, der sich umgehend in Quarantäne begibt, möchte ich einen Nachweis zur Vorlage bei Arbeitgebern, Behörden und Gerichten abrufen, um meine Abwesenheit beziehungsweise verpasste Termine zu entschuldigen.“

Neben solchen praktischen Fragen stellen sich an dieser Stelle auch grundsätzliche. Eine Befehlsgewalt über Menschen erhält das Smartphone nicht, da alles freiwillig sein soll. Wie aber muss eine Benachrichtigung aussehen, damit sie für die Nutzer plausibel ist und die daran geknüpften Verhaltensempfehlungen freiwillig befolgt werden? Ich könnte mir vorstellen, dass das mit ein paar Details besser funktioniert: „Jemand aus Ihrer Sportgruppe, die sich am Montag getroffen hat, ist infiziert.“, oder: „Sie saßen vorgestern im ICE von Frankfurt nach Mannheim im gleichen Wagen wie ein Corona-Infizierter.“ Solche Aussagen sind konkret und der persönliche Bezug nachvollziehbar, während die Warnungen der geplanten App vage bleiben.

Nun muss man bei agiler Entwicklung nicht von Anfang an alles richtig machen. Ausgehend von einer vagen Idee kann man die Einzelheiten und allerlei unerwartete Fragen nach und nach entdecken, denn agile Entwicklung ermöglicht und impliziert eine empirische Anforderungsanalyse über die gesamte Entwicklungszeit hinweg. Angesichts der Vorgeschichte sowie des Zeitdrucks – einige sprechen schon vom „digitalen BER“ (https://www.mdr.de/nachrichten/politik/inland/corona-tracing-app-warten-100.html), obwohl das weit übertrieben scheint – habe ich jedoch den Eindruck, dass man hier einfach mit politisch geformten Vorgaben in einen kleinen Wasserfallprozess geht. Daran ändert ein an User Stories erinnerndes Gerüst für die vorbestimmten, an willkürlichen technischen Entscheidungen ausgerichteten Anforderungen wenig.

Schon vor einem Monat, als das Projekt der Stunde noch PEPP-PT hieß, war zu erkennen, dass ein nur auf perfekten technischen Datenschutz fokussierter Ansatz die Anforderungsanalyse zu kurz kommen lassen würde. Nicht zuletzt den am Projekt Beteiligten selbst fiel dies anscheinend auf und sie verabschiedeten sich vom dezentralen Extremismus. Genaueres weiß die Öffentlichkeit nicht, denn PEPP-PT erlaubte keine Einblicke in den Entwicklungsprozess. Zumindest dies hat der zweite Anlauf verbessert. Ob das bloße Vorzeigen jedoch etwas am absehbaren Ergebnis ändert, bleibt offen.

CoronApp-Links (2020-05-09)

Auch diese Woche haben sich allerlei Meldungen und Artikel zum Thema Corona-App angesammelt:

Die deutsche App soll nach aktuellem Stand im Juni erscheinen. Das Thema wird uns also noch eine Weile begleiten.

Sündenböcke

Dass die Debatte um eine Corona-App zur Kontaktverfolgung entgleist ist, wird niemandem entgangen sein. Los ging es, als von einer App noch gar nicht die Rede war, mit dem Vorschlag, „irgendwas mit Händiortung zu machen“ und einer vorsorglichen Erlaubnis, die es dann doch nicht ins IfSG schaffte. Kurz darauf traten DP-3T und PEPP-PT auf den Plan, setzten den Fokus auf das Nebenthema Datenschutz unter Meidung einer sauberen Anforderungsanalyse und zerstritten sich über der Frage, welche Funktionen zentral und welche dezentral ablaufen sollten. Während dieser Streit weite Kreise zog, widmete die Öffentlichkeit den grundlegenden Problemen des Vorhabens und der lückenhaften Entwurfsarbeit wenig Aufmerksamkeit. Ein vorläufiges Ende setzte dieser wenig produktiven Diskussion die Bundesregierung mit ihrer Entscheidung, von SAP und der Telekom eine App auf der Grundlage von Gapples angekündigter Lösungsplattform entwickeln zu lassen, und sich schwierigeren Themen wie dem Immunitätspass zuzuwenden.

In einem Kommentar auf FAZ.NET macht Morten Freidel nun alleine „die Hacker“ für die Debatte und ihr Ergebnis verantwortlich. So sehr ich seinen Eindruck teile, dass organisierte Nerds etwa in Gestalt des CCC Expertentum und Aktivismus vermischen, ihr Auftreten in dieser Debatte keine Glanzleistung darstellt und ihre ewiggleichen Forderungen und Mahnungen manchmal mehr schaden als nützen, muss ich die Nerdaktivisten doch gegen den Vorwurf in Schutz nehmen, sie trügen die Hauptschuld am kommunikativen Desaster um die Corona-App.

Versagt hat zuerst die Bundesregierung. Sie hätte sich rechtzeitig Gedanken machen und einen Plan vorlegen sollen, ob und wie digitale Lösungen die Seuchenbekämpfung unterstützen sollen. Immerhin sitzt im Kanzleramt eine Staatsministerin für Digitalisierung, die jedoch wenig von sich hören lässt, seit Millionen Deutsche in ihren Heimbüros auf das Internet angewiesen sind. Stattdessen trieb die Öffentlichkeitsarbeit des PEPP-Konsortiums eine Zeitlang neben den Aktivisten auch die Bundesregierung vor sich her. Politisches Geschick zeigte die Regierung erst, als sie PEPP-PT seinen einzigen Claim vom Vertrauen durch technischen Datenschutz aus der Hand riss, gegen die Freischärler wandte und nebenbei noch die Entscheidung für Gapple und gegen eine eigene technische Basis ohne jeden Widerspruch durchsetzte.

Dass vorher aus PEPP-PT heraus ein Richtungsstreit „zentral vs. dezentral“ eskaliert war, ist ebenfalls nicht zuerst Nerdaktivisten anzulasten. Dieser Streit geriet in die Öffentlichkeit, als dreihundert Wissenschaftler in einem offenen Brief Partei ergriffen für eine forschungsnahe Technologieentwicklung („dezentral“) und gegen einen undogmatischen, zielorientierten Entwicklungsprozess*. Zu welchen Anteilen dieser offene Brief durch ehrliche Bedenken, auf die Gruppendynamik eines stabilen Beziehungsnetzes oder auf gekränkten Narzissmus zurückgeht, wissen nur die Akteure. Festzuhalten bleibt: 300 Wissenschaftler haben mit ihrer lautstarken Äußerung die falsche Dichotomie „zentral vs. dezentral“ gestärkt, offensichtliche Schwächen in der Anforderungsanalyse und im Entwurfsprozess hingegen übersehen und sich dann einen schlanken Fuß gemacht.

Einen schlanken Fuß macht sich auch die Bundesregierung, was gesetzliche Regelungen für die Kontaktverfolgung angeht. Kein Vorschlag liegt auf dem Tisch und man hat wohl auch nicht vor, dieses Thema in Zukunft zu regeln. Dabei hätte ein vertrauensbildender Regelungsvorschlag als Gegenpol zur technikfixierten PR von PEPP-PT einen weit konstruktiveren Beitrag zur Debatte geleistet als die letztendliche Richtungsentscheidung um ein technisches Detail.

Auf den engen datenschutztechnischen Fokus der Debatte eingestiegen zu sein und keine Ausweitung auf eine Gesamtsicht gefordert zu haben, mag man vielen Nerds vorwerfen. Historisch gesehen hat die Hacker- und Nerdaktivistenszene gewiss auch einen Anteil daran, dass Datenschutz inzwischen wichtiger scheint als Konzept und Funktion eines Systems. Die Verantwortung für das Scheitern der Corona-App-Debatte jedoch liegt primär bei anderen, bei PEPP-PT, bei der Bundesregierung und bei den eingeschnappten Professoren.

*) Ich spekuliere, da ich PEPP-PT nur aus den Nachrichten kenne. Auf mich wirkte es jedoch so, als habe man dort entwickelt und dabei gelernt; ich sehe gute Gründe, auf „dezentralen“ Extremismus zu verzichten.

Echte Corona-App: SORMAS

Wie sehr sich das digitalpolitische Berlin mit seiner Debatteninszenierung um eine „zentrale“ oder „dezentrale“ App zur Kontaktverfolgung blamiert hat, macht eine existierende Lösung deutlich:

Das Surveillance Outbreak Response Management & Analysis System (SORMAS) aus dem Helmholtz‐Zentrum für Infektionsforschung (HZI) unterstützt Gesundheitsdienste beim Kontaktpersonen- und Fallmanagement. Es ist ausgelegt auf die Nutzung mit mobilen Geräten auch in Ländern mit schwacher Infrastruktur, das heißt vielen Funklöchern.

SORMAS hat mehr als fünf Jahre Entwicklungsarbeit und Einsatzerfahrung hinter sich. Die Lösung wurde unter anderem in der Bekämpfung von Ebola-Ausbrücken erfolgreich eingesetzt und ist mittlerweile in mehreren afrikanischen Ländern dauerhaft im Einsatz.

SORMAS steht bereits seit Anfang März auch in einer eingedeutschten und an Covid-19 angepassten Version zur Verfügung. Die Open-Source-Software kann von allen Gesundheitsdiensten kostenfrei genutzt werden.

Keiner der Spezialexperten, die sich in den vergangenen Wochen die automatisierte Kontaktverfolgung zum Thema der Stunde erklärt und sich zum Randaspekt Datenschutz öffentlich einen runtergeholt haben, hat SORMAS je erwähnt. Ich schließe mich da ein, ich hatte es auch nicht auf dem Radar und bin erst heute in einer LinkedIn-Diskussion darauf gestoßen.


PS: In Berlin wird SORMAS seit einigen Tagen eingesetzt.

Aufs Glatteis geführt

Seit Mitternacht schweigen nun an einer Front die Waffen: Die Bundesregierung kapituliert bedingungslos vor dem Aufschrei einiger Datenschutztechnikexperten und entscheidet sich für eine dezentrale Architektur zur Kontaktverfolgung. Nur dies schaffe das nötige Vertrauen, lässt sich Kanzleramtsminister Braun zitieren. Inwieweit sich damit die Anforderungen der Praxis erfüllen lassen, bleibt unterdessen unklar, denn mit solchen Fragen hat sich offenbar niemand beschäftigt. Die Regierung hat sich in Sachen Digitalisierung wieder einmal aufs Glatteis führen lassen. Das Projekt Corona-App wird voraussichtlich die Misserfolgsgeschichten der Gesundheitstelematik, des elektronischen Personalausweises und der Blockchain-Strategie fortsetzen. Das liegt nicht an der Technik, sondern an mangelnder Kompetenz in der Technikgestaltung.

Begonnen hatte alles vor einigen Wochen mit den öffentlichen Auftritten von DP-3T und PEPP-PT, anfangs noch in einer Allianz und scheinbar am gleichen Strang ziehend. Damit begann eine von Anfang an verzerrte Debatte über „die Corona-App“. Zum einen stand unvermittelt ein spezifischer Ansatz im Raum, nämlich die automatisierte Kontaktverfolgung und Benachrichtigung von Kontaktpersonen. Sinnhaftigkeit, Erfolgsaussichten und Erfolgsbedingungen dieses Ansatzes sowie andere Wege der digitalen Seuchenbekämpfung wurden kaum diskutiert; alle wollten an unsere wundersame Rettung durch Technomagie glauben. Nur ein Kritikpunkt ließ sich nicht umschiffen: Die automatisierte Kontaktverfolgung würde nur funktionieren, wenn fast alle mitmachten. Ausgerechnet Datenschützer mit ihrem Faible für Selbstbestimmung wiesen früh darauf hin, dass dies bei freiwilliger Nutzung unrealistisch sei, ohne deswegen freilich einen Zwang zu fordern. Ein kleinerer Zweig der Debatte dreht sich daher um die Frage der Freiwilligkeit.

Den Schwerpunkt hingegen setzte PEPP-PT selbst: In Voraussicht auf typisch deutsche Technikkritik und den Hang einiger Akteure, die Verarbeitung personenbezogener Daten für eine Risikotechnologie mit nuklearem Gefahrenpotenzial zu erklären, rückte man statt des Anwendungsentwurfs den technischen Datenschutz in den Mittelpunkt seiner Selbstdarstellung. Wie und wie gut der eigene Ansatz funktionieren würde, wusste man bestenfalls ungefähr, was ist in frühen Phasen der Entwicklung auch völlig normal und unvermeidlich ist. Jedoch werde die eigene Lösung auf jeden Fall perfekte technische Datenschutzvorkehrungen umfassen, denn nur so sei bei den Bürgerinnen und Bürgern das nötige Vertrauen zu gewinnen. Dass Kanzleramtsminister Braun dem Projekt PEPP-PT später mit genau diesen Worten den Todesstoß versetzen würde, war da noch nicht absehbar – dass jemand auf dem Holzweg war, hingegen schon. Im weiteren Verlauf der Entwicklungsarbeit, die immer auch ein Lernprozess ist, musste man sich anscheinend von diesem anfänglichen Extremismus verabschieden, auch dies nicht ungewöhnlich.

Unterwegs gingen zwei Dinge schief. Erstens hatte man sich den Weg zu einer offenen Anforderungsanalyse verbaut, denn alles musste sich nun dem Datenschutz-Ideal unterordnen. Mit den Gesundheitsämtern vor Ort zum Beispiel redete – anders die Entwickler von TraceTogether in Singapur oder vermutlich auch jene der südkoreanischen Lösung – anscheinend niemand und so macht der Deutsche Landkreistag seine Vorstellungen in einem Brief an den Gesundheitsminister und das Kanzleramt geltend (paywalled).  Statt einem Weg, anonyme und folgenlose Nachrichten in den Cyberspace zu rufen, hätte man dort gerne Namen und Orte. Ob das es am Ende so umgesetzt werden sollte, sei dahingestellt; auf jeden Fall stecken hinter solchen Forderungen Bedürfnisse, die ein Entwicklungsprojekt erfassen und berücksichtigen muss. Vermutlich hat PEPP-PT so etwas sogar versucht oder einfach unterwegs das Problem besser verstanden, doch von dem öffentlich eingeschlagenen Pflock „perfekter technischer Datenschutz“ kam man nicht mehr los.

Zweitens verselbständigte sich die Datenschutzdiskussion und wandelte sich schnell zu einer Glaubensfrage. Zwar lagen zumindest der Öffentlichkeit weiter nur vage Ideen einer App zur Kontaktverfolgung vor, die irgendwo vom Himmel gefallen waren, doch statt über grundlegende konzeptionelle Fragen zu reden, positionierten sich alsbald allerlei Personen und Einrichtungen in einem der Lager „zentral“ oder „dezentral“. Teils handelte es sich um ehrliche, aber überfokussierte Eiferer wie den CCC, teils waren wohl auch handfeste Interessen im Spiel wie bei den Professoren, die sich nach der Abkehr vom Forschungsprototypen DP-3T ihrer Bedeutung beraubt sahen. Obendrein mischten sich auch noch Google und Apple, trotz interessanter technischer Ansätze als Plattformanbieter Inbegriffe der Zentralisierung, mit eigenen Angeboten ein und weckten teils Vertrauen in ihre Fähigkeiten, teils aber auch antiamerikanische Instinkte.

Schnell schoss sich die Szene medienöffentlich auf die Forderung nach einem dezentralen Ansatz ein,  während dagegen sprechende Anforderungen nur langsam zu Tage treten. Unterdessen hielt die Bundesregierung ihre Füße still und ließ der Debatte freien Lauf, ohne selbst etwas beizutragen. Sie zweifelte nie an der unbelegten These von der Vertrauen durch Datenschutztechnik und verzichtet bis heute darauf, öffentlich die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen für den Einsatz einer Corona-App zu klären. Dabei ist die kritiklos übernommenen Ursprungsidee nicht einmal plausibel, denn zum einen versteht kaum jemand die technischen Details, zum anderen zeigen die (wahrscheinlich zu Recht) ungehört verhallenden Mahnungen der Datenschützer vor massenhaft genutzten Diensten wie Google, Facebook, WhatsApp oder aktuell Zoom, dass Vertrauen gerade nicht durch den Segen von Datenschützern und Aktivisten entsteht.

Statt das Ihre zur Vertrauensbildung zu tun, ergibt sich die Bundesregierung nun einer überschaubaren öffentlichen Erregung und schließt sich der Forderung nach (scheinbar) perfektem Datenschutz an, während eine Debatte über Anforderungen und Anwendungsentwürfe weiter unterbleibt. Damit tritt das Projekt Corona-App in die Fußstapfen wenig erfolgreicher Vorgänger. Die Gesundheitstelematik – ihr Konzept inzwischen so altbacken wie die Bezeichnung – sollte das Gesundheitswesen vernetzen und dabei Gesundheitsdaten perfekt kryptografisch vor unbefugtem Zugriff schützen. Nach fünfzehn Jahren Entwicklungszeit ist kaum mehr herausgekommen als ein VPN sowie ein Stammdatendienst. Wenig später sollte der elektronische Personalausweis allen Bürgerinnen und Bürgern einen Identitätsnachweis fürs Internet verschaffen. Seine Datenschutzmechanismen sind nahezu perfekt, doch da man Anwenderbedürfnisse ignoriert und das Konzept über die vergangenen zehn Jahre auch kaum weiterentwickelt hat, benutzt fast niemand die eID-Funktion. Bei der Blockchain schließlich ging es zwar nicht um Datenschutz doch auch hier stand eine Technik im Mittelpunkt, von der man Wunderbares erwartete. Diesen Glauben ließ man sich in Berlin nicht von geringer Plausibilität der Anwendungsideen erschüttern. Darüber hinaus brachten die Blockchain-Evangelisten das Schlagwort „dezentral“ ins Spiel und verkauften es unbegründet als Qualitätsmerkmal. Sollte hier die wahre Wurzel der Entscheidung liegen?

Am Beispiel der Corona-App zur Kontaktverfolgung zeigt Deutschland erneut, wie es an politisch belasteten Digitalprojekten scheitert. Mit Ruhm bekleckert hat sich keiner der Beteiligten. An entscheidenden Stellen mangelt es an Kompetenz, hinzu kommen Meme aus der EDV-Steinzeit, die sich niemand zu beerdigen traut. So wird das nichts. Dass es wieder etwas länger dauern wird, steht schon mal fest.


PS: Ich frage mich auch, ob eine Projektstruktur tragfähig ist, in der technische Entscheidungen nach politischer Wetterlage von Ministern getroffen werden, wobei der Gesundheitsminister hü sagt und das Kanzleramt wenig später hott. Ich frage mich außerdem, wieso die Gematik als Projektgesellschaft für die Digitalisierung des Gesundheitswesens in der ganzen Diskussion nicht einmal vorkommt. Eigentlich sollte sie prädestiniert sein, ein Vorhaben wie die Corona-App voranzutreiben und umzusetzen. Tatsächlich ist sie es wohl nicht.

PS (2020-04-28): Seit heute gibt es zumindest eine Projektstruktur, von deren Tragfähigkeit allerdings nicht alle restlos überzeugt sind.

Zehnerlei Corona-App

Als Phantom ist „die“ Corona-App in aller Munde, nein, Medien. Sie inszeniert sich als Gegenstand eines Expertenstreits um die Frage, welche Architektur den technischen Datenschutz am besten gewährleiste, eine „zentrale“ oder eine „dezentrale“, und wer narzisstische Bestätigung sucht, schlägt sich öffentlich auf die eine oder die andere Seite. Dreihundert Informatikprofessoren zum Beispiel sehen sich ihrer Bedeutung beraubt, weil ihren Rat gerade niemand schätzt, und die Aktivistenclubs, die auch sonst zu jedem Thema die Hand heben, stehen ihnen in nichts nach.

Ihr Horizont bleibt eng und technisch, und so meiden sie neben der grundlegenden konzeptionellen Frage, was eine Corona-App überhaupt zu leisten hätte, sogar den rechtlichen und institutionellen Teil der Datenschutz-Debatte. Auf Ideen wie die einer spezifischen rechtlichen Regelung oder einer vertrauenswürdigen Institution zur Überwachung der außerordentlichen Datenverarbeitung aus besonderem Anlass kommen sie schon nicht mehr. Letztlich wollen nur sie bei einigen technischen Entscheidungen mitreden und führen dazu den Vorwand ins Feld, genau diese Entscheidungen seien essenziell für das Vertrauen der Nutzerinnen und Nutzer.

Mit App-Konzepten und Anwendungsszenarien aus anderen Ländern haben sich diese Diskursschauspieler offenbar so wenig auseinandergesetzt wie mit Institutionskonstrukten à la Stasi-Unterlagen-Behörde, mit einer umfassenden Anforderungsanalyse so wenig wie mit dem Verlauf von Entwurfs- und Entwicklungsprozessen. Sie zweifeln nicht am Projekt der automatisierten Kontaktverfolgung, das sie ohne Diskussion als einziges denkbares Funktionsprinzip einer Corona-App annehmen, sondern sie möchten diese Kontaktverfolgung in einigen willkürlich gewählten technischen Dimensionen perfektionieren. Erwägungen jenseits der Technik beschränken sich auf die Mahnung, „die“ App müsse auf jeden Fall nur freiwillig zu verwenden sein.

Über diese Debatteninszenierung haben wir ganz vergessen, grundlegende Fragen zu klären. Tatsächlich gibt es „die“ App gar nicht, sondern ganz verschiedene Zwecke und Konzepte des App-Einsatzes in der Seuchenbekämpfung. Eine Auswahl:

(1) Kontaktverfolgung – Smartphones als persönliche und häufig am Körper getragene Geräte erfassen Daten über das Verhalten ihrer Träger, mit denen sich im Fall einer Infektion Kontaktpersonen der oder des Infizierten leichter oder zuverlässiger ermitteln lassen. Sowohl die Datenerfassung als auch ihre spätere Verwendung kann man unterschiedlich gestalten. Daten können (1.a.I) automatisch erhoben oder wie in den ersten Versionen von Stopp Corona  (1.a.II) manuell erfasst werden. Ebenso lassen sich die aufgenommenen Daten (1.b.I) automatisch verwenden, um erfasste Kontaktpersonen über eine Infektion zu informieren, oder (1.b.II) menschlichen Kontaktverfolgern anbieten, um deren Arbeit zu unterstützen. Allein daraus ergeben sich vier Kombinationsmöglichkeiten; für welche man sich entscheidet, bestimmt die Erfolgsaussichten wie auch die Art der zu erhebenden Daten.

(2) Statistische Erhebungen – Die Smartphones der App-Nutzer und daran angeschlossene Geräte wie Fitness-Armbänder und Digitaluhren werden zu einem Netz verteilter Sensoren, dessen Daten ohne Personenbezug zu wissenschaftlichen und statistischen Zwecken ausgewertet werden. Die Corona-Datenspende-App des RKI setzt dieses Konzept um.

(3) Selbstdiagnose – Eine App oder Website fragt bei Infektionsverdacht Symptome und Risikofaktoren ab und gibt daraufhin Verhaltensempfehlungen, etwa den Rat, einen Arzt anzurufen oder ein Testzentrum aufzusuchen. Zusätzlich können die gewonnenen Daten analog zu (2) der Forschung und Statistik dienen. Die Nutzung kann (3.a) freiwillig und anonym erfolgen wie bei der Website Covid-Online (zurzeit in Überarbeitung) des Marburger Universitätsklinikums und der Philipps-Universität oder (3.b) verpflichtend im Rahmen einer flächendeckenden Früherkennung.

(4) Quarantäneüberwachung – Quarantänepflichtige Personen weisen ihren Aufenthalt regelmäßig mit Hilfe Smartphones nach. Dazu muss zum einen die Bewegung des Geräts überwacht werden, zum anderen die räumliche Nähe zwischen Gerät und Besitzer. Die digitale Quarantäneüberwachung lässt Schlupflöcher, erleichtert jedoch gegenüber anderen Formen der Überwachung – zum Beispiel häufigen Hausbesuchen – die Arbeit der Gesundheits- und Ordnungsbehörden. Nutzerinnen und Nutzer müssen kooperationsbereit sein.

(5) Digitale Seuchenpässe – Das Smartphone wird zum Speicher und Träger von Nachweisen, nach deren Kontrolle Privilegien gewährt werden können. Nachgewiesen werden kann einerseits (5.a) der (wahrscheinliche) Infektionsstatus, etwa durch die Zeitpunkte und Ergebnisse von Tests oder Selbstdiagnosen (siehe Nr. 3) und das Nichtbestehen einer Quarantäneanordnung. Diesem Ansatz folgt der chinesische Health Code. Andererseits ließe sich auch (5.b) der Immunstatus nach überstandener Infektion oder später nach einer Schutzimpfung auf diese Weise bescheinigen. Dies jedoch ist umstritten, einmal aus medizinischen Erwägungen, da die Frage der Immunität nach einer Infektion noch nicht ausreichend geklärt ist, aber auch praktischen und ethischen Gründen, da ein Immunitätspass ohne verfügbare Schutzimpfung einen Anreiz schaffen kann, sich absichtlich zu infizieren oder sich auf unlautere Weise einen falschen Nachweis zu verschaffen.

Das sind fünf verschiedene Anwendungen in insgesamt zehn Varianten und diese Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. In fast allen Fällen muss man sich rechtzeitig Gedanken über Alternativen für Menschen ohne geeignetes Smartphone machen. Genuin technisch und die Besonderheiten der Plattform „Smartphone“ ausnutzend erscheinen (1), (2), und (4). Können wir jetzt endlich die Phantomdiskussion um eine zentrale oder dezentrale automatisierte Kontaktverfolgung beenden und debattieren, ob und wie wir die Bekämpfung des Coronavirus digital unterstützen möchten? Danke.